Hat der Klimawandel Knut gekillt?

20. März 2011 von Bastian Greshake in Biologie

Das Treffen der Scilogger in Deidesheim wurde von einem tragischen Ereignis überschattet: Der Eisbär Knut ist verstorben. Dank eines Medienhypes wurde er als goldiges Fellknäuel bekannt. Nachdem aus ihm ein ausgewachsener Fleischfresser geworden ist, hat sich das mit der Goldigkeit etwas verloren. Aber das scheint, mit seinem Ableben, schon wieder vergessen. Neben dieser Breaking News habe ich aus Deidesheim vor allem die Blogger-Weisheit mitgenommen, dass sich Blogpostings mit den Themen Sex, Religion und Klimawandel besonders gut verkaufen lassen (Klappt auch mit traditionellen Medien, man schaue sich die Seite 1 der BILD an). Da es mir relativ unwahrscheinlich erscheint, Eisbär-Experten mögen mich korrigieren, dass Knut bei einem tragischen Unfall durch autoerotische Asphyxiation umgekommen ist, hab ich mir dann doch lieber mal aktuelle Entwicklungen um den Lebensraum der Eisbären angeschaut.

Das Thema ist nicht wirklich neu, und auch diverse Umweltschutz-Organisationen werben ja gerne mit dem einsamen Eisbären auf einer immer kleiner werdenden Eisscholle. Fakt ist, dass sich das Klima in der Arktis schneller verändert als in anderen Regionen der Erde. Dabei schrumpft das ewige Eis, der Name war dann wohl unverdient, seit 1979 um gute 11% pro Dekade. Das stellt die Tiere, die dort beheimatet sind, sowie das gesamte Ökosystem vor Herausforderungen: Das Nahrungsangebot und die Biodiversität verändert sich und damit ändert sich auch die Zusammensetzung innerhalb der Populationen von einzelnen Arten. Da der Eisbär am oberen Ende der lokalen Nahrungskette steht, ist er ein guter Indikator für den Zustand des gesamten Ökosystems. Wenn das Eis schmilzt und zurückgeht, dann werden Eisbären nicht nur dazu gezwungen, ihren Sommer auf dem Festland zu verbringen (um dort ihre Energiereserven zu verzehren). Sondern sie müssen auch weitere Strecken schwimmen, was ebenfalls nicht ohne Risiko ist, gerade für den Nachwuchs.

Im Mai 2008 haben die USA den Eisbären auf die Liste der bedrohten Tierarten aufgenommen. Mit ausschlaggebend war dafür eine Studie, die evaluiert, wie die Risiken für die Art sich in der Zukunft entwickeln wird. Die Studie selbst ist im Oktober letzten Jahres in Ecology erschienen und verbindet ein Modell zur Populationsentwicklung der Eisbären mit den Klimamodellen der IPCC. Initial wurde eine Population von gut 1500 Tieren beobachtet. Davon wurden um die 600 Tiere gefangen und mit einem Sender ausgestattet. Aus diesen Daten wurden dann Modelle erstellt, die berechnen, wie Populationen auf Veränderungen im Eis reagieren. Diese Modelle zum Populationswachstum wurden dann mit den Klima-Modellen verbunden. Und damit kann man dann schauen, wie sich die Population in Zukunft, bei wechselnden Parametern, verändern sollte.

Und die Vorhersagen der Modelle sind nicht unbedingt erfreulich: Je nach Modell liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Population bis 2100 um 50% schrumpft, zwischen 92 bis 99% Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für einen Rückgang um 99 oder mehr Prozent liegt zwischen 80 bis 94%. Und bei einem solchen Rückgang wäre es dann auch recht wahrscheinlich, dass die gesamte Population einfach ausstirbt.

