Der letzte Countdown

5. Juli 2011 von Eugen Reichl in Meinung

Commander Chris Ferguson und seine Crew donnern in der Raumfähre Atlantis in den Himmel über Florida, und die Dinge laufen schlecht. Sehr schlecht sogar. In der Kabine hat sich ein Leck gebildet und die Luft entweicht, eines der redundanten  Stromnetze hat sich verabschiedet, in einem der drei Triebwerke lässt sich der Schub nicht mehr regeln und ein weiterer Motor ist eben ausgefallen. Der Kühlkreislauf hat seinen Geist aufgegeben und im rechten Triebwerk, das eben noch als einziges einwandfrei funktionierte, kommt es nun zu einem Heliumleck. Der Brennkammerdruck ist labil. Chris Ferguson und sein Pilot Jim Boe führen einen verbissenen Kampf gegen die sich anbahnende Katastrophe. Eines ist klar: Sie müssen die Mission abbrechen. Doch werden sie überleben?

30. November 1982 - Die Raumfähre Challenger wird mit dem Crawler Transporter durch dichten Nebel zur Startrampe 39A transportiert.

Die Atlantis bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 16.000 Kilometern pro Stunde in einer Höhe von 100 Kilometern und 300 Kilometer nordöstlich des Kennedy Space Centre. Das ist zu schnell, zu hoch und zu weit weg, um umzukehren und wieder in Florida zu landen. Ferguson muss eine schnelle Entscheidung treffen und sie fällt zugunsten eines "Abort once-around". Wenn jetzt kein weiterer Defekt mehr auftritt, dann reicht die Energie für 90 Prozent einer einzelnen Erdumkreisung und einer anschließenden Landung in Kalifornien, gut 100 Minuten nach dem Start.

Die Atmosphäre im Missionskontrollraum in Houston ist angespannt aber dennoch ruhig.  Der Kurs des Shuttles ist dort auf einem gigantischen Bildschirm mit roten Punkten markiert. Den Astronauten verbleiben nur noch Sekunden, um ihre Flugbahn anzupassen. Wenn sie jetzt einen Fehler machen, sind sie verloren…

Eine F-15 C "Eagle" der Florida Air National Guard fliegt am 5. Dezember 2001 während des Starts der Raumfähre Endeavour Patrouille.

Nein, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wir beschreiben hier keine reale Mission. Vielmehr war es das letzte "Full Dress Rehearsal" für den definitiv allerletzten Shuttle-Start der NASA am 8. Juli und die Simulatortechniker hatten für die Mannschaft der Mission STS 135 noch einmal das volle Programm an Gefahren in die Übung hineingepackt.

"Leute, ich könnte nicht stolzer auf euch sein. Ihr habt heute einen exzellenten Job gemacht", ruft Flugdirektor  Richard Jones zum Abschluss in sein Mikrophon. Damit meint er alle, die hier und heute ein letztes Mal eine Shuttle-Startsimulation durchführen: Die Missionscontroller an ihren Konsolen, die Ingenieure in den Back-rooms, und die Shuttle-Crew.

Ein Teil der "Besatzung" der TV-Enterprise wohnt am 17. September 1976 dem Rollout des ersten Shuttles bei, der nach dieser populären Science Fiction Serie benannt wurde.  Von links: Leonard Nimoy, George Takei, DeForest Kelly und James Doohan.

Manch einer arbeitet hier schon seit 20 oder mehr Jahren. Fast alle werden sie nun innerhalb der nächsten Wochen ihre Papiere bekommen und gehen müssen. Die NASA braucht keine Shuttle-Trainer mehr, sie braucht keine Missionskontroller und keine Leute, welche die ganze Technik der Simulatoren und Überwachungsgeräte in Stand halten. Etwa 2.500 Ingenieure, Angestellte und Arbeiter haben in den letzten Wochen bereits das Johnson Space Center verlassen. 2.000 weitere werden gehen, sobald Atlantis von ihrer Mission zurückkehrt. Zehntausend haben an den anderen NASA-Standorten ihre Marschbefehle erhalten, vor allem am Cape in Florida, von wo die Shuttles starteten.

Seit Anfang der 80iger Jahre stand für jede Crew, die das Training beendet hatte schon die nächste Mannschaft in der Warteschlange. Doch mit der Crew von STS-135 endet diese lange Reihe jetzt nach drei Jahrzehnten.

