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Geburtstagswünsche

22. Februar 2012, 09:29

"Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat: – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt. Jedoch ist es für ein denkendes Wesen eine mißliche Lage, auf einer jener zahllosen im gränzenlosen Raum frei schwebenden Kugeln zu stehn, ohne zu wissen woher noch wohin, und nur Eines zu seyn von unzählbaren ähnlichen Wesen, die sich drängen, treiben, quälen, rastlos und schnell entstehend und vergehend, in anfangs- und endloser Zeit: dabei nichts Beharrliches, als allein die Materie und die Wiederkehr der selben, verschiedenen, organischen Formen, mittelst gewisser Wege und Kanäle, die nun ein Mal dasind. Alles was empirische Wissenschaft lehren kann, ist nur die genauere Beschaffenheit und Regel dieser Hergänge."

Arthur Schopenhauer (22. Februar 1788 - 21. September 1860)

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Doktor Schopenhauer! Mit allen guten Wünschen; dem vor allem: dass Sie da 'raus gekommen sein mögen.




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Isotroper Fraktionator

20. Februar 2012, 15:14

Doch, es geht um Wissenschaft. Neuroanatomie sogar. Obwohl es erstmal ganz anders klingt.

"Isotroper Fraktionator" -"der gleichrichtende Zerbrecher" [1]: Das riecht nach Mord und Totschlag, nach einem Scharfrichter, der die Knochen und Glieder seiner Opfer auf dem Rad verhackstückt. "Isotroper Fraktionator": Das erinnert die Anatomen an den bösen Witz, den sie so gerne über die Molekularbiologen und Biochemiker machen. Bei denen, so lästern die Anatomen, begännen fast alle Laborprotokolle mit den Worten: "Man nehme eine Maus und stecke sie in den Mixer...".

Ein "tissue grinder", auch "potter" genannt. Von hier.

Der isotrope Fraktionator ist ein Mixer. Ein "tissue grinder". Eine ganze Maus passt da nicht hinein. Aber Teile schon. Und wenn die wieder aus dem Mahlwerk herauskommen, sind sie bis zur Unkenntlichkeit vermatscht. Noch nicht mal die Zellen bleiben intakt. Aber - oh Wunder - auch mit Mäusemus kann man noch Anatomie machen, und mit Menschenmatsch auch. Und das geht so.

Mal angenommen, Sie wollten wissen, wieviele Nervenzellen ein Hirn hat. Sagen wir ruhig mal: das eines Menschen. Die Literatur sagt: so etwa 100 Milliarden. Und nochmal 1000 Milliarden Gliazellen obendrauf. Es ist unmittelbar evident, dass kein Mensch die modulo "1,2,3,4..." abgezählt hat, das ähnelte ja dem Versuch, die deutschen Staatsschulden euroweise abzuzählen...

(Was übrigens ein Beschäftigungsprogramm wäre, man müsste mal ausrechnen, wie lange es dauern würde, von "ein Euro, zwei Euro ..." bis zu "zweitausendundvierundziebzigmilliarden-neunhundertneunundneunzigmillionen-neunhundertachtundsiebzigtausend-dreihundertundvierundsechzig Euro" zu zählen. Vermutlich ginge das aber gar nicht, und zwar nicht nur deshalb, weil eine Lebenszeit dafür nicht ausreichte, sondern weil die Schulden sekündlich schneller steigen, als man die Zahlen aussprechen kann, die sie benennen, was im übrigen eine nette, fast metaphysisch-mathematische Einsicht in das Wesen der Schuldenkrise gewährt - sozusagen der Cantorsche Beweis der Überabzählbarkeit der Schulden, in's Temporale gewendet ... ich schweife ab, Entschuldigung.)

...dass also kein Mensch 100 Milliarden Zellen abgezählt hat, sondern dass das eine Hochrechnung ist. Und wie macht man die? Nun, man macht einen mikroskopischen Schnitt mit bekannter Dicke, färbt die Zellen darin an und zählt sie in einem Fenster mit bekannter Kantenlänge, also in einem bestimmten Volumen, aus. Ein paar Multiplikationen später, die auf's Gesamtvolumen führen, hat man die Gesamtzahl der Zellen. So hat man das ein Jahrhundert lang auch gemacht. "Stereologie" nennt man das.

Fluoreszierende (Nerven-)zellen (Schnittpräparat) im Zählfenster eines stereologischen Mikroskopes. Von hier

Es gibt aber jede Menge Probleme mit dieser Methode. Das gravierendste ist sicher, dass das Hirn keine Leber ist. Wenn ich von einer Leber weiss, wieviele Zellen in einem Kubikmillimeter ihres Volumens sind, dann weiss ich, wieviele insgesamt drin sind. Denn die Leber ist homogen, sieht überall gleich aus, hat überall gleich viele Zellen. Das Gehirn aber nun gerade nicht. Und wenn man anfängt, von der Zählerei in der Kleinhirnrinde auf den Cortex, die Grosshirnrinde also, zu extrapolieren, dann kommt Unsinn heraus. Der Cortex des Grosshirns ist viel weniger zelldicht.

