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Traumzeit

04. Mai 2012, 20:56

Der amerikanische Science-Fiction-Autor Neal Stevenson hat in einem Interview mit der Zeitschrift Technology Review im April 2012 den Pessimismus moderner Science-Fiction-Romane beklagt.

Stevenson gehört zu den Großen der Branche und ist unter anderem durch seine Romane Snow Crash und Diamond Age bekannt. Darin greift er aktuelle Fehlentwicklungen auf und verdichtet sie zu dystopischen Visionen der nahen Zukunft.

Genau wie ich hat er in seiner Jugend atemlos die Mondlandungen verfolgt. Er träumte von Reisen zum Mars und von großen ringförmigen Raumstationen in der Erdumlaufbahn. Mehr als 40 Jahre später ist nichts davon Realität geworden, stattdessen haben die USA ihr bemanntes Raumfahrtprogramm eingestellt.

„Große Dinge werden nicht mehr angefasst“, meint Neal Stevenson. Die grandiosen Visionen der sechziger Jahre sind verloren gegangen. Die Nebula-Awards (der Preis der Science-Fiction and Fantasy Writers of America Inc.) ist in den letzten zehn Jahren nur noch an Fantasy-Bücher oder Dystopien gegangen. In Deutschland gab es mit Frank Schätzings Buch Limit immerhin eine technische Zukunftsvision zu kaufen, die nicht von vornherein negativ angelegt war. Ansonsten ist das Angebot eher traurig. Als ich am Abend des 3. Mai bei Amazon nachgesehen habe, standen auf den ersten zwanzig Plätzen 12 Perry-Rhodan-Romane bzw. -Hefte. Bei ihnen geht es meist weniger um Raumfahrt, als mehr um Krieg.

Deshalb möchte ich hier an einige der herausragenden Autoren der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts erinnern, eine Zeit, die ich als Traumzeit der Science-Fiction bezeichne. In Deutschland scheint es wieder eine Nachfrage nach diesen Büchern zu geben, denn viele von ihnen sind in den letzten Jahren neu übersetzt oder neu aufgelegt worden.

Der wohl bekannteste Autor der Traumzeit ist Isaac Asimov (1920 – 1992). Obwohl er im Hauptberuf Schrifsteller war, hatte er noch eine Professur für Biochemie an der Universität Boston. Kaum ein anderer Autor hat so viele Bücher veröffentlicht und dabei zugleich ein sehr hohes Niveau gehalten. Viele seiner Science-Fiction-Bücher kreisen um zwei Schwerpunkte: die positronischen Roboter und das galaktische Imperium. Als einer der Ersten hat er sich Gedanken um das Zusammenleben von intelligenten Robotern und Menschen gemacht. Viele von Asimovs Kurzgeschichten befassen sich mit den Konflikten und Paradoxien, die aus seinen drei Roboter-Gesetzen entstehen können (siehe auch Boris Hänßlers Blog).

Das andere Thema von Asimov war das Schicksal des galaktischen Imperiums. Aliens spielen darin keine Rolle, das Millionen von Planeten umfassende Reich von Trantor ist nur von Menschen bewohnt. Asimov setzte selbstverständlich voraus, dass die Menschheit die Erde überwinden und die Galaxis besiedeln würde. Allerdings ist in seinem Zukunftsentwurf die Erde zum Großteil radioaktiv verseucht und nur wenige Menschen leben noch dort. In dem Buch Radioaktiv …!, jetzt neu übersetzt als Ein Sandkorn am Himmel beschreibt Asimov, wie ein Mensch von heute in diese Welt versetzt wird und einen Terrorangriff auf das Universum verhindert. Das Buch ist auch in der heutigen Zeit immer noch sehr spannend und wirkt noch immer aktuell.

Die letzten beiden Bände der Foundation-Trilogie habe ich vor mehr als dreißig Jahren gelesen und fand sie damals sehr spannend und überzeugend. Als ich vor einigen Monaten den ersten Band lesen wollte, war ich etwas enttäuscht. Seine endlose Dialoge und die diplomatischen Verwicklungen kamen mir hohl und langweilig vor. Die Zeiten haben sich eben geändert und sicherlich auch mein Geschmack, was Bücher angeht.

Der Engländer Arthur C. Clarke (1917 – 2008) brachte schon 1945 die Idee auf, Fernmeldesatelliten als Relaisstationen in einem geostationären Orbit zu parken. Er schrieb zusammen mit Regisseur Stanley Kubrick das Drehbuch zu dem 1968 uraufgeführten Film 2001 – Odyssee im Weltraum. Sein gleichnamiges, wenig später erschienenes Buch wies eine Reihe von Änderungen gegenüber dem Film auf, um die Handlung etwas plausibler zu gestalten. Für das Jahr 2001 sah der Plot bereits eine internationale ringförmige Raumstation und eine permanente Mondbasis vor. Ein intelligenter Computer leitet die Mission zum Jupiter (Film) oder Saturn (Buch). Die Menschheit ist auf dem Sprung zur Besiedlung des Sonnensystems. Das Buch ist auf Deutsch leider nur noch antiquarisch erhältlich. Clarkes Buch Die Stadt und die Sterne hat der Heyne-Verlag dagegen 2011 neu übersetzt und veröffentlicht. Das darin vorgestellte Konzept der selbsterhaltenden Stadt Diaspar, die über eine Milliarde Jahre von einem hochintelligenten Computersystem (dem Zentralgehirn) gesteuert wird, ist und bleibt faszinierend. Die Menschen dort sind fast unsterblich, ihr Gedächtnis und ihre Persönlichkeit werden in einem riesigen Computerspeicher aufbewahrt. Daraus generiert das Zentralgehirn ab und zu einen Körper, der dann tausend Jahre lang in der Stadt leben darf. Diaspar ist mit einer Kuppel gegen die Umwelt abgeschlossen. Ihre Bewohner leiden unter einer instinktiven Angst vor freien Plätzen, und die Gründungslegende behauptet, dass ein unbarmherziger Gegner den Menschen einst ihr galaktisches Imperium entriss und ihnen nur die eine Stadt auf der Erde ließ, die sie nie wieder verlassen durften. Erst Alvin, der Held der Geschichte, deckt die Lüge hinter der Legende auf …

Der dritte Schriftsteller aus der Traumzeit, den ich hier vorstellen möchte, heißt Clifford D. Simak (1904 – 1988). Sein Thema sind nicht die großen galaktischen Reiche, die Technik und die Tücken von Raumschiffen oder die Kriege mit Aliens. Er schildert die menschliche Seite des Fortschritts. Seine Protagonisten sind normale Menschen und sie müssen sich mit Dingen herumschlagen, die sie nicht verstehen. Der Heyne-Verlag hat die Geschichtensammlung Als es noch Menschen gab im Jahre 2010 neu aufgelegt, alle anderen Bücher kann man leider nur noch antiquarisch kaufen. Simaks Roboter und Aliens sind oft menschlicher als die Menschen, wie beispielsweise der freundliche Roboter Jürgens aus dem Roman Special Deliverance (deutsch: Poker um die Zukunft). Er fragt ganz am Anfang den Protagonisten, ob er eine Macke habe. Der verneint etwas verblüfft.

„Es ist mein Hobby, Menschen zu sammeln, die eine Macke haben“, erwiderte der Roboter. „Ich kenne jemanden, der sich für Gott hält, und zwar immer dann, wenn er betrunken ist.“

„Damit kann ich nicht dienen“, versicherte Lansing. „Betrunken oder nüchtern – für Gott habe ich mich noch nie gehalten.“

„Ach“, erwiderte Jürgens, „das ist doch nur eine Spielart des Verrücktseins. Es gibt noch viele andere.“1

Simaks Geschichten entwickeln sich langsam, und man muss etwas für skurrile Situationen und Charaktere übrig haben, um seine Romane schätzen zu können. Er beherrscht die uralte Kunst des Erzählens und er schreibt im Grunde Märchen für Erwachsene.

