Die Bedrohung der Erde durch Asteroideneinschläge

28. Oktober 2010 von Carolin Liefke in Abenteuer Forschung

Wir schreiben das Jahr 1998. Actionheld Bruce Willis zieht aus, um die Erde vor dem sicheren Untergang zu retten, der in Form eines 1000km durchmessenden Asteroiden auf Kollisionskurs ist. "Armageddon", eine Hollywoodstory die Millionen von Menschen weltweit in die Kinos zieht, bringt das Thema Gefahr durch Asteroideneinschläge mit einer Armada an Spezialeffekten in das Bewußtsein der Allgemeinheit und wird so manchem schlaflose Nächte bereitet haben. Auch wenn Astronomen, Physiker und Raumfahrtingenieure angesichts der teilweise haarsträubenden sachlichen Fehler des Films die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, bleibt das Leitmotiv von "Armageddon" und des thematisch ähnlichen "Deep Impact" doch bestehen: In unserem Sonnensystem gibt es durchaus Objekte, die der Erde mehr als nur gefährlich nahe kommen können. Die kraterzernarbte Oberfläche des Mondes zeigt mehr als deutlich, daß einst ein ganzes Bombardement aus dem All stattgefunden haben muß. Auch auf der Erde finden sich Zeugen solcher Einschläge wie der berühmte Barringer-Krater in Arizona - oder auch das Nördlinger Ries und das Steinheimer Becken in Süddeutschland.

Tatsächlich treffen tagtäglich mehrere Tausend Tonnen an Material auf die Erde, allerdings ohne weitere Auswirkungen und zum weitaus größten Teil sogar völlig unbemerkt. Im Gegensatz zu den staubkorngroßen Mikrometeoren verglühen Meteoroide von mehreren Millimetern Durchmesser immerhin schon als sichtbare Sternschnuppen und erzeugen ein hübsches Himmelsschauspiel. Bei einer helleren Feuerkugel steigen so langsam die Chancen, daß ein Teil des Ursprungsobjekts das Auftreffen auf die Erdatmosphäre übersteht. Meteoritenfälle gehören aber schon in die Kategorie Seltene Ereignisse, und noch unwahrscheinlicher ist es, daß dabei jemand zu Schaden kommt.

Gastgeber Manfred Warhaut, Leiter für den Missionsbetrieb bei der ESA, stellt die Sprecher der Pressekonferenz vor

Die Rate mit der Himmelskörper auf die Erde treffen, nimmt exponentiell mit ihrer Größe ab. Gleichzeitig steigt natürlich aber auch der Schaden, den das Objekt bei einem Einschlag anrichtet. Größere Brocken durchschlagen nicht mehr nur Häuserdächer oder verbeulen Autos, sondern produzieren handfeste Krater. Ab einem Durchmesser von mehreren Hundert Metern sind nicht mehr nur die Einschlagstelle und ihre unmittelbare Umgebung betroffen, Tsunamis, ausgeworfenes heißes Gestein und in die Atmosphäre geschleuderter Staub können weltweite Auswirkungen haben. Nichtsdestotrotz, Ereignisse wie das, was vor 65 Millionen Jahren vor der Halbinsel Yucatan vermutlich das Schicksal der Dinosaurier besiegelte, treten statistisch nur noch etwa alle 100 Millionen Jahre ein.

Derzeit sind mehrere Hundert Asteroiden bekannt, deren Umlaufbahn sie in unmittelbare Nähe derjenigen der Erde führt. Der Großteil dieser Near Earth Objects, kurz NEOs, ist aber wiederum mit Größen von nur wenigen Metern eher harmlos. Ein Auge auf solche Kandidaten zu haben, lohnt aber dennoch: Jede Beobachtung hilft, ihre Bahnparameter genauer zu bestimmen und somit ihren zukünftigen Kurs festzulegen. Das Minor Planet Center gibt regelmäßig Aufrufe heraus, solche Asteroiden ins Visier zu nehmen. Mit solchen Messungen beschäftigen sich auch viele Amateurastronomen, unter anderem auch die Starkenburg-Sternwarte in Heppenheim.

Was aber könnte man tun, würde sich eines dieser Objekte - vielleicht sogar einer der größeren Brocken - nicht mehr damit begnügen, in ein paar 10000 km Abstand vorbeizuziehen? Müßte tatsächlich ein Held im Format von Bruce Willis daherkommen, der dem Asteroiden mit möglichst viel nuklearer Sprengkraft zuleibe rückt? Bad Astronomer Phil Plait beschreibt das Szenario eines Einschlags in "Tod aus dem All" schonungslos - und auch welche technischen Möglichkeiten uns derzeit gegeben sind um entsprechendes zu verhindern. Tatsächlich wären wir heute in der Lage den Kurs eines Asteroiden zu verändern. Je nachdem wie groß er ist und wieviel Zeit bis zum Einschlag bleibt, reicht schon eine winzige Korrektur der Bahn aus, und die Gefahr ist gebannt.