Blöde sind die Anatomen ja nicht. Das haben sie schnell gemerkt, und nun mühsam einzelne, halbwegs homogene Regionen abgeklappert und angefangen, zunächst mal auf die hochzurechnen und dann zu addieren. Wobei halt wieder das Problem des "halbwegs Homogenen" auftaucht. Schon der Cortex cerebri in sich ist alles andere als homogen. An die sechzig Brodmann-Areale. Jedes ein bischen anders. Fliessende Grenzen.

Aber jetzt! Der isotrope Fraktionator! Anatomie mit dem Mixer! Und es ist so idiotisch einfach, dass es schon wieder genial ist. Das Protokoll ist narrensicher. Und es geht so:

1) Man nehme ein Hirn (ein ganzes!) und stecke es in den Mixer ("grinder") [5].
2) Unter Zugabe eines eines geeigneten wässrigen Verdünnungsmittels (Puffer) gründlich zermatschen, bis alle Zellen geplatzt sind. Gesamtvolumen des Hirn/Puffer-Breies messen. Aufschreiben. Zettel nicht verschlampen.
3) Man entnehme ein kleines, bekanntes Volumen. Aufschreiben. Zettel nicht verschlampen.
4) Man zentrifugiere die Zellkerne ab.
5) Man verwerfe den Überstand und färbe die Zellkerne mit geeigneten (fluoreszenten) Farbstoffen (die es erlauben, Glia und Nervenzellen zu unterscheiden).
6) Man jage die Probe durch ein Durchflusszytometer [3], das die Farbstoffe unterscheiden kann.
7) Fast fertig. Am Durchflusszytometer abgelesene Zahl mit dem Quotienten der Zahlen auf dem ersten und dem zweiten Zettel multiplizieren: fertig.

Aus der Publikation [4] von unten. Ich denk', das erklärt sich weitgehend von selbst und aus dem Text. Man kann die gefärbten Zellkerne auch "manuell" in einem Hämocytometer (einer Zählkammer mit bekanntem Volumen) auszählen. DAPI färbt alle Zellkerne, NeuN nur die der Nervenzellen.

Resultate für Homo sapiens: etwa 86 Milliarden Neurone [2]. Und etwa genausoviele Glia-Zellen. Das ist erstaunlich. Wenig. Wenig im Verglich zu den Staatsschulden, aber vor allem wenig Glia. Denn bislang hiess es immer, es gäbe 10 mal so viele Gliazellen wie Neurone. Gibt es auch. Aber nur im Hirnstamm. Denn das ist der nächste Reiz der Methode: man muss ja nicht das ganze Hirn auf einmal zermatschen. Man kann, schön peu a peu, erst das Grosshirn, dann das Kleinhirn und dann den Hirnstamm homogenisieren und separat messen.

Now that I know that, what do I do?

Zunächst mal den Erfindern der Methode applaudieren. Ein Florilegium ihrer Arbeiten ist, in Zitatform, unten angehängt.

Zweitens, drüber nachdenken, was die Zahlen bedeuten. Der Verlust von 15% meiner Nervenzellen schmerzt mich wenig. Aber dass ich auf einmal 90% meiner Gliazellen verloren habe - das beeindruckt mich schon.

Im Hirnstamm, wie gesagt, da stimmt die "alte" Relation von 1 Neuron pro 10 Gliazellen. Aber im Gross- und im Kleinhirn - da sind wir runter auf 1 Neuron pro 3,7 Gliazellen im Grosshirn. Im Cerebellum sogar auf 1 zu 0,2. Und ausserdem - der nächste Knaller: dass es im Kleinhirn mehr Nervenzellen gibt als in der Grosshirnrinde, das wissen wir schon lange. Dass aber im Kleinhirn gleich 69 Milliarden Neurone sind, im Cortex cerebri aber nur 16 Milliarden - das hat mich schon erstaunt.

Naja, vorläufig kann man die Ergebnisse sicher verwenden, um der üblichen Vergöttlichung des Cortex cerebri entgegen zu treten, zumindest der Apotheose durch die Nennung der Zahl der Zellen. Zwar "macht" er (Entschuldigung, ich will's kurz halten und greife deshalb zu diesem knappen, aber falschen Wort) das Bewusstsein, aber er "macht" das mit relativ wenigen Neuronen. Wahrscheinlich kommt's also gar nicht auf die Neuronenzahl an, sondern auf die Verknüpfungen, auf die Synapsen, auf das Neuropil, das im Cortex cerebri - viel mehr als im Cerebellum - sich überall zwischen die Neurone drängt.

Connection machine. Auf die Verbindungen kommt es an. Die des Cerebellum sind darüberhinaus grösstenteils extrinsisch: rein-raus. Die des Cortex cerebri aber intrinsisch - er ist mehr mit sich selbst als mit anderen neuronalen Systemen befasst. Und brütet dabei so herrliche Ideen wie den isotropen Fraktionator, den anatomischen Multimilliardenmixer aus.