Die STS-135 Crew. Von links:Missionsspezialist Rex Walheim, Pilot Douglas Hurley, Kommandant Christopher Ferguson und Missionsspezialistin Sandra Magnus

Die Raumfähren waren ihr Leben und die NASA würde gerne nach der letzten Mission eine Feier für das "Lebenswerk" des Shuttle durchführen. Dazu zählen, neben vielen anderen Leistungen, die Errichtung der Internationalen Raumstation, des teuersten Bauwerks aller Zeiten, die Starts der Weltraumteleskope Chandra, Compton und Hubble und die Starts der Raumsonden Galileo, Ulysses und Magellan.

Aber den Veteranen steht nicht der Sinn nach Feiern. Der ehemalige NASA-Manager George Mueller, der "Vater des Space Shuttle", der den Politikern nach dem Apollo-Programm einst die Raumfähre schmackhaft machte, ist mit seinen 92 Jahren noch gut beieinander und reist viel herum. Aber so wie es aussieht, wird er es nicht über sich bringen, beim Start der Atlantis zur letzten Mission des Programms mit dabei zu sein. "Trotz meines Alters kann ich mich nicht recht für Beerdigungen begeistern", meinte er dazu knurrig.

Ein paar feiern dennoch, wie vor ein paar Tagen die Leute vom “White Sands Space Harbour” in New Mexico. Kaum jemand weiß, dass es in den USA nicht nur zwei, sondern drei Landestellen für den Shuttle gibt. Das mag daran liegen, dass diese dritte Bahn während all den Shuttle Missionen nur ein einziges Mal genutzt wurde, und das war schon ganz zu Beginn des Programms. Damals, am 30. März 1982, beim dritten Raumfährenflug, stand die vorgesehene Bahn der Edwards Luftwaffenbasis in Kalifornien unter Wasser und an die kniffligen Landungen am Kennedy Space Center wagte man sich noch nicht heran.

Kalifornien, 1. Februar 1986. Space Shuttle Enterprise wird über eine Bergstraße geschleppt, deren Böschung auf ihre Flügelspannweite erweitert wurde. Der Orbiter ist auf dem Weg zum Startkomplex 6, von dem aus zukünftig Shuttles von Kalifornien starten sollten. Pläne, die nach der Challenger-Katastrophe aufgegeben wurden.

Ein paar NASA-Manager aus Houston und eine Handvoll Astronauten fanden sich immerhin bei einer inoffiziellen Zeremonie am 13. Juni in White Sands ein. Jeder der Mitarbeiter bekam ein eingerahmtes Zertifikat, ein Polohemd und eine Baseballmütze. Zwischen dem 20. und 22. Juli stehen sie noch einmal in Bereitschaft, für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass der Shuttle bei ihnen landen muss. Im August wird die Anlage dann geschlossen. Die meisten haben sich schon nach neuen Jobs umgesehen. Fast keiner in der Raumfahrt.

Den Rückzug des Shuttle aus dem aktiven Dienst hatte schon Präsident George W. Bush im Jahre 2004 angeordnet. Er bot aber immerhin ein Ersatzprogramm an, die „Vision for Space Exploration“ die den schönen Namen "Constellation" trug und aus vier Säulen bestand: Den beiden Trägerraketen Ares 1 und Ares 5, dem bemannten Mondlander Altair und dem bemannten Raumschiff Orion. Letzteres sah zwar eher aus wie eine mit Anabolika hochgepäppelte Apollo und nicht wie der elegante Shuttle, aber immerhin hatte Bush große Pläne damit. Orion sollte seine ersten Flüge 2012 oder 2013 machen, zunächst Astronauten zur Raumstation bringen und danach, wie Bush emphatisch sagte, zu "anderen Welten aufbrechen". Zum Mond, wo ab 2020 eine bemannte Basis entstehen sollte und dann zum Mars, den man spätestens 2030 erreichen wollte.

Es ist der 27. Januar 1986. Überall an den Bodenanlagen der Startrampe 39 B am Kennedy Space Center in Florida bildet sich auf Grund der niedrigen Temperaturen Eis. Am nächsten Tag wird die Raumfähre Challenger zu ihrem Unglücksflug aufbrechen.

Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Präsidenten Obama, das Projekt in Bausch und Bogen einzustampfen. Zu teuer, zu ambitioniert in ihren Zielen aber technologisch eher „retro“ und vor allem: von Bush.

