brainlogs Alles hängt mit allem zusammen

"Lärm um Nichts?" Oder Zwei-Klassen-Lärmschutz?

von Monika Armand, 09. August 2008, 13:42

Es geht in meinem heutigen Beitrag darum, dass die Umsetzung der EU-Umgebungs­lärmrichtlinie in NRW auf der Basis der NRW-Lärmkarten offenbar enorme Ungereimtheiten enthält....Denn, das NRW-Umweltministerium legt einen Lärmplan vor, welcher unserem logischem Verstand nicht so richtig "schmecken" will. Das NRW-Umweltministerium hat damit kein Problem. Nun ja, in der Politik wird nach den "Fakten" und nicht...hmm...hmm....lassen wir das lieber ;-))


Der Fall lässt den NRW-Grünen-Fraktionssprecher Johannes Wiemann-Wendt jedenfalls an der Seriosität der NRW'schen Lärmkartierung gewaltig zweifeln und er fragt die Landesregierung:

"Löst sich der Verkehr plötzlich in Luft auf"?


Aber sehen Sie selbst (Lärmpegel an der Stadtgrenze (blaue Linie) Bielefeld-Steinhagen :
1. Bild: 24-Stunden-Zeitraum 2. Bild: Lärmpegel bei Nacht (blassere Farben= weniger Lärm)

BI-ST-24h-KlBI-ST-Nacht-Kl

und dasselbe in der Vergrößerung:

BI-ST-Nacht-GrossBI-ST-Gross-24h

Hüpfen hier die Fahrzeuge massenweise von der Fahrbahn und schalten den Motor ab? Tatsächlich, man ist geneigt das zu fragen....... Zwischen Steinhagen und Bielefeld scheint sich "Merkwürdiges" zu ereignen....

Warum hat Bielefeld ein ca. 200m breites Lärmband und bei Steinhagen reduziert sich dieses ganz plötzlich nur noch auf eine Breite von 20 bis 50 Meter?
Haben die Steinhagener Bürger etwa eine lärmschluckende Ausstrahlung? Aber nachts schlafen die Steinhagener (in der Regel ;-) und trotzdem ist auch der nächtliche Lärm deutlich geringer als in Bielefeld?

Oder haben die Steinhagener etwa unsichtbare "Lärmschutzwände"......Nun, was hier los ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht haben hier einige Physiker eine Antwort....sie kennen sich besser aus mit den Eigenschaften des Schalls und da soll es ja tatsächlich erstaunliche Möglichkeiten geben......Als Musikerin weiß ich zumindest, dass Eierkartons an den Wänden "Wunder wirken" können.....

Zahlenmässig, so berichtet der Autor Jürgen Wohlgemuth des Zeitungsartikels ( Haller Kreisblatt,9./10.08.2008), unterschieden sich die berechneten Lärmwerte an der Bundesstraße teilweise um ein Zehnfaches zu Ungunsten der Gemeinde Steinhagen. Auch an anderen Stellen in Nordrhein-Westfalen gibt es diese wundersamen Lärmreduzierungen oder -vermehrungen, je nachdem von welchem Standpunkt aus man die Orte betrachtet......

Johannes Wiemann-Wendt ist der Ansicht, dass die NRW-Verkehrslärmkartierung jedenfalls unseriös und mit zweierlei Maß gemessen worden sei. Die vor Wochen gestellte kleine Anfrage an den NRW-Landtag sei bislang noch unbeantwortet....

Pikanter Hinweis am Schluss des Beitrages:

  • Die geringeren Messwerte ab der Gemeinde Steinhagen sind das Ergebnis der Messungen des "Landesbetriebes Straßenbau NRW"
  • Für die fast 10-fach höheren Werte in Bielefeld zeichnet sich ein nicht genanntes "unabhängiges" Büro verantwortlich.