[1] "Isotroper Fraktionator" - so nennen die Autoren der u.g. Publikationen ihre Methode

[2] Equal Numbers of Neuronal and Nonneuronal Cells Make the Human Brain an Isometrically Scaled-Up Primate Brain.
Azevedo, F.A.C., Carvalho, R.B., Grinberg, L.T., Farfel, J.M., Ferretti, R.E.L.,
Leite, R.E.P., Jacob-Filho, W., Lent, R. & Herculano-Houzel, S.
The Journal of Comparative Neurology 513:532–541 (2009)

[3] A rapid and reliable method of counting neurons and other cells in brain tissue: a comparison of flow cytometry and manual counting methods.
Christine E. Collins, Nicole A. Young, David K. Flaherty, David C. Airey & Jon H. Kaas
Frontiers in Neuroanatomy (open access)
published: 09 February 2010
doi: 10.3389/neuro.05.005.2010

[4] How many neurons do you have? Some dogmas of quantitative neuroscience under revision.
Roberto Lent, Frederico A. C. Azevedo, Carlos H. Andrade-Moraes  & Ana V. O. Pinto
European Journal of Neuroscience, 35: 1–9 (2012)

[5] Nun ja - man muss unter Umständen ein paarmal zum "potter" greifen, oder einen sehr grossen "tissue grinder" haben...



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Schädelrätsel

09. Februar 2012, 15:10

So. Wollen wir doch mal sehen, ob die geballte Intelligenz des Schwarmes mit Hilfe aller Quellen des Internets das herausbekommt.

Vier photographische Aufnahmen ein und desselben Schädels. Die Photographien stammen von 1881. Mehr wird nicht verraten. Ausser folgendem: Die digitale Version des Bildes ist in Netz. Und  jeder kennt diesen Herrn. Ein Mann also. Und so berühmt, wie es nur geht.

Wer ist es /war es?



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Alles über das Nichts

06. Februar 2012, 10:55

"De nihilo nihil", haben die Alten gesagt, und meinten damit: "Aus nix wird nix". Man kann den Satz aber auch im Sinne von: "Über das Nichts kann man nicht reden" lesen. Das ist für den, der das dennoch tun will (1), natürlich ein vernichtendes Diktum, eine inakzeptable Maxime.

Das finale Fallbeil hat Wittgenstein niedersausen lassen: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." (Tractatus, 7. Satz), denn "die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache." (Phil. Unters., §109).

Da hat er recht, der Herr Wittgenstein. Nur - es ist wie verhext - als ich diese Sätze las, in Lütkehausens Buch, das auf 768 Seiten das Nichts zu sagen versucht, ohne es natürlich zu können, weil sich vom Nichts ja nichts sagen lässt, ausser, dass der Versuch, es auszusprechen, in verwunderliche Aporien und Paradoxien führt, weil es eben unaussprechlich ist, man sich aber andererseits dem Reiz dieser Behexung, von der das Buch und wohl auch das Sein selbst lebt, kaum entziehen kann -

- da fiel mir auf, dass der Herr Lütkehaus sich eine Paradoxie hat entgehen lassen, dass ihm ein verhexter Doppelsinn entkam. Und der geht so:

"Nihil est ineffabile."
"Nichts ist unaussprechlich."

Wenn mich google nicht betrügt, hab' ich das gerade erfunden. Und es amüsiert mich sehr, ich könnt' es mir zur paradoxen Maxime wählen.


(1)

exemplum datum:
Lutger Lütkehaus: "Nichts" 768 (!) Seiten, bei ZWEITAUSENDEINS.
Ich hab's gerade fertig gelesen.



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Zur idealistischen Grundansicht

01. Februar 2012, 12:48

Disclaimer: Ich bin kein Philosoph, dies ist kein Beitrag zur Natur- oder Geisteswissenschaft, dies ist der Versuch, etwas aus dem Weg zu räumen, was ich für ein Missverständnis halte.

Weltanschauung - das ist ein verpöntes Wort. Wenn man es verwendet, sollte man sich am besten gleich richtig in die Nesseln setzen, und von "den granitenen Fundamenten" seiner Weltanschauung reden, dann hat man sich des Faschismusvorwurf gleich mitversichert. Desgleichen die Worte: "Ideologie", "Ideologe". Nimmt man die im positiven Sinne den Mund, hat man die Marxisten am Hals, kann aber, sofern man vorher laut genug "Weltanschauung" gesagt hat, immerhin hoffen, dass sich die Kritiker von rechts und links gegenseitig den Garaus machen und man unbeschadet aus der Affäre kommt.

Ich habe eine Weltanschauung, ich bin Ideologe.

Jetzt folgt natürlich die Exkommunikation aus der Sancta ecclesia scientifica, denn Weltanschauliches und Ideologisches haben im Gebäude der reinen Naturwissenschaft nichts zu suchen. "Weltanschauung" - das riecht den meisten, als ob sich einer eine selektive Wahrnehmungsfilterbrille auf die Nase gesetzt hätte, und das Wort "Ideologie" bezeichnet ja wohl das Normative in Reinform, in der Naturwissenschaft aber geht es um Fakten.

Fort mit ihm!

