#IamScience – wie es mich in die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit verschlagen hat

2. Februar 2012 von Carolin Liefke in Wissenschaft für alle

Wissenschaftlerkarrieren gehen oft verschlungene Wege, und angeregt durch Mit-SciLoggerin Beatrice Lugger will auch ich mal berichten, wie es dazu kam, daß ich heute das tue was ich so tue. Dieser Beitrag ist passenderweise auf der Zugfahrt von Heidelberg nach Garching bei München entstanden, wo ich (zusammen mit Markus Pössel) heute und morgen mit Kollegen aus ganz Europa zum alljährlichen Meeting des ESO Science Outreach Network zusammenkomme. Gestern noch hatte ich selber als Wissenschaftler mit der Europäischen Südsternwarte ESO zu tun - für meine anstehenden Beobachtungen mit dem Very Large Telescope mußten die notwendigen Daten abgegeben werden - ab heute Abend wird es darum gehen, Wissenschaft wie sie mit dem VLT gemacht wird für jedermann verständlich zu machen.

In der Schule war ich immer gut, sowohl in der Grundschule als auch im Gymnasium. Das erstreckte sich auf so ziemlich alle Fächer außer Sport. Ich mochte Sprachen, ich interessierte mich für Geschichte und ich las viel. Wie so ziemlich jedes Mädchen im Alter von zwölf Jahren träumte ich von einem eigenen Pferd. Soweit so gut, damit steht einem so ziemlich alles offen. Und weil Naturwissenschaften auch dabei gewesen sind, wäre ich wohl Geologin oder Paläontologin geworden, wenn nicht die Astronomie dazwischengekommen wäre.

An Anfang der 7. Klasse kam meine Mutter vom Elternabend zurück und berichtete, der Physiklehrer hätte steif und fest behauptet "Mädchen können kein Physik!", das würde er bei seinen eigenen beiden Töchtern gerade ganz eindeutig bestätigt sehen. Ob ich mir damals gedacht habe "Na, das wollen wir ja mal sehen..." weiß ich nicht mehr, jedenfalls habe ich ihm das Gegenteil bewiesen. Dankenswerterweise beschränkte sich seine Denkweise auf diesen Ausspruch und nicht auf sein Bewertungsschema, so daß ich auch in dem für mich neuen Fach Physik Bestnoten mit nach Hause brachte.

Wie ich zur Astronomie gekommen bin, habe ich an anderer Stelle schonmal berichtet. Hier sei daher nur soviel dazu gesagt, daß ich mich bei aller Begeisterung für die Vorgänge dort oben am Himmel als Jugendliche bei weitem noch nicht auf Astronomie als Berufsfeld eingeschossen hatte. Die Physik, zu der die Astronomie ja heutzutage gehört, sollte es dann aber schon sein. Als Fünfzehnjährige konnte ich meinen Vater 1996 dazu überreden, mich zum Tag der offenen Tür zum DESY nach Hamburg zu fahren. Den ganzen Tag lang schleifte ich ihn durch unzählige Experimentierhallen und die Tunnel der Beschleunigerringe. Elementarteilchenphysik ist verdammt faszinierend, auch wenn einem für die physikalischen Grundlagen dazu (noch) nahezu vollständig fehlen.

Und so wurde dann die Uni Hamburg auch die einzige Uni, bei der ich mich nach dem Abitur um einen Studienplatz bewarb. Das Physikstudium hat schon so manchen Einserschüler unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt - so auch mich. Plötzlich war ich nicht mehr unter den Besten, wenn auch immernoch über dem Durchschnitt. Im Gegensatz zu Florian Freistetter konnte ich mich mit der Art und Weise wie Mathematik an der Uni behandelt wird überhaupt nicht anfreunden, die anderweitig vielgelobte Ästhetik des sturen Systems aus Definition - Satz - Beweis wollte sich mir nie erschließen. Und nach den ersten Wochen Theoretischer Mechanik war auch schnell klar, daß ich ich nie Theoretiker werden würde.