Natürlich haben viele andere Autoren in der Traumzeit an den Visionen einer raumfahrenden Menschheit mitgearbeitet, z. B. Paul Anderson, Harry Harrison, Larry Niven oder Robert Heinlein, um nur einige zu nennen.

Wenn ich mich heute umsehe, dann sind diese Visionen verblasst. Star Wars spielt vor langer Zeit in einer anderen Galaxis. Die hervorragend gemachte Fernsehserie Battlestar Galactica zeigt eine dystopische Zukunft, die sich am Schluss als ferne Vergangenheit herausstellt.

Ist der Aufbruch der Menschen ins All nur noch ein verblassender Kindheitstraum der heute 40 bis 60jährigen? Denken die Jüngeren nur noch von ihrer Karriere? Träumen sie nur noch von virtuellen Abenteuern bei World of Warcraft? Bald werden die Mondlandungen nur noch Geschichte sein, wie jetzt schon die erste Erdumrundung. Wer kennt noch die Namen Hermann Oberth, Juri Gagarin und Wernher von Braun?

Wenn die Träume vergessen sind, wenn die großen Ziele gestorben sind, welche Zukunft bleibt dann noch für die Menschheit?

[1] Clifford D. Simak (1983) Poker um die Zukunft. Knaur Verlag, München, p43





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Don't Panic!

02. Mai 2012, 10:12

Wenn Sie als junger Wissenschaftler überlegen, ob Sie einen lieb gewordenen Blog weiterführen können, oder der Einladung von Scilogs zum Bloggen folgen dürfen, dann sollten Sie nicht lange überlegen. Bloggen schadet Ihrer Karriere nicht. Ganz sicher nicht.

Wie kann ich das so apodiktisch behaupten? Lassen Sie mich die Beweisführung kurz erläutern (und sagen Sie mir, ob Sie einen Fehler finden). Ein Blog ist eine Art Tagebuch. In einem Wissenschaftsblog schreiben Sie über Dinge aus Ihrem Fachgebiet (im weitesten Sinne), die Ihnen aufgefallen sind, oder die Ihnen wichtig genug erscheinen, um erläutert zu werden. Damit sind Sie öffentlich sichtbar, und natürlich angreifbar. Eventuell fühlt sich jemand beleidigt oder Ihre Kollegen bekommen den Eindruck, dass Sie bei gemeinsamen Forschungsvorhaben den Ruhm einstreichen möchten, indem Sie als erster darüber berichten. Wäre es also besser, öffentlich möglichst wenig in Erscheinung zu treten?

Nein, das ist keine Alternative. Als Wissenschaftler sind Sie heutzutage ständig in der Öffentlichkeit. Der Gelehrte im Studierstübchen oder einsame Forscher im Labor ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Heutige Wissenschaftler, selbst Doktoranden mit halben Stellen, sind voll in die Lehre eingebunden. Sie halten Vorlesungen, leiten Seminare, betreuen Praktika. Und natürlich wird erwartet, dass sie zu Konferenzen und Workshops fahren, um sich mit Kollegen auszutauschen. Die meisten haben auch Accounts auf Facebook, Twitter und vielleicht Researchgate. Gewöhnen Sie sich daran: Als Wissenschaftler sind Sie ein öffentlicher Mensch. Möglicherweise gab es mal eine Zeit, in der jeder, der im Internet seine Meinung kundtat, eher misstrauisch beäugt wurde, aber das ist definitiv vorbei1.

Wer vor Studenten seine Kollegen schlechtmacht, wer auf Kongressen auf seinen Chef schimpft, wer bei 236 Facebook-Freunden über die Arbeitsbedingungen in seinem Institut lästert, der braucht keinen Blog mehr, um sich seine Karriere zu ruinieren. Und natürlich ist ein Blog nicht mehr als ein Hobby. Wie jede Freizeitbeschäftigung darf es die reguläre Arbeit nicht behindern. Mir persönlich ist kein Fall bekannt, in dem jemand allein oder vorwiegend durch seinen Blog die Berufung auf einen Lehrstuhl verpasst hat.

Man muss nicht darauf schielen, ob irgendeine Lebensäußerung die Karriere behindern könnte. Wer ständig mit stromlinienförmig angelegten Ohren herumläuft und die drei weisen Affen zu seinen wichtigsten Karriereberatern erkoren hat, sollte ohnehin kein Blog schreiben. Er sollte eigentlich auch kein Wissenschaftler werden, denn die lebendige Wissenschaft nährt sich von Kontroversen. Lehrmeinungen müssen ständig hinterfragt werden, sonst erstarrt die akademische Gemeinschaft in scholastischen Spitzfindigkeiten.

Also: Wer sich berufen fühlt, einen Blog zu schreiben, sollte sich nicht abhalten lassen. Wie Michael Blume eloquent und überzeugend ausgeführt hat, können Sie Ihre Karriere damit sogar befördern.

Übrigens: Martina hat sich zu dem Thema eine sehr humorvolle Zeichnung ausgedacht.

 

[1] heise online stellt heute (2.5.2012) in einer Kurzmeldung das Buch Der entfesselte Skandal des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen vor. Der Autor vertritt darin die These, dass im Zeitalter der Smarthandys alles ständig mitgeschnitten werden kann und damit potenziell weltöffentlich ist.



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Das Bild des Helden

20. April 2012, 14:49

In der Wissenschaft geht es nicht zuletzt darum, ungewöhnliche Fragen zu stellen, Gewohntes neu zu betrachten, und daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Sehen wir doch einmal, was zum Vorschein kommen kann, wenn wir dieses Verfahren auf die deutsche Nibelungensage anwenden. Dem Thema angemessen, habe ich den Beitrag als Kurzgeschichte gestaltet.

Der Drachentöter

Liebe Schankmaid, schönste aller Maiden dieses Dorfes, würdet Ihr mir einen letzten Becher Bier kredenzen? Ich weiß, Ihr räumt auf, die Gäste sind gegangen, der Wirt hat sich schlafen gelegt und ich werde wohl mein Strohlager im Stall beziehen müssen, das er mir so großzügig eingeräumt hat. Nun, mit den Kühen und Ziegen als Gesellschaft habe ich es wenigsten warm, also will ich nicht klagen.

Ich habe viel gesungen heute Abend und meine Kehle ist trocken. Für einen letzten Becher von Eurem guten Bier erzähle ich Euch die wahre Geschichte von Siegfried, dem Drachentöter. Sie ist nur für Euch, nicht jeder ist der Wahrheit wert, aber Ihr seid klug und wisst bereits: Wie es alle singen, kann es nicht gewesen sein. Siegfried, der hochgewachsene, blonde, blauäugige Recke, das Urbild germanischer Tugenden? Ha, so ein Blödsinn! Ja, ich weiß es besser, denn Siegfried war mein Freund. Ein wahrer Freund! Ich danke ihm mein Leben., Drei Tage hatte ich in einer kleinen Stadt in einer Schenke gesungen, ich hatte die Gäste unterhalten und – ja liebe Maid – ihre Frauen glücklich gemacht. Aber zwei ihrer Ehemänner waren gar nicht froh darüber und sie fielen mit Knüppeln über mich her, kaum dass ich aus der Tür getreten war. Siegfried kam zufällig die Straße entlang, entwand ihnen die Knüppel und zerbrach sie wie dürres Holz. Die beiden Schläger starrten ihn an, verzichteten auf jeden Protest und verschwanden.

„Danke“, sagte ich unter Schmerzen.

„Ihr seid ein Barde?“ fragte er.

„Volker, zu Euren Diensten“, sagte ich, während ich mich auf die Beine mühte. Er streckte seine Hand aus und ich nahm sie gerne. Die zwei Gauner hatten mich zwar bös verprügelt, aber meine Knochen waren ganz geblieben waren. Ich würde laufen können, das war das Wichtigste.

„Ich stehe in Eurer Schuld“, sagte ich.

Vor mir stand ein muskelbepackter Riese mit einem Langschwert auf dem Rücken. Er zog die Lippen zu einem strahlenden Grinsen auseinander.