Ich will aber nicht. Ich habe eine Weltanschauung, ich bin ein Ideologe des Idealismus, aber ich meine, dass sich das mit den Naturwissenschaften ganz gut verträgt - weil ich nämlich den Eindruck habe, dass man, wenn man idealistische Sprüche klopft, wie ich das gerne tue ("esse est percipi", "cogito, ergo sum", "die Welt ist meine Vorstellung"), gründlich missverstanden wird. Gerade von Naturwissenschaftlern - Idealismus, Irrationalismus, Realitätsverleugnung und supraempirische Spintisierereien werden da gerne in einen Topf geworfen

Aber kein Idealist, der seine Sinne noch beeinander hat, bezweifelt die empirische Wirklichkeit, und eigentlich finde ich, dass die Idealisten sogar die striktesten Realisten sind. In Worten ist das alles schon tausendfach von Berufeneren als mir gesagt und zu Papier gebracht worden. Ich hab' mich aber, um den idealistischen Grundgedanken, so wie ich ihn von Schopenhauer zu denken gelernt habe, zu verdeutlichen, zu einer naiven Grafik hinreissen lassen, die ihn zu illustrieren sucht. Die Philosophen unter den Lesern mögen mir meine Naivität vergeben und mich, wenn es not tut, korrigieren - aber das ist die Grundlage meiner idealistischen Denke. Ich hab die Grafik "Schopenhauers Welt als Vorstellung" genannt.

Um mit dem Kardinalfehler der Grafik zu beginnen - sie gibt vor, dass man einen Standpunkt ausserhalb der Welt einnehmen könne, von dem aus man sie beschaut, was immer das, was ich da hingephotoshopt habe, auch bedeuten möge. Das kann man aber nicht. Man ist immer schon drin, in der Welt, was übrigens eine der Haupteinsichten des Idealismus ist. Den" idealen" Beobachter gibt es nicht, der ausserweltliche Blickwinkel, den die Grafik suggeriert, existiert nicht. Idealismus ist erstmal immanentes Denken.

Das weiss-umrandete bunt-konzentrische Gekrissel ist die Welt, das, was ist, die Wirklichkeit, die Realität. Darin treiben wir uns herum. Diese Welt hat zwei Löcher, zwei schwarze Polkappen: Das eine heisst: "Subjekt"/"Vorstellender"/"Erkennender", das andere "Objekt"/"Vorgestelltes"/"Erkanntes". Aus der Welt, über ihren weissen Rand hinweg, kommt man nicht hinaus, da drin ist alles Ursache, Wirkung, Kausalität, Naturgesetz. Aber an ihren Polkappen, da wird es duster und leer, denn das "reine Subjekt", also nur die nackte Möglichkeit des Erkennens, ohne einen Gegenstand, der erkannt würde - das gibt es nicht. Erkenntnis ist immer Erkenntnis von irgend etwas. Am anderen Ende, beim Objekt, wird es rasch genauso finster, denn von einem Gegenstand, der von keines Subjektes Wahrnehmung erkannt wird, kann man ebensogut sagen, dass er nicht existiert - ansonsten würde man ja wieder "Supraempirisches" einführen.

Mit anderen Worten - die "Pole" der Welt, Subjekte und Objekte sind virtuell, sind nur Abstraktionen, die, wenn man sie auf die Spitze treibt, leer werden. Die Wirklichkeit hängt zwischen ihnen. Sie ist eine Relation. Subjekte und Objekte sind nicht "an sich" - sie sind "füreinander", der Erkennende ist dazu da, etwas zu erkennen und das Erkannte ist dazu da, erkannt zu werden. Und diesen wechselseitigen Aktus, diese Bezogenheit, nennt Schopenhauer: "Vorstellung". Sie ist die Wirklichkeit, das "esse" des Berkeley, das "Sein". Sie ist - und da wird es halt idealistisch - also nichts Materielles. Sie ist Bezug. Also schon eher etwas Ideelles...

Ich habe -ich weiss nicht recht, ob das wirklich in Schopenhauers Sinne ist - das umgebende Schwarze Nichts in Form eines feinen Netzes von Bruchlinien via Subjekt- und Objektpol in die bunte Vorstellungswelt eindringen lassen. Sie ist nämlich nicht statisch, Vorstellungen vergehen und entstehen, die Welt ist dynamisch, Parmenides hatte unrecht. Ob das Nichts - vielleicht mittels der Zeit - der Motor dieser Veränderungen ist, oder ob es der als Naturgesetz sich gerierende "Wille" ist (das würde wohl Schopenhauer sagen), der das ganze treibt, das weiss ich nicht.

Das ist - falls ich es nicht ganz falsch verstanden habe - der erkenntnistheoretische Kern der Sache. Mit einem ganzen Rattenschwanz von Konsequenzen, auf die ich mich erstmal nicht einlassen will. Ich warte lieber mal ab, was klügere Köpfe zu meiner Sicht der idealistischen Weltanschauung zu sagen haben.



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Thanatophilietest

18. Januar 2012, 12:39

Ich verdanke die Kenntnis der folgenden Humoreske der Lektüre von Lutger Lütkehaus' Buch vom "Nichts", das ich an dieser Stelle nicht genügend loben kann. Es ist bei Haffmans unter dem Verlagsdach von Zweitausendeins erschienen.