Stattdessen brachte mich der Zufall zur Astrophysik: Mein Astronomieprofessor aus der Einführungsvorlesung, die ich mir zusammen mit gut 80 Kommilitonen anhörte, sollte an der der Sternwarte Lübeck einen öffentlichen Vortrag halten. An der wiederum war ich schon seit einer Weile ehrenamtlich tätig, und vom Leiter der Sternwarte war ich beauftragt worden, dem Professor zu erklären, wie er an diesem Abend zu uns findet. Nach dem Vortrag kam man länger ins Gespräch, und nur wenige Wochen später sprach mich der damalige Leiter der Hamburger Sternwarte nach der Weihnachtsvorlesung mit "Ich habe gehört, Sie wollen bei uns arbeiten?" an. So kam ich schon im ersten Semester an einen Job als studentische Hilfskraft, der mich mein Studium hindurch begleitet hat.

Solche Hiwi-Jobs sind perfekt, um schon während des Studiums in das Wissenschaftlerdasein hineinschnuppern zu können. Zumindest für mich war das Geld, das ich dabei verdiente, Nebensache. Und was ich sah, gefiel mir. Die Arbeitsgruppe war ein feines Team, in der jeder jedem half und man mit seinen Fragen und Sorgen immer beim Chef in der Tür stehen konnte. Ich baute damals eine Datenbank sonnennaher Sterne auf, die mit Röntgenquellen identifiziert wurden. Obwohl sie dringend mal ein Update vertragen könnte, wird die Datenbank noch heute von Wissenschaftlern aus aller Welt genutzt. Aus dem was ich tat - die Kataloge des Röntgensatelliten ROSAT mit einem Sternkatalog abgleichen und teilweise die Röntgendaten neu analysieren - entstanden zwei Fachartikel, beide vor meiner Diplomarbeit und der erste sogar noch vor dem Vordiplom.

Besser hätte es nicht laufen können, und eigentlich war der Weg damit vorgezeichnet. Promotion, Auslandsaufenthalte, und vielleicht noch mehr. Eine klassische wissenschaftliche Karriere halt. Daß es dann anders gekommen ist, ja woran lag das eigentlich?

Mein Faible für die Öffentlichkeitsarbeit war die natürliche Fortsetzung dessen, was ich schon als Schülerin in der Volkssternwarte getan hatte. Dementsprechend begrüßte ich die Möglichkeiten, die sich mir am Institut boten, um sich in dieser Richtung zu engagieren, insbesondere was die Arbeit mit Kindern anging.

Langsam trat die Wissenschaft demgegenüber mehr und mehr in den Hintergrund. Hinzu kam, daß ich während meiner Doktorarbeit zu trödeln begann. Völlig unnötigerweise, muß man dazusagen, aber es ist passiert. Nun war es so, daß ich mir mit aktiven Sternen kein besonders heiß umkämpftes Fachgebiet ausgesucht hatte, bei dem man ständig in Sorge sein mußte, daß die Konkurrenz bei der Veröffentlichung der relevanten Ergebnisse schneller war als man selbst. Dadurch fehlte also gewissermaßen der Druck vorwärtszukommen.

Tja, und irgendwann stellt man dann ernüchtert fest, daß man wissenschaftlich gesehen "nichts Großes geleistet" hat und fragt sich wie es weitergehen soll. In der öffentlichen Forschung zu arbeiten (und was anderes gibt es in der Astronomie eigentlich nicht) ist ein hartes Brot, Markus Dahlem kann im Moment ein Liedchen davon singen: Feste Stellen im akademischen Mittelbau oder als Professor sind rar, stattdessen muß man sich darauf einstellen, sich jahrelang von Job zu Job, von Institut zu Institut zu hangeln. Und wenn man Pech hat, steht man dann aufgrund gesetzlicher Regelungen trotzdem irgendwann auf der Straße und darf nicht weitermachen.