„Ich bin … , ein wandernder Schwertkämpfer. Und ich suche einen Barden, der mit mir zieht und meinen Ruhm singt.“

„Du hast ihn gefunden. Wo willst du hin?“

„Wo man mein Schwert braucht.“

„Du kommst aus dem Süden?“

„Aus dem Norden, da gibt es viele von meiner Sorte.“

Ich glaubte ihm nicht, aber schließlich hatte er mein Leben gerettet, es wäre unhöflich gewesen, seine Worte anzuzweifeln. Er fuhr fort:

„Lass uns jetzt nach Westen ziehen. Ich hörte, der Burgundenfürst Gundahar sucht einen guten Kämpfer.“

Für mich war eine Richtung so gut wie die andere. Er war, so glaube ich, von den Römern ausgebildet worden, seine Schwertkunst war besser als sie hier gelehrt wird. Seinen wahren Namen darf ich nicht nennen, ich hab's ihm versprochen. Und ich war es auch, der ihm den Namen Siegfried gab. Wahrlich, holde Schönheit, so war es, das schwöre ich bei meiner Ehre. Ich erfuhr nie, woher er kam, wer seine Eltern waren, was er erlebt hatte. Wann immer ich ihn fragte, erfand er wundersame Mären. Wie kann man mit einem Mann reisen, fragt Ihr, der unablässig lügt? Ich bitte Euch, wer fragt nach der Wahrheit, wenn die Lüge so viel schöner klingt? Was er erzählte, goss ich in Verse, und bald folgte uns das Glück, wo immer wir gingen. Die Menschen starrten Siegfried an und lauschten meinen Heldengesängen. Mit offenem Mund saßen sie da wie junge Vögel und schnürten willig ihre Börsen auf. Bald tranken wir süßen Wein statt saures Bier und schliefen in Betten statt auf Stroh. Diesen weiten und warmen Mantel hier verdanke ich dieser glücklichen Zeit. Aber Siegfried wurde unzufrieden mit dem angenehmen Leben, er brauchte Kriegsgeschrei und Kampf.

„Sieh mich an“, sagte er eines Tages. „Warum sehe ich so aus?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich, „sag es mir und ich singe davon.“

„Bei Mime war ich in der Lehre, dem besten Schwertschmied in den Wäldern des Nordens. Er war ein Zwerg aus den Gebeinen der Erde und stark wie ein Baum. Aber bald übertraf ich ihn an Stärke und Gewandtheit. Dieses mächtige Schwert wurde mein Meisterstück. Da wurde Mime neidisch und plante heimlich meinen Tod. Sein Bruder war ein Drache – wirklich! Mein Wort darauf! – und er lauerte mir auf, um mich zu töten. Aber ich habe ihn erschlagen und in seinem schwarzen Blut gebadet. Drachenblut gerinnt und wird dann hart wie Horn, und so bin ich jetzt unverwundbar. Dieses Lied sollst du ihnen singen, Volker.“

„Alle jungen Heißsporne werden kommen, um dich zu fordern“, erwiderte ich sorgenvoll.

„Sollen sie kommen! Ich liebe den Kampf“, sagte er und setzte sein unvergleichliches Grinsen auf. Sie kamen wirklich, aber niemand vermochte ihn auch nur zu ritzen, so schnell war er mit dem Schwert. Was sagt ihr? Könnte er nicht wirklich einen Drachen erschlagen haben? Er war ein glänzender Schwertkämpfer und sicher kein entlaufener Schmiedegeselle. Auf der Klinge seines Schwerts waren die Worte ENSISVICTORISARENARUM eingraviert. Deshalb habe ich ihn Siegfried genannt. Und während seine Muskeln steinhart waren, war seine Haut so weich wie meine. Aber sei's drum, als wir in Worms an Gundahars Hof erschienen, war Siegfrieds Ruf ihm schon vorausgeeilt Gundahar nahm ihn gerne in seine Reihen auf. Siegfried gewann viele Schlachten für den Fürsten und Gundahar wurde ihm so gewogen, dass er ihm sogar die Hand seiner Schwester versprach. Aber dann begann Gundahar von mehr Ruhm zu träumen als gut für ihn war. Er warf ein Auge auf das Reich der Königin Brunhild, doch das lag östlich des Flusses jenseits des Imperiums. Damit war es außer Reichweite. So freite er sie, aber sie wies ihn ab. Das war kein Wunder, sie hatte ihre Brüder getötet, um den Thron zu erlangen und war stärker als drei Männer. So schickte er schließlich Siegfried als Unterhändler und der schaffte es irgendwie, sie zu überzeugen. Er hat mir gesagt:

„Ich bin durch ihren Feuerring gegangen, aber sieh mich an! Feuer kann mir nichts anhaben!“

So bekam Gundahar seine Brunhild und Siegfried seine Krimhild. Aber glaub mir, Maid: Adelige Frouwen sind die Hölle! In der Hochzeitsnacht weigerte sich Brunhild, Gundahar zu empfangen, sie packte ihn, schnürte ihn mit seinem eigenen Gürtel zu einem Paket und hängte ihn an die Wand. Ich war nicht dabei, aber so gehen die Gerüchte. Danke für das Bier, schönste aller Maiden!

Gundahar war blamiert, und der ganze Hof hat gelacht. In der nächsten Nacht, als es richtig dunkel war, hat Siegfried Brunhild für ihn gefesselt. Er habe eine Tarnkappe getragen, sagte er mir grinsend. Als ob er das nötig gehabt hätte! Gundahar hatte Ruhe im Bett, aber bald stritten die hohen Frouwen wie die Marktweiber! Und schnell kam heraus, was Siegfried getan hatte. Brunhild und ihre Hofclique wollten seinen Tod, aber er hat nur gelacht. Böse Omen erschienen am Himmel und ich beschwor ihn, zu fliehen. „Fliehen?“, sagte er, „jetzt, wo es spannend wird?“

Ein Fleck auf seinem Rücken wurde zu seinem Schicksal. Er war rosig wie bei einem Baby, und er behauptete, er habe nicht gemerkt, dass sich ein Lindenblatt auf seine Haut gelegt habe, bevor er im Drachenblut badete. Nur dort sei er verwundbar, sagte er.

„Nun muss ich nur noch auf einen kleinen Fleck meiner wertvollen Haut aufpassen“, erklärte er mir grinsend, als ich ihn darauf ansprach. „Ist doch eine gute Idee, oder?“

Ich ahnte Böses, und wirklich, bald haben sie ihm auf der Jagd einen Speer in den Rücken geworfen. Sie hassten ihn, er war ihnen fremd, und seine Kraft machte ihnen Angst. Auch mir wollten sie an den Kragen, aber ich bin rechtzeitig weg.

So singe ich weiter meine Lieder, von dem großen blonden Helden, den es niemals gab. Und keinem fällt es auf! Aber du, schönes Kind, hast es sicher längst geahnt. Wie sieht wohl ein Mann aus, der in Drachenblut badet? Ganz recht: Er ist über und über schwarz. Selbst wenn er vorher blond war, nachher kann er nur schwarz sein. Siegried war ein Schwertkämpfer aus den afrikanischen Provinzen des Imperiums. Die Drachengeschichte hatte er sich für die germanischen Hinterwäldler ausgedacht, und sie hatten sie geschluckt. Immer warte ich darauf, dass die Leute lachen, wenn es heißt, Siegfried war hellhäutig und blond. Sie müssten faules Gemüse nach mir werfen, weil ich sie für dumm verkaufen will. Aber nein, die Menschen glauben, was sie glauben wollen. Siegfried soll einer von ihnen sein, blauäugig und strohköpfig.

Mein Becher ist leer, Eure Arbeit ist fertig, und ich muss gehen. Ein einsamer Barde werde ich sein in dieser Nacht, mit Kühen als einziger Gesellschaft. Wie viel wärmer ist ein Lager, wenn zwei es sich teilen? Ihr steht noch in der Tür, ist dort Eure Kammer? Wie recht Ihr habt: Zwei zusammen schlafen besser als einer und jede Decke reicht auch für zwei! Ich schwöre, Ihr werdet es nicht bereuen.

