Der Anatom, der das iota raubte

1. Februar 2016 von Helmut Wicht in Allgemein

Die Geschichte eines Verbrechens. Oder eines Versprechers. Oder eines Vertppers - halt: Vertippers.

Sie geht so:

Welche Aussage zu den thorakalen Spinalnerven Th 2-11 ist falsch?
A) Sie liegen zwischen den Pediculi arcus vertebrae benachbarter Thorakalwirbel.
B) Ihre ventralen Rami werden als Nervi intercostales bezeichnet.
C) Ihre dorsalen Rami entlassen die Nervi cutanei posteriores.
D) Die caudale Grenze ihres Hautinnervationsgebietes liegt am Arcus costalis.
E) Ihre dorsalen Rami innervieren u.a. den Musculus longissimus dorsi.

Diese Frage hatte ich in der Abschlussklausur des Kurses der makroskopischen Anatomie des Wintersemesters 2015/16 gestellt. Single choice. Eine Falschaussage sollte es sein. D sollte es sein, denn nach so einem Anatomiekurs sollte man sich das ganze lateinische Fachchinesisch dahingehend übersetzen können, dass D besagt, dass die Rückenmarksnerven des Brustkorbes nur dessen Haut bis hinab zum Rippenbogen innervieren, nicht aber die Haut des Bauches darunter.

Dem ist aber nicht so. Sie versorgen auch den Bauch, bis hinab zur Leiste. Die Nabelregion zum Beispiel wird vom 10ten Rückenmarksnerven des Brustkorbes innerviert. Die Nerven kommen also "hinten oben" heraus, und ziehen dann nach "vorne unten" durch die Leibeswand. Das mag jetzt verwunderlich sein, ist aber diagnostisch von einigem Interesse. Ergo wird's geprüft.

Nun ist allerding so eine Anatomieklausur, an der etwa 550 Studiosae et -si medicinae teilnehmen, stets auch eine Prüfung der Prüfung, will heissen: Des Fragestellers und der Güte seiner Fragen. Social media, Facebook - unmittelbar nach so einer Klausur, während die Anatomen noch an der Auswertung knechten, ballt sich die Schwarmintelligenz der Studierendenschaft und mit ihr verbündeter Experten (inclusive, neuerdings, juristischer Expertise) und analysiert die Klausur bis hinab zu letzten iota, immer auf der Suche nach der einen Frage, die man in Zweifel ziehen könnte, dem einen Punkt, den man noch schinden könnte. Es ist schon erstaunlich, bis in welche Abgründe der Fussnoten und der anatomischen Randbemerkungen in obskursten Publikationen das studentische Wissen dann - nach der Klausur - auf einmal reicht, wenn es gilt, einer Frage den Garaus zu machen.

In Falle der obigen Frage war das aber ganz leicht. Ich hatte Mist gebaut. Den Musculus longissimus dorsi in E gibt es nicht. Wohl gibt es einen Musculus longissimus, auch ist er am Rücken (dorsum), aber er heisst eben nur: Musculus longissmus. Ohne dorsi. Das hab' ich dazugedichtet, ohne zu merken, welche Verwirrung ich damit gestiftet habe. Denn direkt über diesem longissimus liegt ein anderer Muskel, der heisst nun Musculus latissimus dorsi. Mit dorsi. Klarer Fall: Die Frage ist Mist, oder - genauer - die Antwort E ist auch falsch, weil sie nach einem inexistenten Muskel fragt.

Elendes dorsi. Er hiess früher mal so, der longissimus, nur fiel das dorsi irgendeiner Terminologierevision zum Opfer. Auch die Kollegen, die die Klausur vorher gegenlasen, haben das dorsi nicht bemerkt. Wohl aber die elektronisch verstärkte Schwarmintelligenz der Studierenden. Noch während der Korrektur kommt bei mir ein erbostes email eines Studierenden herein, in dem - unter Verweis auf alle möglichen Quellen - mir dargelegt wird, dass dieser Muskel nicht sei. Er hat ja recht.

