Traumzeit
Der amerikanische Science-Fiction-Autor Neal Stevenson hat in einem Interview mit der Zeitschrift Technology Review im April 2012 den Pessimismus moderner Science-Fiction-Romane beklagt.
Stevenson gehört zu den Großen der Branche und ist unter anderem durch seine Romane Snow Crash und Diamond Age bekannt. Darin greift er aktuelle Fehlentwicklungen auf und verdichtet sie zu dystopischen Visionen der nahen Zukunft.
Genau wie ich hat er in seiner Jugend atemlos die Mondlandungen verfolgt. Er träumte von Reisen zum Mars und von großen ringförmigen Raumstationen in der Erdumlaufbahn. Mehr als 40 Jahre später ist nichts davon Realität geworden, stattdessen haben die USA ihr bemanntes Raumfahrtprogramm eingestellt.
„Große Dinge werden nicht mehr angefasst“, meint Neal Stevenson. Die grandiosen Visionen der sechziger Jahre sind verloren gegangen. Die Nebula-Awards (der Preis der Science-Fiction and Fantasy Writers of America Inc.) ist in den letzten zehn Jahren nur noch an Fantasy-Bücher oder Dystopien gegangen. In Deutschland gab es mit Frank Schätzings Buch Limit immerhin eine technische Zukunftsvision zu kaufen, die nicht von vornherein negativ angelegt war. Ansonsten ist das Angebot eher traurig. Als ich am Abend des 3. Mai bei Amazon nachgesehen habe, standen auf den ersten zwanzig Plätzen 12 Perry-Rhodan-Romane bzw. -Hefte. Bei ihnen geht es meist weniger um Raumfahrt, als mehr um Krieg.
Deshalb möchte ich hier an einige der herausragenden Autoren der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts erinnern, eine Zeit, die ich als Traumzeit der Science-Fiction bezeichne. In Deutschland scheint es wieder eine Nachfrage nach diesen Büchern zu geben, denn viele von ihnen sind in den letzten Jahren neu übersetzt oder neu aufgelegt worden.
Der wohl bekannteste Autor der Traumzeit ist Isaac Asimov (1920 – 1992). Obwohl er im Hauptberuf Schrifsteller war, hatte er noch eine Professur für Biochemie an der Universität Boston. Kaum ein anderer Autor hat so viele Bücher veröffentlicht und dabei zugleich ein sehr hohes Niveau gehalten. Viele seiner Science-Fiction-Bücher kreisen um zwei Schwerpunkte: die positronischen Roboter und das galaktische Imperium. Als einer der Ersten hat er sich Gedanken um das Zusammenleben von intelligenten Robotern und Menschen gemacht. Viele von Asimovs Kurzgeschichten befassen sich mit den Konflikten und Paradoxien, die aus seinen drei Roboter-Gesetzen entstehen können (siehe auch Boris Hänßlers Blog).
Das andere Thema von Asimov war das Schicksal des galaktischen Imperiums. Aliens spielen darin keine Rolle, das Millionen von Planeten umfassende Reich von Trantor ist nur von Menschen bewohnt. Asimov setzte selbstverständlich voraus, dass die Menschheit die Erde überwinden und die Galaxis besiedeln würde. Allerdings ist in seinem Zukunftsentwurf die Erde zum Großteil radioaktiv verseucht und nur wenige Menschen leben noch dort. In dem Buch Radioaktiv …!, jetzt neu übersetzt als Ein Sandkorn am Himmel beschreibt Asimov, wie ein Mensch von heute in diese Welt versetzt wird und einen Terrorangriff auf das Universum verhindert. Das Buch ist auch in der heutigen Zeit immer noch sehr spannend und wirkt noch immer aktuell.
Die letzten beiden Bände der Foundation-Trilogie habe ich vor mehr als dreißig Jahren gelesen und fand sie damals sehr spannend und überzeugend. Als ich vor einigen Monaten den ersten Band lesen wollte, war ich etwas enttäuscht. Seine endlose Dialoge und die diplomatischen Verwicklungen kamen mir hohl und langweilig vor. Die Zeiten haben sich eben geändert und sicherlich auch mein Geschmack, was Bücher angeht.
