Tendenziell fand ich Hippokrates von Kos bis vor kurzem eigentlich langweilig. Das heisst - ich fand das Bild von ihm, das ich im Kopfe hatte, fade. Eine sehr bärtige Griechenbüste mit nichtssagendem Gesichtsausdruck auf einem Podest.
Ja, gut, gut - ganz furchtbar wichtig, der Mann, deshalb das Podest. Also hat man die Eckdaten im Kopf, für den akademisch-medizinischen Alltagslehrbetrieb: 'Kos' ist eine Insel in der Ägäis, Hippokrates lebte da so um 400 vor. Ein Zeitgenosse von Sokrates also (der aber, wiewohl ähnlich bebartet, eindeutig die interessantere Physiognomie hatte), Begründer der Viersäftelehre und Humoralpathologie(1), die sich immerhin bis ins achtzehnte Jahrhundert hielt. Zwei Jahrtausende. Nicht schlecht für eine Theorie. Erst Rudolf Virchow (übrigens auch ein sehr bärtiger Mann) hat die Säfte im Theorienklo entsorgt. Stichwort 'Zellularpathologie'.
Sonst noch was? Freilich: Der 'hippokratische Eid'. Aus heutiger Sicht recht schräg übrigens, dieser Eid: Verbot der Chirurgie (Chirurgen sind keine Ärzte, hähä!), sehr 'zünftig' (keine Weitergabe ärztlichen Wissens ausserhalb des engen Kreises der Inaugurierten) und sehr züchtig ('Du sollst nicht den Hausherrn noch die Hausfrau noch die Sklavinnen oder Diener in dem Hause vögeln, das Du als Arzt betrittst.' (2) - Wenn man davon ausgeht, dass Verbote sich im Allgemeinen gegen etwas richten, was auch praktiziert wird, dann scheint der Arztberuf vor Hippokrates eine sehr unterhaltsame Angelegenheit gewesen zu sein). Ein moralinsaurer Topf, dieser Hippokrates(3), dachte ich.
Ein wenig besser, weil morbide: die 'Facies hippocratica', aus dem 'Prognostikon': 'Die Nase ist spitz, die Augen sind hohl, die Schläfen eingefallen, die Ohren kalt und zusammengeschrumpft, die Ohrläppchen zurückgebogen, die Gesichtshaut ist hart, gespannt und schrumpelig und die Farbe des ganzen Gesichtes ist blass oder schwärzlich.' Und wenn der Kranke nun auch noch schläfrig ist, keinen Hunger und keinen Stuhlgang hat - dann ist er morgen tot. Sagt Hippokrates. Was ihn mir aber auch nicht unbedingt sehr viel sympathischer machte.
Aber dann, vor zwei Tagen, stolperte ich bei der Lektüre eines schmalen Bändchens(4) über Medizingeschichte erneut über den Herrn Hippokrates. Im 'Corpus hippocraticum", so hiess es, gäbe es auch 'Aphorismen'. Soso, dachte ich. Arztsprüche. 'Gott heilt, der Arzt liquidiert', oder so, dachte ich. Nein, dachte ich weiter. Sicher nicht so zynisch. Eher so etwas Pathetisches wie 'nil nocere'(5), dachte ich. Das würde passen, dachte ich, weil ich mir den Hippokrates irgendwie so akkurat-langweilig wie die Karikatur eines Amtsarztes vorstellte.
Denkste..
Statt dessen bescherte mir die folgende Seite des Büchleins die Einsicht, dass das allbekannte 'ars longa, vita brevis'(6) ein Spruch des Hippokrates ist. Na sowas, dachte ich. Und dass der Spruch noch weitergeht, das überraschte mich dann noch mehr. Vor allem aber, wie er weitergeht:
'ars longa, vita brevis, tempus acutum, experimentum fallax, iudicium difficile.'(7)
Seither ist der Herr Hippocrates in meiner Wertschätzung enorm gestiegen. Dieses Mass an melancholischer Reserviert- und Resigniertheit angesichts des Welt-, Wissenschafts- und Medizinbetriebes hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Der Aphorismus: Ein tiefer Seufzer. Sein Verfasser: Ein Melancholiker. Einen Rotwein auf Herrn Hippokrates! (siehe Fussnote 1)
Ich werde den Antrag einbringen, dass man diesen Spruch in allen Räumen der Universität, in allen Laboren, Büros und Hallen, aussen und innen, in grossen Lettern anbringen möge. Ich werde damit natürlich scheitern. Aber das wird nur zur melancholischen Akzentuierung meiner Persönlichkeit beitragen, in der ich mich mittlerweile mit Hippokrates verbunden fühle.
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Fussnoten:
(1) Die Humoralpathologie ist insofern ein zugleich humorvolles als auch -loses Teilgebiet der Medizin, indem es in ihr um den Mangel oder Überschuss an Körpersäften, welche "humor, humores" heissen, geht. Wir lachen heute über die "Viersäftelehre", über "Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle", über die behaupteten Prävalenzen der Einzelsäfte im Gesamtsafthaushalt der "Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker", über die Zuordnung der Elemente "Feuer, Wasser, Luft und Erde" zu diesen Säften, über die (uns erheiternden) Therapiekonzepte, die zum Beispiel dem "trocken-kalten" Melancholiker "heiss-feurigen" Rotwein verordneten (wogegen ich übrigens gar nichts einzuwenden habe).
Der Grundstock zu dieser Lehre stammt aus dem 'Corpus hippocraticum'. In ausgearbeiteter Form, mit allen möglichen Zuordnungen von Temperamenten, Säften, Elementen und Eigenschaften, liegt die Lehre dann bei Galenos von Pergamon im zweiten nachchristlichen Jahrhundert vor.
(2) Sehr freie Wiedergabe des Eides. Von mir.
(3) Zur philologischen Akkuratesse: Mir ist durchaus klar, dass es den Hippokrates als Autor einzelner Schriften gar nicht gibt, bzw. dass es schwierig bis unmöglich ist, seine Autorschaft an den Einzelwerken des umfänglichen "Corpus hippocraticum" nachzuweisen. Es waren viele Autoren aus seiner Schule am Werk. Als historische Person sei Hippokrates aber - sagt Prof. Benzenhöfer, unser Medizingeschichtler - verbürgt. Und von dieser Person versuch' ich halt mir ein (natürlich fiktives) Bild zu machen.
(6) "Die Kunst ist lang, das Leben kurz." Die Zitate aus dem 'Corpus hippocraticum' sind in lateinischer Sprache wiedergegeben, denn ich kann kein Griechisch.
(7) "Die Kunst ist lang, das Leben kurz, die Zeit flüchtig, das Experiment trügerisch und das Urteilen schwierig."