Anmerkungen

Zum Namen Siegfried: Die lateinische Inschrift auf dem Schwert (ENSISVICTORISARENARUM) bedeutet übersetzt Schwert des Siegers der Arenen. Der Name Siegfried setzt sich aus Sieg und Fried zusammen. Fried steht für einen geschützten oder umzäunten Bereich. Das kann natürlich auch ein Kampfplatz sein. Ich habe mir deshalb die Freiheit genommen, den Begriff „Sieger der Arenen“ als „Siegfried“ zu übersetzen. Diese Bedeutung ist keineswegs verbürgt, sie passt nur gut zur Geschichte.

Brunhild: Es ist weder durch historische Forschungen noch durch das Nibelungenlied belegt, dass Brunhild Königin eines angrenzenden Reichs war. Das habe ich für die Kurzgeschichte erfunden. Ich bitte, mir das nachzusehen.

Niebelungensage: Mit dem Inhalt der Nibelungensage verfahre ich recht frei, um ihn geht es nur am Rande. Eine kurze Inhaltsangabe mit Diskussion des historischen Hintergrunds und der Entstehungsgeschichte gibt es der Website Worms-City.

Gundahar: König eines nur kurz bestehenden Burgundenreichs am Rhein (ca. 410-437 n. Chr.). Xanten, der angebliche Herkunftsort Siegfrieds, war zu dieser Zeit noch eine römische Kolonie. Sie wurde allerdings kurz danach aufgegeben.

Und zum Schluss: die Frage

Die Frage an die Nibelungensage lautet natürlich: Wie würde wohl jemand aussehen, der behauptet, in Drachenblut gebadet zu haben und von dem geronnenen Blut ganz bedeckt zu sein? Geronnenes Blut ist dunkelrot oder schwarz.Das ist natürlich keine Theorie, nicht mal eine Hypothese. Es ist eine wilde Spekulation, die einfach Spaß macht.

Es wäre doch eine wunderschöne Ironie der Geschichte, wenn das Vorbild des deutschesten aller deutschen Helden ein schwarzer römischer Schwertkämpfer war.

 

Änderungen:

Einige Formulierungen deutlicher gemacht, letzter Satz ("Höre ich homerisches Gelächter") gestrichen. Passt irgendwie nicht. (21.4. 20.15)



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Urheber, Rechte und das Internet, zweiter Teil

19. April 2012, 20:10

Seit meinem letzten Beitrag zum Thema Copyright ist der Schlagabtausch zwischen Autoren und Redakteuren auf der einen Seite und Vertreter der Internet-Community auf der anderen Seite unverändert weitergegangen.

Die Seite der Internet-Aktivisten habe ich schon darstellt, deshalb hier eine kritische Betrachtung der anderen Seite.

 

2. Die Urheber und Verwerter

Nach deutschem Recht ist das Urheberrecht personengebunden, es lässt sich nicht übertragen. Der Urheber kann lediglich die Nutzungs- und Verwertungsrechte an andere weitergeben, wobei eine angemessene Bezahlung vorgeschrieben ist.

Das deutsche und europäische Urheberrecht lässt nur wenig zu wünschen übrig, es ist aber immer schwerer durchzusetzen. Durch Internettauschbörsen sind aktuelle Musikstücke und Filme sofort überall kostenlos verfügbar. Alle Zeitungen und Zeitschriften fühlen sich verpflichtet, ihre Nachrichten im Internet kostenlos anzubieten, und Bücher bewegen sich als E-Books ebenfalls kostenlos durchs Netz. Mein Buch „Klüger als wir?“ war binnen weniger Tage nach Erscheinen bei einem Filehoster abzurufen.

Die Verkaufszahlen von Musik-CDs gehen seit Jahren zurück, ebenso die Auflagen von Zeitungen und Magazinen. Die Internet-Ableger der Zeitungen sind fast immer kostenlos und bringen kein Geld ein. In den USA ist die Entwicklung dramatisch, wie die Website www.newspaperdeathwatch.com dokumentiert. Die Zeitungsverlage und Buchautoren sehen mit Sorge die Zunahme der E-Books. Allenthalben wird gespart. Ein Lektor sagte mir vor Kurzem, dass amerikanische Verlage sich teilweise das Lektorat ganz sparen und die Manuskripte von Buchautoren unmittelbar in den Satz geben.

Angesichts der angespannten Situation sind die Autoren und Künstler natürlich nicht begeistert, wenn die Piratenpartei „das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur legalisieren, sondern ausdrücklich fördern“ will. Ihr Ziel ist es „die Verfügbarkeit von Informationen, Wissen und Kultur“ zu verbessern. Die Stimmung bei den Autoren besserte sich auch nicht gerade, als einige der Protagonisten grundsätzlich bezweifelten, ob so etwas wie geistiges Eigentum existiert und ob Künstler nicht verpflichtet seien, ihre Werke der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung zu stellen. Schließlich sind wir eine Informationsgesellschaft. Der Zusatz, dass natürlich niemand die Künstler daran hindern wolle, mit ihren Schöpfungen trotzdem Geld zu verdienen, klingt vielen wie Hohn.

Das Problem ist übrigens keineswegs neu. Der englische Schriftsteller Charles Dickens ärgerte sich heftig darüber, dass seine Bücher in den USA verkauft wurden, ohne dass er Geld dafür erhielt. Die USA hatten seit 1790 ein Copyrightgesetz (korrigiert auf Hinweis von Dierk Haasis). Es schützte Autoren von "books, maps and charts" . Es galt allerdings nur für Amerikaner, ausländische Autoren wie Dickens konnten daraus keine Rechte geltend machen. 

Nun war Dickens in den USA durchaus bekannt, er erhielt viele Einladungen und große Mengen Post von amerikanischen Lesern. Im Jahr 1842 entschloss er sich, in USA zu reisen, nicht zuletzt in der Hoffnung, man werde ihm in Zukunft einen angemessenen Anteil an den Bucherlösen zahlen. Seine Fans bereitete ihm einen königlichen Empfang, und er wurde von einer Festivität zu nächsten weitergereicht. Das endete aber schlagartig, als er deutlich darauf hinwies, dass Autoren ein Honorar zustand. Zeitungsjournalisten bezeichneten ihn plötzlich als Zeilenschinder, man verbat sich seine Einmischung und er bekam Drohbriefe.

Dieses Erlebnis trübte seinen ohnehin schlechten Eindruck von den USA. Sein Buch „Aufzeichnungen aus Amerika“ geriet zur Abrechnung mit einem unzivilisierten Land, in dem viele arme Menschen im tiefsten Elend lebten und das die Sklaverei ausdrücklich guthieß.

Der englische Titel des Buchs lautete: „American notes for free distribution“. Das ist eine vielfache Anspielung, weil „Notes“ sowohl „Notizen“ als auch „Banknoten“ heißen konnte. Ursprünglich wollte Dickens noch ergänzen: „... und zwar vorwiegend in den Teilen der Welt, wo sie gestohlen und gefälscht werden“. Er wünschte seinem Buch also eine möglichst weite Verbreitung in Amerika. Wenn er schon kein Honorar von dort bekam, dann sollten die abtrünnigen Kolonisten wenigsten lesen, was er von ihnen hielt.

 

Zusammenfassung

Was mich an der Debatte ärgert, ist die mangelnde Ehrlichkeit beider Seiten. Das Zeitungssterben hat bereits vor dem Internetzeitalter eingesetzt und wurde damals dem Fernsehen angelastet. Die Debatte um kostenlose Kopien kenne ich aus der Zeit, als die Compact Cassetten eingeführt wurden. Damals hieß es auch schon, dass die Musikindustrie in ihrer Existenz bedroht sei.

