Journalismus bleibt für die Wissenschaft unverzichtbar

9. März 2016 von Klaus Beck in Allgemein

Unsere zweite These lautet:

Medienangebote selbstvermittelter institutioneller Wissenschaftskommunikation stellen kein funktionales Äquivalent zum Wissenschaftsjournalismus dar. Dies gilt sowohl für die Reichweiten als auch für die nutzerseitig zugeschriebene Glaubwürdigkeit. Eine substitutive Nutzung findet in der Regel nicht statt, die kommunikative Effektivität bleibt daher begrenzt.

Universitäten und andere Forschungseinrichtungen haben in den letzten Jahren ihre Öffentlichkeitsarbeit ausgebaut und verstärkt versucht, direkt die Bürger zu erreichen, also ohne den vermeintlichen "Umweg" des Journalismus. Auch wenn natürlich eigene Print-Publikationen und Webpräsenzen heutzutage zur professionellen PR zählen, darf nicht übersehen werden, wie begrenzt der Nutzen bleibt. Zum einen geht es vielfach eher um die PR für die Organisation (und ihre Führungsfiguren) als um die Vermittlung von Forschungsergebnissen. Vor allem aber genießt der Journalismus bei den Nutzern einen Glaubwürdigkeitsbonus gegenüber der PR - und das völlig zurecht. Die bevorzugten Quellen sind nach wie vor journalistische Medienmarken und ihre Online-Ableger.

Und schließlich: Die Wissenschaft selbst braucht die Fremdbeobachtung durch den Journalismus. Durch die strategisch geschönte Nabelschau der PR für die eigenen Angelegenheiten kann Kritik von außen nicht ersetzt werden.

 


22 Kommentare zu “Journalismus bleibt für die Wissenschaft unverzichtbar”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    News-Portale mit Schwerpunkt Wissenschaft/Technologie sind die Zukunft und immer öfter schon die Gegenwart für diejenigen, die über neue Entwicklungen aus allen denkbaren Wissenschaftsbereichen informiert sein wollen. Der klassische Print-Wissenschaftsjournalismus dagegen bringt immer weniger News um der News willen sondern er vermittelt ganze Themenkomplexe wie den Klimawandel, die "Reise zum Mars", neue Energielandschaften (Erneuerbare,Speicher, etc) oder den Auto- und Flugverkehr der Zukunft.
    Wissenschafts-Blogs und Selbstdarstellungen von Instituten dagegen erreichen naturgemäss nur ein relativ kleines Zielpublikum. Diese Selbstdarstellungen haben naturgemäss sich selbst und nicht die Gesellschaft und ihre technologisch/wissenschaftliche Weiterentwicklung im Fadenkreuz. Warum interessiert sich der Mann von der Strasse überhaupt für Wissenschaft und Technologie ist hier zu fragen.Und die Antwort ist naheliegend: Er will wissen wie seine und die Zukunft seiner Kinder aussieht. Dieses Bedürfnis deckt tatsächlich der Wissenschaftsjournalismus am besten ab.

  2. Lars Fischer Antworten | Permalink

    Vor allem aber genießt der Journalismus bei den Nutzern einen Glaubwürdigkeitsbonus gegenüber der PR

    Gibt es Daten, die das belegen? Ich hör nur dauernd "Lügenpresse"...

    • Klaus Beck Antworten | Permalink

      Diese Rufe kommen ja aus einer ganz bestimmten (wohl eher wissenschaftsfernen) Ecke und scheinen nicht sehr repräsentativ zu sein. Bezogen auf den Wissenschaftsjournalismus würde eine eigene empirische Untersuchung lohnen, bis dahin halten wir uns an die Befragungsdaten von WiD (nicht-repräsentative Festnetztelefon-Umfrage 2015; N=1.004): Es informieren sich 42 Prozent „oft“ oder „manchmal“ im Internet über Wissenschaft und Forschung, aber 66 Prozent tun dies via Fernsehen und 52 Prozent mittels Presse (vgl. WiD Wissenschaft im Dialog (Hrsg.) (2015): Wissenschaftsbarometer 2015. Berlin: WiD, S. 8). Nimmt man die allgemeinen Daten zur Glaubwürdigkeit von Medien hinzu, liegt unsere Erklärung nahe. Allerdings müsste man differenzierter nachforschen, und vor allem nicht nach "dem Internet" fragen...