Ich mag die lateinische Fassung beinahe lieber als das griechische Original, das sich übrigens hier bei Wikipedia findet (man kann es mit rudimentären Griechisch-Kenntnissen durchaus verstehen). Das Latein hat den Vorzug, ohne Verbum und ohne Artikel auszukommen, was weder im Griechischen noch im Deutschen so recht geht. So entsteht eine Aneinanderreihung von jeweils einem Nomen und einem Adjektiv - und das wirkt so wunderbar lapidar und minimalistisch.
Die Behauptung, "dass die Natur keine rechten Winkel kenne", ist natürlich Unsinn. Sie wird gerne den Anthroposophen unterstellt, schon wegen der Architektur ihres Hauptsitzes (erstes Goetheanum in Dornach, leider abgebrannt), aber noch nicht mal Rudolf Steiner kann so verbohrt gewesen sein, zum Beispiel so etwas,
einen Pyrit-Kristall, nicht zur Kenntnis zu nehmen. Rechte Winkel.
Allerdings muss man schon zugeben, dass in unserer mesokosmischen Alltagswelt, so im Massstab von ein paar Zenti- bis zu Kilometern, sich viele menschengemachte Artefakte durch ihre Rechtwinkligkeit leicht von den Naturgegenständen unterscheiden lassen - Pyrit hin oder her.
Was ist das eigentlich - ein rechter Winkel? Ein Winkel ist da, wo sich zwei Geraden schneiden, und das können die unter allen möglichen Winkeln tun. Eigentlich sind da sogar immer vier Winkel, denn die Geraden hören ja da, wo sie sich schneiden, nicht auf. Was zeichnet den "rechten", den richtigen, vor allen anderen aus? Von dem Mathematiker Hilbert stammt die schöne Definition, dass der rechte Winkel im Geradenschnitt der einzige unter den unendlich vielen möglichen Winkeln ist, der genauso gross ist wie sein Nebenwinkel. Ich finde das eine sehr elegante Definition.
Wenn ich die Physiker und Mathematiker recht verstehe, zwingt uns niemand, den Raum partout mit den cartesischen Achsen (Höhe/Breite/Tiefe) zu durchmessen, den drei allbekannten Raumpfeilen also, die senkrecht, rechtwinklig, orthogonal aufeinander stehen. Ein System von drei "schiefen" Achsen täte es auch, Kugelkoordinaten, Zylinderkoordinaten - alles geht, mit allen kann man einen Punkt im Raum eindeutig bezeichnen. Die Koordinaten des Cartesius/Descartes liegen unserer Intuition halt am nächsten. Hätten wir tagtäglich den Eindruck, nicht auf einer vom Himmel überwölbten und der Hölle unterlagerten Scheibe, sondern auf einem Ball zu wohnen, dann hätten wir womöglich gleich zu den Kugelkoordinaten gegriffen.
Reine Willkür also. Statt: "Obacht! Da vorne, oben, links!" (das ist cartesisch gesprochen) könnte ich auch sagen "Achtung! Azimut 330 Grad, Polar 60, Radius 50 Meter!" (das sind Kugelkoordinaten). Das kapiert allerdings keiner, und wenn da von vorne oben links irgend etwas Verderbliches sich nähern sollte, dann ist es meinem Zuhörer auf den Kopf gefallen, bevor er die Koordinaten umgerechnet hat...
... aber: nicht-sprachlich arbeite ich doch mit Polarkoordinaten. Ich werde nämlich den Arm heben, und auf den bedrohlichen Gegenstand weisen. Und zwar nicht, indem ich den Arm erst vor-, dann nach links und dann nach oben schiebe, nein, ich werde ihn, wie den Pfeil einer Polarkoordinate, so aufklappen, dass mein Zeigefinger direkt auf den Punkt im Raume hinschiesst. Auf kürzestem Wege.
Wie navigiert die Natur selbst? Polar? Kartesisch?
Wenn man sich - so als Anatom - den Bau des menschlichen Leibes anschaut, sehen die Naturprodukte auf den ersten Blick ganz und gar nicht cartesisch, rechtwinklig aus. Decartes sagte: "Cogito, ergo sum", aber alles, was ich da so "cogito", ist krumm ("cogitare" hier im Sinne von: "erkennen", um des Reimes willen). Kein rechter Winkel weit und breit, und der Anatom, der das "Os cuboideum" (das "Würfelbein") so genannt hat, muss betrunken gewesen sein und alle rechten Winkel schief und alle schiefen Winkel recht gesehen haben. Das Ding (ein Fusswurzelknochen) ist kein Würfel, es ist noch nicht mal "würfelartig" ("cuboideus"). Es ist auch kein Polyeder, kein Vielflächner, denn es hat keine planen Flächen. Es besteht - wie so viele Knochen - aus lauter Vorsprüngen, Dellen, Knollen und Bollen. Eigentlich würde ich gerne den Terminus technicus "polyknollischer Knochen" dafür einführen, aber man wird mich nicht lassen.
Im Nervensystem ist es nicht besser. Nicht auf den ersten Blick. Windungen des Grosshirnes - Bandnudelsalat. Innere Hohlräume des Hirns: bizzarste organische Architektur.
Auf den zweiten Blick wird es spannend. Das ist eine uralte Zeichung von Ramon y Cajal, um 1900. Sie zeigt eine Pyramidenzelle aus dem Cortex des Grosshirns. Der grosse Dendritenbaum (an seinen "moosigen" Spines erkenntlich) verzweigt sich organisch, wie die Äste eines Baumes eben. Das Axon (a) aber trägt einen Abzweiger (d), eine Kollaterale, die rechtwinklig abbiegt. Nun kann das natürlich alles auch ein Problem mit der Projektion sein. So ein Neuron ist ein dreidimensionales Gebilde, und wenn man seine Ausläufer auf 2D-Papier zeichnet, dann wird manch im Raume krummer Winkel gerade und manch gerader Winkel krumm. Allerdings ist auch schon seit Cajals Zeiten bekannt, dass auch anderswo im Nervensystem - im Cerebellum, bei den "Parallelfasern" und bei den Axonen der Hinterwurzelganglienzellen - rechtwinklige Aufzweigungen und Abbiegungen der Axone vorkommen.
Axone und ihre Kollateralen sind von Myelinscheiden umgeben. Das nennt man dann eine "Nervenfaser". Nervenfasern legen sich zu Bündeln zusammen. Die Summe dieser Nervenfaserbündel nennt man die "weisse Substanz".
Sie tut das, was dieser Herr da im Desy tut: die Rechner verkabeln. Selber rechnen tut sie meist nicht. Axo-axonale Interaktionen (Synapsen) sind selten. Der Herr verkabelt munter chaotisch. Kabelsalat. Das Hirn kabelt anders, und das kann man sich seit ein paar Jahren auch mit nicht-invasiven Methoden ansehen.