Die Humoreske ist zugleich eine Thanatophilieprobe, ein Lackmustest der Todesverliebtheit. Wenn Sie darüber so lachen können, wie ich es tat (ich fiel fast vom Stuhl), dann sind Sie's: Thanatophil.

Es freud (sic!) mich, Ihnen den eigentlichen Urheber der Geschichte - sowohl des Konzepts der Thanatophilie als auch der Anekdote - vorstellen zu dürfen:



Unverkennbar. Die rechte Lebensfreude war Herrn Freuds Sache wohl nicht, denn sonst hätte er wohl kaum Sätze wie den folgenden niedergeschrieben: "Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten". Zwei Grundtriebe unterstellte er dem Menschen: den Eros, der zum Leben und ins Sein drängt, und den Thanatos, dem Drang des unbefriedigten und nicht befriedbaren Seins ins Nichts. Die Psychologen haben, soweit ich weiss, den Thanatos mittlerweile verworfen. Aber ob er nicht doch in mir und Ihnen residiert - dafür machen wir jetzt den Lackmustest des Lachmuskeltests.

Und der geht so. Freud schreibt 1937 in einem Brief, dass er in einer amerikanischen Zeitung in Form eines Stückes "kühnster und gelungenster Reklame" den ultimativen Ausdruck des Pessimismus und der Unbefriedigtheit des wertlosen, zum Grabe sich drängenden Seins gefunden habe. Es war das Inserat eines Bestatters. Und das ging so:

"Why live, if you can be buried for just ten dollars?"

 

Bildnachweis:

S. Freuds Portrait findet man hier bei Wiki.



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Akademische Darmtätigkeit

16. Januar 2012, 10:08

Am vergangenen Freitag hatte ich das Vergnügen, den Abschlussball unserer Absolventen (die im Herbst des vergangenen Jahres ihr zweites Staatsexamen abgelegt haben) mir einer kurzen Ansprache eröffnen zu dürfen. Hier ist sie - garniert mit einigen Fussnoten, die noch ein paar Erklärungen und Reflexionen enthalten, die in der Ansprache keinen Platz fanden, bzw. mir erst während des Balls in den Sinn kamen.

Werte Absolventinnen und Absolventen,
meine Damen und Herren!

Jetzt vor Ihnen stehen zu dürfen, einen Toast bei Ihrem Ball ausbringen zu dürfen - das ist eine grosse Ehre. Ich hab' mir extra meinen Zylinder (1) aufgesetzt, um ihn nachher vor Ihnen ziehen zu können, um Ihnen meine Ehrerbietung darzubringen. Aber erstmal lass' ich ihn noch auf. Ich mache so optisch mehr her.

Sie haben mich zu Ihrem Ball gebeten, weil ich in Ihrem ersten Semester der erste Dozent eines grossen Faches - der Anatomie - war, der zu Ihnen redete. Und ich sollte, sagten die, die mich einluden, auch der sein, der das letzte Wort an sie richtet.

Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir schmeicheln. Anfang und Ende zu sein, Alpha und Omega - das können nur die wenigsten von sich sagen. Ich bin das Alpha und das Omega, das A und das O --- AO wie "Approbationsordung" übrigens. Sie haben's fast hinter sich, Sie können sich jetzt Ihre Approbationen besorgen - wenn Sie es nicht schon getan haben. Und - AHH - und  OHH -- WIE Sie es hinter sich gebracht haben! SIE sind der Jahrgang, der unserer Alma mater im zweiten Abschnitt der ärztlichen Prüfung ein HAMMERergebnis beschert hat! Seit Beginn der Zeitrechnung des IMPP der beste Jahrgang! Chapeau!

(Verbeugung, Zylinder ziehen, ablegen)

A und O - das ist die reine Hybris, das gebührt dem Erlöser, nicht mir. Ich mag heute zwar am Ende Ihrer akademischen Zeit stehen - für Sie aber ist es ein Anfang. Und ich bin der denkbar ungeeigneste Redner, um Ihnen weise Worte, ihr zukünftiges Berufsleben betreffend, mit auf den Weg zu geben. Ich bin nämlich nie aus Akademia herausgekommen. Von den hundertundsechs Semestern meines Lebens hab' ich 70 an der Uni verbracht, vorher war ich in Windeln, im Kindergarten und in der Schule.

Was will ich - alter Akademiker - Ihnen denn von der Wirklichkeit der Welt da draussen, vor der ich mich stets weise gedrückt habe, erzählen? Ich hab' ja schon in der Ausbildung versucht, verzweifelt alles, was irgendwie nach klinischer Relevanz roch, von Ihnen fernzuhalten. Und bin schon damit gescheitert. Sie sind ja TROTZDEM Ärzte geworden. Furchtbar.

Ich werd' einfach mein Scheitern verdauern. Ich mach einfach das weiter, wofür Sie mich im Studium gemocht oder gehasst haben - ich erzähle Ihnen eine nutzlose akademische Schnurre, und geb' sie Ihnen - als leichtes Marschgepäck und kalorienfreie Wegzehrung - mit auf Ihren Lebensweg.

