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Immun gegen Angst

von Michael Filusch, 11. Dezember 2011, 16:04

Wie wäre es eigentlich, keine Angst zu haben?
Die Gesellschaft schreibt der Angst als Emotion durchaus eine negative Komponente zu, führt sie doch eher zu Hemmungen und Blockaden, die das Leben oftmals negativ beeinträchtigen.

Im klinischen Setting kann Angst sogar so intensiv werden, dass es das gesamte Leben kontrolliert:
Bei speziellen Formen von Angststörungen schränken Ängste und Panikattacken das Leben von Betroffenen oftmals so stark ein, dass sie nicht mehr alleine einkaufen, geschweige denn alleine vor die Tür treten können weil sie im wahrsten Sinne des Wortes Todesängste erleben. Für die meisten Leser mag die Vorstellung an solch intensive Ängste wohl eher befremdlich klingen – aber was meinen Sie? Wäre das Leben so völlig ohne Angst nicht viel besser?

Eine Antwort liefert womöglich eine interessante Fallstudie von Feinstein, Adolphs, Damasio und Tranel [1]:

Bei der Patientin SM wurde das Erleben von Angst untersucht. SM leidet aufgrund des Urbach-Wiethe-Syndroms  an einer fokalen, bilateralen Läsion der Amygdala. Sie erinnern sich sicher: Die Amygdala gilt als das Angstzentrum des Gehirns und fehlt jenes, so bleiben die Folgen nicht aus.
Die Forscher haben gezielt versucht, Angst bei SM auszulösen, indem SM unter Anderem in ein Geisterhaus geschickt und in einer Zoohandlung mit Spinnen und Schlangen in Kontakt gebracht wurde.

Das Ergebnis:


Moreover, SM displayed a compulsive desire to want to ‘‘touch’’ and ‘‘poke’’ the store’s larger and more dangerous snakes, even though the store employee repeatedly told her that these snakes were not safe and could bite. In total, SM asked 15 different times whether she could touch one of the larger snakes.

When asked why she would want to touch something that she knows is dangerous and that she claims to hate, SM replied that she was overcome with ‘‘curiosity.’’


SM kann andere Emotionen wie Freude oder Ekel empfinden und Sie versteht auch kognitiv das Konzept von Angst und Gefahren; doch empfinden kann Sie Angst nicht. Ich finde es ja fast ein wenig gruselig, wie sehr so eine kleine Läsion im Gehirn das Denken,  Fühlen und Handeln des Menschen beeinträchtigt, doch es sind Fälle wie SM, die uns einen neuen Blickwinkel auf vermeintlich bekannte Phänomene wie Angst erlauben.

Also: Wie sieht ein Leben ohne Angst - das Leben von SM aus?

For instance, she has been held up at knife point and at gun point, she was once physically accosted by a woman twice her size, she was nearly killed in an act of domestic violence, and on more than one occasion she has been explicitly threatened with death [...]. What stands out most is  that, in many of these situations, SM’s life was in danger, yet her behavior lacked any sense of desperation or urgency.


Es ist eine starke Vereinfachung zu sagen, dass die Furchtlosigkeit allein dafür verantwortlich ist, dass SM öfter in lebensbedrohliche Situationen geraten wäre als Sie oder Ich. Festhalten lässt sich jedoch, dass ohne ein Gefühl der Gefahr und der Bedrohung, gefährliche Situationen kaum als das erscheinen, was sie tatsächlich sind. Sie können also ohne Emotionen vielleicht alles verstehen – nicht aber alles richtig einschätzen.

Aus einer anderen Perspektive stellt sich die Frage, ob Verständnis sich nur auf die kognitive Ebene beschränken darf: Kognitiv verstehen wir etwa sicher alle, dass das Leben kostbar ist, dass Freunde und Familie wichtig sind, aber verstehen wir auch emotional? 

Wenn Sie also wieder einmal Zeit totschlagen wollen oder der weihnachtliche Stress die Nerven strapaziert, so denken, pardon, fühlen Sie darüber nach!



[1] Feinstein, J. S., Adolphs, R., Damasio, A., & Tranel, D. (2011). The Human Amygdala and the Induction and Experience of Fear. Current Biology, 21, 34-38. doi:10.1016/j.cub.2010.11.042





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