Aber Modelle vereinfachen, das müssen sie. Und das ist kein Fehler, sondern genau das, was sie tun sollen. In dem hier beschriebenen Modell hat man zum Beispiel nicht berücksichtigt, dass der Klimawandel auch noch diffizilere Auswirkungen auf Eisbären haben könnte. Im Februar ist in Nature Communications ein Modell erschienen, dass sich einen weiteren Aspekt genauer anschaut: Wie sich die Größe des typischen Eisbären-Wurfs verändert. Normalerweise, also aktuell, wirft ein Weibchen zwischen ein und drei Bärchen pro erfolgreicher Saison. Die Paarung erfolgt zur Jagdzeit, im Sommer (Der Sex hat es also doch noch in das Posting geschafft!). Da aber sowohl die Schwangerschaft, als auch die Stillzeit, in die Ruheperiode fallen, gibt es zu diesem Zeitpunkt keine Nahrung mehr. Die Weibchen müssen die Aufzucht ihres Wurfs also aus den im Sommer angefressenen Reserven bewerkstelligen.

Durch den Klimawandel sinkt nun die Zeit, die von den Eisbären zur Jagd genutzt werden kann. Ich vermute mal, dass sie nicht aus Zeitnot auf die Paarung verzichten werden, aber trotzdem verändert dies die Bedingungen für die Aufzucht des Wurfs. Da die Weibchen sich weniger Energiereserven anfressen können, steht dann auch weniger Energie für den Nachwuchs zur Verfügung. Und genau diesen Zusammenhang von sinkender Jagdperiode und damit sinkender Energiereserve und damit die Wurfgröße, hat man versucht zu modellieren. Dazu hat man erstmal die Daten von 28 schwangeren Eisbärenweibchen gesammelt.

Damit hat man dann geschaut wie man effizientesten vorhersagen kann, wie groß der Wurf wird. Das beste Modell betrachtet dazu einfach die “Energiedichte”, also wie fett das Weibchen bei Eintritt in die Höhle, wo der Wurf geboren wird, ist. In einem zweiten Schritt kann man nun schauen, wie sich die Energiedichte verändert, wenn die Jagdperiode wird. Leider weiss man nicht genau, zu welcher Jahreszeit sich Eisbären ihr Fett anfressen. Es könnte sein, dass Eisbären sich den Großteil ihrer Energiereserven zu Beginn der Jagdsaison anfressen (“Early Feeding”). Oder es könnte sein, dass sie sich die Energiereserven kurz vor Schluss der Jagdsaison anfressen (“Late Feeding”). Besonders negativ dürfte es sich auf die Energiedichte der Tiere auswirken, wenn sie wirklich das Late Feeding nutzen. Denn da die Jagdsaison, ausgelöst durch den Klimawandel, gerade am hinteren Ende wegschmilzt, wird die Energiedichte in diesem Szenario sehr schnell, viel geringer. Bei dem Early Feeding ist die Auswirkung der verkürzten Jagdsaison daher vermutlich geringer.

Und das ist auch so ziemlich das Ergebnis, welches die erzeugten Modelle zeigen. Die linke Grafik zeigt die Early Feeding-Ergebnisse, die rechte Grafik die Late Feeding-Ergebnisse. Die Daten auf der x-Achse zeigen, an welchem Datum die Weibchen wieder aufs Festland kommen. Auf der y-Achse ist der Anteil der schwangeren Weibchen aufgetragen. Die 4 Kurven p0 bis p3 stehen dann für die Wurfgröße, also kein Nachwuchs (weil das Weibchen zu wenig Energiereserven hatte) bis 3 Nachkommen. Gerade bei der Late Feeding-Bedingung sieht man drastisch, was für Auswirkungen ein früheres An-Land-Kommen für die Eisbären bedeutet. Wenn der Landgang zu früh erfolgen muss, dann haben die Weibchen gar nicht die Chance sich auch nur geringe Reserven anzufressen und von daher schafft es gar kein Weibchen mehr Nachwuchs zu gebären. Das sichere aus für Eisbären. Sollten die Eisbären allerdings im Frühjahr die Energiereserven anlegen, dann bleibt der grundlegende Effekt zwar noch der Gleiche, die Auswirkungen sind aber nicht so drastisch. Hier wäre es jetzt spannend zu beobachten, welchen der beiden Futter-Modi die Eisbären nutzen.