Diffusion magnetic resonance imaging. Ausnahmsweise guckt man dabei mal NICHT dem Gehirn beim Denken zu, misst also NICHT den lokalen Sauerstoffdurchsatz, sondern verfolgt die Diffusionsrichtungen von Wassermolekülen. Die können sich nämlich parallel zu den Faserbahnen des Gehirns (also "in Kabelrichtung") rascher bewegen als quer dazu. Logisch: querbeet im Freien bin ich zu auch mühseliger unterwegs als entlang der Wege. Man kann, mit anderen Worten, Abbilder der Fasersysteme im Gehirn erzeugen, indem man die Pfade des Wassers verfolgt. Das Schicke daran: man kann nicht nur ein Faserbündel der weissen Substanz sichtbar machen, sondern alle. Zugleich - und sie dann, damit man nicht völlig die Übersicht verliert, wieder sortieren. Nach Richtungen zum Beispiel. Oder nach Kreuzungspunkten. Genau das haben die Autoren der hier verlinkten und unten(1) noch mal hochformal zitierten Arbeit getan. Sie haben irgendwelche Koordinaten, irgendein Volumen in der weissen Substanz ausgesucht, und sich dann alle Faserbündel zeigen lassen, die dies Volumen durchlaufen.
(aus der zitierten Publikation. Es kommt gar nicht auf die Details an, es geht um das Prinzip der rechtwinkligen Kreuzung der farbig dargestellten Faserbahnen)
Und die Ergebnisse können zu denken geben: lauter rechte Winkel. Wenn zwei Fasersysteme sich kreuzen oder durchdringen - dann tun sie das im rechten Winkel. Und wenn drei Bündel sich treffen, dann sieht es aus, wie am Ursprung des cartesischen Systems: orthogonal, rechte Winkel. Wenn Fasern von einem Bündel in das andere abzweigen - dann tun sie das im rechten Winkel.
(wie zuvor, grösserer Massstab, es sind ganze Grosshirnhemisphären zu sehen. Wiewohl die Faserbahnen geschwungen und gebogen verlaufen, kreuzen sie sich doch unter rechten Winkeln)
Es ist, als ob wir ein cartesisches Raumgitter im Kopfe hätten, wobei allerdings die "Gitterstäbe" krummen, gebogenen Linien folgen - ohne aber vom Prinzip der rechtwinkligen Kreuzung abzuweichen. Klar - die "Deformation" des Raumgitters ist dem differentiellen Wachstum in den verschiedenen Regionen, der Formbildung insgesamt geschuldet. An der prinzipiell cartesischen Natur der Sache ändert das nichts.
Ich bin mir jetzt nicht so ganz sicher, ob ich diese Einsicht trivial oder grossartig oder beides finden soll. Fast trivial ist sie natürlich insofern, als Lebewesen wie wir ("Bilateria", d.i. so ziemlich alles was kreucht und fleucht und schwimmt und ein Vorder- und ein Hinterende hat) quasi natürlicherweise cartesisch verfasst sein müssen. Vorwärts, rückwärts, rauf, runter, rechts, links - die Anatomie muss dem Rechnung tragen. Die Beine gehören drunter. Der Schwanz dahinter. Sonst hat das keinen Sinn. Und wir wissen ja schon recht lange - allerspätestens seit der Entdeckung der Hox-Gene und des sonic-hedgehog-Systems - dass ein sich entwickelnder Embryo erst mal nichts Eiligeres zu tun hat, als ein orthogonales Koordinatensystem über sich zu werfen. Vermittels der Gradienten von Genprodukten, morphogenetischen Substanzen, die den Zellen feinsäuberlich signalisieren, ob sie jetzt Hirn oder Hintern machen sollen, Bauch oder Rücken, oder ob sie rechte oder linke Hand werden sollen (zwei linke Hände kommen nur im übertragenen Sinne und in der handwerklichen Praxis vor, meines Wissens gibt es das als Missbildung nicht).
Die Autoren der zitierten Studie führen natürlich genau dies Argument zur Erklärung ihrer Befunde an - ein in der Verkabelung des Hirns manifestes Überbleibsel des embryonalen Musterbildungssystems. Ausserdem - auch das ist ein eleganter Gedanke - dieses Gitter, einmal mit ein paar Nervenfasern früh angelegt, macht den später auswachsenden Axonen das Navigieren leichter. Es muss gar nicht dauernd nach dem rechten Weg zu Ziel gesucht werden - immer nur der Autobahn entlang, und nur an den Kreuzungen muss eine Entscheidung fallen. Und die geht auch nicht in alle möglichen Raumrichtungen, sondern nur in fünfe: geradeaus weiter, rechts, links, rauf, oder runter.
Einen dicken Nachteil hat die Sache freilich: die Strippen werden länger. Der Weg zum Ziel ist in diesem Raumgitter viel weiter, als er es auf den Pfaden eines Kugelkoordinatensystems wäre. Irgendwie kann man das mit Hilfe des Herrn Pythagoras wohl auch ausrechnen, ich weiss aber nicht wie.
Und endlich stellt sich natürlich die Frage, was die "Knotenpunkte" des Fasergitters zusammenhält, zumal unter den gewaltigen Deformationen, die dieses Gitter in der Entwicklung erleidet. Man bedenke: das Nervensystem beginnt als eine simple Platte von recht geringer Dicke. In der legen die Gradienten von Morphogenen fest, was vorn und hinten, oben und unten und die Flanken werden sollen. Die Platte formt sich zum (Neural-)Rohr um, und die ersten Fasern, die darin von den Nervenzellen auswachsen, bilden ein orthogonales 3D-Gitter. Das weiss man schon lange. Aber dann geht's rund. Das Rohr wird deformiert, einige Regionen werden gewaltig aufgeblasen (Grosshirn), noch dazu verbogen, es wird ein- und ausgestülpt: Es ist ein wenig so, als ob man einen von diesen Luftballons aufbliese, die erst ganz harmlos als Gummiwürste anfangen, und die dann, genügend Druck und Knotungskunst vorausgesetzt, zu komplizierten Figuren werden.
Wieso übersteht das Nervenfasergitter diese Deformation? Wieso spannen sich die Nervenfasern nicht wie Gummibänder, um die kürzeren Wege zu finden? Die simpelste Erklärung ist wahrscheinlich, dass sie verwoben sind, wie Schuss- und Kettfasern eines Textils, allerdings in drei Dimensionen. Und ausserdem können sie an den Knotenpunkten ja auch noch die Richtung wechseln, so das sie sich umeinanderschlingen, so ähnlich, wie man einen Teppich knüpft. Und wenn ich dann an einem Knotenpunkt "ziehe" - dann muss alles mit, was da verknotet ist.
Erstaunlich und deshalb irgendwie grossartig erscheint mir dennoch, dass unter dieser Deformation vom Prinzip der Rechtwinkligkeit am Knotenpunkt nicht abgewichen wird. Wieso wird nicht - wie man das aus mechanischen Gründen erwarten würde - unter der Deformation mancher Winkel stumpf und manch anderer spitz, so wie es in einem elastischen Textil der Fall wäre, bei dem man an einem Knotenpunkt zieht? Woher dieses sture Festhalten an der cartesischen, orthogonalen Kreuzung?
