brainlogs Geschlechtsverwirrung

Das Taboo der Gender-Theorie. Geisteswissenschaftliche Geschlechterforschung und die Biologie

26. Februar 2011, 23:52

(Der folgende Aufsatz wird in unveränderter Form demnächst in einem Sammelband zum Turm der Sinne-Symposium 2010 über Geschlechterdifferenz erscheinen. Er enthält einige Gedanken und Argumente, die hier bereits veröffentlicht wurden. Ferdinand Knauß)

Die „allgemeinste Bedingtheit des menschlichen Lebens“ ist, dass es „durch Geburt zur Welt kommt und durch Tod aus ihm wieder verschwindet“, schreibt Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk „The Human Condition“. 1) Dieser bekannte Satz der berühmten Denkerin ist nicht ganz korrekt. Denn das menschliche Leben beginnt bekanntermaßen nicht erst mit der Geburt – und vor allem nicht „durch“ die Geburt. Ab welchem Stadium der embryonalen Entwicklung man von einem „Menschen“ sprechen kann oder muss, ist umstritten. Nicht umstritten ist jedoch der Ausgangspunkt: Die Zeugung, also die Vereinigung einer weiblichen Eizelle mit einem männlichen Spermium. Menschliches Leben ist in seinem Ursprung immer das Ergebnis der Zweigeschlechtlichkeit – zumindest bis auf weiteres, wenn wir keine Klon-Menschen schaffen wollen.


Kein seriöser Biologe oder Mediziner oder Physiologe wird über Geschlechtsunterschiede sprechen, ohne dabei den evolutionären Zweck der Zweigeschlechtlichkeit, die Fortpflanzung, zu bedenken. Theodosius Dobzhanskys berühmten Satz kann jeder Biologe auswendig: „Nothing in biology makes sense except in the light of evolution“ („Nichts in der Biologie ist sinnvoll außer im Lichte der Evolution“). 2) Aber die Geschlechtlichkeit des Menschen ist nicht nur ein Thema für Biologen und Mediziner. Sie ist auch eine kulturelle Kategorie, mit der sich Soziologen, Philosophen, Historiker und Literaturwissenschaftler befassen.


Ich mache auf Arendts Satz aufmerksam, weil er mir ziemlich symptomatisch scheint für die Ignoranz, die in weiten geistes- und sozialwissenschaftlichen Kreisen gegenüber den biologischen Bedingungen der menschlichen Existenz herrscht. Man mag der Denkerin die Ungenauigkeit in Bezug auf den Anfang des Menschenlebens nachsehen, da die Geschlechtlichkeit in ihrem erwähnten Werk keine wichtige Rolle spielt. Bei anderen Autoren hat die Ignoranz der Biologie aber Methode. Und das ist weniger verzeihlich. Was hat es zu bedeuten, wenn ausgerechnet Geschlechtstheoretiker den evolutionsbiologischen Sinn der Zweigeschlechtlichkeit, nämlich Fortpflanzung, ignorieren, und viele von ihnen in letzter Konsequenz sogar die Existenz jeglicher Geschlechtsunterschiede bestreiten?


Wo die Biologie aufhört und die Kultur anfängt, kann der Mensch, der sich als Forscher selbst betrachtet, nicht immer eindeutig festlegen. Humanbiologie und Medizin sind Disziplinen, die sich mit dem Menschen befassen, dem gleichen Wesen, das auch Sozial- und Geisteswissenschaftler ergründen. Da muss es notwendigerweise Berührungspunkte geben, Möglichkeiten oder sogar Notwendigkeiten für Transdisziplinarität. Manche Spezialisten haben das Problem nicht. Gastroenterologen oder Biophysiker müssen sich – zumindest beruflich – nicht unmittelbar mit dem Menschen als Kulturwesen auseinandersetzen, und daher auch nicht mit den Kulturwissenschaften. Umgekehrt muss sich ein auf Shakespeare spezialisierter Anglist ebenso wenig mit Biologie befassen wie ein Wirtschaftssoziologe. Bei Wissenschaftlern, die sich mit menschlichen Geschlechterunterschieden oder –beziehungen befassen, ist das anders.  Geschlechtsunterschiede sind „zu 99 Prozent natürlich und zu 99 Prozent kulturell bedingt“, wie der Biopsychologe Onur Güntürkün in seinem Vortrag beim Symposium „Turm der Sinne“ feststellte. Der Blick über den Rand der eigenen Disziplin ist daher auf beiden Seiten unabdingbar. Eigentlich.


In den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten ist innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften eine rührige Szene der Geschlechterforschung entstanden. Sie hat ein Theoriengebäude geschaffen, an dessen Kernaussagen innerhalb der eigenen universitären Szene kaum noch öffentliche Kritik laut wird: die Gender-Theorie.


Ich will im Folgenden zeigen, dass diese gegenwärtig vorherrschende Geschlechtertheorie ein entscheidendes Defizit hat: Sie kümmert sich praktisch überhaupt nicht um das Thema Fortpflanzung, also den evolutionsbiologischen Ursprung und Sinn von Geschlechterdifferenz. 3) Diese Ignoranz, so meine These, ist der methodische Schwachpunkt, der Theorie. Durch die Marginalisierung der Fortpflanzung verweigern sich die Gender Studies einer wirklichen interdisziplinären Verständigung und Zusammenarbeit mit Hirnforschern, Evolutions- und Soziobiologen. Auch Gender-Theoretiker, die auf naturwissenschaftliche Forschung eingehen, sind entweder offen biologiefeindlich oder wollen die Biologie im Dienste der eigenen Theorie uminterpretieren.


Gender Studies, was ist das?


