Hannibal – Wahrheit und Legende?

23. März 2016 von Jessica Koch in Römische Republik

Hannibal (246/47-183 v.Chr.) nahm in der Römischen Republik den Platz als größte Bedrohung ein, die Rom bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hat. „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ („Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“), war die angebliche Äußerung von Cato dem Älteren (234-149 v.Chr.) am Ende jeder Senatssitzung vor der Eskalation des dritten Punischen Krieges. Das karthagische Bedrohungspotenzial, das in der Person Hannibals ein Gesicht fand, entwickelte sich im zweiten Punischen Krieg (218-201 v.Chr.), dem Kampf zwischen Rom und Karthago um die Hegemonie im westlichen Mittelmeerraum. Karthago, eine antike Großstadt nahe des heutigen Tunis in Nordafrika, verlor durch seine Niederlage im ersten Punischen Krieg (264-241 v.Chr.) zahlreiche Territorien an Rom und erlebte große wirtschaftliche Einbußen.[1] Um die wirtschaftlichen Verluste auszugleichen, begann Karthago die Besetzung Iberiens bzw. des heutigen Spaniens. Rom beäugte diese Entwicklung kritisch. Mit Hasdrubal, Hannibals Schwager, handelten sie einen Vertrag aus, in dem die karthagische Expansion nicht über den Fluss Ebro im Nordosten Spaniens hinausreichen durfte. Nach dem Tod Hasdrubals übernahm Hannibal die Führung der karthagischen Armeen und überschritt nach Aussage der römischen Historiker den Ebro um die Stadt Sagunt zu erobern.[2] Als Folge erklärte der römische Senat den Krieg und schickte sich an römische Flotten über das Mittelmeer nach Karthago und in die karthagische Hauptstadt Cartagena / Carthago Nova auf dem spanischen Festland zu schicken.

Route Hannibals für die Invasion Italiens

© Abalg / Furfur / Rafy: Karte auf Deutsch zur Route Hannibals für die Invasion Italiens, CC By 3.0

Nun kam es zum Geniestreich Hannibals, der zu diesem Zeitpunkt mit seinen Truppen noch im Nordosten von Spanien saß. Anstatt helfend zurück nach Cartagena zu eilen oder nach Afrika überzusetzen und sein Heer zu spalten, entschied er sich zum Schritt nach vorne und der militärischen Invasion Italiens. Diese Aktion vereitelte den Einmarsch Roms in Spanien und Karthago. Die römische Führung verlagerte ihre Truppen zurück in die eigenen Territorien. Hannibals Idee den Krieg vom eigenen Land gleich zu Beginn in das Land des Feindes zu tragen wird von seiner spektakulären Ausführung, der Alpenüberquerung mit Kriegselefanten, noch übertroffen. Bei genauerer Betrachtung stellen sich jedoch die Fragen, inwieweit seine Taktik etwas völlig Neues und seine Landmarsch alternativlos war.[3] Zumindest die ersten erfolgreichen Kriegsjahre gaben Hannibals Strategie recht. Mit seinem Feldzug durch Italien nahm er zuerst Norditalien und dann Süditalien ein. Er schaffte es die römischen Versorgungswege für eine gewisse Zeit zu blockieren und marschierte 211 v.Chr. bis vor die Tore Roms. Sein Marsch auf Rom war Hannibals Versuch das römische Heer zum Abzug von Capua einer verbündeten Stadt im Südwesten Italiens zu mobilisieren und nach Rom zu locken. Obwohl diese Taktik scheiterte und den Wendepunkt von Hannibals Siegeszug durch Italien einleitete, schmälerte es in den Augen der römischen Bevölkerung keineswegs sein Bedrohungspotenzial. Selbst sein Rückzug aus Italien im Jahr 203 v.Chr. und die anschließende Niederlage in Karthago 201 v.Chr. schmälerte die Angst vor seiner Person nicht.[4]

Da es keine karthagischen Quellen über das Leben und Wirken von Hannibal gibt, können die Historiker der Alten Geschichte die Person Hannibals alleine aus den römischen Quellen rekonstruieren. Und diese Quellen haben eine eindeutige Wahrnehmung: Bereits im Alter von neun Jahren soll Hannibal gegenüber seinem Vater die ewige Feindschaft gegen Rom geschworen haben. Nach den Aufzeichnungen des römischen Historikers Polybios sei das ganze Handeln seiner Familie auf Rache an Rom für die Niederlage im ersten Punischen Krieg (264-241 v.Chr.) ausgelegt. Auch die Grenzüberschreitung des Ebro durch Hannibal, sei im Grunde genommen kein zufälliges Produkt, sondern der Aggressivität und Verachtung Hannibals gegenüber den Römern geschuldet.[5]

Realistisch gesehen weisen die römischen Quellen viele Lücken und Unklarheiten auf. Die heutigen Archäologen erachten es keineswegs für gesichert, dass die Stadt Sagunt tatsächlich nördlich des Ebros lag. Es existieren auch Hinweise, dass sich Sagunt südlich, also innerhalb des zwischen Rom und Hasdrubal vereinbarten Gebietes, befand. Auch der Grund für Hannibals angeblichen Grenzübertritt, eine Streitschlichtung in der städtischen Elite Sagunts, erscheint fadenscheinig. Viel wahrscheinlicher ist die Verzerrung durch römische Historiker, die auf der Suche nach einem bellum iustum – einem gerechten Kriegsgrund um die Kriegserklärung Roms an Karthago zu rechtfertigen – ein Szenario konstruierten, um der Nachwelt das positive Handeln Roms zu verdeutlichen.[6] Wahrheit und Legende gehen in den Darstellungen über Hannibals Leben und Wirken Hand in Hand.