Ich habe keine Ahnung. Vielleicht hat das Hirn Hilbert gelesen und findet den rechten Winkel einfach elegant. Ich werd' mich mal auf die Suche machen, ob ich in der Anatomie irgendwo den goldenen Schnitt finde. Der ist auch schön.
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(1) The Geometric Structure of the Brain Fiber Pathways. J. van Wedeen, Douglas L. Rosene, Ruopeng Wang, Guangping Dai, Farzad Mortazavi, Patric Hagmann, Jon H. Kaas, Wen-Yih I. Tseng Science 335, 1628 (2012)
PS.: Dass dieser Artikel, in dem es um rechtwinklige Kreuz(ig)ungen geht, heute, an einem Karfreitag, in's Netz gelangt, ist ein Zufall, der mir eben erst zu Bewusstsein kommt. No puns intended.
PPS.: "Joker" (siehe Kommentare) hat mich auf dieses Link
(http://www.youtube.com/watch?v=_oTEhFAAARE)
hingewiesen (Danke!). "There you have it from the horse's mouth", Herr van Wedeen persönlich. In den Animationen kommt die Rechtwinkligkeit noch besser zu Geltung.
Ich möcht' aber noch zweierlei anmerken: die bunten "Strippen", die man in den Bildern sieht, sind bei Gott keine einzelnen Nervenfasern. Es sind die graphischen Repräsentationen von tausenden, die allerdings die gleiche Richtung haben. Die Auflösung der diffusion-tensor-Methode in dieser Studie lag bei etwa 300x300x300 µm pro Voxel, eine einzelne Nervenfaser ist aber nur ein bis ein paar wenige µm dick. Mit anderen Worten: wenn man mit der Methode eine Kreuzung sieht, weiss man nicht, ob einige (oder alle?) Nervenfasern in der Kreuzung "abbiegen", oder ob keine abbiegt. Auch über Kollateralen (s.o.) erfährt man nichts. Man muss also diese Faserarchitekturen aus dem Computer mit solchen, die man sich ganz klassich (invasiv) in "tracing-Studien" erarbeitet hat (die Einzelbündel und -fasern darstellen können) abgleichen. Das haben die Autoren auch getan - zumindest für die grösseren Bündel, die in der Tat so verlaufen, wie sie es darstellen.
Nachdem ich mir das Video und die Statements von Prof. van Wedeen angesehen habe, aber noch ein "Caveat": Die "Simplizität" des Kabelapparates, die er immer wieder erwähnt, hat nichts (soweit ich jedenfalls sagen kann) mit irgendwelchen "geometrisierten Rechenoperationen" zu tun. Das ist kein "Rechengitter", elektrisch tut sich an den Kreuzungspunkten nichts. "Gerechnet" (mit Synapsen) wird anderswo im Gehirn, im sog. "Neuropil" (den "Filz" aus Dendriten und axonalen Terminalien). Und dies Neuropil ist zwar nicht ungeordnet (mancherorts, im Cerebellum, gibt es sogar Dendriten und Axone, die stur rechtwinklig zueinander stehen), aber bei weitem nicht so "raumgitterartig" wie der Faserapparat der weissen Substanz. Eher ein Dickicht...
"pc" steht für "politically correct". Das finde ich meist unlustig, vor allem, wenn die euphemistischen Mäntelchen, die da über vermeintliche Garstigkeiten drapiert werden, mehr der Zier des Dekorateurs als des Dekorierten dienen. Ausserdem will man ja ab und zu garstig sein. Zum Beispiel möchte man "Klappergreis" sagen, weil man "golden ager" irgendwann schlicht nicht mehr hören mag.
Vorletzte Woche, angelegentlich einer Tagung der Leopoldina in Frankfurt, hatte ich das Vergnügen, einen Vortrag des überaus gelehrten Professor Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität in München zu hören, der nicht nur über einen Wikipedia-Eintrag, sondern auch über jede Menge Sprachwitz verfügt.
Er trug auf englisch vor. Er sprach über Chronomedizin und Chronobiologie (da geht es um Uhren und Zeiten, endo- und exogene Rhythmusgeneratoren). Er sprach unter anderem davon, wie sich die inneren Uhren verstellen, wie sich unser Dasein als Frühaufsteher oder Möchtegernmorgenschläfer im Lauf eines Lebens verändert. Das kennt man ja: Der Kinderlein heitere Schar, die die morgenmuffligen Eltern Sonntagsfrüh aus dem ersehnten Morgenschlummer reisst, wobei es dann fast ein Segen ist, wenn noch ein tattriger Opa in der Familie ist, der sich, dank der senilen Bettflucht, um die Kurzen kümmern kann. Wenn er noch kann.
Von Altersgruppen also, und deren "Chronotype" (früh/spät) redete der Herr Roenneberg. "Childhood", "Puberty", "Adulthood" -- und dann, als er zu der Gruppe kam, die auf dem Diagramm, das er projizierte, als "60+" beschriftet war, da machte er plötzlich mitten Satz, wo alle das Wort "aged", wenn nicht gar "senescence" erwarteten, plötzlich eine winzige Kunstpause. Und sagte dann, derweil der Pointer auf die "60+" zeigte: "Well, in this group - let's call it 'consolidated adulthood' [Blick ins Publikum, hinterhältiges Grinsen] - the chrontype shifts...[etc.pp]"
"Consolidated adulthood" (1). Aus mehreren Ecken des Hörsaales: schallendes Gelächter. Von mir auch. Der Herr Roenneberg wird übrigens, wie man bei Wiki nachlesen kann, nächstes Jahr selber sechzig. Wenn sich sein Wortwitz noch weiter konsolidiert - dann kann das ja noch heiter werden.
(1)Ich hab' das gegoogelt und nicht gefunden. Es kann also wohl sein, das er es wirklich, vielleicht sogar in diesem Moment, erfunden hat. Chapeau! Ein schöner Euphemismus. So erkennbar ironisch...
Mein Lieblingstheologe ist der Professor X vom Fachbereich katholische Theologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Schon deshalb, weil er der einzige Theologe ist, den ich näher kenne. Aber auch sonst -- man kann so herrlich mit ihm zusammensitzen und sich theologische und philosophische Schnurren erzählen lassen. Politische auch. Manchmal mein' ich, er ist fast mehr Kirchenpolitiker als Theolog'. Er kennt (wie es sich für einen Mann seines Standes gehört) Gott und die Welt, und womöglich auch den Papst persönlich(1). Mindestens aber ein paar Kardinäle. Oh, und er ist sehr katholisch.
Von dem will ich eine Schnurre erzählen. Und die geht so:
Auf dem wunderschönen Hauptcampus unserer gemeinsamen Alma mater steht der "Poelzig-Bau."