Das Kerngeschäft der Gender Studies ist im Wesentlichen die analytische Dekonstruktion des Geschlechts. Der Grundstein des Theoriengebäudes ist der berühmte erste Satz aus Simone de Beauvoirs Buch „Le deuxiéme Sexe“ (Das andere Geschlecht) von 1949: „On ne naît pas femme, on le devient“ (Man kommt nicht als Frau auf die Welt, man wird es). 4) Diese Behauptung zu belegen ist seither das Programm der feministisch geprägten Geschlechterforschung. Den Begriff „Gender“ nutzte de Beauvoir noch nicht. Im Englischen bezeichnet er ursprünglich wie das lateinische Wort „Genus“ 5) das grammatische Geschlecht. Der Psychiater William Money verwendete „Gender“ seit den 1950er Jahren, um sprachlich mit Transsexualität umzugehen, also der leidvollen Selbstwahrnehmung von Menschen, deren körperliches Geschlecht nicht dem eigenen Empfinden entspricht. Das soziale Geschlecht (gender) sei, so postulierten Money und in der Folge die Vertreter der Gender-Theorie, grundsätzlich unabhängig vom biologischen (sex). 6) Wobei das soziale Geschlecht das wichtigere und entscheidende sei, weil es bestimme, ob ein Mensch in der Gesellschaft als Mann oder Frau betrachtet würde. Und die Gender Role, die Geschlechterrolle einer Frau oder eines Mannes sei ein Ergebnis sozialer, kultureller Konstruktion. Das biologische Geschlecht wurde und wird dagegen für relativ unbedeutend oder in jüngeren Beiträgen sogar für gar nicht existent gehalten.


Gender bezeichnet eine ausschließlich soziale Kategorie, was schon in dem häufig verwendeten Dreiklang „race, class & gender“ 7) deutlich wird. Die Genderforschung sieht  in der Zweigeschlechtlichkeit ein zur Machtausübung und Unterdrückung von Menschen selbst geschaffenes kulturelles „Konstrukt“ – und nicht die grundlegendste aller Bedingungen der menschlichen Existenz. Nicht die Gene oder eine andere biologische Essenz erklären demnach das Geschlecht der Menschen, sondern Diskurse, also kommunikative Handlungen. Der Diskursbegriff der aktuellen Genderforschung ist dabei nicht auf die Sprache beschränkt, sondern umfasst in Anlehnung an Michel Foucault auch beispielsweise den Vollzug bestimmter körperlicher Darstellungsweisen. Dazu gehören zum Beispiel die Kleidung oder eine bestimmte Körperhaltung. Nicht der Penis oder das y-Chromosom macht demnach den Mann, sondern ein Verhalten, das den gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit entspricht. Wer als Mann betrachtet und behandelt wird, ist ein Mann, wer als Frau behandelt wird, ist eine Frau. 8) Ein ganz entscheidender Ort an dem diese Vergeschlechtlichung („Doing Gender“) stattfindet, ist die Kindererziehung in der Familie und anderen gesellschaftlichen Institutionen. Die Mütter machten aus ihren Töchtern zukünftige Frauen, behauptet de Beauvoir schon auf den ersten Seiten des „Deuxième sexe“. Zu beschreiben und zu kritisieren, wie diese geschlechterschaffenden Diskurse funktionieren, sehen Gender-Forscher als ihre Aufgabe an.


Der Mensch als Kulturwesen bestimme also das Geschlecht der Mitglieder einer Gesellschaft – nicht die Natur. Die Einteilung der Menschen in Männer und Frauen entspreche dabei auch einer Herrschaftspraxis patriarchalischer Gesellschaften, da männliche Zuschreibungen als schwächer und niedriger als männliche gelten und Heterosexualität als Norm festgelegt werde. Aber: Da das Geschlecht ein von Menschen gemachtes Konstrukt ist, kann man es verändern – oder ganz abschaffen. Die Heldinnen der Gender Studies sind dementsprechend vor allem Frauen, die aus ihrer Gender Role ausgebrochen sind, etwa die süditalienische Banditin Michelina de Cesare 9) (1841-68). Das ist die frohe Botschaft der Gender-Theorie: Die Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit als Befreiung.


Obwohl viele ihrer Ergebnisse für Uneingeweihte unverständlich oder gar absurd scheinen mögen, sind die „Gender Studies“ in den akademischen Institutionen doch ausgesprochen erfolgreich: An deutschen Universitäten gibt es bislang 29 Gender-Studies-Institute. Das erste, das Interdisziplinäre Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung in Bielefeld wurde 1980 gegründet, die drei bislang neuesten 2005 in Trier, Marburg und Gießen. Die drei Berliner Universitäten beherbergen insgesamt vier dieser Einrichtungen.


Genderforschung und -lehre findet aber nicht nur in den eigens dafür eingerichteten Instituten statt. Sie ist an sozial- und geisteswissenschaftlichen Lehrstühlen, vor allem solchen für Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichte und Literaturwissenschaften, fest etabliert und expandiert weiter über alle Fachgrenzen hinweg. Während nach Angaben des Hochschulverbandes von 1995 bis 2005 in Deutschland 663 Professorenstellen in den Sprach- und Kulturwissenschaften eingespart wurden 10), entstanden allein an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen rund neue 40 Professuren für das „Netzwerk Frauenforschung NRW“. 11)


