Meteoriten: Irgendwann war eine Großstadt dran

15. Februar 2013 von Karl Urban in Astronomie, Geowissenschaften

Wir haben es alle mit kitzelndem Schaudern verfolgt: Heute morgen um 4:20 Uhr MEZ zerbrach ein Meteorit über der Millionenstadt Tscheljabinsk am Ural. Der ganze Tag erinnert an den Plot des Blockbusters Armageddon – Das jüngste Gericht, wo zu Beginn ebenfalls Großstädte bombardiert werden (allerdings nicht tief in Russland, sondern u.a. New York City, wie sich das gehört). Der weltzerschmetternde Asteroid kommt im Film allerdings erst Wochen später – während uns schon heute Abend der Vorbeiflug von 2012 DA14 bevorsteht. Wird also ein nicht für seinen Realismus bekannter US-Film durch die Realität eingeholt?

Meteorit über Tscheljabinsk ((c) Maksim Mingaljov)
Meteorit über Tscheljabinsk (© Maksim Mingaljov auf Youtube)

Nun, zunächst: die Welt wird auch heute nicht untergehen. Der ~50 Meter durchmessende Asteroid wird gegen 20:24 Uhr MEZ über den indischen Ozean hinwegziehen – in einem Abstand von 27.700 Kilometern.

Nun, zunächst #2: Es scheint auf den ersten Blick ein großer Zufallen zu sein. Der Steinhagel von Tscheljabinsk und 2012 DA14 haben nichts miteinander zu tun. Das sagt Michael Khan von der ESA, der sich ein bisschen mit Flugbahnen auskennt, aber auch die NASA. Ich finde das plausibel, da offenbar die Flugrichtungen beider Geschosstypen nicht übereinstimmen. Astronom Florian Freistätter ergänzt hier noch, dass diese Asteroiden allesamt sehr schnell unterwegs sind. Er schätzt einen Abstand von einigen Millionen Kilometern zwischen dem Tscheljabinsk-Objekt und 2012 DA14. Markku Lehtinen vom finnischen Sodankylä-Oberservatorium schätzt den Abstand auf eine halbe Million Kilometer. Die können nicht zusammen gehangen haben.

Die mediale Lupe

Was wir beim Betrachten der Bilder auch schnell vergessen: Es gibt eine enorme mediale Lupe durch allgegenwärtige Smartphones und Überwachungskameras. Die Erdoberfläche aber besteht überwiegend aus Wasser und menschenleeren Gebieten. Wirklich selten sind solche Ereignisse also nicht – sie werden nur selten beobachtet. Und selbst in bevölkerten Regionen gibt es immer wieder solche Einschläge, oft sogar mit fatalen Folgen.

Allein historische Aufzeichnungen existieren zu Hauf [1]. So gibt es in alten chinesischen Quellen über 300 Erwähnungen von Menschen, die fallende Meteoriten zwischen 645 v. Chr. und 1920 gesehen haben. In sieben davon wird von getöteten Menschen berichtet, der erste davon 616 n. Chr. Im Jahr 1490 sollen durch einen himmlischen Steinhagel in der Provinz Shanxi sogar über 10.000 Menschen getötet worden sein. Und wie gesagt – das sind allesamt nur Beispiele aus China. Auch das Tunguska-Ereignis von 1908 gehört in diese Reihe, bei dem deshalb nur Bäume starben, weil es in Sibirien so wenig Großstädte gibt.

Auch aus Europa gibt es diverse Berichte, darunter von einem 1511 in der Lombardei getöteten Mönch. Ein weiterer Mönch starb im 17. Jahrhundert in Mailand. Es gibt Berichte von getroffenen Bauern in Frankreich (1790 in Gascony, 1879 in Dun-le-Poelier). Anno 1929 verstarb auf einer Hochzeit in Jugoslawien ein Mensch: alle durch herabstürzende Himmelsgeschosse.

Insgesamt müssen wir außerdem sehen, dass die Erde jedes Jahr von 10.000 bis 50.000 Meteoriten getroffen wird – 2.800 bis 39.000 davon über Land (tatsächlich sind es noch viel mehr, die bloß nie den Boden erreichen). Davon werden aber nur 40 bis 130 von Menschen beobachtet, was immer noch eine stattliche Zahl ist [1]. Die Zahl der Beobachtungen nimmt übrigens mit der Bevölkerungsexplosion im 19. Jahrhundert stark zu:

Zahl der beobachteten gefallenen Meteoriten zwischen 1700 und 1975 ((c) Meteoritical Society)
Zahl der beobachteten gefallenen Meteoriten zwischen 1700 und 1975 (© Meteoritical Society via [2])

Auch in jüngster Vergangenheit gibt es diverse Berichte. Dazu gehört der Einschlag am Titicacasee in Bolivien 2007, bei dem ein 4,50 Meter großer Krater entstand und dessen Ausgasungen mutmaßlich hunderte Dorfbewohner der Gegend krank machten. 2006 explodierte über der norwegischen Provinz Troms ein Bolide, der „zwischen 20 und 1000 Kilogramm“ schwer gewesen sein soll. Über dem Tagish Lake im Westkanada fiel 2000 ein Meteorit, der auf vier Meter Durchmesser und 56 Tonnen Gewicht geschätzt wurde. Rund 500 Fragmente landeten auf der gefrorenen Seeoberfläche [3].