Hans Poelzig hat dieses imposante Gebäude um 1930 ursprünglich für die IG Farben errichtet, die 1925 in Frankfurt am Main gegründet wurde. Die theologischen Fakultäten, fein säuberlich in Katholen und Evangelen schismiert(2), residieren in einem Seitenflügel dieses Gebäudes. Da gibt es im Erdgeschoß einen großen, hohen, freundlichen, lichtdurchfluteten Raum, einen Seminar- und Vortragsraum, um den man jede Fakultät beneidet.
Das war früher eine Verkaufsstelle der IG Farben. Da konnte man alle möglichen Produkte der IG über'n Tresen kaufen. Auch Zyklon B(3). Der Raum ist, sozusagen, historisch und spirituell verseucht.
Der herrliche Seminarraum gehört, seit die Uni in den Poelzig-Bau einzog, nicht zur evangelischen Theologie. Sondern zur katholischen. In dem Raum stehend, und befragt, warum man ihn der katholischen Theologie zugesprochen habe, wirft sich Professor X ein wenig in Positur, setzt ein Grinsen auf, das zwischen Schelm und Mephisto changiert, und sagt: "...wegen der größeren kathartischen Wirkung." (4, 5, 6)
Sie haben den Witz nicht verstanden?
Schade. Dann hab' ich ihn falsch erzählt. Er liegt auch im Atmosphärischen. Darin, wie dieser recht kleine, fast ein wenig koboldhafte Professor X, dessen Gestus und Habitus wirklich zwischen geradezu diabolischer Verschmitztheit, jesuitischem Trickreichttum, heideggerscher Hingabe, eisernster Gewissheit, in Hoffnung umklappender Verzweiflung, Ironie und Ernst, Hybris und Demut changiert, wie der es manchmal fertigkriegt, das alles gleichzeitig auf einen Punkt zu bringen.
Im Moment des Spruches von der Katharsis hatte er so einen Punkt. Zyklon B, das Grauen, die Hoffnung, die Hybris und die Ironie - alles hält sich die Waage. Wie lauter Engel, die auf einer Nadelspitze tanzen. Delikate Sache. Wieviele passen da drauf? Ich sollt' mich mit ihm mal über Scholastik unterhalten.
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(1) Hier, angesichts der umklammerten Sottise, würde er wohl protestieren. Wer kennt schon Gott? Das ist Hybris. Er wird mir, Agnostiker, der ich bin, und Theologe, der er ist, den Satz aber verzeihen. Zumal er selbst von Hybris nicht ganz frei ist. Davon aber, von der Hybris (und der Ironie) handelt diese Glosse. Weiterlesen.
(2) Gibt's das Verbum? Schisma. Kirchenspaltung.
(3) Als Pestizid entwickelt. Bis heute unter anderen Markennamen ("Cyanosil") im Gebrauch.
(5) Die evangelischen Theologen hausen im Obergeschoß. Mithin also näher bei Gott. "Sofern man die Erde für eine Scheibe hält", würde Professor X zurückgeben.
(6) Sollte ich je das Bedürfnis verspüren, mich wieder unter das Dach einer Kirche zu flüchten, würde ich wohl bei der katholischen Kirche anklopfen. Schon um dem Herrgott nicht alleine gegenübertreten zu müssen. Einen Theologen wie den Professor X hätt' ich da gerne dabei.
Angesichts des heutigen Weltfrauentages sollte ich wohl eher schreiben:
♀!
Meinen tu' ich aber:
♀?
Nein, ich will damit nicht die auf die vielbeschworene "Frau als ewiges Rätsel" hinaus - ich meine das Symbol selbst. Was soll das? Warum steht just dieses Symbol für "Frau"/"weiblich"? Ich weiss es nicht. Aber vielleicht kriegen wir es ja hier, mit der vielbeschworenen Schwarmintelligenz, 'raus.
Ich kenne des Rätsels Lösung nicht. Ich kann die werte Leserin/den werten Leser nur auf die Spur setzen, die ich auch fand, die aber rasch wieder abriss.
Eine alte Publikation eines Herrn Stearn über die Symbole in der Biologie und der Nachweis, dass es Linnaeus (1707-1778) war, der das Venus-Symbol erstmals in der Biologie verwendet hat. Den Mars (♂) übrigens auch. Die Symbole sind freilich älter, schon in der Renaissance (Alchemie) standen sie für Planeten und Metalle. In Herrn Stearns Paper finde ich auch seine (mich überzeugende) Meinung, dass das "♀" nichts mit dem "Spiegel der Venus" zu tun habe. Auch schon deshalb nicht, weil Spiegel in der Antike ganz anders aussahen. So
nämlich. Was sollte auch eine Querstrebe am Griff, haben wir an modernen Handspiegeln ja auch nicht.
Und dann präsentiert der Autor folgendes (er zitiert damit eine andere, noch ältere Publikation):
Da wird versucht, das Venus-Symbol aus dem griechischen Buchstaben Φ (Phi) abzuleiten, denn "phosphorus" ("Lichtbringer") ist der griechische Name des Morgensterns bzw. der Venus. Aber die graphische Ableitung überzeugt mich ganz und gar nicht, schon wegen des komischen "k"-förmigen Schnörkels am Ausgangs-Phi, der da nicht hingehört und der später zur Querstange des Spiegelgriffes werden soll. Die Ableitung des Marssymboles aus dem Theta (Θ) des "thouros" - (Was soll das eigentlich heissen? Ich kenne dieses griechische Wort nicht - Mars heisst bei den Griechen doch "Ares") - finde ich auch nicht gerade schlagend evident.
Weiss es jemand hier besser?
(Postskriptum - oha! Der Weltfrauentag war ja schon gestern, heut' ist ja schon der Neunte im Dritten. Egal. Die Thematik des Beitrags ist ja auch eher geschichtslastig als aktuell.)
(Noch ein Postskriptum [vom 12.3.] wer sucht, wird fündig:)
Die Abbildung stammt von hier, aus einer Arbeit über die "Oxyrhynchus-Papyri", ein Konvolut von Manuskripten, die ca. 500-100 v.Chr. in Ägypten verfasst wurden. Die drei rechten Spalten zeigen die Symbole in den Papyri, links sind zum Vergleich frühmittelalterliche Planetensymbole zu sehen. Venus hat in den Papyri noch keinen Querstrich und Mars ist schildlos bzw. ein seltsamer Schnörkel.
Die Venus ist jetzt wirklich näher am Spiegel - aber die Ableitung aus dem griechischen "Phi" (s.o.) wirkt jetzt doch noch unwahrscheinlicher.
Ich hab' auch nachgeschaut, was das altgriechische "thouros" heisst, das Wort, aus dem sich das Marssymbol entwickelt haben soll (s.o.). Es ist recht ungebräuchlich und heisst u.a. "kampfstark", "streiterisch". Naja, ein wenig angestrengt ... mit anderen Worten:Iich traue Renkema (1942, s.o.) immer weniger. Blöderweise ist sein Originalpaper auf finnisch und mir nicht zugänglich.