Warum aber sollte sich ein Naturwissenschaftler – oder überhaupt irgendjemand – für diese Theorie interessieren, die eine eifrige Szene von Kulturwissenschaftlern in oft kaum verständlichem Kauderwelsch 12) fabriziert? Gender Studies sollten eigentlich jeden politisch mündigen Bürger interessieren, denn sie sind eine betont politische Wissenschaft. Entstanden aus dem feministischen Aktivismus 13) vertreten sie ein gesellschaftliches Reformprogramm zur praktischen Umsetzung ihrer theoretischen Erkenntnisse. Dazu müssen sie die alleinige Interpretationsmacht über alle das Geschlecht betreffenden Fragen gewinnen. Und dabei sind sie ziemlich erfolgreich: „Gender Mainstreaming“ ist seit rund zehn Jahren offizielles Politikziel in Berlin und den meisten anderen westlichen Hauptstädten. 14) Die Gender-Theorie wird damit zum Leitbild bei allen Entscheidungen und Prozessen. 15) Die gesellschaftspolitische Wirkungsmacht dieser akademischen Theorie kann man also kaum überschätzen. Neuerdings werden zum Beispiel in den USA in Kinderausweisen nicht mehr „father“ und „mother“ genannt, sondern nach einer Kampagne homosexueller Adoptiveltern nun „parent 1“ und „parent 2“. Ohne Gender-Theorie wäre eine solche Änderung kaum denkbar. 16) In der politischen Klasse der westlichen Welt ist „Gender längst mainstream – auch in der CDU“, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung feststellt. 17) Dass vermutlich die meisten Politiker und Ministerialbeamten und erst recht Bürger kaum eine Vorstellung davon haben, was wirklich hinter dem Begriff steckt und ihn wohl schlicht als Imperativ zur Realisierung von Gleichberechtigung verstehen (vgl. Anmerkung 15), erleichtert die politische Verankerung. Gegen Gleichberechtigung (wobei sich in jüngster Zeit die sehr viel radikalere und durchaus fragwürdige Forderung nach „Gleichstellung“ etabliert hat) kann kein moderner Politiker oder Bürger etwas einwenden wollen. Doch hinter dem Wörtchen Gender steckt mehr.

 
Die Gender-Theorie als Aufstand gegen die Biologie

Biologen und Mediziner, und nicht zuletzt Hirnforscher, haben gute Gründe, sich für Gender Studies besonders zu interessieren. Naturwissenschaften finden nicht in einem politischen und kulturellen Vakuum statt. Zwischen Naturwissenschaften auf der einen und Sozial- und Geisteswissenschaften auf der anderen Seite besteht in mancher Hinsicht ein Konkurrenzverhältnis. Es geht dabei um öffentliche Unterstützung und Aufmerksamkeit und nicht zuletzt um die Deutungshoheit über bestimmte Aspekte der menschlichen Existenz. Das gilt ganz besonders für das Thema Geschlecht. Die Veränderung der Bedeutung von Geschlecht kann nicht ohne Einfluss bleiben auf die Art und Weise wie in Biologie und Medizin Geschlechterunterschiede untersucht werden. Seit einigen Jahren ist beispielsweise eine Verschiebung im Sprachgebrauch der Medizin zu beobachten, wo immer öfter von „Gender“ statt von „Sex“ die Rede ist.


Die Erkenntnisexplosion in den Lebens- und anderen Naturwissenschaften hat nicht zu einem gestiegenen Ansehen auf der anderen Seite der akademischen Gemeinde geführt. Im Gegenteil: Die Sozial- und Geisteswissenschaften haben seit den 60er und 70er Jahren den Respekt vor den Naturwissenschaften verloren. „Deren Welterklärung wurde nun als eine von mehreren möglichen, statt als die Feststellung des eigentlich Wahren verstanden“, stellen die Soziologinnen Gesa Lindemann und Theresa Wobbe mit Blick auf ihre eigene Profession fest. 18) Die Warnungen mancher Philosophen vor „Wissenschaftsaberglauben“ hatten sicher ihre Berechtigung. 19) Im späten 20. Jahrhundert begannen aber vor allem „postmoderne“ Geisteswissenschaftler damit, das Wissen ihrer naturwissenschaftlichen Kollegen als grundsätzlich abhängig von sozialen und kulturellen Bedingungen zu betrachten. 20) In den 1990er Jahren sprach man, nachdem sich einige Naturwissenschaftler publizistisch zur Wehr gesetzt hatten, von „science wars“. Damit wurden auch die Grenzen zwischen empirischer Naturwissenschaft und antiker Naturphilosophie oder obskurer Pseudowissenschaft (wie zum Beispiel Wilhelm Reichs „Orgon“-Lehre) in Frage gestellt. 21)


Diese Haltung traf die Biologie mit besonderer Schärfe: Sie wird nicht mehr als Disziplin anerkannt, die allgemein gültiges Grundlagenwissen über das Leben schafft, sondern oft insgesamt und von vornherein mit Ablehnung betrachtet. Biologie wird entlarvt als Teil eines „heteronormativen“ Machtapparates, dessen wissenschaftliche Methoden kulturell vorgegeben und von bestimmten – patriarchalischen – Interessen geleitet seien. „Biologismus“ ist in diesen akademischen Kreisen ein schwerwiegender Vorwurf. Schlimmer als ein Biologist ist eigentlich nur noch ein Rassist.

Gender Studies gehen das Thema Geschlecht mit einer neuen Methode an, nämlich durch Dekonstruktion, also durch die kritische Analyse von Diskursen. Der Anspruch, den Gegenstand Geschlecht auch mit solchen sozialwissenschaftlichen Methoden zu erfassen, ist grundsätzlich gewiss gerechtfertigt, da das Geschlecht auch eine soziale und kulturelle Kategorie ist. Viele Vertreter der Gender Studies begreifen ihre Theorien allerdings nicht als Ergänzung naturwissenschaftlichen Wissens über das Geschlecht, sondern als dessen notwendige Korrektur. Das trifft vor allem auf jüngere Theoretiker zu, die auch das biologische Geschlecht zu einem sozialen Konstrukt erklärt haben. Vor allem Judith Butler ist hier zu nennen. 22) Sie machen also das Forschungsobjekt Geschlecht den Naturwissenschaften generell streitig. Innerhalb ihrer eigenen Disziplin entwerteten sie erfolgreich eine sozialwissenschaftliche  Geschlechterforschung, die das Geschlecht als Naturtatsache akzeptiert und nur die kulturellen Überformungen untersuchen will.