Hier ist sie:

Akademische Schnurren haben die Eigenart, stets ein wenig umständlich und schwerverdaulich zu sein, trotz ihres mangelnden Nährwertes. Aber Sie können machen, was Sie wollen - Sie sind jetzt ja selbst Akademiker. Für den Rest Ihres Lebens, selbst wenn Sie nie wieder eine Universität betreten sollten. Und man kann sich ja zu recht fragen, was das eigentlich heisst, ein "Akademiker" zu sein.

Nicht im Sinne des Pathos der Wissenschaft und ihrer freiherrvonguttenbergischen Perversion - sondern im ganz handfesten Sinne des Wortes. Wenn man nun bloss wüsste, was das Wort "Akademiker" bedeutet. Ich will's Ihnen sagen.

Der Herr Akademos war ein attischer Volksheld, weil er die Stadt Athen mal vor dem Zorn der Dioskuren rettete. Wer jetzt die Dioskuren sind, und wiesoweshalb genau -- das führte jetzt wirklich zu weit (2). Aber sie müssen sich jetzt das klassische Athen vorstellen. Olle Griechen und so. Marmorne Tempel, mit Säulenhallen davor und drumherum. So einen Säulenumgang nennt man ein "Peristyl". Peristyl. Ich bitte Sie, sich das Wort zu merken. Es wird noch wichtig. Säulenhalle. Peristyl.



Gut. Dem Akademos setzten die dankbaren Athener in einem Wäldchen einen Tempel. Aber ohne Peristyl. Muss trotzdem ein lauschiges Plätzchen gewesen sein, jener schattige Hain, denn Plato - jawoll, DER Plato, der für die Philosophie das ist, was der Hippokrates für die Medizin war, nämlich ihr Übervater - denn Plato kaufte kurzerhand das Wäldchen des Akademos. Und richtete dort seine Philosophenschule ein. Die Akademie. Wegen Akademos. Und deshalb heissen wir - Akademiker.

Da ham' wir, meine Damen und Herren Akademiker, aber Schwein gehabt. Der Plato hätt' ja auch auf die Idee kommen können, sich mit seinen Leuten zum Philosophieren im Peristyl eines Tempels zu treffen. Dann hiessen wir heute nicht Akademiker sondern --- Peristaltiker.

So.

Und während Sie jetzt noch diesen sehr akademischen Kalauer verdauen, komme ich ansatzlos zum Schluss. Ich wünsche Ihnen für ihr Leben da draussen, abseits der Akademie, eine gesegnete Peristaltik (3), denn das Leben ist über weite Strecken nur schwer zu verdauen. Auch IN der Akademie übrigens, die Höhepunkte - wie dieser - sind rar.

Aber jetzt: hoch die Gläser!

Auf SIE, auf IHR Leben, aber - nix für ungut - auch auf die Akademie, die Universität - mögen sie leben, blühen, gedeihen - vivant, crescant, floreant - PROSIT!


Fussnoten:

(1) Zylinder. Jawohl. Ich erschien schwarz in schwarz behost und befrackt, mit einem klassischen, hohen Zylinderhut auf dem Kopf. Allerdings schossen die Absolventen selbst bei dieser Veranstaltung den modischen Vogel ab, denn gut ein Drittel von ihnen erschien zu der dem Ball vorangehenden Urkundenverleihung im - Talar. Jawohl. In Talaren, ungeachtet des Muffes von tausend Jahren, von dem manche meinen, er hätte die Talarträger in Deutschland auf ewig diskreditiert. Es waren freilich keine schönen Talare - ziemlich schäbiger, dünner Stoff, ganz schwarz, en gros aus dem Internet besorgt. Nur einige Damen hatten Mut zur Farbe und trugen bunte Schals zu den Talaren, deren Krägen und Manschetten eigentlich mit farbigem Samt geschmückt gehörten - rot wie das Blut für die medizinische Fakultät, grün wie die Hoffnung für die Theologen, und blau (ich weiss nicht, wofür die Farbe steht) für die philosophische Fakultät (das waren in der klassischen Universität alle anderen, Geistes- und Naturwissenschaftler zusammen).

So ein Talar IST ein Statement. Modisch vielleicht weniger, er ist nicht übertrieben kleidsam. Politisch schon. Ich bin geneigt, das als ein positives Signal zu sehen, als einen Ausdruck der Verbundenheit mit der Universität. Indem man sich in ihre Talare wirft, erweist man der Alma mater die Reverenz, ehrt sie als Ort eines bestimmten Lebensgefühls und einer gewissen (akademischen) Denkungsart - und betrachtet sie eben nicht nur als einen Ausbildungsdurchlauferhitzer. Übrigens legt die Tatsache, dass überhaupt solch ein Abschlussfest samt Ball stattfindet, von der Sehnsucht der Studenten nach solch einer Bindung Zeugnis ab - diese Veranstaltungen an unserem Fachbereich sind auf die Initiative der Studenten zurückzuführen. Vorher wurden sie schnöde per Post mit ihren Absolventen-Urkunden versehen und exmatrikuliert.