Nun hoffe ich, dass uns fachkundige Leser ein paar wissenschaftlich fundiertere? Antworten vielleicht hier im Blog geben können? Die für Laien komplex anmutende "Theorie" zum EU-Lärmschutzkonzept: Konzept zur Lärmkartierung in NRW ist wohl für Experten gemacht. Das Ergebnis dürfte wohl weder für Laien, noch für Experten taugen, oder?

Quellen: Artikel von Jürgen Wohlgemuth im Haller Kreisblatt vom 09./10.08.2008, Rubrik "Lokales Steinhagen" und Abbildungen von der NRW-Webseite: Umgebungslärm in Nordrhein-Westfalen

Lesehinweis zu diesem Thema: Beitrag von Björn Lohmann in:

spektrumdirekt
Schutz vor Verkehrslärm lässt auf sich warten
01.08.2008 | Stille, so richtige Stille ohne jedes Geräusch - die kann sich ein Stadtmensch kaum noch vorstellen. Zwei von drei Bundesbürgern fühlen sich vom Verkehrslärm gestört. Dabei macht der krank oder erhöht..

Ähnliche Artikel:


antworten

Kommentare

  1. Lars Fischer Dass hier...
    09.08.2008 | 17:49

    ...zwei Karten aneinandergelegt wurden, die man so nicht hätte aneinanderlegen dürften, ist ja offensichtlich.

    Das, was die da gemessen haben, scheint der Dauerschallpegel zu sein, und der lässt sich meines Wissens nicht direkt physikalisch messen, sondern schließt eine Gewichtung der einzelnen Schallereignisse ein. Mich wundert nur, dass die Verfahren offenbar nicht normiert sind.

    Wenn man derartige Messungen in ein einzelnes Kartenwerk zusammenpackt, müssen die Basislinien natürlich angeglichen werden, was hier anscheinend nicht passiert ist. Insofern würde ich das Problem gar nicht bei der Messung sehen, sondern bei der schlampigen Zusammenstellung der Gesamtkarten.

  2. Thilo Bielefeld & Landkarten
    09.08.2008 | 23:27

    Also beim Thema 'Karten von Bielefeld und Umgebung' wundert man sich ja über nichts mehr, siehe z.B. Dorf fehlt auf Google Earth > Die Bielefeld-Verschwörungoder Die Bielefeld-Verschwörung oder Gibt es Bielefeld wirklich nicht? Steckt Google ganz tief mit drin? oder. ...

  3. Monika Armand Lärmkartierung im Nirwana ?.......
    10.08.2008 | 10:02

    oder fehlerhafte Mess- oder Kartierungsverfahren...Ja, das ist hier die Frage........

    @ Lars "Mich wundert nur, dass die Verfahren offenbar nicht normiert sind."
    Ja, ich tendiere auch zu dieser Annahme....der zuständige Minister allerdings "lobt" das Projekit "Lärmkartierung" in den höchsten Tönen:

    Der NRW-Minister für "Umwelt und Naturschutz,Landwirtschaft und Verbraucherschutz", Eckhard Uhlenberg sieht die Kartierung, wie er der Presse mitteilte, als großen Erfolg...... (Presseinformation.):

    ...."Das Projekt Lärmkartierung ist für mich auch ein Beispiel dafür, wie
    verschiedene Partner aus Behörden, Universitäten und Privatwirtschaft
    erfolgreich zusammengearbeitet haben. Denn neben dem LANUV
    waren der Landesbetrieb Straßenbau, das ehemalige
    Landesvermessungsamt, das Landesamt für Datenverarbeitung und
    Statistik, die Universität Bonn und private Institutionen an dem Projekt
    beteiligt....[...]
    Das LANUV hat für die Lärmkartierung ein hoch modernes System aufgebaut, das die
    bestehende Geodaten-Infrastruktur des Landes nutzt..."

    wie gesagt "hochmodern" , nur dem wissenschaftlich denkenden Normalbürger nicht zugänglich......und wie in der Presseinformation betont wird:

    ..."Dieses System zeichnet sich dadurch aus,dass es zukunftsfähig ist, da es für die nächste Stufe der Lärmkartierung im Jahr 2012 ausgebaut und genutzt werden kann."