Doch die Umkehrung der Perspektive geht noch weiter: Die Naturwissenschaften, vor allem die Biologie, werden ihrerseits zum Forschungsobjekt der „feministische Naturwissenschaftsforschung“ oder „gender & science studies“ erklärt. 23) Da die Biologie als eine entscheidender Akteur bei der Herstellung der Geschlechter erkannt wird, ist es besonders wichtig sie nach den eigenen Vorstellungen zu verändern: „Degendering Science“ hieß ein Projekt am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg. 24) Was in den Gender Studies über die Biologie gedacht wird und wie man sie zu verändern sucht, offenbart zusammenfassend das „Netzwerk Frauenforschung NRW“ in seinen Vorschlägen zur Revision der Universitäts-Lehrpläne:
„Im Mittelpunkt der geschlechterperspektivischen Studien der Biologie steht zum einen die Frage, wie gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen von Geschlecht in biologisches Wissen eingeschrieben und naturalisiert werden. Zum anderen wird untersucht, wie biologisches Wissen an der Herstellung, Legitimierung, Aufrechterhaltung und Veränderung der gesellschaftlichen Geschlechterordnung teilhat. Biologisches Wissen ist demnach Teil von Geschlechterpolitik.“
Kritisch zu untersuchen seien vor allem die
„biologisch-medizinische Wissensproduktion über vermeintliche Geschlechtsunterschiede des Menschen hinsichtlich Gehirn, Intelligenz, kognitiver und körperlicher Eigenschaften und Geschlechtshormone sowie Geschlechterstudien zur Evolutions- und Soziobiologie und der evolutionären Psychologie.“
Sowie
„die biologischen Paradigmen, Vorannahmen, die vermittelte Herstellung von Geschlecht und die symbolische Ebene der Geschlechterdifferenzen. Dabei werden Dichotomien in der Biologie analysiert, wie etwa Körper/Geist, Natur/Kultur und Passivität/Aktivität, die geschlechtskodiert und in einem hierarchischen Verhältnis angeordnet sind. So sind die ersten Positionen weiblich markiert und die letzteren männlich belegt und höhergestellt. Diese Struktur findet in den Subtexten biologischer Erzählungen einen Ausdruck. Sei es der aktive männliche Geist, der die Geheimnisse der passiven weiblichen Natur enthüllt, das heldenhafte Spermium, das alle widrigen Umstände überwindet und ,seine Konkurrenten ausstechend, eine Eizelle wach küsst. Oder seien es die Androgene, die während der Embryogenese für die Weiterentwicklung vom weiblichen zum männlichen Gehirn sorgen. Diese geschlechtskodierten Dichotomien stellen Erkenntnis leitende Prinzipien dar, welche die Perspektiven und Wertvorstellungen von Biologen und Biologinnen beeinflussen.“ 25)


Einige jüngere Naturwissenschaftskritiker haben zumindest selbst einige Semester Biologie studiert. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Dissertation eines jungen Vertreters der Gender & Science Studies. Heinz-Jürgen Voß hat Biologie studiert, wurde aber von dem Soziologen Rüdiger Lautmann promoviert. Finanziell unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung der Linkspartei will Voß in seiner Arbeit den Nachweis geführt haben, dass es auch aus biologischer Perspektive kein „natürliches Geschlecht“ gebe. 26) Die molekularen Prozesse in Embryonen zeigten, so Voß, dass auch biologisch nicht nur zwei, sondern „viele Geschlechter“ denkbar seien.


Ob Voß’ Darstellung unter rein epigenetischer Perspektive zutreffend ist oder nicht, das vermag ich nicht zu beurteilen. Es ist jedenfalls kein Geheimnis, dass der Mensch keine absolut und ausnahmslos geschlechtsdimorphe (zweigestaltige) Art ist, weder bezüglich der Zusammensetzung der Chromosomen, noch in Bezug auf Hormonhaushalt, Geschlechtsdrüsen oder äußere Sexualorgane. Schätzungsweise bei zwei Prozent aller geborenen Kinder sind Abweichungen vom Dimorphismus feststellbar. 27) Aber was beweist das? Nur weil es seltene Fälle gibt, in denen Entwicklungsprozesse von Embryonen vom Normalverlauf abweichen, heißt das nicht, dass diese Phänomene den gleichen Stellenwert haben wie der Normalfall. Sollte man nicht mehr sagen „Löwen haben gelbes Fell“, weil es auch Albino-Löwen mit weißem Fell gibt? Seine Darstellung ist insofern typisch für die Gender Studies, als er Ausnahmeerscheinungen heranzieht, um die Existenz von Normalität scheinbar zu widerlegen.


Und typisch für die gesamte Gender-Forschung ist auch das zentrale Defizit von Voß’ Arbeit. Er argumentiert evolutionsvergessen. 28) Voß ignoriert Dobzhanskys berühmten Satz und betrachtet sein Thema nicht „im Lichte der Evolution“, ohne die nichts in der Biologie Sinn macht. Er betrachtet nur das „wie?“ und nicht das „warum?“. Der biologische Sinn von Männlichkeit und Weiblichkeit, ob bei Butterblumen, Wühlmäusen oder Menschen liegt in der Fortpflanzung. Wer die Ausbildung weiterer, unfruchtbarer Geschlechter zum Normalfall erklärt, muss dafür eine evolutionäre Erklärung anbieten können. Das tut Voß nicht. Wie könnte er es auch?