Die meisten Autoren, die für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten arbeiten, geben nur hinter vorgehaltener Hand zu verstehen, dass die Anstalten viel zu viele Fernseh- und Rundfunkkanäle unterhalten. Es sind – nach meiner Zählung – derzeit mindestens 15 Fernsehkanäle mit Vollprogramm und 66 Rundfunkkanäle. Jeder dieser Kanäle braucht eine eigene, kostenintesive Infrastruktur. Und natürlich zahlen ARD und ZDF Unsummen für die Übertragungsrechte an Sportereignissen. Gespart wird dagegen bei den Honoraren der freien Mitarbeiter. Weil die meisten davon bereits seit Jahren oder Jahrzehnten ausschließlich von den Aufträgen öffentlich-rechtlicher Rundfunk- und Fernsehsender leben und kaum eine Alternative haben, können die Sender Kürzungen relativ leicht durchsetzen. In den letzten Jahren hatte ich Gelegenheit, mit vielen freien Autoren zu reden, und sie alle sind sich in diesem Punkt einig. Öffentliche Kritik kommt kaum auf, weil die Mehrzahl der betroffenen Journalisten zu viel Angst von den „Provinzfürsten“ der ARD-Sender hat. Auch hier ist das Internet also nicht schuld an der schwierigen Lage der Autoren.

Auf der anderen Seite geht es den Internet-Aktivisten in allererster Linie um das straffreie Kopieren über Tauschbörsen. Freier Zugang zu Kulturgütern, freie Information und andere hehre Ziele sind nachrangig, die meistkopierten Dateien betreffen ausschließlich den Bereich der Unterhaltung. Vor einiger Zeit habe ich mal ganz naiv gefragt, warum die meisten Computernutzer unbedingt Festplatten von mindestens 500 GB oder mehr brauchen. Ich habe meine sämtlichen Recherchen für Artikel, Bücher und wissenschaftliche Papers auf weniger als 6 GB untergebracht, und nutze insgesamt weniger als 40 GB.

Das war wirklich eine dumme Frage! Ein Film braucht mindestens 0,5 bis 1 GB, wenn man ihn downloadet, wurde mir erklärt. Und man weiß schließlich nie, was man sich gerade ansehen will und was wie schnell verfügbar ist, oder? Also empfiehlt es sich, einen großen Vorrat auf der Platte zu halten.

Es fällt auch auf, dass niemand davon redet, Computerspiele, Programme oder Apps im Internet zwangsweise kostenlos zugänglich zu machen. Das wäre in der Piratenpartei kaum mehrheitsfähig, denn dort weiß jeder, dass die Produktion guter Computerspiele mehrstellige Millionenbeträge kostet und es bald keine mehr gäbe, wenn sie kostenlos und ohne DRM verbreitet werden müssten. Mit Programmen und Apps verdienen viele Piraten ihren Lebensunterhalt. Wenn sie kostenlos tauschbar sein müssten, würden viele der kleinen Softwareunternehmen schließen müssen. Der Zusatz, dass nur die „nicht kommerzielle“ Verbreitung kostenlos sein soll, ist offenbar auch weit auslegbar. Bei einem Streitgespräch in der aktuellen Printausgabe des Spiegel zwischen dem Rap-Musiker Jan Delay und dem Piratenpartei-Vertreter Christopher Lauer nannte Lauer Pirate Bay als Beispiel für eine nichtkommerzielle Tauschbörse. Delay musste zweimal nachfragen, wie sich die Bannerwerbung auf Pirate Bay damit verträgt. Einzige Antwort von Lauer: „Gut. Jetzt hast du mich“.

Auch die gönnerhafte Attitüde, mit der die Piratenpartei die Kulturschaffenden aus der Sklaverei der Verwerter befreien will, mutet sehr seltsam an. Die Kulturschaffenden merken angeblich gar nicht, dass sie ausgenutzt werden, also muss man ihnen das richtige Bewusstsein erst beibringen.

Wenn die Beteiligten weiterhin auf diese Art aneinander vorbei reden, wird kein ehrlicher Dialog zustande kommen. Beim bisherigen Stand der Debatte sehe ich für eine Einigung deshalb ziemlich schwarz.

 

Literatur

Charles Dickens: Aufzeichnungen aus Amerika. Edition Erdmann im Thiemeverlag, Stuttgart und Wien, pp 7-37.

 

P.S.: Nach den Kommentaren habe ich den Eindruck, als wären sich einige Leser nicht sicher, ob die Zukunftsvision aus dem letzten Blogbeitrag nun positiv oder negativ sein soll. Deshalb noch mal die Frage: Empfinden Sie/empfindet ihr das eher als Drohung oder als Versprechen?



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Urheber, Rechte und das Internet (Vorsicht: dieser Text könnte satirische Elemene enthalten)

13. April 2012, 15:03

In den letzten Wochen haben sich Autoren und Vertreter der Internet-Community in erstaunlicher Weise gegenseitig angegiftet. Es geht schon lange nicht mehr um Argumente, es geht um Gefühle und unvereinbare Weltsichten. Es wird Zeit, dass mal jemand wieder an das eigentliche Thema erinnert.

In zwei Beiträgen werde ich deshalb die Positionen beider Seiten kritisch beleuchten.

Die Seite der Internet-Community

Die Piratenpartei hat gefordert, dass geistige Leistungen, also Musikstücke, Filme, Artikel, Bücher etc. frei zur Verfügung stehen müssen. Im Zeitalter des Internet lasse sich die Verbreitung sowieso nicht kontrollieren, sodass nicht-kommerzielles Kopieren straffrei bleiben müsse.

Zumindest auf der Webseite der Piratenpartei lässt sich nicht feststellen, ob „frei“ dabei „kostenlos“ oder „ohne Restriktionen“ bedeutet. Die Forderung ist erst einmal ein Selbstgänger. Die meisten Bücher können in Stadt- und Universitätsbibliotheken kostenlos ausgeliehen werden. Das Gleiche gilt für viele Filme und Musik-CDs. Wissenschaftliche Literatur gibt es in Universitätsbibliotheken oder im Internet. Wenn ein Artikel nicht verfügbar ist, reicht fast immer eine E-Mail an den Autor. Warum also die Aufregung? Geht es um die Nischen, um die vergriffenen DVDs, die nicht mehr aufgelegten Musik-CDs, um Bücher, die so speziell sind, dass sie keine Bibliothek mehr führt?

Nein, es geht den technikaffinen Piraten um das Internet, um die sofortige Verfügbarkeit von aktuellen Filmen, Musikstücken und Büchern. Sie möchten auf den Twitter- oder Facebook-Hinweis: „Du, das musst du mal sehen/hören/lesen“ unmittelbar auf den Film/die CD/das Buch umschalten können. Der Gang zur nächsten Stadtbücherei ist zu lästig, sie wollen jetzt reagieren können und eine halbe Stunde später kommentieren („wirklich super, danke für den Tipp“, oder „naja, nicht unbedingt mein Fall“). Thilo Sarrazin hat nicht eine Million Bücher verkauft, weil sein Buch so hohe literarische oder wissenschaftliche Qualitäten hat, sondern weil die Menschen über seine Thesen reden wollten, weil sein Buch ein Streitthema war. Auch Charlotte Roches Verkehrsleitfäden verkauften sich nicht etwa so gut, weil sie besonders gut schreibt, sondern weil viele Menschen den vorgeblichen Tabubruch selber nachlesen wollten. Für viele Jüngere finden Aufregung und Diskussion im Internet statt, und zwar verzögerungsfrei. Also müssen die Bezüge her, und zwar gleich. Das darf auch gegen Bezahlung über Apples-iTunes-Shop erfolgen. Da hat man einen Account und kommt sofort an die Dateien. Abgerechnet wird am Monatsende1.

Wie lässt sich das mit dem bisherigen Vertriebsmodell für Bücher, Filme und Musik vereinbaren? Es beruht schließlich zu wesentlichen Teilen darauf, dass Kunden dafür zahlen, neue Filme/Bücher/Musikstücke unmittelbar bei Erscheinen zu bekommen. Das ist ihnen zusätzliches Geld wert. Wird das Modell obsolet, wenn die sofortige, kostenlose und massenhafte Verbreitung im Internet erlaubt wird? Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern hat ab 1450 den Skriptorien der Klöster ihre Existenzgrundlage geraubt. Plötzlich konnte fast jeder seine Bücher direkt kaufen, und zwar zu einem unerreicht geringen Preis. Musste man vorher im Kloster ein Buch Monate im voraus bestellen, damit es individuell abgeschrieben werden konnte, so hatte man es jetzt direkt in der Hand. Steht uns eine ähnliche Revolution bevor? Natürlich wird dabei auch Geld verdient, nur eben anders. Das wichtigste Attribut der Internetgemeinde lautet nicht kostenlos, sondern sofort.