(2) Helena von Sparta. Der ganze Ärger begann mit der Schönheit Helenens. Das schöne Mädchen - eine Tochter der Leda und des Zeus, und damit die Schwester der kriegerischen Dioskuren Kastor und Pollux - das schöne Mädchen wurde nämlich nicht nur von Paris nach Troja entführt - was den trojanischen Krieg auslöste - nein, vorher wurde sie schon mal gekidnappt, und zwar von Theseus. Der versteckte sie irgendwo in Attika in der Nähe Athens, die Spartaner und die Dioskuren rückten an, um sie zu befreien, und drohten, Athen in Schutt und Asche legen. Da verriet ihnen Akademos, der Athener, wo Helena versteckt war. Das Heer der Dioskuren befreite sie und zog ab, Athen blieb heil. Die Geburt der Akademie aus dem Geiste der Friedfertigkeit. Sehr schön. Aber auch aus dem Geist des Verrates am einem anderen Nationalhelden Athens: Theseus.

(3) Die Kürze, mit der ich diesen Toast würzen wollte, verbat es mir, in der Rede noch eine Volte zu schlagen, die ich nun in dieser Fussnote unterbringe.

"Eigentlich", sagte ich nach dem Toast zu einem der Absolventen, "eigentlich hätt' ich noch erzählen sollen, dass das mit dem 'Peristyl' und der 'Peristaltik" gar nicht SO weit hergeholt ist - die Philososphenschule, die der Aristoteles gegründet hat, die nannte sich die 'Peripatetiker", weil sie, derweil sie philosophierend und plaudernd Erkenntnisse gewannen,  hin- und her- und auf- und abliefen. Und, wer weiss, vielleicht haben sie das ja in Peristylen getan, da war's schattig in der Hitze und trocken im Regen ..."

"Eigentlich", sagte der frischgebackene Arzt, "passt 'Peripatetiker' sogar noch besser. Wir ha'm jetzt ja gerade unser praktisches Jahr auf Station hinter uns. Und, glauben Sie mir - das bestand zu 90 Prozent aus Hin- und Herlaufen."

"Mit oder ohne Erkenntnisgewinn?", fragte ich.

"Kommen Sie", grinste der Absolvent, "der Ball fängt an, lassen Sie uns ausnahmsweise mal heiter sein, lassen Sie den zynischen Diogenes in der Tonne und giessen Sie sich mit mir einen auf die Lampe."

Dictum, factum.

Bildverweis: Das Bild stammt von Wikipedia, hier. Es zeigt das von einem Peristyl umgebene Atrium eines römischen Profanbaus, einer Villa in Pompeji.



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Inserat

05. Januar 2012, 09:25

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Nominalismus, Onomatopoietika und das Abbruchgewerbe

02. Januar 2012, 12:31

"Nomen atque omen", schreibt Plautus, "Name und Vorzeichen", und behauptet damit eine zauberische Beziehung zwischen Ding und Begriff, dem Namen und seinem Träger. Name ist Schicksal. Einen Namen nennend, kann man ein Ding, eine Person beschwören. Magisches Denken.

Im Mittelalter sagten dann die 'Realisten': "Unversalia sunt realia ante rem". Alle Wirklichkeit sei in den Allgemeinbegriffen, die Einzeldinge seien nur ein Abklatsch davon. Eine zauberische Pointe: Jene Herren, die sich 'Realisten' nannten, weil sie - unverbesserliche Platoniker - eben an die Realität der Ideen glaubten, würde man heute gerade nicht so nennen, sondern 'idealistische Schwärmer'. Anselm von Canterbury war einer von ihnen.

"Quatsch", gaben die Nominalisten zurück, "Universalia sunt nomina post rem." Die Allgemeinbegriffe sind nur abgeleitete Namen, alle Wirklichkeit ist in den Einzeldingen. Spätestens seit der Verfilmung von Umberto Ecos "Name der Rose" ist der Sieg der Nominalisten vollständig, denn einer von ihnen - William von Ockham - hat es in Gestalt des "William von Baskerville" zum Pop-Star gebracht. Zumal in der Verkörperung durch Sean Connery, der sozusagen schon im Fleische, mit seiner schieren personalen Präsenz, das blutleere Gerede der Idealisten widerlegt. Die Wirklichkeit? Im Allgemeinbegriff des Mannes? Quark! Das ist ein Mann! Jawoll. Götz George wär' auch keine schlechte Besetzung gewesen.

Nominalismus also. Dinge hier. Namen dafür dort. Zwei getrennte Baustellen. Die Dinge schert es nicht, wie man sie nennt. Namen sind Benennungen, keine Beschwörung, kein (Vor)zeichen für irgendwas. Nominalistische Nüchternheit.

Leise Zweifel beschlichen mich aber angesichts meiner diesjährigen Weihnachtslektüre. Das Buch heisst "Gehirn und Gedicht", stammt von R. Schrott und A. Jacobs  - und ist im übrigen einen Verriss wert. Detaillierte Rezension folgt.