      • Lars Fischer Antworten | Permalink

        Ich wollt grad nachfragen: Nach der Logik gibt es im Internet ja sowieso keinen Journalismus. Inwiefern man auf der Basis schlussfolgern kann, ist eben die Frage. Mir scheint es auch nicht ganz klar zu sein ob es "der Journalismus" ist, der da Vertrauen genießt, oder ob es nicht vielmehr um bestimmte Medientypen und Medienmarken geht.

        • Klaus Beck Antworten | Permalink

          Keine Frage, natürlich gibt es Journalismus im Netz, inlusive Wissenschaftsjournalismus. Am erfolgreichsten sind die eingeführten Medienmarken aus Presse und Rundfunk (von Spiegel bis Tagesschau), während - zumindest in Deutschland - genuine Onlineanbieter kaum eine Rolle spielen. Und: völlig richtig - wir brauchen viel differenziertere Forschung zur Glaubwürdigkeitsfrage.

  3. Marcus Anhäuser Antworten | Permalink

    Und als Ergänzung zur Lars: Die Frage wäre auch, ob Wissenschaft-PR nicht vom Glaubwürdigkeitsbonus der Wissenschaft profitiert, das ganze also eher als "Wissenschaft" denn als "PR" wahrgenommen wird. Wem wird ein Leser eher trauen? Dem Text der Uniklinik oder dem der Tageszeitung? (Kann man dann natürlich beliebig durchspielen, ob bundesweite Tageszeitung oder Boulevard oder Lokalpresse.)

    • Klaus Beck Antworten | Permalink

      ja, genau das ist die (Forschungs-)Frage. Aber man sollte eben nicht mehr blind darauf vertrauen, dass PR als wahrhaftig eingeschätzt wird, nur weil sie aus "der Wissenschaft" kommt und "wir" es alle gut meinen. Wer sich auf PR einlässt, muss auch ein Stück weit ihrer Logik folgen, und das ist keine der Kritik, des Zweifels oder des besseren Arguments. Man werfe einen Blick in die PR-Materialien und Homepages einer beliebigen Hochschule (einschließlich meiner eigenen) oder einer Großforschungseinrichtung: nur Exzellenz und Erfolge. Wenn wir das merken, warum dann nicht auch die Normalbürgerin/ der "Normalbürger"?

      • Markus Pössel Antworten | Permalink

        Dass Erfolge überdurchschnittlich repräsentiert sind, dürfte aber auch im Wissenschaftsjournalismus so sein, oder? Damit über Misserfolge berichtet wird, müssten diese ja irgendein anderes Merkmal haben, das sie für Zeitungsleser, Fernsehzuschauer etc. interessant macht - zugespitzt formuliert: 99% der Misserfolge haben das vermutlich nicht und finden sich weder in der Institutions-Kommunikation noch in den journalistischen Medien wieder.

        • Klaus Beck Antworten | Permalink

          Das kann sein, aber manches spricht dagegen: Einer der wichtigsten Nachrichtenfaktoren für die journalistische Auswahl ist Negativismus: Bad news are good news. In welchem Maße das auch für den Wissenschaftshournalismus gilt, müsste man untersuchen. Aber immerhin haben wir kritische Debatten über bestimmte Forschungsrichtungen oder Fragen nach dem gesellschaftlichen Sinn von Forschungsinvestitionen, die eben von außen herangetragen werden. Aus der Sicht von "innen" (Wissenschaft) stellen sich diese Fragen vielleicht gar nicht (mehr), und sicherlich ist auch nicht alles "schlau", was da diskutiert wird. Aber die Diskussion ist wichtig.

          • Markus Pössel | Permalink

            Auch dazu wären genauere Daten interessant. Wenn ich eben mal die Wissensteile der Mainstream-Medien-Webseiten durchschaue, dann sehe ich wenig, was direkt wissenschaftskritisch wäre und wo der Journalismus sich dementsprechend deutlich von der Institutions-Wissenschaftskommunikation abheben dürfte.

            Was nicht heißen soll, dass da nicht kräftig Negativismus wäre. Aber eine Verlautbarung der finnischen Strahlenschutzbehörde zu den besorgniserregenden erhöhten Werten dürfte so ziemlich das sein, was auch in dem Spiegel-Beitrag steht; beim per Flugzeug gesuchten Problemwolf geht es zwar auch um negatives, aber nicht um Kritik an den beteiligten Institutionen.