(Hab' mal wieder keine Lust auf Wissenschaft - hier geht's um Kunst)
Vroni [1] ist eine zierliche, schlanke, fast ein wenig knochige Frau. Ein bißchen sieht sie aus wie aus spätgotischem Holz geschnitzt. Ins Männliche transponiert gäb' sie einen schönen, asketischen Heiligen in einem Stoss- oder Riemenschneider-Altar ab, einen Hieronymus zum Beispiel. Da gehörte dann ein Löwe dazu.
Aber zu Vroni gehören die toten Hasen. Und sie schnitzt auch nicht, sie pinselt, sie strichelt, sie stichelt. Vroni ist Künstlerin. Sie malt mit öligen und wässrigen Farben, zeichnet mit Bleistiften und kratzt mit der Kaltnadel in Kupferplatten. Tote Hasen. Nicht nur, aber auch. Momentan ist sie in einer Hasen-Phase.
Vroni ist ein ziemlicher Anachronismus. Sie selbst könnt' ich mir - wie gesagt - durchaus als spätgotisches Burgfrollein vorstellen, und das, was sie malt, zeichnet und radiert, ist auch irgendwie aus der Zeit gefallen. Aus der Gegenwart zumindest.
Vronis Sachen sind klein, ohne aber Miniaturen zu sein. Die Hasen auf den Radierungen sind etwa so groß, wie es Hasen halt sind. Genauer: Sie sind kaninchengroß, es sind nämlich kurzohrige Wildkarnickel, die sie da in ihren Todesposen auf die Platten strichelt. Warum sie sie "Hasen" nennt, wiewohl sie es besser weiss: das weiss ich wieder nicht. Oder vielleicht doch. Weiter unten.
Kleine Formate. Dabei stammt sie, was ihre Ausbildung angeht, durchaus aus der künstlerischen Breitwandwelt. Sie hat bei Hermann Nitsch an der Städelschule in Frankfurt studiert - das ist der mit den quasi-cinematoskopischen, körperbetonten, stundenlangen Mega-Schlachtfest-Inszenierungen; mit Ochsenfleisch und -blut und -galle und Tapetenkleister (als Surrogat anderer, normalerweise nur in kleineren Mengen zur Verfügung stehender Körpersäfte). Sie ist eine seiner Meisterschülerinnen.
Tote Kaninchen, kleine Formate, unanständig gegenständlich altmodisch Haar für Haar in die Platte gekratzt. Ganz Fell, ganz Haar, ein Strichgewuschel. Wieso denn das? Vroni gibt aber nicht gerne weitschweifige Auskünfte über das "was will uns der Künstler damit sagen". Statt dessen guckt sie ein wenig ironisch aus ihrem gotischen Gesicht heraus und sagt:
"Hase, Fell, Haare, Striche, Nadel, Kupferplatte - Hase gehört zu Kaltnadel."
Tote Kaninchen... aber sind sie denn tot? Oder schlafen sie?
Ziemlich sicher tot, denkt sich der Betrachter. Erstens schlafen Kaninchen nicht mit offenen Augen, zweitens würde kein Karnickel, das etwas auf sich hält, mit so verwuschtem, verwirbeltem, ungekämmtem Fell herumhopsen, das hätt' es längst glattgeleckt. Und drittens fehlen Vronis Kaninchen meist überlebenswichtige Körperteile, das ganze Hinterteil oder der Rücken zum Beispiel. Nicht abgeschnitten: Einfach weggelassen hat sie die Teile.
"Nadelst Du die aus dem Kopf?"
"Nein", sagt Vroni, "ich muss jetzt heim, jemand hat mir ein totes Eichhörnchen geschenkt, das liegt im Eisfach, das will ich jetzt mal probieren."
Und lässt den Betrachter mit den halben Kaninchen alleine. Und es ist schon ulkig, wie dann das Kopfkino anspringt, wie man Vroni am Tisch im Atelier an der Kupferplatte sitzen sieht, wie sie das tote Kaninchen oder Eichhorn in's Auge nimmt und es Haar um Strich und Strich um Haar auf's Kupfer bringt. Wenn das Wort nicht so altmodisch wäre, würde ich sagen: Da ist eine "Innigkeit" in dieser Vorstellung, ein "Ineinanderaufgehen" von Gegenstand, Abbild, Technik, Prozess und Produzent.
Fast wird man neidisch, dass man - so als Kunstliebhaber - nur des Produktes, und nicht des Prozesses teilhaftig werden kann. Und man denkt sich, dass Vroni eigentlich sehr zu beneiden ist. Denn man denkt sich weiter, dass im Akte dieses Stichelns und Schauens eine Wirklichkeit entsteht, in der sich diese Einzeldinge und -vorgänge - das tote Kaninchen, die Details seines Felles, jedes seiner Haare, die Striche auf der Platte, das kalte Kupfer selbst, die Hand, das Auge - in der sich all diese Einzeldinge und Prozesse, die eigentlich gar nichts miteinander zu schaffen haben, so aufeinander einlassen, dass sie ein Anderes werden, dass sozusagen die Individuation ausradiert wird, indem radiert wird. Das ist's, was ich mit der "Innigkeit" meinte.
Vroni sagt dazu nichts. Das denk' ich mir so, wenn ich die Kaninchen sehe, das denk' ich mir aus dem wenigen, was sie über ihre Kunst sagt.
Sie selbst sagt übrigens, sie befürchte, schon allzu geschwätzig zu sein. Dabei redet sie, wenn sie redet, selten über die Gegenstände ihrer Bilder. Sie erzählt gern von Techniken. Von Bleistiften, wo sie den HB bevorzugt, vom Unterschied zwischen dem Stechen und dem Radieren, von Drucktechniken, hoch, und tief und flach, und davon, dass man von den Kaninchenkupferplatten nur ganz wenige Abzüge machen kann. Die halten nämlich nicht lange.
Und wenn ich dann so zuhöre und erstmal darüber enttäuscht bin, dass ich "die Bilder nicht erklärt bekomme", merke ich, dass ich in einem Irrtum war - im populären Irrtum nämlich, der bei der Kunst immer nur auf das Produkt, und nicht auf den Prozess guckt. Dann muss ich auf einmal an die berühmte Aktion von Josef Beuys denken: "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt".
Da ist der Beuys, mit einem toten Hasen auf dem Arm, durch eine Ausstellung marschiert, ganz alleine mit dem Hasen, und hat ihm die Bilder interpretiert. "Witzig", denke ich mir auf einmal, "vielleicht nennt sie deshalb ihre Kaninchen 'Hasen'. Eine umgedrehte Hommage an Beuys. Oder Ironie? Zuzutrauen wär's ihr..."
"Wie die toten Hasen die Bilder erklären", wie sie davon erzählen, wie sie Strich für Strich zustande gekommen und Druck für Druck verblasst sind, wie sie von Vronis Hingucken und Vronis Hand, die die Nadel führte, erzählen... die toten Hasen erklären die Kunst. Nicht die Kunst die toten Hasen. Das find' ich dann sehr witzig (im Sinne von "gewitzt") und gar nicht mehr anachronistisch, sondern sehr modern, trickreich, gar nicht mehr so "romantisch-innig", sondern ziemlich cool.