In dem Buch ist ein längerer Abschnitt über die Geburt der Namen der Dinge aus dem Geiste der Onomatopoiesis (1), der Lautmalerei also. Ich kam in's Grübeln. Stellt nicht so ein simples Lautgemälde wie "Wauwau" (ich möchte so etwas ein "Onomatopoietikon der ersten Stufe" nennen) die Richtigkeit von Plautus' "nomen atque omen" unter Beweis? Wenn ich eine Tierstimme nachmachen kann - also zum Beispiel mit dem Lockruf der Ente mir eine vor die Flinte locken kann - ist das nicht eine sehr effektive Form der Beschwörung? Hat da nicht der Name tatsächlich die Macht über die Dinge, die er benennt?

Im (anti-)nominalistischen, nüchternen Sinne sehr verwunderlich und bedenklich fand ich auch die Ergebnisse eines linguistisch-psychologischen Experimentes, das Schrott und Jacobs schildern. Es ist sehr einfach. Man zeigte Versuchspersonen zwei Bilder: Ein "graphisch-eckiges", nämlich das eines scharfkantigen, zackigen Sternes, und ein "malerisch-rundes", nämlich eine Palette voller bunter, zerfliessender Farbkleckse. Dann legte man den Probanden sinnlose Worte vor, wie etwa "kikaritski" und "oglauwonga" und bat sie, diese den Bildern als "Namen für die Dinge" zuzuordnen. Genial simpel. Und es passiert genau das, was Sie auch gerade gedacht haben - der Stern wird fast immer mit dem spitzigen, hellen, stimmlosen Plosivlauten des "kikaritski" assoziiert, das stimmhafte, von tiefen und weichen Vokalen dominierte "oglauwonga" landet bei der Palette. Das sind, sozusagen, "Onomatopoietika der zweiten Stufe" - in uns allen scheint ein Synästhetiker zu stecken, der es sehr wohl vermag, zwei Dinge, die im nominalistischen Sinne gar nichts miteinander zu tun haben - die zackigen Spitzen eines Sternes und die explosive Spitzigkeit eines Lautes - zugleich und als zusammengehörig wahrzunehmen.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich eine Einleitung zur Vorstellung von "Onomatopoietika der dritten Stufe" benötige. Als solche würde ich Namen bezeichnen, die tatsächlich Gewalt über das haben, was sie bezeichnen, die ihre Träger unweigerlich determinieren, so zu sein und so zu handeln, wie sie heissen. Solche magischen Namenslautmalereien hab' ich kürzlich in meiner Heimatstadt gefunden.

Wer mit wachen Augen durch die Stadt Frankfurt läuft ...

... die Stadt ist, seit ich sie kenne, eine Baugrube: "abgerobbt, uffgebuddelt, zugeschisse unn' neu hochgeklobbt" wäre allemal ein besseres Motto als das "Stark im Recht", das sich die Stadt 1837 als Wahlspruch zulegte. In der Tat sollte man sich angesichts der abrissorientierten Baugeschichte der Stadt überlegen, ob man nicht das "Stark im Recht" durch "War im Weg" ersetzen sollte. Aber ich glaube, ich schweife gerade ab ...

... wer wachen Auges und offenen Ohres durch die Stadt Frankfurt läuft, was er schon deshalb tun muss, damit er nicht in ihre Baugruben fällt oder von den Baulastern überfahren wird, dem werden diese Namen nicht entgangen sein - sie stehen auf schuttgefüllten Containern, sie prangen auf schwerem Gerät:



Knettenbrech und Gurdulic

Knettenbrech und Gurdulic. Kettenbruch und das polternde Geräusch einstürzender Mauern. Das Herrschaften, ist Onomatopoiese der dritten Stufe. Ich erlaube mir, noch die passenden Vornamen dazu zu phantasieren: "Karl Knettenbrech und Dragostan Gurdulic" (laut aufsagen, die "r's" schön rollen lassen).

Ich kenne freilich die Herren oder Damen Knettenbrech und Gurdulic gar nicht. Aber ich wage zu behaupten, dass diese Namen ihre Träger zu dem Gewerbe bestimmen. Definitiv. Denn

"Kudrun Knettenbrech und Gunthilde Gurdulic - Bachblütentherapie"

...das ginge einfach nicht. Onomatopoietisch, meine ich.




(1) Übrigens sind schon die Worte "Onomatopoiesis/Onomatopoietikon" schiere Poesie. Ich kann sie gar nicht oft genug hinschreiben.
(2) hier ist die Homepage der Firma Knettenbrech und Gurdulic. Erfolgreiches Entsorgungsunternehmen aus Wiesbaden. Das Bild stammt von ihrer HP.



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Adventskalendertürchen

22. Dezember 2011, 09:12

Adventskalendertürchenblogs sind en vogue. Ich mach' mit! Ich bin aber sparsam. Ich mach' nur zwei Türchen - dafür gleichzeitig - auf. Aber ganz besondere Türen:

Was es dahinter gibt, findet man hier.

Fröhliche Weihnachten!

 



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