Ich war inzwischen Ende 20, und während ich noch wenige Jahre zuvor absolut nichts dagegen gehabt hätte, im Laufe meiner Karriere viel in der Welt herumzukommen, sagte mir die Aussicht auf ein solches Prozedere inzwischen nicht mehr sonderlich zu, obwohl ich verschiedene Angebote hatte, mit denen es nach der Promotion hätte weitergehen können. Hinzu kam, daß ich miterlebte, wie sich Kollegen, die schon als Doktoranden viel mehr publiziert hatten als ich und die gefühlterweise "besser" waren als man selber, sich als Postdocs schließlich erfolglos um feste Stellen bewarben.

Als die Stellenanzeige für meinen jetzigen Job am Haus der Astronomie in Sterne und Weltraum erschien, zögerte ich. Wirklich Abschied nehmen von der "richtigen" Wissenschaft und die alte Leidenschaft Öffentlichkeitsarbeit auch ganz offiziell zum Beruf machen? Außerdem war da ja noch die Sache mit der Promotion. Aber viele Freunde und Bekannte bestärkten mich darin, "Das bist du, der da beschrieben ist, das da ist dein Job" sagten sie. Und jetzt bin ich hier.

So ganz von den aktiven Sternen lassen kann ich aber nicht (zumal sich die Promotion letztlich noch sage und schreibe fast zwei weitere Jahre hingezogen hat), und so verfasse ich neben didaktischen Materialien auch immer mal wieder Beobachtungsanträge - erfolgreich, siehe oben - und leiste hier und da kleinere Beiträge auf meinem Fachgebiet. Und wer weiß, vielleicht schreibe ich irgendwann doch noch mal eine Pressemitteilung zu meinen eigenen Forschungsergebnissen...


6 Kommentare zu “#IamScience – wie es mich in die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit verschlagen hat”

  1. Hans Antworten | Permalink

    Dann wünsche ich viel Erfolg bei der verbleibenden Forschung. :-)
    Vielleicht findet sich in Vizier ja irgendwann noch mal ein Liefke-Katalog...

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    Sehr schön beschrieben! :-)

    Und besonders Klasse finde ich, dass in kleinem Rahmen auch weiterhin Forschung UND Lehre möglich geworden sind! Vorbildlich! :-)

  3. Geoman Antworten | Permalink

    Herr Blume kann es nicht lassen!

    Wie immer freundlich umgarnend, versucht er nach Florian Freistetter auch Sie, für seine wirre Idee eines Bürgerwissenschaftlers ('Forschung und Lehre im kleinen Rahmen..'.) zu vereinnahmen

  4. Carolin Liefke Antworten | Permalink

    @Geoman

    Ich teile bestimmt nicht alle Überzeugungen von Michael Blume, aber an der eines Bürgerwissenschaftlers ist nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil.

  5. Michael Khan Antworten | Permalink

    Bürgerastronomen

    Als Amateurastronom ist mir wohl bewusst, dass es gerade die Amateurastronomie ist, die viele junge Leute erst dazu bringt, sich den Naturwissenschaften zuzuwenden.

    Diese Amateurastronomie wird getragen von Leuten, die im Hauptberuf einen ganz anderen Job machen und sich ihr astronomisches und manchmal auch ihr naturwissenschaftliches Wissen in ihrer Freizeit angeeignet haben. Diese Leute leisten da etwas, was Schulen, Universitäten und etablierte Wissenschaft offenbar nicht zu leisten vermögen.

    Ich habe das Glück, dass ich zumindest einen Teil meiner naturwissenschaftlichen Ausbildung im Studium erwerben konnte. Ich verzichte hier allerdings darauf, anders als mancher Mitblogger, mit Titeln, Noten oder Auszeichnungen zu prahlen.

    Nicht nur deswegen, weil ich realistischerweise annehme, dass solches Ego-Streicheln wirklich niemanden interessiert und nur ein schlechtes Licht auf mich selbst werfen würde. Mir ist wohl bewusst, welche Schwächen eine akademische Ausbildung hat, welche Lücken sie nicht zu schließen vermag und wie wenig sie wert ist, wenn nicht in Eigeninitiative all die Dinge hinzugelernt werden, die man einfach wissen sollte, bevor man mitreden kann.

    Ja, Bürgerwissenschaft ist notwendig, vor allem deswegen, weil sie ein wesentliches Element der Allgemeinbildung darstellt.