Und das kann man sich auch im Netz bezahlen lassen. Bei Computerspielen ist inzwischen weitgehend akzeptiert, dass sich die Spieler mit der Seriennummer des Spiels im Internet anmelden müssen. Kopierte Spiele sind nutzlos, weil pro Seriennummer nur ein Spieler gemeldet sein kann. Das bekannteste System dieser Art heißt Steam. Die Piratenpartei hat sich zu diesem Thema kaum geäußert, sie hat nur die mangelnde Akzeptanz von Computerspielen in der Bevölkerung beklagt. In der Steam Community gibt es eine Gruppe „Piratenpartei Deutschland“ mit über 800 Mitgliedern. Das Bezahlmodell ist bei ihnen kein Thema. Aber werfen wir doch mal einen Blick in die digital bestimmte Zukunft, sagen wir in 20 Jahren:

Schauspieler sind überflüssig geworden. Viele aktuelle Computerspiele haben gezeigt, wie hervorragend die Computeranimation von Figuren funktioniert. Die Schlachtszenen im Film „Der Herr der Ringe“ sind bereits im Computer entstanden. Bewegungen, Gefühle in Gesicht und Körperhaltung sind digital gespeichert, zum Text passende Mundbewegungen lassen sich leicht berechnen.

Stadttheater brauchen ebenfalls keine Schauspieler mehr. Alle klassischen Stücke von Shakespeare, Goethe, Schiller oder Molière werden einfach hochauflösend in 3-D oder holographisch aufgenommen, am besten in drei Versionen: Klassisch, modern, avantgardistisch. Mit entsprechender Technik lässt sich das Bühnengefühl im Saal gut simulieren. Für Opern oder Konzerte gilt das gleiche. Eine einzige unter optimalen Klangbedingungen aufgenommene und digital nachbearbeitete Referenzeinspielung reicht vollkommen aus. Die räumliche Verteilung des Klangerlebnisses wird für das jeweilige Opernhaus neu berechnet. Auf diese Weise entsteht ein unübertreffliches, nie da gewesenes Klangerlebnis. Mit den freiwerdenden Geldern können die Städte zum Beispiel den kostenlosen Nahverkehr subventionieren.

Sachbücher sind überflüssig, wer sich informieren will, kann auf die ständig wachsende Wikipedia zurückgreifen. Romane werden von Freiwilligen in gemeinsamer Arbeit als Wiki-Storyline konzipiert und automatisch geschrieben. Dazu steht eine aus Hunderttausenden von Büchern zusammengestellte Bibliothek von Szenenstereotypen zur Verfügung, die automatisch geglättet und an die Storyline adaptiert werden. Neue Filme entstehen genauso, wobei die Berechnung der Szenen aufwendiger ist, aber Rechenkapazität ist ja billig. Niemand braucht mehr die überholten Berufe wie Requisiteur, Kameramann, Beleuchter, Maskenbildner, Schauspieler, Schriftsteller oder Drehbuchautor. Sie verschwinden genauso wie die Skriptoren, Kopisten und Illustratoren bei Erfindung des Buchdrucks.

Die gemeinschaftlich erstellten Schöpfungen werden an zentraler Stelle gesammelt und stehen zum Download und zur Bewertung offen, wobei sie nach dem Wikiprinzip jederzeit geändert werden können. Daraus ergeben sich zwangsläufig die bestmöglichen Filme, Theaterstücke und Bücher.

Musikstücke bilden (vorläufig) eine Ausnahme. Ihre emotionale Wirkung ist von Computern kaum nachzubilden, die Hoffnung richtet sich hier auf die geplante Hirnsimulation, damit eine bessere Vorhersage der Wirkung von Musik möglich wird, und auf automatischem Weg Musik mit berechenbarer Emotionswirkung entsteht.

Weil es damit keine einzelnen Urheber mehr gibt, erübrigt sich der Urheberschutz. Kulturgüter entstehen in Gemeinschaft, sodass die Gemeinschaft selbstverständlich auch freien Zugang hat. Natürlich gibt es weiterhin Bücher, aber aus Gründen des Umweltschutzes wird ihre Herstellung stark eingeschränkt und läuft aus.

Natürlich ist es auch einfacher, in digitalen, zentral gespeicherten Kopien fließend die notwendigen Anpassungen vorzunehmen. Eine Zensur findet selbstverständlich nicht statt, aber die Verherrlichung von Gewalt, die Propaganda für diskriminierende Genderstereotype, politische Einseitigkeit, rassistische Herabsetzungen oder die Förderung der Diskriminierung von sexuellen Orientierungen, religiösen Gruppen oder bestimmten Nationalitäten kann nicht geduldet werden. Wo immer dies in älteren Schriften vorkommt, wird es behutsam angepasst werden. Wenn das nicht möglich ist, sollte das Buch ausschließlich für die wissenschaftliche Verwendung freigegeben werden (z. B. das Alte Testament, die Nibelungen, die Arthussage). Natürlich ist in diesem Rahmen streng darauf zu achten, dass die Freiheit der Presse uneingeschränkt erhalten bleibt.

Der Beruf des Journalisten ist überflüssig. Freiwillige Citizen Reporter (Graswurzel-Journalisten) berichten aus Krisengebieten und stellen ihre Handyvideos online. Die Beurteilung der Ereignisse lässt sich aus den Kommentaren entnehmen. Sportjournalisten sind überflüssig (siehe Boris Hänßlers Blogbeitrag Roboterjournalist interviewt Roboterpräsident). Inzwischen hat man auch die Kommentatoren der Fußballspiele durch Computer ersetzt, er muss sich nur in passender Weise aus einer Bibliothek von 200 Standardsätzen bedienen. Die Auswahl geschieht anhand der aktuellen Spielstatistik (Ballkontakte, Torschüsse etc.) Sie sehen, technisch gesehen ist alles kein Problem, Kreativität wird bald weitgehend automatisiert und durch den Einsatz der Schwarmintelligenz optimiert werden.

Und die dadurch freigesetzten Arbeitskräfte? Die Skriptorien waren noch in Klöstern untergebracht, die Kopisten und Illustratoren fanden andere Beschäftigungen. Das kann heute auch gelingen, schließlich brauchen wir deutlich mehr Wartungstechniker für die ausgedehnte digitale Infrastruktur, und natürlich dank der demografischen Entwicklung mehr Altenpfleger, zumindest temporär, bevor Roboter den Job übernehmen.





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Unwiederholbare Experimente

16. März 2012, 14:47

In den Naturwissenschaften gilt es als selbstverständlich, dass Experimente wiederholbar sein müssen. Wichtige, unerwartete und bahnbrechende Ergebnisse gelten erst dann als gesichert, wenn sie von wenigstens einer weiteren Forschergruppe bestätigt werden. In der Psychologie ist das anders, wie sich jetzt wieder einmal deutlich erwiesen hat. Was ist geschehen?

Deryl Bem, seines Zeichens emeritierter Psychologieprofessor der Cornell Universität in Ithaca im US-Bundesstaat New York, hat in der Zeitschrift Journal of Personality and Social Psychology eine Studie veröffentlicht, mit der er nachweisen wollte, dass es tatsächlich Präkognition gibt. Unter diesem Begriff versteht das Vorausahnen künftiger Ereignisse. Dies ist ein beliebtes Forschungsthema der Parapsychologie. Bisher gibt es Dutzende von Studien dazu. Interessanterweise finden diejenigen Wissenschaftler, die den Effekt nachweisen wollen, meist eine echte Präkognition an der Grenze zum statistischen Rauschen. Skeptiker hingegen finden ausschließlich Rauschen.