            Bei den anderen Nachrichten zum süßen Oktopus, den biodieselproduzierenden Bakterien, dem 2500 Jahre alten Namenssiegel, der Strichninpflanze im Bernstein, der Rekord-Galaxie kurz nach dem Urknall und den Affen, die einen Rollstuhl mit Gedankenkraft steuern dürften institutionseigene Wissenschaftskommunikation und berichtender Journalismus so ziemlich an einem Strang ziehen.

            Das ist ja auch nicht weiter schlimm; Journalismus soll selbstverständlich da kritisieren, wo Kritik angebracht ist, aber wo eben keine Kritik angebracht ist, darf er auch einfach erklären und berichten.

            Aber das heißt, dass die unbestreitbaren Vorteile des Journalismus (Abstand, Neutralität, geringere Hemmungen, Kritik zu äußern) im Wissenschaftsjournalismus-Alltag gar nicht so häufig eine Rolle spielen. Meiner unsystematischen Stichprobe nach sogar eher selten.

          • Klaus Beck | Permalink

            Völlig richtig: Wir brauchen mehr aktuelle und differenzierte empirische Untersuchungen! Die Unterscheidung der Funktionen von Journalismus und PR bedeutet ja nicht, dass man mit dem Zustand des Wissenschaftsjournalismus zufrieden sein kann (oder muss). Aber warum sol l für Wissenschaft (nur weil wir davon betroffen sind) etwas anderes gelten als für Politik, Wirtschaft, Sport: Wann hat der Regierungssprecher zuletzt das Scheitern der Kanzlerin enthüllt, wann hat der Pressesprecher von VW die Manipulation von Abgaswerten aufgedeckt und wann hat die FIFA-PR die Machenschaften von Blatter thematisiert. Wir brauchen einen (besseren) Journalismus - auch für die Wissenschaft.

  4. Markus Pössel Antworten | Permalink

    Im Prinzip ja, aber bei etwas, das ja immerhin Empfehlung für Wissenschaftsakademien sein soll, wünsche ich mir mehr Substanz und Belege.

    Zur begrenzten Reichweite: Gibt es da Ergebnisse dazu, wer die Veröffentlichungen der Wissenschaftsorganisationen tatsächlich liest? Reichweite ist ja immer relativ - die viel größere Reichweiter der Bildzeitung ist ja auch kein Argument, die FAZ dichtzumachen. Und falls die Forschungsinstitutionen vornehmlich die besonders wissenschaftsinteressierten Zeitgenossen erreichen oder gar die mythischen "Entscheidungsträger", die man als Organisation gerne mit Informationen füttern möchte, könnte sich der Aufwand für die Institutionen schließlich auch bei insgesamt nicht allzu großer Reichweite lohnen.

    Zu de Produkten selbst: Geht es, selbst wenn wir die zwei relativierenden Wörter darin ernstnehmen, wirklich "vielfach eher um die PR für die Organisation"? Mein zugegebenermaßen subjektiver Eindruck ist, dass z.B. MPG, aber auch Helmholtz mit ihren entsprechenden Angeboten im Gegenteil den Schwerpunkt auf interessante Wissenschaft legen (vermutlich, weil sie wissen, dass das ihre Zielgruppe deutlich mehr interessiert als organisatorische Mitteilungen).

    Und auch diese Medaille hat ja zwei Seiten: Journalismus trifft vielfach ja eine Auswahl, die auf den Wow-Faktor zielt, darauf, dass an einem Resultat etwas besonders witzig oder verblüffend ist oder das Ergebnis Aspekte hat, die die breite Leserschaft ansprechen. So entsteht eine durchaus gefilterte Auswahl, die zumindest denjenigen, die sich allgemein über den Stand einer Wissenschaft informieren möchten, ein durchaus schiefes Bild liefern kann. Die Auswahl der institutionellen Berichterstatter scheint mir da repräsentativer für das zu sein, was in der Wissenschaft passiert.

    Auch beim Glaubwürdigkeitsbonus wüsste ich gerne mehr. Da gibt es ja zwei durchaus unterschiedliche Situationen: Ob es direkt um Forschung geht oder ob es um kontroverse gesellschaftliche Themen geht (seien es konkrete Skandale um einzelne Institute oder Themen wie Tierversuche). Dass journalistische Berichterstattung im zweiten Falle als ganz klar glaubwürdig angesehen wird, glaube ich unbesehen. Im ersten Fall bin ich mir dagegen nicht sicher (und sehe auch zum Teil, wieder subjektiv eingeschätzt, bei der Direkt-Berichterstattung der Wissenschaftsorganisationen durchaus bessere Texte als in den Medien, gerade dort, wo es offenbar keine spezialisierten Wissenschaftsjournalisten gibt). Aber wenn man die beiden Situationen nicht auseinanderhält kommt meiner Einschätzung nach kein wirklich aussagekräftiger Durchschnitt heraus.