Nur: Dass in diesem email jedesmal, wenn von dem umstrittenen dorsi die Rede sein soll, doris steht (also Musculus latissimus/longissimus doris, und das mehrfach), das stimmt mich dann doch säuerlich. Denn eigentlich steht's zwischen dem Studenten, seiner Freundin Doris und mir unentschieden. Eine falsch gekackte Korinthe in der einen Waagschale, eine faule Rosine in andern - das sollte sich die Waage halten, tut's aber nicht, denn in dubio freilich pro studioso. Der Punkt ist sein.

Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
mit Worten ein System bereiten,
an Worte läßt sich trefflich glauben,
von einem Wort läßt sich kein Iota rauben.

Die Aussage ist autoritativ, sie stammt vom Teufel persönlich. Mephisto, aus Goethes Faust.

Nun - ich raubte das iota, stahl ein silbernes Haar vom Haupte des Teufels.

Denn bald nach der ersten Klausur gab's eine Nachklausur. Und da dann das:

Welche Aussage trifft nicht zu? Der proximale Anteil des Caput longum musculi tricpitis brachii

A) liegt dorsal des Musculus latissimus dorsi/teres major.
B) liegt ventral des Musculus teres minor.
C) liegt medial der Arteria circumflexa humeri posterior.
D) liegt zwischen der medialen und der lateralen Achsellücke.
E) liegt lateral des Nervus axillaris.

Das ist keine leichte Frage. Es geht da um die verzwickte Muskeltopographie der Schultergegend, doris -- äh: dorsi ist auch wieder dabei (diesmal korrekt). E wäre zu kreuzen, aber der Teufel steckt in der Frage selbst ...

Klausurnachbesprechung.

Triumphierend naht ein Student und verkündet, man müsse diese Frage aus der Wertung nehmen.

Ich: "Wieso?"
Er: "Den Muskel gibt es nicht."
Ich (mich unangenehm an Doris erinnernd): "Welchen Muskel gibt es nicht?"
Er: "Das Caput longum musculi tricpitis brachii. Steht in keinem Lehrbuch. Auch nicht im Benninghoff, den Sie empfohlen haben ...

Welchen Muskel meinen Sie denn?"

Ich: (bemerke das fehlende iota in tricpitis, das eigentlich tricipitis heissen sollte, wie dreiköpfig, Mephistos Diktum schiesst mir in den Kopf, und die ganze Geschichte von den spätantiken Kriegen um das iota und die ebenfalls dreiköpfige Trinität, die Frage also, ob Christus nun homoousios (wesensgleich) oder homoiousios (wesensähnlich) zu Gott und Heiligem Geist sei, und nur dieses dappige iota dazwischen, gerade schon will mir schwindlig werden, da gibt mir Mephisto einen teuflischen Gedanken ein, und ich antworte):

"Nun, ich meinte den dreiköpf'gen Muskel des Oberarmes. Welchen meinten denn Sie?"

Da musst' er grinsen und zugeben, dass das von mir geraubte iota kein iota an der Verständlichkeit der Frage raubte, dass tricpitis also hinreichend homoiousios zu tricipitis sei, um in ihm den dreieinigen Musculus triceps brachii wiederzuerkennen, so dass wir auf die Einberufung eines eines weiteren tridentinischen Konzils verzichten konnten.

Ausserdem hatte er die Frage ohnehin richtig gekreuzt.

So rächte ich mich also an Doris, indem ich dem Dreiköpf'gen sein iota raubte.


13 Kommentare zu “Der Anatom, der das iota raubte”

  1. Peter Köhler Antworten | Permalink

    Ihr Anatomen seid die einzige deutsche Fachgruppe, die noch richtig Lateinisch spricht. Wie lange könnt ihr das wohl noch durchhalten?

    • Helmut Wicht Antworten | Permalink

      ... schon mein Latein ist eine Degenerationsform, richtige lateinische Texte kann ich nur mit grösster Mühe lesen.

      Ich schätze aber mal, dass das zu anatomischer Terminologie geronnene Rudimentärlatein sich noch eine ganze Weile halten wird - solange nämlich, wie Studenten, ebenso wie die Dozenten auf dem (irrigen) Glauben beharren, dass man alles, was ist, auf einen akkuraten Begriff bringen könne.

  2. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Altphilologen, klassische Archäologen, Mediävisten und Theologen sollte auch noch nicht mit ihrem Latein am Ende sein.