Der Engländer Arthur C. Clarke (1917 – 2008) brachte schon 1945 die Idee auf, Fernmeldesatelliten als Relaisstationen in einem geostationären Orbit zu parken. Er schrieb zusammen mit Regisseur Stanley Kubrick das Drehbuch zu dem 1968 uraufgeführten Film 2001 – Odyssee im Weltraum. Sein gleichnamiges, wenig später erschienenes Buch wies eine Reihe von Änderungen gegenüber dem Film auf, um die Handlung etwas plausibler zu gestalten. Für das Jahr 2001 sah der Plot bereits eine internationale ringförmige Raumstation und eine permanente Mondbasis vor. Ein intelligenter Computer leitet die Mission zum Jupiter (Film) oder Saturn (Buch). Die Menschheit ist auf dem Sprung zur Besiedlung des Sonnensystems. Das Buch ist auf Deutsch leider nur noch antiquarisch erhältlich. Clarkes Buch Die Stadt und die Sterne hat der Heyne-Verlag dagegen 2011 neu übersetzt und veröffentlicht. Das darin vorgestellte Konzept der selbsterhaltenden Stadt Diaspar, die über eine Milliarde Jahre von einem hochintelligenten Computersystem (dem Zentralgehirn) gesteuert wird, ist und bleibt faszinierend. Die Menschen dort sind fast unsterblich, ihr Gedächtnis und ihre Persönlichkeit werden in einem riesigen Computerspeicher aufbewahrt. Daraus generiert das Zentralgehirn ab und zu einen Körper, der dann tausend Jahre lang in der Stadt leben darf. Diaspar ist mit einer Kuppel gegen die Umwelt abgeschlossen. Ihre Bewohner leiden unter einer instinktiven Angst vor freien Plätzen, und die Gründungslegende behauptet, dass ein unbarmherziger Gegner den Menschen einst ihr galaktisches Imperium entriss und ihnen nur die eine Stadt auf der Erde ließ, die sie nie wieder verlassen durften. Erst Alvin, der Held der Geschichte, deckt die Lüge hinter der Legende auf …
Der dritte Schriftsteller aus der Traumzeit, den ich hier vorstellen möchte, heißt Clifford D. Simak (1904 – 1988). Sein Thema sind nicht die großen galaktischen Reiche, die Technik und die Tücken von Raumschiffen oder die Kriege mit Aliens. Er schildert die menschliche Seite des Fortschritts. Seine Protagonisten sind normale Menschen und sie müssen sich mit Dingen herumschlagen, die sie nicht verstehen. Der Heyne-Verlag hat die Geschichtensammlung Als es noch Menschen gab im Jahre 2010 neu aufgelegt, alle anderen Bücher kann man leider nur noch antiquarisch kaufen. Simaks Roboter und Aliens sind oft menschlicher als die Menschen, wie beispielsweise der freundliche Roboter Jürgens aus dem Roman Special Deliverance (deutsch: Poker um die Zukunft). Er fragt ganz am Anfang den Protagonisten, ob er eine Macke habe. Der verneint etwas verblüfft.
„Es ist mein Hobby, Menschen zu sammeln, die eine Macke haben“, erwiderte der Roboter. „Ich kenne jemanden, der sich für Gott hält, und zwar immer dann, wenn er betrunken ist.“
„Damit kann ich nicht dienen“, versicherte Lansing. „Betrunken oder nüchtern – für Gott habe ich mich noch nie gehalten.“
„Ach“, erwiderte Jürgens, „das ist doch nur eine Spielart des Verrücktseins. Es gibt noch viele andere.“1
Simaks Geschichten entwickeln sich langsam, und man muss etwas für skurrile Situationen und Charaktere übrig haben, um seine Romane schätzen zu können. Er beherrscht die uralte Kunst des Erzählens und er schreibt im Grunde Märchen für Erwachsene.
Natürlich haben viele andere Autoren in der Traumzeit an den Visionen einer raumfahrenden Menschheit mitgearbeitet, z. B. Paul Anderson, Harry Harrison, Larry Niven oder Robert Heinlein, um nur einige zu nennen.
Wenn ich mich heute umsehe, dann sind diese Visionen verblasst. Star Wars spielt vor langer Zeit in einer anderen Galaxis. Die hervorragend gemachte Fernsehserie Battlestar Galactica zeigt eine dystopische Zukunft, die sich am Schluss als ferne Vergangenheit herausstellt.
Ist der Aufbruch der Menschen ins All nur noch ein verblassender Kindheitstraum der heute 40 bis 60jährigen? Denken die Jüngeren nur noch von ihrer Karriere? Träumen sie nur noch von virtuellen Abenteuern bei World of Warcraft? Bald werden die Mondlandungen nur noch Geschichte sein, wie jetzt schon die erste Erdumrundung. Wer kennt noch die Namen Hermann Oberth, Juri Gagarin und Wernher von Braun?
Wenn die Träume vergessen sind, wenn die großen Ziele gestorben sind, welche Zukunft bleibt dann noch für die Menschheit?
[1] Clifford D. Simak (1983) Poker um die Zukunft. Knaur Verlag, München, p43
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