    Ich vermute, nein ich fürchte fast, dass Thilo hier mit seiner Anmerkung zur Bielefeld Verschwörungstheorie richtig liegen könnte :-D....Existiert nicht und macht trotzdem enorm viel Lärm....unheimlich.....;-)))))

  4. Werner Große Lärm um viel?
    11.08.2008 | 11:59

    Die Gesamtkarte Nordrhein-Westfalen
    http://www.umgebungslaerm-kartierung.nrw.de/laerm/viewer.htm

    zeigt, dass bisher nur wenige Ballungszentren vermessen worden sind und dass die Messgebiete sich an Ortsgrenzen orientieren; Bielefeld bildet eine „Insel“ der Vermessung. Demzufolge brechen die kartografierten Gebiete an den Ortsgrenzen abrupt ab, mit Ausnahme weniger vielbefahrener Ausfallstraßen. Steinhagen als Gemeinde ist offensichtlich noch nicht erfasst, wohl aber die in Frage stehende B 68.

    Damit bleibt die Frage, weshalb eine Stufe im Lärmpegel an der Ortsgrenze Bielefeld/Steinhagen verzeichnet ist. Da gebe ich Lars Fischer recht, dass hier wohl die Karte schlampig erstellt wurde. Sein Hinweis auf mögliche unterschiedliche Berechnung von Dauer- oder anderen zusammenfassenden Durchschnittswerten scheint wahrscheinlich. Eine unumgängliche Fehlerquelle jedoch ist: Man kann keine Messung räumlich kontinuierlich machen, man muss stets mit diskreten Messpunkten arbeiten. Dann kann man entweder Zwischenwerte interpolieren oder die Rasterung grafisch als Pixel zeigen. In Bielefeld wurde offensichtlich dichter (mit einer höheren räumlichen Auflösung) und auch weiträumiger gemessen als an der B 68 im Gemeindebereich Steinhagen.

    Die von Johannes Wiemann-Wendt konstatierten „fast 10-fach höheren Werte in Bielefeld“ sind ein Äpfel-Birnen-Vergleich. Soweit ich es der Karte entnehmen kann, macht der Lärmpegelsprung an der Ortsgrenze eine Differenz von 5 bis maximal 10 dB (Dezibel) aus. Da die Einheit Bel der Logarithmus der Schall-Leistung ist, kann man zwar in diese Einheit zurückrechnen und aus „plus 10“ wird dann „mal 10“, aber aus „plus 5“ nur „mal 3,15“) . Ob das allerdings dem Verständnis der Lärmphysik hilft, ist zweifelhaft. Der Logarithmus wurde nämlich deshalb gewählt, damit die Einheit für Lautstärke sich an der sinnlichen Wahrnehmung des Menschen orientiert und das subjektive Lärmempfinden sich besser erfassen läßt. Und um das geht es doch hier. Aber für den Schuss Verschwörungstheorie scheint es dienlich zu sein.

  5. Monika Armand Messergebnisse & Konsequenzen
    11.08.2008 | 12:43

    Lieber Herr Große,
    herzlichen Dank für Ihre aufschlussreichen Ausführungen zur Problematik von Lärmmessungen.

    Offenbar wird die, wie Lars sagt, unzureichende Normierung, dann auch zu einem Politikum. Björn Lohmann schreibt dazu in seinem Beitrag: "Keine Ruhe in Städten":

    Krach macht krank
    ...[..]
    "Zu stark" heißt hierbei, rund um die Uhr ein Pegel von mindestens 55 Dezibel, also der Lautstärke eines normalen Gesprächs. Diesen Grenzwert hat vor Jahren die Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgesetzt, und er wurde seitdem in vielen Studien bestätigt....[...]...Die Nachtruhe gilt neben dem permanenten Geräuschpegel am Tag als zweiter wichtiger Gesundheitsaspekt: Die schädliche Wirkung von Lärm hängt auch damit zusammen, wie lang die Ruhephasen dazwischen sind. Wer gar nicht mehr zur Ruhe kommt, ist gestresst und fühlt sich unwohl."