Zweigeschlechtlichkeit als Grundlage menschlicher Existenz

Fortpflanzung ist der blinde Fleck, oder besser das Taboo der Gender-Theorie. Und ich wäre sehr frustriert, wenn ich nicht zumindest eine leise Stimme im lauten Chor des Nachdenkens über das Geschlecht gefunden hätte, die mir, dem genderkritischen Journalisten, zu dieser Erkenntnis fundierte Argumente liefert: Hilge Landweer. Der Berliner Philosophie-Professorin gelingt in einem Aufsatz 29) von 1994 das, was die etablierte Gender-Forschung bislang verweigert: eine sinnvolle Verbindung der biologischen Grundlagen der Geschlechtlichkeit mit ihrer kulturellen Ausprägung.  Ihr zentraler Satz: „In jeder Kultur führt in Zusammenhang mit Mortalität und Natalität die Generativität zu Kategorisierungen von ‚Geschlecht’.“ 30) Zur Conditio humana, der Bedingtheit des menschlichen Lebens gehören eben nicht nur Geboren werden und Sterben, sondern auch die Möglichkeit, das Leben weiterzugeben. Alle Gesellschaften „verweisen in ihren Geschlechterbegriffen auf den jeweils als möglich unterstellten Beitrag zur Reproduktion“. 31)
Eine Geschlechtlichkeit, die völlig unabhängig vom (möglichen) Beitrag zur Fortpflanzung ist, ist nicht denkbar. Übrigens zeigt das bereits die Sprache: Das deutsche Wort „Geschlecht“ bezeichnet, genau wie das lateinische „gens“, nicht nur die Zweiheit von Mann und Frau, sondern auch eine Generationenfolge (vgl. Anmerkung 5). Diese Verbindung wird auch in Zukunft nicht aufgelöst werden. Selbst wenn die moderne Medizin erlaubt, den Zeugungsakt aus dem Bett ins Reagenzglas zu verlegen: Ohne weibliche Eizelle und männliches Spermium entsteht kein neues Menschenleben. Die einzige Alternative ist das Klonen von Menschen. Es gibt niemanden, der das nicht für eine Horrorvision hält.


Was konkret als „männlich“ oder weiblich“ empfunden wird, ist durchaus sehr abhängig von der kulturellen Praxis. Aber eine Gesellschaft kann „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ nicht beliebig festlegen, wie es Gender-Theoretiker behaupten. Die Verbindung zur Fortpflanzungsfunktion kann nicht gekappt werden, denn jede „Kultur … bleibt auf die Reproduktion der Gattung verwiesen“. 32) Zur Veranschaulichung: Ein Rock kann auch für Männlichkeit stehen, bei den schottischen Hochländern zum Beispiel, aber eine Penisdarstellung kann nie zum Symbol der Weiblichkeit erklärt werden, und Menstruation nie für männlich gehalten werden.


Die Menschheit für grundsätzlich zweigeschlechtlich zu halten, bedeutet nicht, Intersexuelle, also genetisch, hormonell oder äußerlich nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnende Menschen zu ignorieren. Es bedeutet nicht, ihnen ein selbstbestimmtes Geschlechtsleben zu verwehren. Zweigeschlechtlichkeit anzunehmen bedeutet auch nicht notwendigerweise, Menschen mit biologisch eindeutigem Geschlecht, die sich aber im falschen Körper fühlen, das Ausleben ihrer empfundenen Geschlechtsidentität oder eine operative Geschlechtsumwandlung verbieten zu wollen. Die Vorstellung von einem biologisch immer eindeutig feststellbaren „Sex“, das immer der sozial festgelegten „Gender Role“ zu entsprechen habe, ist nicht aufrecht zu halten. Hier haben die Sexualwissenschaften und auch die Gender Studies manche überkommene Vorstellung zu Recht widerlegt. Festzuhalten ist aber, dass diese betroffenen Menschen in biologisch-medizinischer oder in kulturell-gesellschaftlicher Hinsicht zwischen den zwei Geschlechtern stehen und nie als ein „drittes“ ganz unabhängig von ihnen sind. Mir sind keine Menschen bekannt, deren äußere oder sonstige Geschlechtsmerkmale überhaupt keinen Bezug zu männlichen oder weiblichen aufwiesen. Männlich und weiblich sind demnach die zwei Pole, die den Geschlechtsbegriff ausmachen. 33)

Die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen ist also nicht erst ein Produkt seiner Kultur, sondern ihr als einziger Modus der Selbsterhaltung vorgelagert. Und zwar sowohl individuell, in dem Sinne, dass ausnahmslos jeder Mensch eine biologische Mutter und einen biologischen Vater hat, als auch evolutions- und menschheitsgeschichtlich. Wann der letzte Vorfahr des Menschen lebte, der nicht durch die Verschmelzung zweier Keimzellen entstand, ist meines Wissens nicht geklärt. Aber es ist sicher sehr, sehr viele Millionen Jahre her. Und er hatte sicher noch keine Ähnlichkeit mit einem Menschen. 

In der breiten Öffentlichkeit haben sich evolutions- und soziobiologische Erklärungen für Geschlechterunterschiede nicht ohne Grund erfolgreicher etabliert als die Gender-Theorie – ihrem politischen Erfolg zum Trotz. John Grays Superbestseller „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ genügt nicht akademischen Ansprüchen, ebenso wenig wie das Ehepaar Pearce mit seinem nicht minder populären Buch „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“. Deren großer Verkaufserfolg und nicht zuletzt auch das große Publikumsinteresse an diesem Turm-der-Sinne-Symposium sprechen dafür, dass sehr viele Menschen nach Erklärungen suchen für ihre lebensweltlichen Erfahrungen mit dem eigenen und dem anderen Geschlecht.