Präkognition kann kein besonders verbreitetes Phänomen sein, sonst würden beispielsweise die richtigen Lottozahlen häufiger getippt als statistisch zu erwarten ist. Dieser Effekt ist aber bisher nirgendwo festgestellt worden. Bei den vielen Millionen Lottospielern würde sich auch ein sehr kleiner Effekt gut nachweisen lassen.

Trotzdem: Deryl Bem ist ein anerkannter Wissenschaftler, und die Zeitschrift hat einen sehr guten Ruf. Sie veröffentlicht nur begutachtete Artikel und von den eingereichten Arbeiten lehnt sie einen Großteil ab. Aus eben diesem Grund erregte Bems Studie einiges Aufsehen. Der Autor muss vorausgesehen haben, dass er auf sumpfigem Gelände stand und schlug selber vor, dass andere Wissenschaftler seine Experimente wiederholen sollten.

Die englischen Psychologen Stuart Ritchie, Richard Wiseman und Chris French entschieden sich, das Angebot anzunehmen. Sie stellten alles gewissenhaft nach und fanden – nichts. Sie vermuteten, dass Bem einer Kombination von laxem Versuchsaufbau, voreingenommener Auswertung, Datenselektion und statistischer Ungenauigkeit aufgesessen war.

So weit, so gut. Irrtümer kommen immer vor, das kann man Bem nicht vorwerfen. Das eigentliche Drama aber begann erst jetzt. Das Journal of Personality und Social Psychology weigerte sich, die Arbeit überhaupt anzusehen. Begründung: Sie veröffentlichten keine Zweitstudien. Mit dem gleichen Argument lehnten die Journale Science und Psychological Science ab. Alle diese Zeitschriften ließen die Arbeit nicht einmal begutachten.

 

Überprüfung unerwünscht

Bei psychologischen Arbeiten, aber auch bei neurowissenschaftlichen Studien ganz allgemein hat sich die Unsitte breitgemacht, einmal veröffentlichte Arbeiten nicht zu wiederholen. Sie sind schließlich durch den Begutachtungsprozess gegangen. Mindestens zwei Kollegen haben als Gutachter bescheinigt, dass die Fragestellung sinnvoll, Methoden korrekt und die Ergebnisse plausibel sind. Außerdem könnte schließlich jeder billig an Veröffentlichungen kommen, indem er einfach nachkocht, was andere vor ihm mühsam ausgetüftelt haben. Und Veröffentlichungen sind die Währung, mit der man seine wissenschaftliche Reputation aufbaut. Also hätte das Verbot durchaus Sinn.

So einfach ist das natürlich nicht. Es gibt genügend neurowissenschaftliche Arbeiten, deren Methoden und Ergebnisse mindestens zweifelhaft sind. Das fängt schon bei der Praxis an, für Studien vorwiegend Psychologiestudentinnen zu rekrutieren und deren Verhalten dann auf das aller Menschen zu übertragen. Die meisten Universitäten verlangen von den Studenten der Psychologie, an psychologischen Studien teilzunehmen. Sie müssen sich die Teilnahme an einer gewissen Anzahl von Studien bescheinigen lassen. Warum Studentinnen? In den meisten westlichen Ländern sind zurzeit die Frauen unter den Psychologiestudenten in der Mehrheit, oft ist das Verhältnis größer als 80:20.

Auch für die Recherchen zu meinem Buch über das magische Denken habe ich sicher dreimal so viele Arbeiten lesen müssen, wie ich hinterher auswerten konnte, weil die übrigen zu wenig aussagekräftig waren, um als Beleg zu dienen.

Der renommierte amerikanische Psychologie Seymour Epstein hat im Jahre 1997 in seiner Rückschau „This I Have Learned from Over 40 Years of Personality Research“ diese Praxis beklagt. Zusammen mit einem Kollegen hatte er als junger Wissenschaftler einen allgemein anerkannten Effekt als Illusion entlarvt. Es erwies sich als extrem schwierig, diesen Befund zu veröffentlichen. Lediglich einen Kurzreport wollte der Herausgeber einer Zeitschrift schließlich gestatten.

Er führte das auf das menschliche Element in der Psychologie zurück. Er schrieb:

„Wissenschaftler, wie andere menschliche Wesen, werden von eigenen Interessen geleitet. Zu den wichtigeren gehören das Vorankommen in ihrem Bereich und damit verbunden die Erhöhung ihrer Selbstachtung und die Erhaltung ihres Selbstbilds.“

Wie ging es nur weiter mit der Arbeit von Ritchie, Wiseman and French? Das British Journal of Psychology schickte die Arbeit ins Gutachterverfahren, und lehnte sie ab, nachdem ausgerechnet Deryl Bem als Gutachter die Arbeit negativ bewertet hatte. Schließlich gelang es ihnen, sie in PloS One unterzubringen, einem Open-Access Journal. In der britischen Tageszeitung The Guardian hat Chris French die Odyssee ausführlich geschildert.

Aber vielleicht hat der ganze Ärger auch eine gute Seite: Die schlechte Praxis, Wiederholungen von Arbeiten auch dann nicht zu veröffentlichen, wenn sie die Ergebnisse wirksam infrage stellen, könnte endlich auf den Prüfstand kommen.

Derzeit werden Hirnforschung und die Psychologie von einem Wust an methodisch zweifelhaften und schlecht ausgewerteten Studien belastet, deren Ergebnisse es trotz allem in die Lehrbücher geschafft haben. Es wäre gut, wenn hier etwas aufgeräumt würde.

Literatur

Bem D (2001) Feeling the Future: Experimental evidence for anomalous retroactive influences on cognition and affect. Journal of Personality and Social Psychology, 100, 407-425.

Epstein S (1997) This have I learned from Over 40 Years of Personality Research. Journal of Personality. 65(1)

Epstein S, Burstein K (1966) A replication of Hovland's study of generalization to frequencies of tone. Journal of Experimental Psychology 72, 782-784

Ritchie SJ, Wiseman R, French CC (2012) Failing the Future: Three Unsuccessful Attempts to Replicate Bem's ‘Retroactive Facilitation of Recall’ Effect. PLoS ONE 7(3)

 



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Entstehung von Verschwörungstheorien

25. September 2011, 20:32

Verschwörungstheorien scheinen ein ungeheuer spannendes und aufwühlendes Thema zu sein, wenn ich die Resonanz auf meinen letzten Beitrag so ansehe. Ich hatte darin begründet, warum eine Verschwörungstheorie bereits überleben kann, wenn sie lediglich den Vorurteilen einen größeren Gruppe von Menschen entspricht. Dabei ist völlig unerheblich, ob sie wahr ist oder nicht.

Ich möchte diese These noch etwas weiter ausführen und den Mechanismus erläutern, der aus einem dumpfen Verdacht gegen eine andere Gruppe eine Verschwörungstheorie macht.

Am Anfang steht ein Phänomen, dass der Philosoph und Schriftsteller Elias Canetti in seinem Buch „Masse und Macht“ wie folgt beschrieben hat:

„Zu den auffallendsten Zügen im Leben der Masse gehört etwas, was man als ein Gefühl von Verfolgtheit bezeichnen könnte, eine besondere, zornige Empfindlichkeit und Reizbarkeit gegen ein für allemal als solche designierte Feinde. Diese könnten unternehmen, was immer sie wollen, alles wird ihnen so ausgelegt, als ob es einer unerschütterlichen Böswilligkeit entspringe … einer vorgefassten Absicht, sie [die Masse] offen oder heimtückisch zu zerstören.“

Wie inzwischen sehr gut belegt ist, neigen Menschen dazu, sich selbst und ihrer eigenen sozialen Gruppe (Ingroup) eher gute und anderen Gruppen (Outgroups) eher schlechte Eigenschaften zuzuweisen. Wer es genauer wissen möchte, findet beim Wikipedia-Eintrag „Eigengruppe“ einen guten Einstieg.

Menschen neigen dazu, anderen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Gruppe bestimmte Eigenschaften zuzuweisen. Deutsche gelten als humorlos und perfektionistisch, Blondinen als herzzerreißend dumm, Amerikaner als Kulturbanausen. Man spricht hier von Stereotypen. Bei einigen Gruppen gehört es zum Stereotyp, dass sie als hinterhältig, heimlichtuerisch, skrupellos oder verschlagen gelten. Und genau diese Gruppen geraten schnell in den Verdacht, eine Verschwörung angezettelt zu haben.