Rusty Schweickart erläutert die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit

So man sie denn rechtzeitig findet, hätte man also zumindest bei kleinen bis mittelgroße Asteroiden, die der Erde wirklich gefährlich werden können, die Chance sie rechtzeitig abzuwehren. Aber wie würde das praktisch ablaufen? Oder konkret: Wer wäre zuständig für Konstruktion und Bau einer entsprechenden Mission? Wer würde die Arbeiten koordinieren? Wer bestimmt, wie und wohin ein gefährlicher Asteroid abgelenkt wird? Mit dieser Fragestellung beschäftigte sich die NEO Mission Planning and Operations Group (MPOG) auf einem dreitägigen Workshop bei ESOC in Darmstadt.

Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, daß solche Fragestellungen nicht nur eine wissenschaftlich-technische Seite haben, sondern auch politisches Fingerspitzengefühl verlangen. Insofern verwundert es nicht, daß die Teilnehmer des Workshops zum Teil zusätzlich zu ihrer Expertise auf dem Gebiet der erdnahen Asteroiden und der Raumfahrt auch eine Karriere zu bieten hatten, die sie prädestiniert für die Arbeit in beratenden Gremien macht. Apollo-9-Astronaut Russell Schweickart zum Beispiel ist Mitglied der Association of Space Explorers, die das Thema NEOs ganz oben auf ihrer Agenda stehen hat. Ähnlich ist der Fall bei der Secure World Foundation gelagert, die durch den Wissenschaftsjournalisten Leonard David vertreten wurde. Sergio Camacho leitet das Committee on the Peaceful Uses of Outer Space (COPUOS) der Vereinten Nationen, das sich ebenfalls mit den potentiell gefährlichen Asteroiden auseinandersetzt. Aber auch die Europäer haben ein Auge auf die großen und kleinen Brocken, und zwar im Rahmen ihres Space Situational Awareness Programms SSA.

Im Anschluß an die Pressekonferenz steht Rusty Schweickart RTL Rede und Antwort

Nicholas Bobrinsky, der Direktor des Gesamtprogramms, und Detlef Koschny, innerhalb von SSA zuständig für die NEOs, standen daher am 29. Oktober zusammen mit Moderatorin Jocelyne Landeau-Constantin und den übrigen Teilnehmern nach dem Workshop zu einer Pressekonferenz den anwesenden Journalisten Rede und Antwort. Wer wollte, konnte das ganze wie hier auch im Vorwege angekündigt live verfolgen oder jetzt nach wie vor nachträglich abrufen.

Spektakuläres gab es nicht zu verkünden, es rast also kein bislang unentdeckter größerer NEO direkt auf uns zu. Dann wäre allerdings wohl schon im Vorwege die Ankündigung ganz anders ausgefallen. Stattdessen demonstrierten die Teilnehmer Einigkeit: MPOG solle sich als multinationales Gremium etablieren, um den Raumfahrtagenturen zur Seite zu stehen, die Thematik anzupacken und die Zusammenarbeit zu erleichtern. Außerdem soll das Komitee die Richtung für die Weiterentwicklung der notwendigen Technologien zur Abwehr vorgeben. Auch die Suche nach NEOs und die Bestimmung ihrer Bahndaten muß effektiver werden. Hier macht die ESA mit einem speziellen Datenzentrum den Anfang.

Die Heppenheimer Asteroidenjäger im Visier von SWR2

Auch die Heppenheimer Astronomen (zu denen ich ja auch zähle) haben ihren Anteil daran. Sie sind Partner in einem Suchprogramm, das sie gemeinsam mit der ESA an deren 1m-Teleskop auf Teneriffa durchführen und waren mit einer ganzen Delegation auf der Pressekonferenz vertreten und wurden ebenfalls von den anwesenden Journalisten interviewt.


 

Eigentlich hatte ich ja geplant, diesen Beitrag direkt nach der Pressekonferenz zu verfassen. Die Nachwirkungen einer nicht auskurierten Erkältung und arbeitsreiche Tage direkt im Anschluß haben die Zeit leider auf eine Woche anwachsen lassen. Dennoch, ich werde das "Experiment" Liveblog mit Sicherheit noch einmal angehen.

Weitere Bilder bei Facebook.


4 Kommentare zu “Die Bedrohung der Erde durch Asteroideneinschläge”

  1. Martin Huhn Antworten | Permalink

    Experiment?

    Experiment finde ich gut.

  2. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Thema verfehlt ...

    ... würde man in der Schule sagen: In der Einladung zu der PK war z.B. von zwei detaillierten Studien zu Impaktszenarios und der globalen Reaktion die Rede - davon wurde (jedenfalls während der Webcast lief) ebenso wenig geboten wie eine Präsentation konkreter Ergebnisse des MPOG-Workshops, die laut Ablaufplan als großer TOP vorgesehen war. Stattdessen gab es kaum etwas zu hören, das nicht schon bei den großen NEO-Workshops zu Beginn der 1990-er Jahre diskutiert, publiziert und in den (Prä-WWW-)Medien damals auch heftig diskutiert worden war. Nach 20 Jahren hätte ich mir erheblich Konkreteres erhofft, zumal in den USA seit ein paar Tagen offenbar schon - offenbar unilateral - gehandelt wird ...

  3. Michael Khan Antworten | Permalink

    Falsch beworben, nicht Thema verfehlt

    Carolin, du sahst am Freitag definitiv angeschlagen aus, ich hoffe, es geht jetzt besser. Ich hoffe, die PK hat nicht ursächlich zu deiner Migräne beigetragen.

    Ich habe meine Eindücke inzischen auch in einem eigenen Post geschildert.

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