Ich bin überzeugt, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften dazu einen sehr wichtigen und unverzichtbaren Beitrag leisten können. Doch die einseitige Fixierung auf eine lebensferne Theorie steht dem bislang im Wege. Die Erkenntnis von Landweer über die Unauflösbarkeit der Verbindung zwischen Geschlechtlichkeit und Fortpflanzung würden, so denke ich, als Ausgangspunkt einer  biologieverträglichen, transdisziplinären und möglichst unpolitischen Geschlechterwissenschaft taugen. Leider fand sie kaum Widerhall innerhalb der Gender-Szene. 34) Stattdessen wird die Lehre vom ausschließlich sozial konstruierten Geschlecht als Dogma mit Methoden vertreten, die eher an mittelalterliche Scholastik erinnern als an eine von Vernunft und Erkenntnisdrang geleitete Wissenschaft. Kurzfristig mag eine Theorie durch publizistische Überzeugungsarbeit und politische Lobby ihre Geltung und Glaubwürdigkeit erzeugen können. Langfristig hält sie sich nur, wenn sie funktioniert, wenn sie so tragfähig ist, dass neue Forschung und lebensweltliche Anwendungen auf ihr aufbauen können. Dafür dass ein von der Biologie unabhängiges, allein sozial konstruiertes Geschlecht als Modell nicht funktioniert, gibt es nicht zuletzt in diesem Band reichlich Argumente. Letzten Endes werden daher auch Kultur- und Gesellschaftswissenschaftler irgendwann nicht mehr um die Akzeptanz biologischer Grundlagen herum kommen, wenn sie von realen Menschen aus Fleisch und Blut handeln wollen.

Epilog:
Nachdem ich Landweers Beitrag im Juni 2010 entdeckt und gelesen hatte, rief ich sie an. Sie bat mich nach einem langen Telefongespräch, auf die Veröffentlichung des Interviews in meinem Blog 35) oder andernorts zu verzichten. Denn eine sachliche Debatte sei über dieses Thema nicht möglich, ohne persönlich diffamiert zu werden. Sie habe sich daher davon verabschiedet. Ich zitiere also nur noch einmal aus ihrem Aufsatz: „’Naturalismus’, ‚Ontologisierung’, ‚Essentialismus’ und ‚Biologismus’ … fungieren inzwischen geradezu als Denkverbote. Jeder Versuch, anthropologische Konstanten auch nur als Grenzwerte für Transformationsprozesse zu bestimmen, jeder Versuch zu reflektieren, was es für Menschen bedeutet, sich ebenso wie Tiere fortpflanzen zu müssen (wenn sie sich denn überhaupt fortpflanzen wollen), und jeder Versuch, die Geschlechterdifferenz philosophisch zu reflektieren, ohne sie vorab als reines Konstrukt zu setzen, kann damit bereits unter Ideologieverdacht gestellt werden.“ 36) So entstehen Denkverbote und Sprachlosigkeit. Auch die gehören zur Erfolgsgeschichte der Gender-Theorie.



Fußnoten:
1 Zitiert aus der von Arendt selbst übersetzten deutschen Fassung: Arendt, Hannah, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München-Zürich (3.Aufl.) 1981, S. 15

2 Dobzhanskys gleichnamiger Essay erschien in der Zeitschrift The American Biology Teacher (March 1973, 35, S. 125-129). Im Internet u.a.: http://cas.bellarmine.edu/tietjen/DownLoads/Dobzhansky_1973.pdf

3 Natürlich hat mein Argument ein methodisches Problem. Ich kann nicht mit einer quantitativen Analyse dienen, da ich nicht die unüberschaubare Gesamtheit gender- und queertheoretischer Literatur nach entsprechenden Stichworten durchsucht habe. Ich habe mich aber als Journalist und Blogger etwa zweieinhalb Jahre lang recht intensiv mit Gender Studies befasst. Ich stand und stehe auf den Mailing-Listen entsprechender Forschungsnetzwerke, Fachzeitschriften und Fachverlage. Und in all den Aufsätzen, Monographien und Sammelbänden, die mir unter die Augen kamen, auf den Tagungen, die ich besuchte, kamen Aspekte der Fortpflanzung so gut wie nicht zur Sprache. Alice Schwarzer immerhin erwähnt in ihrem Klassiker „Der kleine Unterschied“ (1975), dass „die Gebärfähigkeit auch der einzige Unterschied ist, der zwischen Mann und Frau bleibt“ (S. 192). Auf diese Einschränkung der Geschlechtergleichheit verzichten andere Autorinnen oder marginalisieren sie. Die große Ausnahme ist Hilge Landweer, von der deswegen ausführlich die Rede sein wird.

4 De Beauvoir, Simone, Le deuxième Sexe, Paris 1949, S. 1.

5 Der lateinische Wortstamm „gen“ verweist auf (er)zeugen, hervorbringen. „Gens“ ist das Geschlecht (im Sinne von Sippe/Familie oder Frau und Mann), der Abkömmling, das Volk, die Gattung. Zumindest sprachlich verweist der Gender-Begriff also durchaus auf Fortpflanzung und ist ganz nah bei der Genetik, um die Gender-Forscher gerne einen großen Bogen machen.