Welcher Weg führt jetzt von hier zu einer selbsterhaltenden Verschwörungstheorie? Erst einmal sollten wir die Terminologie klären. Jedes Lexikon hat eine andere Definition für Verschwörungstheorien, auch in der Wissenschaft gibt es keine Einigkeit. Ich schlage vor, den dumpfe Verdacht gegen eine andere Gruppe noch nicht als „Theorie“ zu bezeichnen.

Wenn also jemand sagt: „Bei einem Fußballspiel zu wetten hat keinen Sinn, die Wettmafia hat sowieso alle Spiele verschoben“ oder „die Politiker in Berlin türken doch alles im Hinterzimmer ab und der ganze Streit ist nur Theater“, dann hat das nicht den Rang einer Theorie. Ich möchte es als Verschwörungsglauben bezeichnen.

Auf der Grundlage des Verschwörungsglaubens entstehen dann Verschwörungslegenden. In Anlehnung an urbane Legenden sind das bestimmte Ereignisse, die als Bestätigung des Verschwörungsglauben umgedeutet werden. Zum Beispiel lief nach den Anschlägen auf das World Trade Center die Behauptung um, mehrere Tausend Juden seien am Morgen des 11.9. nicht zur Arbeit erscheinen. Irgendwer müsse sie gewarnt haben. Die Meldung war falsch, verbreitete sich aber trotzdem extrem schnell und muss bis heute als Argument für eine jüdische oder israelische Beteiligung an dem Anschlag herhalten.

Die aus dem Verschwörungsglauben erwachsenden Legenden fasst schließlich irgendwer zu einer Theorie zusammen. Darin gibt er dem Glauben und den Legenden eine zusammenhängenden Rahmen und eine übergreifende Begründung.

Die fiktiven „Protokolle der Weisen von Zion“ sind beispielsweise eine Verschwörungstheorie. Die „Protokolle“ entstanden zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Russland und reflektieren die Geisteshaltung eines erzkonservativen russischen Monarchisten aus der Zeit des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. Sie unterstellen den Juden, für die Phänomene der Moderne verantwortlich zu sein. Ihre Schuld sei es, dass Spekulanten immer mächtiger würden, die Presse nicht mehr richtig kontrolliert würde, die christlichen Werte verfielen, oder Marx, Darwin und Nietzsche ihren verderblichen Einfluss entfalten konnten. Und warum das alles? Ganz einfach: die Juden wollten die Weltherrschaft übernehmen. Das ist der durchgehende Gedanke, der die einzelnen Verschwörungslegenden in den „Protokollen“ verbindet.

Wenn eine aus Verschwörungsglauben und Verschwörungslegenden zusammengesetzte Theorie eine nennenswerte Anhängerschaft findet, entsteht ein fataler Kreislauf: Die Theorie stützt den Verschwörungsglauben, so dass weitere Legenden entstehen, die zu weiteren Theorien führen.

So lässt sich durch die Jahrhunderte verfolgen, wie immer wieder Verschwörungstheorien entstehen, die den 1785 erloschenen Illuminatenorden in den Mittelpunkt stellen (schon lange vor Dan Brown). Jeder Autor hat dabei die Bücher vorangegangener Theoretiker ausgeschlachtet und für seine Zwecke angepasst. Dabei wurde der Orden über die Jahrhunderte immer dämonischer.

Dieses Schema erklärt auf einfache Weise, warum auch in der Gegenwart neue Verschwörungstheorien auftauchen und Anhänger finden. Es ist unmöglich, sie alle zu widerlegen, weil sie sich stets aufs neue anpassen. Letztlich speisen sie sich aus dem unausrottbaren Misstrauen verschiedener Gruppen gegeneinander. Darum sind Verschwörungstheorien letztlich nicht auszurotten.

 

In meinem Buch „Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer“ habe ich die hier nur kurz angerissenen Zusammenhänge sehr viel ausführlicher dargelegt.

Die zweite Taschenbuchauflage war zwischenzeitlich ausverkauft, der Verlag legt aber neu auf. Das Buch bleibt also im Handel.

 

 

 

 

 

 



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Verschwörungstheorie und Wirklichkeit

12. September 2011, 18:57

Am 4. September hat mich der Berliner Tagesspiegel mit der folgenden Aussage zitiert: „Verschwörungstheorien sind per se wirklichkeitsfrei“. Es war einer von vier Sätzen, die von einem längeren Telefoninterview übrig geblieben sind. Aber Tageszeitungen haben nun einmal wenig Platz und so bietet der Artikel weder eine Erläuterung noch eine Begründung für meine Aussage. Das möchte ich hier nachholen.

In meinem Buch zum Thema Verschwörungstheorien bin ich der Frage nachgegangen, ob die weit verbreitete These stimmt, dass an einer Verschwörungstheorie wenigstens ein wahrer Kern sein muss, wenn viele Menschen über einen längeren Zeitraum daran glauben. Bei einer Umfrage von September 2008 erklärten 23% der Deutschen, dass sie glauben, die US-Regierung habe die Attentate auf das World-Trade-Center verübt. Nun darf man annehmen, dass sich sieben Jahre nach dem Ereignis die Meinungen verfestigt haben und sich kaum noch ändern. Die interessante Frage lautet: Können sich alle diese Menschen irren? In der Tat: sie können.

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IBM und der "Menschenhirn-Chip"

29. August 2011, 12:28

Eine Pressemitteilung von IBM ließ vor einigen Tagen aufhorchen.

„Heute [18.August 2011] haben IBM-Wissenschaftler eine neue Generation von experimentellen Computerchips enthüllt, die so ausgelegt sind, dass sie die Fähigkeiten des Gehirns für die Wahrnehmung, Handlung und Kognition nachbilden sollen.“

Einen „Menschenhirn-Chip“ nannte das die Süddeutsche Zeitung. Wie sieht so etwas technisch aus? Die Pressemitteilung bleibt leider etwas vage:

„IBM hat zwei funktionierende Prototypen erstellt. Beide sind in 45 nm SOI-CMOS-Techink gebaut und enthalten 256 Neuronen. Der eine Kern enthält 262,144 programmierbare Synapsen und der andere 65536 lernende Synapsen. Das IBM-Team hat erfolgreich einfache Anwendungen gezeigt wie Navigation, maschinelles Sehen, Mustererkennung, assoziativen Speicher und Klassifizierungen.“

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Die Irrationalität des Atomausstiegs

29. Juni 2011, 18:09

In meinem Blog schreibe ich vorzugsweise über die verschlungenen Wege des menschlichen Denken. Das habe ich jetzt eine ganze Weile nicht mehr getan, weil ich gleich zwei Bücher in Arbeit hatte. Das stellte sich als wahre Herkulesarbeit heraus, und der Blog musste zurückstehen. Das wird sich jetzt (hoffentlich) ändern, die Bücher sind geschrieben und ich habe etwas mehr Zeit.

Über die Motive des Atomausstiegs in Deutschland ist viel geschrieben worden, aber erstaunlich wenig über die sozialpsychologischen Hintergründe. So war viel die Rede von „German Angst“. So schrieb die Neue Zürcher Zeitung am 29.3.2011 unter diesem Titel einen ausführlichen Artikel über den deutschen Hang zu „irrlichternder Panik“. „Deutschland treibt die Atomkraft aus“, lautete der süffisante Untertitel.

In einem Interview zum Thema Fukushima im Online-Portal spektrumdirekt sagte der Soziologe Ortwin Renn: „In Ländern mit relativ hohem Wohlstand haben zudem Technologien ein großes Angst einflößendes Potenzial, deren Folgen man nicht sehen, schmecken oder riechen kann – so wie die Strahlung von Kernbrennstoffen. Sie treten an die Stelle von realen Gefährdungen wie bestimmten Krankheiten oder Hunger, die früher die Menschen sorgten, aber heute weniger präsent sind oder gar völlig fehlen.“

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