Zufall, großer

Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis auch eine Großstadt Zeuge eines Meteoritenregens wird. Dass es gleich ein so großes Ereignis wird, ist allerdings schon verblüffend: Das Geschoss von Tscheljabinsk soll rund 30 km/s schnell gewesen sein und in 10 Kilometern Höhe in diverse Einzelteile zerbrochen sein. Ursprünglich war es 15 Meter groß, schätzt Astronomin Margaret Campbell-Brown - gemessen an den ~50 Metern von 2012 DA14 also schon ein großer Brocken. Der fast gleichzeitige Besuch beider Objekte scheint also ein sehr großer Zufall zu sein. Aber wie gesagt, das ist vielleicht nur ein Artefakt unserer medialen Lupe.

[1] Christian Gritzner: Human Casualties in Impact Events, WGN, the Journal of the International Meteor Organization (1997)

[2] David W. Hughes: Meteorite Falls and Finds: Some Statistics, Meteoritics 16 (3) (1981)

[3] Allesamt via Wikipedia-Recherche

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6 Kommentare zu “Meteoriten: Irgendwann war eine Großstadt dran”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Tscheljabinsk-Meteor not a PHO

    Nach der Nasa-Statistik gehört der jetzt bei Tscheljabinsk heruntergekommene Meteor nicht zu den Potentially Hazardous Objects (PHOs), denn Meteoride müssen grösser als 150 m sein um dazuzugehören.

    Oder ganz praktisch: Ein solch kleiner Meteorid wäre mit heutigen Mitteln schwierig zu erfassen, wenn er sich noch Wochen (bis zur Ankunft) von der Erde entfernt befindet.

    Wir haben schon immer mit dem Risiko gelebt von kleinen Meteoriten getroffen werden zu können und werden wohl auch in Zukunft damit leben müssen. Grössere Objekte allerdings werden wohl schon bald alle erfasst sein.

    Für kleiner Objekte gilt nach Wikipedia:
    "Stony asteroids with a diameter of 4 meters (13 ft) impact Earth approximately once per year.[29] Asteroids with a diameter of roughly 7 meters enter Earth's atmosphere with as much energy as Little Boy (the atomic bomb dropped on Hiroshima, approximately 15 kilotonnes of TNT) about every 5 years.[29] These ordinarily explode in the upper atmosphere, and most or all of the solids are vaporized.[30] Every 2000–3000 years objects produce explosions of 10 megatons comparable to the one observed at Tunguska in 1908"

    Wenn also der Meteorid/Asteroid, der gerade über Tscheljabinsk niederging 15 m im Durchmesser war, hat seine Explosivkraft diejenige der Hiroshima-Atombombe um einiges übertroffen.

  2. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Beobachtungen

    Die Zahl der Beobachtungen nimmt übrigens mit der Bevölkerungsexplosion im 19. Jahrhundert stark zu

    Zum einen dies, zum anderen greift hier auch die zunehmende Überwachung öffentlicher Räume durch visuelle Daten aufzeichnende Systeme, Russland ist hier wegen einer gewissen Rechtsunsicherheit ein gutes Beispiel.

    MFG
    Dr. W (der früher eher wenig interessiert auch schon mal "Sternschnuppen" beobachtet hat)

    PS: Welches Erregungspotential hat diese Sache eigentlich?

  3. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Meteorite hunters

    Es gibt scheinbar schon die Spezies der Meteoritenjäger, also einer Gruppe von Menschen, die in ihrer freien Zeit Meteoriten aufspüren. Am erfolgreichsten sind sie in Oman und anderen Wüstengebieten, weil dort frei herumliegende Steine inmitten der Wüste am ehesten auffallen.
    Hier die Seite Meteorite hunters: Join the space rock rushvon New Scientist, die sich diesem Thema widmet. Einer der Jäger berichtet, er hätte schon fast 1000 Meteoriten in Oman gefunden.

  4. Dipl. Ing. Carl Kramer Antworten | Permalink

    Trifft den Kern, doch...

    Viel interessanter ist doch die Überlegung, dass der Mensch eben nicht die "Krönung der Schöpfung" ist, sondern ein Zufallsprodukt vieler Umstände, die über andere Existenzen zu unserem Dasein geführt haben.

    Wie schnell der König der Nahrungskette ausgelöscht sein könnte (betont sei der Konjunktiv), zeigt doch der Vorfall in Russland. Schon bald ist - wie sie sagen - eine Großstadt dran und bald ist das Geschrei groß. Zum Glück wurden wir vorgewarnt und können nun noch bessere Prognosen bezüglich solcher Vorfälle treffen. Zeit dafür wird's!

  5. Hans-paul Broschart Antworten | Permalink

    Realität von US-Filmen

    "Wird also ein nicht für seinen Realismus bekannter US-Film durch die Realität eingeholt?"

    Wie war das mit Bruce Willis Superbohrer-Mannschaft?
    *Da wird mal eben die Raumstation MIR vom Himmel geholt - ist eh Schrott.
    *Dann schlägt ein Bruchstück in Südostasien ein - Rache für Vietnam?
    *Paris wird ebenfalls dem Erdboden gleich gemacht - der Eiffelturm fällt um - Wunschtraum der Amis, diesen Europäern mal zu zeigen, wer der Herr der Welt ist?

    Soviel zu dem Film.

    Was allerdings eher erschreckend ist, ist das in den Medien und auch in den Kommentaren wie selbstverständlich davon geredet wird/wurde, dass es eben doch einen Zusammenhang zwischen 2012 DA14 und dem Boliden in Tscheljabinsk gibt.

    Also noch viel Arbeit, für eine *Öffentliche Wissenschaft*, der Bild-Zeitungs-Logik den Boden zu entziehen und mal ein gesichertes und tief gegründetes Fundament zu verpassen.

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