    Abschlussfrage: Weil hier bewusst auf "Medienangebote selbstvermittelter institutioneller Wissenschaftskommunikation" eingeschränkt wird, mit der Einschränkung "institutionell", kommt dann vermutlich noch eine gesonderte These dazu, wie individuelle Wissenschaftler z.B. über Blogs und dergleichen nicht institutionell gesteuert direkt mit der Öffentlichkeit diskutieren?

  5. Henning Krause Antworten | Permalink

    Medienangebote selbstvermittelter institutioneller Wissenschaftskommunikation stellen kein funktionales Äquivalent zum Wissenschaftsjournalismus dar.

    Das klingt ein wenig so, als habe jemand das Gegenteil behauptet. Ist das der Fall?

    Universitäten und andere Forschungseinrichtungen haben in den letzten Jahren ihre Öffentlichkeitsarbeit ausgebaut und verstärkt versucht, direkt die Bürger zu erreichen, also ohne den vermeintlichen "Umweg" des Journalismus.

    Das beobachte ich auch. Ich sehe dies auch im Kontext einer allgemeingesellschaftlichen Entwicklung öffentlich finanzierter Organisationen hin zu mehr Offenheit und Transparenz. Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen geben den Menschen (Bürgern, Steuerzahlern, Interessierten, ...) die Möglichkeit, sich direkt bei der jeweiligen Organisation darüber zu informieren, wie und wozu die Steuergelder ausgegeben werden. Im Sinne der Bringschuld der Wissenschaft gegenüber der sie großteils bezahlenden Gesellschaft sehe ich die Ermöglichung eines solchen direkten Dialogs auch nicht als negativ an, wie man es aus der Formulierung "ohne den vermeintlichen 'Umweg' des Journalismus" herauslesen könnte. Man stelle sich nur mal eine Welt vor, in der Wissenschaftsorganisationen im Jahr 2016 keine Homepage oder Tage der offenen Tür anböten, sondern nur Pressemitteilungen an JournalistInnen verschicken. Das ist keine ernsthafte Option. Und es ist ja auch nicht so, dass Wissenschaftsorganisationen keine Medienarbeit mehr machen würden, nur weil es jetzt Homepages, Magazine, Blogs, Podcasts und Social Media gibt.

    Meiner Wahrnehmung nach, sind sich die Allermeisten (ja, auch wir ÖffentlichkeitsarbeiterInnen) einig, dass es einen unabhängigen (soweit dies angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Kapitalismus möglich ist) und kritischen Wissenschaftsjournalismus braucht. Interessant fänd ich bei einer in den Kommentaren angesprochenen Untersuchung, wie Leser die Interessengeleitetheit der Absender verschiedener Botschaften beurteilen, neben dem Journalismus und der Öffentlichkeitsarbeit von Wissenschaftsorganisationen auch bürgerjournalistische Formate wie private Podcasts und unabhängige Blogs als zu untersuchende Absender miteinzubeziehen.

    Offenlegung: Ich bin Öffentlichkeitsarbeiter für die Helmholtz-Gemeinschaft und vertrete hier meine private Meinung.