In der Zwischenzeit rettete die NASA mit Hilfe des Kongresses, der mit Obamas Entscheidung ganz und gar nicht einverstanden war, das Orion-Raumschiff aus der Asche des Constellation-Programms und präsentierte es der Öffentlichkeit unter neuem Namen. Es hat nun den wenig aufregenden Bezeichnung „Multi Purpose Crew Vehicle“. Mehrzweck-Mannschaftstransporter also. Das klingt nicht gerade nach den Weiten des unendlichen Raums.

13. März 2003. Der Boden eines Hangars ist mit einem Referenzgitter und den Umrissen eines Shuttle  markiert. Darauf liegen die Teile, die man von der Columbia nach ihrem Absturz am 1. Februar 2003 gefunden hat.

Aber auch unter dem neuen, nüchternen Titel kann  Orion die weit klaffende zeitliche Lücke zwischen dem Rückzug des Shuttles und dem neuen Transportsystem nicht füllen. Es ist eher ein Hinweis für den Zustand, in dem sich die NASA derzeit befindet. Sie entwickelt zwar auf Sparflamme ein bemanntes Raumfahrzeug hat aber dafür gar keine Trägerrakete zur Verfügung. Auch das inzwischen der Kongress erkannt und nun – gegen Obamas Widerstand – auch die Entwicklung eines neuen Großträgers angeordnet. Doch all dieses Gerät ist erst in vielen Jahren einsatzbereit.

Bis dahin, aber auch danach, soll es nach Obamas Willen die Privatindustrie richten. Bis etwa 2015, so hofft man, können wieder US-Astronauten von amerikanischem Grund und Boden zur eigenen Immobilie in den Weltraum starten. So lange aber sind die US-Astronauten, genauso wie Europäer und Japaner, zahlende Gäste bei den Russen.

Die Atlantis wird vor ihrer letzten Reise aus dem Vehicle Assembly Building zur Startrampe 39A transportiert.

Im Mai, als die USA den 50. Jahrestag ihres ersten Raumflugs begingen, verfassten Neil Armstrong und Gene Cernan, der erste und der letzte Mensch auf dem Mond, zusammen mit Jim Lovell (der zweimal zum Mond flog, aber dort nie landete) einen offenen Brief an die NASA. Darin erklärten die drei: "Das bemannte Raumflugprogramm der NASA ist in einem chaotischen Zustand. Nirgendwo zeichnet sich ein klares Konzept ab" Und weiter: "Nach einem halben Jahrhundert bedeutender Fortschritte existiert heute kein stimmiger Plan mehr, wie man die in der Vergangenheit erzielte Führungsposition in die Zukunft tragen kann".

Sie nahmen dabei auch Bezug auf Präsident Kennedys poetische Bezeichnung des Weltraums aus dem Jahre 1961, den er als den  “Neuen Ozean” bezeichnete  und fügten hinzu:  "50 Jahre lang befuhren wir seine Wasser und führten die Welt bei der Erforschung des Weltraums an. Heute ist diese Reise vorbei. Präsident Kennedy wäre bitter enttäuscht”.

Die Raumfähre Atlantis vor der Sonne am 12. Mai 2009. Dieses Bild wurde mit einem Filter von der Erde aus gemacht.

Ganz vorbei ist die Reise natürlich nicht. Eine Handvoll US Astronauten wird auch in Zukunft in den Orbit fliegen. Allerdings nur mit Unterstützung der Russen, des einstigen Erzrivalen im Weltraumrennen. Der ist inzwischen im Kapitalismus angekommen, und lässt sich die Transporte der US-Astronauten fürstlich bezahlen.

Vor zwei Jahren, als der Shuttle noch regelmäßig flog, lag der Preis für jeden in einer Sojus transportierten Amerikaner bei 20 Millionen Dollar. In diesen Tagen ist er, wer will es den Russen verdenken, auf 63 Millionen Dollar pro Sitz gestiegen. Wohl dem, der ein Monopol hat. Wir Europäer brauchen darüber nicht zu lächeln. Zerstritten wie wir sind, haben wir uns nie auf die Entwicklung eines bemannten Raumtransportsystems einigen können, obwohl es gut innerhalb der technologischen Reichweite Europas ist. Der Lohn: Wir zahlen nun die selben steil steigenden Preise wie die Amerikaner.

Space Shuttle Columbia (links) wird für die Mission STS-35 am Space Shuttle Atlantis vorbei zum Launch Pad 39A gebracht. Die Atlantis, eigentlich für die Mission STS-38 vorgesehen, wird im Vordergrund geparkt. Wegen einer Reparatur musste sie von der Rampe wieder zurück in das VAB gebracht werden.