6 Money versuchte wissenschaftlich zu beweisen, dass das wahrgenommene Geschlecht nur erlernt sei. Er überredete 1967 die Eltern des zweijährigen Bruce Reimer zu einer geschlechtsangleichenden Operation, dessen Penis zuvor bei einer Beschneidung versehentlich verstümmelt worden war. Unter seiner Obhut erzogen sie das Kind, das nun Brenda hieß, als Mädchen. Aber Brenda riss sich die Kleider vom Leib und interessierte sich nicht für Puppen. Als Brenda mit 14 erfuhr, dass sie als Junge geboren wurde, ließ sie die Geschlechtsumwandlung so gut es ging, rückgängig machen und nannte sich David. 2004 erschoss er sich. Eine kritische, journalistische Darstellung dieses Menschenversuchs bietet Volker Zastrow: Politische Geschlechtsumwandlung, Walltrop und Leipzig 2006. Der Essay wurde zuerst in der FAZ veröffentlicht: www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E75AE8F760BF94344B9187BB752F34D74~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Der „John/Joan-Fall“ (so nannte ihn Money) wurde trotz des Fehlschlags noch als Beleg für die Richtigkeit der Gender-Theorie genannt. So von Alice Schwarzer in Der kleine Unterschied, 1975, S. 192f.

7 In unzähligen neueren Publikationen seit den 90er-Jahren findet sich dieser Dreiklang schon im Titel. Zum Beispiel: Chow, Esther Ngan-ling (Hg.), Race, Class & Gender, 1996; Barth, Melissa E. (Hg.), Reading for Difference. Texts on Gender, Race & Class, 1993. Mittlerweile ist die akademische Mode der Erforschung der “Dreifachunterdrückung”, die ursprünglich Ende der 1970er Jahre von schwarzen, lesbischen Autorinnen in den USA begründet wurde, schon ein wenig abgeklungen.

8 Der Psychoanalytiker Robert Stoller definierte wie folgt: „Geschlechtsidentität (gender identity) beginnt mit dem Wissen und dem Bewusstsein, ob bewusst oder unbewusst, dass man einem Geschlecht (sex) angehört und nicht dem anderen. Geschlechtsrolle (gender role) ist das äußerliche Verhalten, welches man in der Gesellschaft zeigt, die Rolle, die man spielt, insbesondere mit anderen Menschen.“ In: Stoller, Robert, Sex and Gender: On the Development of Masculinity and Femininity, 1968.

9 Ihr Foto steht in der Wikipedia beim Eintrag „Gender“ (abgerufen am 12.01.2011).

10 Mündliche Information der Pressestelle des Deutschen Hochschulverbandes vom September 2007.

11 www.netzwerk-frauenforschung.nrw.de/das_netzwerk.php?lang=de (abgerufen am 12.01.2011).

12 Als besonders redendes Beispiel sei ein Satz von Christiane König zitiert: „Im aktuellen, auf diese Weise zugespitzten Dispositiv der Sorge um das Leben, das dennoch immer noch machttechnologisch auf die Verwaltung desselben hinarbeitet, verliert die Sexualität als (diskursive, an die Sprache geknüpfte) Machttechnologie, die an die zu disziplinierenden Körper angeschlossen ist, durch die direkte Verschaltung von Biologischem und Technisch-Medialem scheinbar zunehmend ihre Bedeutung.“ König, Christiane, Queeres Begehren – Signaltechnisch bedingt, in: Angerer, Marie-Louise (Hg.), Gender Goes Life. Die Lebenswissenschaften als Herausforderung für die Gender Studies, 2008.

13 Das Erbe der feministisch bewegten Anfangszeit der 60er Jahre ist offensichtlich und wird weiter gepflegt. Unter anderem auch dadurch, dass Frauenförderung und Frauenforschung an den Universitäten meist weder personell noch inhaltlich klar getrennt sind. Oft teilen sie sich eine gemeinsame Homepage, zum Beispiel in Marburg: www.uni-marburg.de/personal/frauen/frauenforschung.

14 Auch die Europäische Union beruft sich explizit auf das Konzept Gender Mainstreaming: http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=421&langId=de (abgerufen am 12.01.2011)

15 Das Bundesfamilienministerium betreibt zur Erläuterung die Homepage www.gender-mainstreaming.net/ (abgerufen am 12.01.2011). Dort heißt es: „Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.“ Der Gender-Begriff wird also nicht erklärt. Allerdings führt ein Link zum (von der Bundesregierung finanzierten) „GenderKompetenzZentrum“ der FU Berlin. Dort wird unter anderem das Konzept der „Queerversity“ propagiert, die „queer theoretische Erweiterung genderkompetenter Bildungs- und Beratungsarbeit sowie Gleichstellungspolitik“. Auch die Queer-Theorie als radikale Variante der Gender-Theorie hat sich also politisch etabliert.

16 Kritik gegen die Entscheidung kommt vor allem von der christlichen Rechten in den USA, zum Beispiel hier: www.thenewamerican.com/index.php/culture/family/5826-us-passport-applications-becoming-gender-neutral (abgerufen am 11.01.2011)

17 FAS-Redakteur Eckart Lohse stellt in seinem Beitrag vom 2.Januar 2011 (S.4) fest, dass selbst in der CDU kaum Widerspruch laut wurde gegen Aussagen des Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger, der auf einer Gender-Tagung „politische Bündnisse auch quer zu und jenseits von Heteronormativität, Zweigeschlechtlichkeit und Kleinfamilie“ gefordert hatte. Krüger begrüßte zu der Tagung nicht nur „Damen“ und „Herren“, sondern auch „alle, die sich nicht mit diesen Kategorien identifizieren können oder wollen“. Der Widerstand gegen „Heteronormativität“ (durch „queren“ Widerstand) ist eine der Hauptforderungen radikaler Gender-Theorien.

18 Wobbe, Theresa; Lindemann, Gesa (Hgg.), Denkachsen. Zur theoretischen und institutionellen Rede vom Geschlecht, 1994, S. 7 (Vorwort).

19 Karl Jaspers ist vielleicht der bekannteste Warner vor Wissenschaftsaberglauben. Allerdings warnte gleichzeitig auch vor einem Umschlagen in Wissenschaftsfeindschaft (Die geistige Situation der Zeit, 5. Auflage 1932, S. 128f).