 

[1] Vgl. Polyb. 1,10-1,20; 1,62; vgl. Diod. 22,13,6-8; 23,1,4.

[2] Vgl. Polyb. 3,8-33,4.

[3] Vgl. Klaus Zimmermann: Rom und Karthago, 3., überarbeitete Auflage, Darmstadt 2013, S.115.

[4] Vgl. Livius 30,36-37.

[5] Vgl. Polyb. 3,8,1-7; 3,13,1-33,4.

[6] Vgl. Zimmermann: Rom und Karthago, S.45-91; vgl. Polyb. 3,30.


4 Kommentare zu “Hannibal – Wahrheit und Legende?”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Die römische Geschichtsschreibung als Geschichtskonstrukt, als stimmiges, aber historisch (mögllicherweise) falsches Narrativ? Wenn ja, dann bedeutet das auch, dass Rom über die Wahrheit verfügen konnte und es keine kritische römische Geschichtsschreibung gab. Oder wenn es sie gab, wurden abweichende Darstellungen unterdrückt oder eliminiert. Gemäss dem Spruch, dass der Sieger die Geschichte schreibt.

    • Jessica Koch Antworten | Permalink

      Die Frage ist, ob es überhaupt objektive Geschichtsschreibung geben kann (damals wie heute)? Obwohl Polybios den Anspruch hatte, die 'Wahrheit' kritisch darzustellen, sind solche Aufzeichnungen immer vom Informationszugang und der persönlichen Weltansicht geprägt. Polybios war ein großer Fan des römischen Systems. Diese pro-römische Wahrnehmung ist mit großer Sicherheit auch in seine Geschichtsdarstellung eingeflossen.

  2. aristius fuscus Antworten | Permalink

    Das unendliche Thema Punische Kriege und die Kriegsschuldfrage -immer wieder spannend. Natürlich ist das alles weitgehend Spekulation, aber spekulieren macht Spass. Hier etwas mehr von der Sorte:
    Es ist möglich, dass mit dem Iberos, der in dem zwischen den Barkiden und dem römischen Senat vereinbarten Vertrag als Begrenzung der gegenseitigen Einflusssphären dient, gar nicht der Ebro gemeint war. Dafür spricht, dass Polybios (der die Gegend bereist hatte) Sagunt ausdrücklich nördlich des Iberos verortet, während Sagunt unstrittig südlich des Ebro liegt. Ausserdem war die karthagische Epikratie zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses noch weit vom Ebro weg. Da dieser Vertrag römischerseits als Eindämmung der karthagischen Machtausdehnung vorgesehen war, wäre der Ebro als Grenzfluss ziemlich unsinnig gewesen -man hätte den Karthagern etwas zugestanden, was diese noch gar nicht besassen.
    Denkbar ist ausserdem, dass die jeweiligen Bundesgenossen in dem Vertrag geschützt wurden. unabhängig von ihrer geographischen Lage. Das war in den zwischen Rom und Karthago abgeschlossenen Verträgen (der Iberos-Vertrag war bereits der vierte, von dem wir wissen) die Regel. Wenn Sagunt zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses also bereits römischer Bundesgenosse gewesen wäre, hätte Hannibals Angriff in jedem Fall den ius bellis bedeutet.
    Dennoch glaube ich, dass weder das eine noch das andere zutrifft. Wirklich rätselhaft bei der ganzen Geschichte ist nämlich das römische Verhalten nach Hannibals Angriff-man unternahm schlichtweg gar nichts, von einer Gesandschaft zur Beguachtung der Lage abgesehen. Dabei hätte man genügend Zeit gehabt, Sagunt wirkungsvoll zu Hilfe zu kommen, die Belagerung der Stadt zog sich schliesslich über 6 Monate hin. Die eigentliche Kriegserklärung erfolgte erst, nachdem Hannibal den Ebro (oder Iberos) mit einem Heer von ca. 30.000 Mann überschritten hatte, das konnte römischerseits nun nicht länger ignoriert werden. Wenn Sagunt tatsächlich ein langjähriger Verbündeter Roms gewesen wäre, hätten die in dieser Hinsicht ziemlich ehrpusseligen Römer schon früher etwas unternommen. Zur Erinnerung: zur Kriegserklärung an das illyrische Königreich Teutas hatte es bereits genügt, dass ein römischer Botschafter auf der Rückreise unter ungeklärten Umständen umgekommen ist (nach römischer Lesart wurde er vergiftet).
    Wie man es auch dreht und wendet: den Krieg hat Hannibal begonnen. Ob er der Ansicht war, einen Präventivschlag zu führen (wofür einiges spricht), oder ob er von Revanchegelüsten getrieben war, ist Gegenstand einer anderen Spekulation.

  3. Martin Däniken Antworten | Permalink

    "Der Sieger schreibt die Geschichte!"
    Und "Wer siegt hat Recht!"

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