Nun werden also nicht mehr 30 oder 35 Amerikaner pro Jahr in den Weltraum fliegen wie bisher, sondern nur noch drei oder vier. Es wird eine lange Lücke geben, zwischen dem letzten Shuttle Flug und dem ersten bemannten Flug eines neuen Systems. In US-Raumfahrtkreisen spricht man schaudernd von "The Gap", als sei es der Titel eines Horrorfilms. So eine Pause hat es allerdings schon einmal gegeben. Es war die Zeit zwischen dem 24. Juli 1975, als die letzte Apollo von der gemeinsamen sowjetisch-amerikanischen Apollo-Sojus Mission zurückkehrte und dem 12. April 1981, als die Raumfähre Columbia zu ihrem Erstflug startete. Doch damals hatte man immerhin ein Konzept, wie es weitergehen soll.

Die Crew der Atlantis hat derweil ihr Training, das letzte des gesamten Shuttle-Programms, abgeschlossen. Der 49-jährige Kapitän zur See Christopher Ferguson, der 45jährige Oberst der US-Marines Doug Hurley, die 46-jährige Radarspezialistin Dr. Sandy Magnus und der 48-jährige Luftwaffenoberst Rex Walheim machen sich dieser Tage auf nach Cap Canaveral, um mit der Atlantis die letzte Reise des Shuttle-Programms in den Orbit anzutreten.

Noch einmal der Shuttle auf der Luftwaffenbasis Vandenberg in Kalifornien, von wo er jedoch nie startete. Dieses Bild der Enterprise in Startposition bei Tests an der Startrampe 6 entstand am 1. Februar 1985.

Sandy Magnus ließ kürzlich wissen, wie sehr es sie berührt, ihr Leben in die Hand von Menschen zu geben, die unmittelbar nach dem Ende ihres Fluges die Entlassungspapiere bekommen werden. Nach der Landung der Atlantis, am Schluss ihrer zwölftägigen Mission zur Versorgung der Raumstation wird Commander Ferguson das Schiff als Letzter verlassen. Man werde ihn da dann wohl mit Gewalt herauszerren müssen, meinte er.

Die Astronauten John Young (links) und Robert Crippen trainieren kurz vor dem Erstflug der Columbia im Simulator. Hier an der hinteren Steuerkonsole, von der aus man in Richtung Ladebucht sieht.


5 Kommentare zu “Der letzte Countdown”

  1. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Nur mal 'ne kleine Rechnung ...

    In den Jahren 2008-10 sind knapp 90 Astronauten per Shuttle zur ISS und wieder zurück geflogen: Hätte man die - nach dem neuen Tarif - alle per Soyuz verfrachtet, hätte das 5 Mrd.$ gekostet. In drei Jahren wohlgemerkt - ca. 5 Mrd.$ ist aber auch der Shuttle-Haushalt von einem Jahr.

    Natürlich darf man so nicht rechnen, da in der Zeit auch große Mengen ISS-Bau- und Ersatzteile transportiert wurden, für die man sonst Protons o.ä. hätte ordern müssen - aber damit ist es jetzt vorbei, die ISS ist (von US-Seite aus gesehen) seit STS-134 fertig.

    Damit erweist sich der Abschied vom Shuttle auch finanziell als enormer Befreiungsschlag für den Human Spaceflight der USA - und angesichts des drastisch reduzierten Astronautenaufkommens (Ihre Zahlen, drittletzter Absatz) nicht nur um einen Faktor 3 sondern einen Faktor 20-30.

  2. Astra Antworten | Permalink

    Die Rechnung

    Wenn mans auf Mark und Pfennig rechnet ist der Shuttle tatsächlich ein Desaster. Trotzdem kommt jetzt, zu seinem Abschied, Wehmut auf. Mein Beitrag soll die gegenwärtige Stimmungslage bei den am Shuttle-Programm Beteiligten darstellen, nicht seine Existenz rechtfertigen.
    Sie können übrigens ab und an nochmal reinschauen, ich werde den Beitrag noch mit reichlich Bildern ausstatten, die man noch nicht so oft gesehen hat.

  3. bluesky Antworten | Permalink

    Schade, ...

    dass es tolle Beiträge wie diesen nicht irgendwo gedruckt gibt, beispielsweise in einem Astronomie-Magazin, das über Sterne, Weltraum und Raumfahrt berichtet. Tolle Bilder auch!

  4. Stephan Antworten | Permalink

    Projekt Orion

    tjach, siehste Eugen.
    Wären wir das mal angegangen vor zwei Jahren...

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