  6. Franz Ossing, GFZ-PR Antworten | Permalink

    Lars Fischer hat recht: man möchte endlich mal Zahlen sehen. Beck:"Universitäten und andere Forschungseinrichtungen haben in den letzten Jahren ihre Öffentlichkeitsarbeit ausgebaut..." Mag ja sein, aber wo (in der Pressetelle, im Marketing, im Besucherdienst?) und wieviel eigentlich? Beck weiter: "...und (haben) verstärkt versucht, direkt die Bürger zu erreichen, also ohne den vermeintlichen 'Umweg' des Journalismus": auch da wüsste man gern, wieviel "verstärkt" eigentlich bedeutet.
    Ein anderer Aspekt fällt hier völlig raus: die digitale Welt ermöglicht ja den direkten Kontakt zum Bürger. Was gern vergessen wird: umgekehrt geht das auch: der Bürger spricht "verstärkt" die Forschungseinrichtungen direkt an. Soll jetzt die Wissenschafts-Öffentlichkeitsarbeit (auf Denglisch: Wissenschafts-PR) sich stummschalten und auf die Erleuchtung des anfragenden Bürgers durch den Journalismmus warten?
    Die unterliegende Unterstellung: "Zum einen geht es vielfach eher um die PR für die Organisation (und ihre Führungsfiguren) als um die Vermittlung von Forschungsergebnissen." wird ergänzt durch die immer noch omnipräsente Heiligsprechung des Journalismus: "Vor allem aber genießt der Journalismus bei den Nutzern einen Glaubwürdigkeitsbonus gegenüber der PR."
    Entschuldigung: diese Floskeln hatten wir bereits 2014 und sie werden auch durch beständige Wiederholiung nicht mit Inhalt gefüllt.
    Wir (i.e. die community in der Wissenschaftskommunikation) sind mittlerweile ja im Thema ein wenig weiter gekommen. Und wir, die Wissenschafts-PR, hat ihre Position im System der Wissenschaftskommunikation durchaus präzisiert und hat mit den Leitlinien des Siggerener Kreises einen Schritt in der Qualitätssicherung vorgelegt.
    "System der Wissenschaftskommunikation" bedeutet eben unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Funktionen Würden wir aus der Wiss.-PR so rumtricksen, wie es unterstellt wird, wären wir ziemlich schnell aus dem Spiel, weil "der Bürger" so doof nämlich nicht ist (und wir als PR, auch wenn und das mal wieder unterstellt wird, ihn auch nicht zutexten wollen).
    Beck deutet ja selbst an, was wohl das Thema sein könnte: "Durch die strategisch geschönte Nabelschau der PR für die eigenen Angelegenheiten kann Kritik von außen nicht ersetzt werden." Nimmt man die Unterstellung der "strategisch geschönten Nabelschau" (tolle Wortwahl, aber was soll das genau sein?) raus, bleibt als Satz: "Kritik von außen kann nicht ersetzt werden." Richtig. Diese Kritik von außen kommt mittlerweile von "dem Bürger" direkt bei uns in der Öffentlichkeitsarbeit an. Und auch, wenn mancher aus dem Wissenschaftsjournalismus uns PRlern das nicht zutraut: wir können tatsächlich richtig antworten, ohne "PR für die Organisation (und ihre Führungsfiguren)". Das würde ich mir von manchem Journalisten als bezahltem Mitarbeiter des "Wirtschaftsunternehmens Medienhaus" manchmal wünschen.
    Wer mehr will:
    http://gfzpublic.gfz-potsdam.de/pubman/item/escidoc:709889:3/component/escidoc:712896/siggen_woem_krise_wissjourn.pdf

    • Klaus Beck Antworten | Permalink

      Drei kurze Anmerkungen:
      Ich wundere mich, dass die "Verstärkung" der PR-Abteilungen und Stabsstellen verwundert. Die Entwicklung schildern: Meier, Klaus/ Feldmeier, Frank (2005): Wissenschaftsjournalismus und Wissenschafts-PR im Wandel. Eine Studie zu Berufsfeldern, Marktentwicklung und Ausbildung. In: Publizistik 50 (2), S. 201-224, und zuvor: Höhn, Tobias D. (2011): Wissenschafts-PR. Eine Studie zur Öffentlichkeitsarbeit von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Konstanz: UVK.
      Die Heiligsprechung des Journalismus überlasse ich im Zwefel gerne dem Papst, aber das Image-Problem der PR lässt sich so auch nicht lösen. Im Ernst - mir geht es um etwas anderes: Gerade wenn wir von einem "System Wissenschaftskommunikation" ausgehen (was keineswegs zwingend ist), sollte man unterschiedliche Funktionen von PR und Journalismus auseinanderhalten (da stimme ich voll und ganz zu). Die Tendenz zur Organisations-PR ist aus Sicht der Organisation ja durchaus rational (und hat mit "Tricksen" auch gar nichts zu tun); für die Schweizer Unis auch ganz gut belegt (Ruß-Mohl, Stephan (2012): Opfer der Medienkonvergenz? Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus im Internet-Zeitalter. In: Stephan Füssel (Hg.): Medienkonvergenz - Transdisziplinär. Berlin u. Boston: de Gruyter, S. 81-108; S. 102).
      Dass die Kritik direkt vom Bürger kommt, ist begrüßenswert, ersetzt aber die professionelle journalistische Beobachtung nicht: Die öffentliche Sichtbarkeit - und übrigens auch für die politischen Entscheider - dürfte deutlich geringer sein.