Im Mai hab' ich Geburtstag. Da schenk' ich mir einen toten Hasen und häng' ihn in mein Büro. Um mich dann zu erinnern, dass es noch Wirklicheres gibt als die Wirklichkeit - die Kunst nämlich.
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[1] Die Dame heisst Vroni Schwegler, sie stellt momentan in Frankfurt, Linz und demnächst auch in München aus. Hier ist ein Link auf ihre HP.
"Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat: – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt. Jedoch ist es für ein denkendes Wesen eine mißliche Lage, auf einer jener zahllosen im gränzenlosen Raum frei schwebenden Kugeln zu stehn, ohne zu wissen woher noch wohin, und nur Eines zu seyn von unzählbaren ähnlichen Wesen, die sich drängen, treiben, quälen, rastlos und schnell entstehend und vergehend, in anfangs- und endloser Zeit: dabei nichts Beharrliches, als allein die Materie und die Wiederkehr der selben, verschiedenen, organischen Formen, mittelst gewisser Wege und Kanäle, die nun ein Mal dasind. Alles was empirische Wissenschaft lehren kann, ist nur die genauere Beschaffenheit und Regel dieser Hergänge."
Arthur Schopenhauer (22. Februar 1788 - 21. September 1860)
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Herr Doktor Schopenhauer! Mit allen guten Wünschen; dem vor allem: dass Sie da 'raus gekommen sein mögen.
Doch, es geht um Wissenschaft. Neuroanatomie sogar. Obwohl es erstmal ganz anders klingt.
"Isotroper Fraktionator" -"der gleichrichtende Zerbrecher" [1]: Das riecht nach Mord und Totschlag, nach einem Scharfrichter, der die Knochen und Glieder seiner Opfer auf dem Rad verhackstückt. "Isotroper Fraktionator": Das erinnert die Anatomen an den bösen Witz, den sie so gerne über die Molekularbiologen und Biochemiker machen. Bei denen, so lästern die Anatomen, begännen fast alle Laborprotokolle mit den Worten: "Man nehme eine Maus und stecke sie in den Mixer...".
Ein "tissue grinder", auch "potter" genannt. Von hier.
Der isotrope Fraktionator ist ein Mixer. Ein "tissue grinder". Eine ganze Maus passt da nicht hinein. Aber Teile schon. Und wenn die wieder aus dem Mahlwerk herauskommen, sind sie bis zur Unkenntlichkeit vermatscht. Noch nicht mal die Zellen bleiben intakt. Aber - oh Wunder - auch mit Mäusemus kann man noch Anatomie machen, und mit Menschenmatsch auch. Und das geht so.
Mal angenommen, Sie wollten wissen, wieviele Nervenzellen ein Hirn hat. Sagen wir ruhig mal: das eines Menschen. Die Literatur sagt: so etwa 100 Milliarden. Und nochmal 1000 Milliarden Gliazellen obendrauf. Es ist unmittelbar evident, dass kein Mensch die modulo "1,2,3,4..." abgezählt hat, das ähnelte ja dem Versuch, die deutschen Staatsschulden euroweise abzuzählen...
(Was übrigens ein Beschäftigungsprogramm wäre, man müsste mal ausrechnen, wie lange es dauern würde, von "ein Euro, zwei Euro ..." bis zu "zweitausendundvierundziebzigmilliarden-neunhundertneunundneunzigmillionen-neunhundertachtundsiebzigtausend-dreihundertundvierundsechzig Euro" zu zählen. Vermutlich ginge das aber gar nicht, und zwar nicht nur deshalb, weil eine Lebenszeit dafür nicht ausreichte, sondern weil die Schulden sekündlich schneller steigen, als man die Zahlen aussprechen kann, die sie benennen, was im übrigen eine nette, fast metaphysisch-mathematische Einsicht in das Wesen der Schuldenkrise gewährt - sozusagen der Cantorsche Beweis der Überabzählbarkeit der Schulden, in's Temporale gewendet ... ich schweife ab, Entschuldigung.)
...dass also kein Mensch 100 Milliarden Zellen abgezählt hat, sondern dass das eine Hochrechnung ist. Und wie macht man die? Nun, man macht einen mikroskopischen Schnitt mit bekannter Dicke, färbt die Zellen darin an und zählt sie in einem Fenster mit bekannter Kantenlänge, also in einem bestimmten Volumen, aus. Ein paar Multiplikationen später, die auf's Gesamtvolumen führen, hat man die Gesamtzahl der Zellen. So hat man das ein Jahrhundert lang auch gemacht. "Stereologie" nennt man das.
Fluoreszierende (Nerven-)zellen (Schnittpräparat) im Zählfenster eines stereologischen Mikroskopes. Von hier.
Es gibt aber jede Menge Probleme mit dieser Methode. Das gravierendste ist sicher, dass das Hirn keine Leber ist. Wenn ich von einer Leber weiss, wieviele Zellen in einem Kubikmillimeter ihres Volumens sind, dann weiss ich, wieviele insgesamt drin sind. Denn die Leber ist homogen, sieht überall gleich aus, hat überall gleich viele Zellen. Das Gehirn aber nun gerade nicht. Und wenn man anfängt, von der Zählerei in der Kleinhirnrinde auf den Cortex, die Grosshirnrinde also, zu extrapolieren, dann kommt Unsinn heraus. Der Cortex des Grosshirns ist viel weniger zelldicht.
Blöde sind die Anatomen ja nicht. Das haben sie schnell gemerkt, und nun mühsam einzelne, halbwegs homogene Regionen abgeklappert und angefangen, zunächst mal auf die hochzurechnen und dann zu addieren. Wobei halt wieder das Problem des "halbwegs Homogenen" auftaucht. Schon der Cortex cerebri in sich ist alles andere als homogen. An die sechzig Brodmann-Areale. Jedes ein bischen anders. Fliessende Grenzen.
Aber jetzt! Der isotrope Fraktionator! Anatomie mit dem Mixer! Und es ist so idiotisch einfach, dass es schon wieder genial ist. Das Protokoll ist narrensicher. Und es geht so:
1) Man nehme ein Hirn (ein ganzes!) und stecke es in den Mixer ("grinder") [5]. 2) Unter Zugabe eines eines geeigneten wässrigen Verdünnungsmittels (Puffer) gründlich zermatschen, bis alle Zellen geplatzt sind. Gesamtvolumen des Hirn/Puffer-Breies messen. Aufschreiben. Zettel nicht verschlampen. 3) Man entnehme ein kleines, bekanntes Volumen. Aufschreiben. Zettel nicht verschlampen. 4) Man zentrifugiere die Zellkerne ab. 5) Man verwerfe den Überstand und färbe die Zellkerne mit geeigneten (fluoreszenten) Farbstoffen (die es erlauben, Glia und Nervenzellen zu unterscheiden). 6) Man jage die Probe durch ein Durchflusszytometer [3], das die Farbstoffe unterscheiden kann. 7) Fast fertig. Am Durchflusszytometer abgelesene Zahl mit dem Quotienten der Zahlen auf dem ersten und dem zweiten Zettel multiplizieren: fertig.