    Und jetzt kommt das ¨Aber¨.

    In regelmäßigen, gefühlt immer kürzer werdenden Abständen flattern mir Vorschläge von naturwissenschaftlichen Laien, also Bürgerwissenschaftlern, die sich in ihrer Freizeit mit naturwissenschaftlichen Themen auseinandersetzen, auf den Tisch, die meinen, Probleme geknackt zu haben, die die Forschung, Wissenschaft, Technik und Industrie der Welt bis heute nicht lösen konnte. In der Regel geben sich solche Vorschläge nicht mit den Dingen ab, die man sich sozusagen als Aufwärmübung ja erst einmal lösen könnte. Nein, es müssen gleich fundamentale kosmologische Fragen, die ultimative Form der Energieversorgung, ein Raumfahrtantrieb sein, der ganz ohne Treibstoff auskommt, eine alternative Theorie zur Mondentstehung oder die interplanetare Kommunikation per Telepathie.

    Politik der Presseabteilung ist es, keine Frage unbeantwortet zu lassen, wobei man die Hilfe von fachleuten braucht. Tatsache ist aber auch, dass es einfach ausgesprochen zeitraubend ist, sich durch 100 engbeschriebene Schreibmaschinenseiten zu lesen, selbst wenn die Sichtung nur so weit geht, bis der erste offensichtliche und grundlegende Fehler entdeckt wird, sodass die Antwort aufgesetzt werden kann: ¨Sehr geehrte(r) Herr/Frau _____, Vielen Dank für Ihren Vorschlag zum Thema ______, der eine wirklich gute Idee wäre, wenn er nicht gegen ein fundamentales Naturgesetz verstoßen würde, und zwar _____________.¨

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ja, Bürgerwissenschaft ist sinnvoll, unverzichtbar und notwendig, aber nicht problemfrei. Denn sie kann, wenn beim Bürgerwissenschaftler Selbstüberschätzung und mangelnder Wille zur kritischen Prüfung der eigenen Arbeit zusammenkommen, den professionellen Wissenschaftler viel Zeit kosten. Zeit, die jenem später bei seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit fehlt.

  6. Carolin Liefke Antworten | Permalink

    Bürgerwissenschaftler vs. Crank

    Hallo Michael,

    du bist bei weitem nicht der Einzige, der derartige Zuschriften erhält :-)

    Irgendwo würde ich sowas aber von den Bürgerwissenschaften abgrenzen wollen. Klassische Citizen Science-Projekte a la Galaxy Zoo zum Beispiel lassen die Menschen an echter Wissenschaft teilhaben, ohne von ihnen großartige Vorkenntnisse oder aufwendiges Einarbeiten in die Thematik zu verlangen - regen natürlich aber durchaus dazu an, sich auch über das jeweilige Projekt hinaus damit zu beschäftigen.

    Ganz nebenbei vermitteln solche Projekte aber auch wissenschaftliche Methode, nämlich daß das Ganze kein Wettbewerb ist, wo es auf die Masse ankommt, es also mit "Klick - Nächster" nicht getan ist, sondern daß man die Augen aufhalten und sich Gedanken machen muß ob das was man als Ergebnis rausbekommt auch Sinn macht. Wer nach diesem Prinzip vorgeht, dem geht auch ziemlich schnell auf, daß es mit einer grandiosen Idee, wie man den Urknall erklären, Einstein widerlegen etc. nicht getan ist, sondern daß man Hintergrund- (also Fach)wissen braucht, um das Für und Wieder richtig beurteilen zu können.

    Wer mit dieser - eben der wissenschaftlichen - Vorgehensweise insbesondere nach Daraufhinweisen nichts anfangen kann, der heißt dann nicht mehr Bürgerwissenschaftler sondern Crank.

    Ich wage daher mal zu behaupten, keiner deiner (und meiner) Schreiberlinge, die mit ihren Ideen und Behauptungen (als Theorien kann man das im Allgemeinen ja nichtmal bezeichnen...) ankommen, hat jemals echte Bürgerwissenschaft betrieben.

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