      • Markus Pössel Antworten | Permalink

        Ich habe mir mal den als Beleg angeführten Artikel von Maier und Feldmaier durchgelesen. Wenn ich Tabelle 2 richtig lese, dann sagen von den 48 befragten PR-Fachleuten 29 (60%), die Mitarbeiterzahl in Wissenschaftspressestellen (nur ihren? allgemein? das sagt der Text nicht) sei gleich geblieben, 4 (8%) reden von starkem oder leichtem Rückgang und 15 (31%) reden von leichter oder starker Zunahme. (Im Text ist von Zuwachs eher bei den Großforschungseinrichtungen die Rede, allerdings ohne konkrete Zahlen oder Begründung.) Was das Netto für Zuwachs oder Abnahme der Gesamtzahl an Stellen in der Wissenschafts-PR bedeutet ist unklar.

        Daraus zu schließen, Unis und Forschungsstellen hätten ihre Öffentlichkeitsarbeit ausgebaut, finde ich gewagt. Zumal es nur um Einschätzungen einzelner Beteiligter bei einer Befragung geht; eine Seite vorher schreiben die Autoren, noch nicht einmal zur jetzigen Zahl der in der Wissenschafts-PR Beschäftigten gäbe es quantitative Schätzungen.

  7. Franz Ossing, GFZ-PR Antworten | Permalink

    Das ist aber jetzt fast eine Nebelkerze: in der Studie von Meier/Feldmeier steht eben nicht, WIE das Wachstum der Öffentlichkeitsarbeit ausgesehen hat. Die Tatsache des Wachstums als solchem bestreitet ja keiner, aber die blanke Zahl sagt ja nicht, ob die Pressestellen, das Event-Mamagement oder das Marketing gewachsen ist. Endemisch gerade bei den Unis ist ja die Abteilungsbezeichnung "Kommunikation und Marketing" ohne weitere Aufschlüsselung. Da müssen wir wohl erst mal die von Elisabeth Hoffmann initiierte Studie mit ihrem Ergebnis abwarten.
    Und was die benannte "Rationalität" der PR angeht, lässt sich das auch spiegeln: wenn eine Redaktion einen kritischen Artikel über den Haupt-Anzeigenkunden nicht bringt, ist das durchaus rational, aber nicht das, was wir alle im System Wissenschaftskommunikation wirklich wollen. Auch im Wiss.journalismus ist eine Modernisierung Regelwerk unersetzlich (ohne jetzt hier eine erneute Diskussion über den Medizinjournalismus und den Pressekodex, Ziff. 14 lostreten zu wollen).
    Ich unterstelle mal, dass wir alle eine qualitätsgesicherte Wiss.komm. wollen, egal in welcher Funktion wir im System wirken. Aber wie in jeder Wissenschaft gilt auch hier: wenn die Datenbasis nicht stimmt, kann die Theorie nicht viel helfen.
    Wie man aus Henning Krauses Kommentar lesen kann: die ausgefächerten Möglichkeiten sind Resultat wie Ursache eines grundsätzlich veränderten Informations- und Kommunikationsverhalten der Gesellschaft. Dem haben wir uns - qualitätsgesichert - zu stellen. Und in dieser Funktion ist der Journalismus unersetzlich, sofern er selbst seine Qualitätskontrolle nicht vergisst.

    • Klaus Beck Antworten | Permalink

      Mehr Licht im Nebel kann nie schaden... Hoffentlich bringt die Hoffmann-Studie das. Sicherlich richtig ist, dass die Fülle der Aufgaben der PR-Stabstellen, Pressestellen etc. starkt zugenommen hat, und dank Web und "Social Media" wird das noch zunehmen (da haben wir auch noch eine These zu im "Köcher"). Insgesamt beobachten wir seit langem, dass die Zahl der PR-Manager die der Journalisten übersteigt. Die Wissenschaftsredaktionen der großen Qualitätszeitungen arbeietn mit 3-6 Festangestellten (und Freien), das ist deutlich weniger als die "Man"- und "Woman"-Power vieler Uni-Pressestellen.
      Die Anzeigenabghängigkeit der Presse ist ein seit langem kritisch diskutiertes Problem: natürlich würde die kaufmännisch-verlegerische Logik gegen eine kritische Publikation sprechen. Die journalistische Logik natürlich nicht. Dann darf man jetzt fragen, welche Logik sich im Kapitalismus mit größerer Wahrscheinlichkeit durchsetzt, zumal auch Journalistinenn und Journalisten das Geschäftsmodell kennen und auch ihr eigenes Arbeitsplatzrisiko.