    Ich vermute, dass daher die Unterschiede in der Lärmkartierung- politisch gesehen - äußerst brisant sind. Denn für die Beurteilung der Gesundheitsschädlichkeit sind es evtl. dann gerade jene 5 Dezibel, welche den Ausschlag für notwendige Gegenmaßnahmen geben können.......

    und dann geht es um Geld, vermutlich um sehr viel Geld, um den Anspruch auf Zuschüsse für Lärmschutzmaßnahmen an Privathäusern etc. etc.???

  6. Christian Koezle Lärmschutzmaßnahmen
    07.09.2008 | 15:44

    Was hindert eigentlich die Stadt / Polizei daran, regelmäßig Geschwindigkeitskontrollen durchzuführen? Jeder Autofahrer weiss doch, dass auf der B68 und dem OWD eine verschwindend geringe Minderheit die Geschwindigkeitsbegrenzungen einhält. Jede halbwegs gebildete Person weiß doch auch, dass ein schneller fahrendes Auto mehr Lärm produziert als ein langsamer fahrendes. Es wäre doch einfach und die kostengünstigste Variante, diese Lärmquelle in großen Teilen zu bekämpfen.

  7. Oliver Pittam Lärmkartierung
    23.10.2008 | 12:50

    Über die wissenschaftlich exakten Grundlagen kann ich nicht viel sagen, jedoch über die Art der Erhebung von Lärmpegelmessungen im Strassenverkehr, habe solche nämlich selbst mal ein Jahr lang durchgeführt und auch die Karten mit erstellt. Dazu ist zu sagen das sehr unterschiedliche Verfahren zum Einsatz kommen. Wir haben zum Beispiel Fahrzeuge über jew. eine Stunde mittig zwischen zwei Kreuzungen gezählt, und dann mittels Software Tages- und Jahreszeitliche Mittel berechnet, eingerchnet wird auch Gebäudehöhe und Entfernung (Reflektion), Linienbusverkehr etc. Natürlich gibt es auch "echte" Messungenn mit dB-Pegelmessgeräten(selten da teuer wegen Eichung),die in bestimmten Höhen und Entfernungen eingesetzt werden müssen allein hier liegt schon ein riesiges Fehlerpotential., es kann sogar sein das einfach ein Kopfsteinplaster an der Satdtgrenze endet und dort Flüsterasphalt beginnt... Wenn die selbe Strasse mal in den Ferien oder Abends erhoben wird, oder eben wenn grad zufällig die Fabrik um die Ecke Feierabend hat entstehen ganz unterschiedliche Werte. Seid bitte nicht zu streng mit den Erhebern, es wird sich nach meiner Erfahrung mit viel Aufwand um Genauigkeit bemüht. Auf Nachfrage MÜSSEN die Behörden übrigens mittteilen wer genau was wie erhoben hat, da es sich ja um Daten der öffentlichen Verwaltung handelt, für die der Steuerzahler bezahlt hat! (diese Auskunftspflicht hatten wir in Berlin auch) also: nachhacken! Ach ja das mit den Eierkartonns ist ein Mythos (zu leicht) schweres weiches Material eignet sich erheblich besser...

  8. Monika Armand @ Oliver Pittam
    23.10.2008 | 15:35

    Vielen Dank für Ihre ausführlichen Informationen. Ich finde es köstlich, dass einerseits "genau" gearbeitet wird bzw. gearbeitet werden muss und andererseits aus messtheoretischer Sicht die Bemühung um Genauigkeit, dank fehlender Messstandards und unterschiedlicher Messmethoden,wieder ad Absurdum geführt wird.....

    Das kommt einem doch wieder bekannt vor ;-)
    Grau ist alle Theorie und die Praxis lebt lieber ohne sie......

szmtag