Aus der Publikation [4] von unten. Ich denk', das erklärt sich weitgehend von selbst und aus dem Text. Man kann die gefärbten Zellkerne auch "manuell" in einem Hämocytometer (einer Zählkammer mit bekanntem Volumen) auszählen. DAPI färbt alle Zellkerne, NeuN nur die der Nervenzellen.
Resultate für Homo sapiens: etwa 86 Milliarden Neurone [2]. Und etwa genausoviele Glia-Zellen. Das ist erstaunlich. Wenig. Wenig im Verglich zu den Staatsschulden, aber vor allem wenig Glia. Denn bislang hiess es immer, es gäbe 10 mal so viele Gliazellen wie Neurone. Gibt es auch. Aber nur im Hirnstamm. Denn das ist der nächste Reiz der Methode: man muss ja nicht das ganze Hirn auf einmal zermatschen. Man kann, schön peu a peu, erst das Grosshirn, dann das Kleinhirn und dann den Hirnstamm homogenisieren und separat messen.
Now that I know that, what do I do?
Zunächst mal den Erfindern der Methode applaudieren. Ein Florilegium ihrer Arbeiten ist, in Zitatform, unten angehängt.
Zweitens, drüber nachdenken, was die Zahlen bedeuten. Der Verlust von 15% meiner Nervenzellen schmerzt mich wenig. Aber dass ich auf einmal 90% meiner Gliazellen verloren habe - das beeindruckt mich schon.
Im Hirnstamm, wie gesagt, da stimmt die "alte" Relation von 1 Neuron pro 10 Gliazellen. Aber im Gross- und im Kleinhirn - da sind wir runter auf 1 Neuron pro 3,7 Gliazellen im Grosshirn. Im Cerebellum sogar auf 1 zu 0,2. Und ausserdem - der nächste Knaller: dass es im Kleinhirn mehr Nervenzellen gibt als in der Grosshirnrinde, das wissen wir schon lange. Dass aber im Kleinhirn gleich 69 Milliarden Neurone sind, im Cortex cerebri aber nur 16 Milliarden - das hat mich schon erstaunt.
Naja, vorläufig kann man die Ergebnisse sicher verwenden, um der üblichen Vergöttlichung des Cortex cerebri entgegen zu treten, zumindest der Apotheose durch die Nennung der Zahl der Zellen. Zwar "macht" er (Entschuldigung, ich will's kurz halten und greife deshalb zu diesem knappen, aber falschen Wort) das Bewusstsein, aber er "macht" das mit relativ wenigen Neuronen. Wahrscheinlich kommt's also gar nicht auf die Neuronenzahl an, sondern auf die Verknüpfungen, auf die Synapsen, auf das Neuropil, das im Cortex cerebri - viel mehr als im Cerebellum - sich überall zwischen die Neurone drängt.
Connection machine. Auf die Verbindungen kommt es an. Die des Cerebellum sind darüberhinaus grösstenteils extrinsisch: rein-raus. Die des Cortex cerebri aber intrinsisch - er ist mehr mit sich selbst als mit anderen neuronalen Systemen befasst. Und brütet dabei so herrliche Ideen wie den isotropen Fraktionator, den anatomischen Multimilliardenmixer aus.
[1] "Isotroper Fraktionator" - so nennen die Autoren der u.g. Publikationen ihre Methode
[2] Equal Numbers of Neuronal and Nonneuronal Cells Make the Human Brain an Isometrically Scaled-Up Primate Brain. Azevedo, F.A.C., Carvalho, R.B., Grinberg, L.T., Farfel, J.M., Ferretti, R.E.L., Leite, R.E.P., Jacob-Filho, W., Lent, R. & Herculano-Houzel, S. The Journal of Comparative Neurology 513:532–541 (2009)
[3] A rapid and reliable method of counting neurons and other cells in brain tissue: a comparison of flow cytometry and manual counting methods. Christine E. Collins, Nicole A. Young, David K. Flaherty, David C. Airey & Jon H. Kaas Frontiers in Neuroanatomy (open access) published: 09 February 2010 doi: 10.3389/neuro.05.005.2010
[4] How many neurons do you have? Some dogmas of quantitative neuroscience under revision. Roberto Lent, Frederico A. C. Azevedo, Carlos H. Andrade-Moraes & Ana V. O. Pinto European Journal of Neuroscience, 35: 1–9 (2012)
[5] Nun ja - man muss unter Umständen ein paarmal zum "potter" greifen, oder einen sehr grossen "tissue grinder" haben...
So. Wollen wir doch mal sehen, ob die geballte Intelligenz des Schwarmes mit Hilfe aller Quellen des Internets das herausbekommt.
Vier photographische Aufnahmen ein und desselben Schädels. Die Photographien stammen von 1881. Mehr wird nicht verraten. Ausser folgendem: Die digitale Version des Bildes ist in Netz. Und jeder kennt diesen Herrn. Ein Mann also. Und so berühmt, wie es nur geht.
"De nihilo nihil", haben die Alten gesagt, und meinten damit: "Aus nix wird nix". Man kann den Satz aber auch im Sinne von: "Über das Nichts kann man nicht reden" lesen. Das ist für den, der das dennoch tun will (1), natürlich ein vernichtendes Diktum, eine inakzeptable Maxime.
Das finale Fallbeil hat Wittgenstein niedersausen lassen: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." (Tractatus, 7. Satz), denn "die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache." (Phil. Unters., §109).
Da hat er recht, der Herr Wittgenstein. Nur - es ist wie verhext - als ich diese Sätze las, in Lütkehausens Buch, das auf 768 Seiten das Nichts zu sagen versucht, ohne es natürlich zu können, weil sich vom Nichts ja nichts sagen lässt, ausser, dass der Versuch, es auszusprechen, in verwunderliche Aporien und Paradoxien führt, weil es eben unaussprechlich ist, man sich aber andererseits dem Reiz dieser Behexung, von der das Buch und wohl auch das Sein selbst lebt, kaum entziehen kann -
- da fiel mir auf, dass der Herr Lütkehaus sich eine Paradoxie hat entgehen lassen, dass ihm ein verhexter Doppelsinn entkam. Und der geht so:
"Nihil est ineffabile." "Nichts ist unaussprechlich."
Wenn mich google nicht betrügt, hab' ich das gerade erfunden. Und es amüsiert mich sehr, ich könnt' es mir zur paradoxen Maxime wählen.
(1)
exemplum datum: Lutger Lütkehaus: "Nichts" 768 (!) Seiten, bei ZWEITAUSENDEINS. Ich hab's gerade fertig gelesen.