Diese Modelle sprechen jetzt nicht unbedingt für eine rosige Zukunft der Eisbären. Allerdings gibt es auch andere Stimmen, die behaupten, dass sie sich schnell genug an ein wandelndes Klima anpassen und gegebenenfalls auch einfach auf andere Nahrungsquellen umsteigen können. Viele andere Wissenschaftler sehen das skeptisch. Und zu der Gruppe gehöre auch Ich. Zum einen sind Nahrungsquellen einfach nur relativ begrenzt vorhanden, gerade in hohen Breitengraden ist da nun mal nicht viel zu holen. Und die anderen ökologischen Nischen sind dort bereits von anderen Tieren besetzt. Ich halte es für relativ unwahrscheinlich, dass der Eisbär als Spezies eine solche so einfach übernehmen kann.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Eisbären, zumindest für evolutionäre Anpassungen, denkbar ungeeignete Startvoraussetzungen mitbringen. Der Klimawandel vollzieht sich extrem schnell, ohne Anpassungen stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Art bis zum Ende dieses Jahrhunderts ausgestorben ist. Diesem raschen Wandel steht die recht lange Generationszeit des Eisbären entgegen: Normalerweise werden Eisbären erst mit 5 Jahren geschlechtsreif. Bis 2100 haben die Eisbären, wenn ich im Kopf richtig überschlagen habe, noch gute 18 Generationen Zeit. Und das bei einer jetzt schon geringen Wurfgröße, die vermutlich auch noch über die Zeit mit sinkt. Ich befürchte, dass es für evolutionäre Adaptionen nicht reicht, auch wenn ich hoffe, dass es nicht so weit kommt. Der Klimawandel hat vermutlich nicht Knut getötet, aber er könnte seine Artgenossen erwischen. Erfreut euch also an den Eisbären, solange es sie noch gibt. Dieses Video kann dabei helfen.

Grafik: Aus der Veröffentlichung

Hunter, C., Caswell, H., Runge, M., Regehr, E., Amstrup, S., & Stirling, I. (2010). Climate change threatens polar bear populations: a stochastic demographic analysis Ecology, 91 (10), 2883-2897 DOI: 10.1890/09-1641.1

Molnár, P., Derocher, A., Klanjscek, T., & Lewis, M. (2011). Predicting climate change impacts on polar bear litter size Nature Communications, 2 DOI: 10.1038/ncomms1183
Flattr this


3 Kommentare zu “Hat der Klimawandel Knut gekillt?”

  1. Bastian Antworten | Permalink

    Der (flüssige) Geist von Deidesheim...

    ...hatte dabei gar nicht so viel mit dem Beitrag zu tun. ;)

  2. Stella R. Antworten | Permalink

    Absolut interessanter Artikel

    Wow bin begeistert von diesem Artikel. Schäme mich schon fast ein bißchen dafür, dass erst etwas passieren muß damit man anfängt nachzudenken und zu hinterfragen.
    Ich kann nicht nachvollziehen das es Menschen gibt die Jagdausflüge anbieten und welche die dafür auch noch viel Geld zahlen. Cape Churchill ist ein perverses Beispiel für geldgeile Trophäenjäger.
    Wir Menschen sollten aufwachen, obwohl ich nicht sicher bin ob es nicht schon zu spät ist. Wir maßen uns an Gott zu spielen und merken nicht das wir auf einer tickenden Zeitbombe sitzen. Noch abwägiger ist, dass wir sie selbst gezündet haben.
    Tiere & Menschen sollten in ihrer natürlichen Umgebung zur Welt kommen, aufwachsen und voneinander lernen.
    Für unsere Kinder und Kindeskinder sollten wir es möglich machen.

    Gegen Tierhaltung in Zoos, Zirkus usw.

Einen Kommentar schreiben


× eins = 2