  3. Frank Wappler Antworten | Permalink

    Helmut Wicht schrieb (1. Februar 2016):
    > Wohl gibt es einen Musculus longissimus, auch ist er am Rücken (dorsum), aber er heisst eben nur: Musculus longissmus. Ohne dorsi.

    Aber doch sicherlich an beiden Stellen: „ Musculus longissimus“.

    • Helmut Wicht Antworten | Permalink

      Oh.
      Noch ein iota-Raub.
      Ich werde zum Serientäter.

  4. joschu Antworten | Permalink

    Wenn Sie tatsächlich den "dreiköpf'gen Muskel des Oberarmes" meinten, hätte dieser in der Frage natürlich Caput longum musculi tric'pitis brachii heißen müssen. (zwinker)

    Am besten ist es, Single choice zu meiden; stattdessen die Studenten ganze Sätze schreiben lassen. Gerade für Sie als Liebhaber von Form und Stil sollte dies vergnüglicher (und Anlaß zu so manchem Blogbeitrag) sein.

    • Helmut Wicht Antworten | Permalink

      zum i:
      Natürlich kommt es auch darauf an, wo man dem Wort sein iota stiehlt, ich stahl's halt da, wo es mündlich am wenigsten auffiel.

      zu den Prüfungen
      Das schriftlichen SingleChoice-Format in den Semesterprüfungen ist den Vorgaben der Appobationsordung geschuldet, die ein SingleChoice Examen im M1 (Physikum) vorschreibt. Darauf wollen wir die Studenten vorbereiten.
      Freilich gibt es auch noch mündliche, klassische Prüfungsgespräche.

      • Joker Antworten | Permalink

        zum r und n:

        Der Anatom, der nicht nur das ota raubte, sondern - Gelegenheit macht Diebe - auch das rho und ny: "Appobationsordung"

        Zum Glück bleibt mancher Raub auch unentdeckt, denn Täter sind wir alle.

        • Helmut Wicht Antworten | Permalink

          Ich will in Zukunft weniger schlampig sein.
          Ich will in ZUkunft wenieger scjhlampig sein.
          Ich woill in zukngft wenihter shlumopig seim.
          ch wkol impf zuknft wngrt schlombigse.
          chww ollz sukonf wngir chlompsen.
          gmrmbl grrrcchh grmpf...

      • joschu Antworten | Permalink

        "... ist den Vorgaben der Appobationsordung geschuldet"
        Sollte es nicht eigtl.: "App'obationsordung" heißen?

        Ich frage mich übrigens, warum eigentlich heutzutage Lehrer immer und stets widerspruchslos das machen (ausführen), was ihnen irgendein andersbegabter Sekretär vorschreibt. Die teils drollige und oft brillierende Idiosynkrasie der Professoren hat mir zu meiner Zeit an der Uni (ungefähr im Pleistozän) auch in Prüfungssituationen sehr gut gefallen. Heute will man, weil Vorschrift, Studenten auf ein SingleChoice-Format vorbereiten; na dann hätte ich fast gesagt.

        • Helmut Wicht Antworten | Permalink

          Damit wären wir mitten in der Debatte dessen, was universitäre Bildung/Ausbildung oder Wissens-/Kompetenzorientierung eigentlich leisten soll.
          Ja.
          Sie lernen nach Vorschrift, wir lehren nach Vorschrift.
          Mit Freiheit hat das nichts zu schaffen.

          • joschu | Permalink

            Keine Aussicht auf Résistance? Wie kommt das, bzw. woran liegt's?

  5. Carina Baur Antworten | Permalink

    Zeugenaussage des Darlehensangebotes

    Ich bin Frau Carina Baur ich war an der Forschung des Gelddarlehens seitdem
    mehrere Monate. Aber glücklicherweise sah ich Zeugenaussagen gemacht von
    viele Personen auf Frau Visentin Paola so habe ich es kontaktiert
    um mein Darlehen eines Betrages von 70.000€ zu erhalten, um meine Schulden zu regulieren und
    mein Projekt zu verwirklichen. Es ist mit Frau Visentin Paola mein lächelt an
    neuer es ist planiert von einfachem und sehr verständnisvollem Herzen. Hier sind
    elektronische Post: visentinpaola96@gmail.com

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