  8. Manfred Ronzheimer Antworten | Permalink

    Die Zerstörung des Wissenschaftsjournalimus durch die Wissenschaftskommunikation

    Ein Beispiel

    DAS KLASSISCHE VERFAHREN

    Als Wissenschaftsjournalist hatte ich in diesem Jahr zur Grünen Woche in Berlin, der weltgrößten Agrarmesse, die Idee, etwas zur Roboterisierung und Big Data im Agrarbereich zu schreiben. Während alle auf das Hype-Thema Industrie 4.0 schauen, geht bei den Bauern in Sachen Digitalisierung die Post ab. Ich bot das Thema der taz an, die fand es interessant, und mein Bericht „Der automatisierte Acker“ kam zustande, der hier veröffentlicht ist:

    http://www.taz.de/!t5268669/

    Der klassische Ansatz: Mehrere Quellen, pro und contra, Forschung und Anwendung, worldwide und regional. Ich dachte schon, diese Mixtur gibt einen guten Überblick.

    Über das Honorar für diese Arbeit hülle hier den Mantel des Schweigens.

    DAS NEUE VERFAHREN: INFILTRIERUNG

    Bei der Berliner Morgenpost könnte ich mit dem Thema nicht mehr ankommen. Die hat heute auf Seite 2 ihrer Printausgabe (der Meinungsseite) diesen Beitrag „Smart Farming – die intelligente Landwirtschaft“. Autor ist offenbar (es handelt sich um die reguläre Kolumne der Berliner Uni-Präsidenten) der Präsident der TU Berlin, Christian Thomsen, belegt mit einem Foto, das aber in der Online-Version ebenso wie die Autorenzeile fehlt.

    http://www.morgenpost.de/politik/article207148853/Smart-Farming-die-intelligente-Landwirtschaft.html

    Anstelle eines Wissenschaftsjournalisten hat sich in diesem Fall der Leiter der größten technischen Hochschule Berlins hingesetzt, um das Thema verständlich zu erklären, natürlich unter starker Akzentuierung auf die Leistungen seiner Einrichtung. Also nicht unparteiisch.

    Für die Zeitung ist von Vorteil: Sie hat einen Beitrag zu einem aktuellen Wissenschaftsthema und braucht dafür nichts zu bezahlen (das nehme ich jedenfalls an). Und selbst wenn es anders wäre, würde es sich um einen Honorar-Geldfluss handeln, der am Wissenschaftsjournalismus (davon lebende Wissenschaftsjournalisten) vorbei ins kommunikativ konkurrierende Wissenschaftssystem hineinfließt. Der Uni-Präsident, dessen Gehalt sowieso der Steuerzahler trägt, bekäme in diesem grotesken Fall noch ein Honorar-Surplus von Seiten des Mediensystems, welches dann entsprechend weniger an Journalisten bezahlen kann oder will.

    Dieser Trend der Infiltrierung ist in Deutschland relativ neu. Sehr ausgeprägt ist der ungebremste Ausbau eines eigenen medialen Instrumentariums für die Wissenschaftskommunikation, das Hochschulen und Forschungseinrichtungen in den letzten Jahren aufgebaut habe: eigene Magazine, die kostenlos abgegeben werden, Internet-Texte und -Videos und andere Social Media-Formate, vielfältige Veranstaltungen zur Direktansprache. Dieses System der wissenschaftsbasierten Wissenschaftskommunikation war relativ eigenständig und auf sich bezogen.

    Der Schritt zur Infiltierung des Mediensystems – dem Träger des Wissenschaftsjournalismus – durch Inhalte der PR-lastigen Wissenschaftskommunikation ist eine neue Stufe. Auch eine Grenzüberschreitung. Das Mediensystem ist heute in einem solch angegriffenen Zustand, dass ihm womöglich die Kraft fehlt, sich gegen diese Eroberung (in einem zugegebenen Randbereich) aktiv zur Wehr zu setzen.

    Manfred Ronzheimer

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