20 Beispielhaft: Shapin, Steven, Never Pure. Historical Studies of Science as if It Was Produced by people with Bodies, Situated in Time, Space, Culture and Society, and Struglng for Credibility and Authority, 2010.

21 Beispielhaft dafür war ein Vortrag von Diethard Sawiecki über „Wilhelm Reichs Experimente“) auf einer Tagung über Wunder am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen (20.03.2009). Reich (189-1957), der zunächst als Sexualforcher großes Ansehen erworben hatte, glaubte später nicht nur die „Lebensenergie“ Orgon entdeckt zu haben, sondern spürte mit großen Apparaten auch UFOs nach. Allein die Ablehnung durch renommierte Wissenschaftler wie Albert Einstein – also der wissenschaftsinterne Diskurs – habe dazu geführt, dass der einst angesehene Sexualforscher Reich aus der Gemeinde der Wissenschaft verstoßen wurde. Widerspruch gegen diese rein diskursanalytische Sicht des Wissenschaftsbetriebes kam nur vom Historiker Paul Nolte, der darauf hinwies, dass Reichs Experimente schlicht und einfach „nicht funktionierten“. Dass das Funktionieren, also die Reproduzierbarkeit von Versuchen, zu den Kriterien der (Natur-)Wissenschaftlichkeit gehört, scheint sich in Geisteswissenschaftlerkreisen noch nicht herumgesprochen zu haben.

22 Butler ist nicht nur die prominenteste Geschlechter-Theoretikerin der Gegenwart, sondern auch die wohl umstrittenste. Ihre radikalkonstruktivistische Theorie ist auch innerhalb der Gender Studies und des Feminismus höchst umstritten. Ihr Hauptwerk: Butler, Judith, Gender Trouble. Feminism and the subversion of identity. 1990. Deutsche Ausgabe: Das Unbehagen der Geschlechter, 2003

23 Beispielhaft: Petersen, Barbara; Mauss, Bärbel (Hgg.), Feministische Naturwissenschaftsforschung. science & fiction, 1998. Schon im Titel wird die Tendenz deutlich, Naturwissenschaften in die Nähe der Dichtung zu rücken. Ihren lehrreichen Einführungsbeitrag hat Dorit Heinsohn im Netz veröffentlicht:

www.math.tu-berlin.de/~schar/fuerMidG/061117_DoritHeinsohn.pdf

24 www.erzwiss.uni-hamburg.de/degendering_science/

25 www.gender-in-gestufte-studiengaenge.de (abgerufen am 13.01.2011), die Seite wird vom Netzwerk Frauenforschung NRW betrieben. Die Vorschläge zur Veränderung der Curricula betreffen fast alle studierbaren Fächer. Auch Studenten der Önologie (Weinbau) sollen demnach die Gender-Theorie kennenlernen.

26 Voß, Heinz-Jürgen, Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, 2010. Die Arbeit ist ein seltenes Beispiel wirklicher Transdisziplinarität. Für Biologen ist der historisch-diskursanalytische Teil vermutlich kaum zu beurteilen, für geisteswissenschaftlich geprägte Leser – wie den Autor dieses Beitrags – ist die Qualität des epigenetisch und molekularbiologisch argumentierenden Kapitels schwierig zu bewerten. Eine Diskussion zwischen Voß und Kritikern im Blog „Alles Evolution“: http://allesevolution.wordpress.com/2010/08/22/das-ende-des-sex-revisited/

27 Fausto-Sterling, Anna et al., How sexually dimorphic are we? Review and synthesis, in: American Journal of Human Biology 12 (2000):151-166.

28 Im Personenverzeichnis wird außer Darwin (und der nur ganz knapp) kein einziger Evolutionsbiologe genannt.

29 Landweer, Hilge, Generativität und Geschlecht. Ein blinder Fleck in der sex/gender-Debatte, in: Wobbe, Theresa; Lindemann, Gesa (Hgg.), Denkachsen. Zur theoretischen und institutionellen Rede vom Geschlecht, 1994. S. 147-176.

30 Landweer, S. 151.

31 Landweer, S. 152.

32 Landweer, S. 147.

33 Landweer, S. 152.

34 Die Rezeption in der Gender-Szene war, wie Landweer selbst mir telefonisch mitteilte, eher gering und tendenziell ablehnend bis offen feindlich. In den 16 Jahren seither gab es immerhin einige Autorinnen, die Landweers Argument gegen einen radikalen Geschlechtskonstruktivismus verwendeten. Zum Beispiel: Vella, Paula-Irene, Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper, 2006, S. 68.

35 www.brainlogs.de/blogs/blog/geschlechtsverwirrung

36 Landweer, S. 147.



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (0). Trackbacks: (0). Permalink


Warum ich nicht mehr schreibe...

27. Januar 2011, 18:34

Liebe Leser meines Blogs,
 nachdem ich vor einiger Zeit schon ankündigte, nicht mehr in gewohnter Schlagzahl hier zu schreiben, kann ich nun auch den Grund dafür bekannt machen.  » weiter

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (21). Trackbacks: (0). Permalink


Alice Schwarzer exkommuniziert Kristina Schröder

11. November 2010, 13:59

Alice Schwarzers Magazin "Emma" lesen zwar nur wenige (nach eigenen Angaben etwa 43 000), aber die Herausgeberin und unbestrittene Oberfeministin Deutschlands hat es trotzdem erneut geschafft, sich ins Rampenlicht zu bugsieren. Ihr bei "Bild" zitierter offener Brief an die Frauen-(und Familien)ministerin Kristina Schröder ist eine wutschnaubende Beschimpfungskanonade, die die Absenderin eher diskreditiert als die Empfängerin.
 » weiter

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (16). Trackbacks: (0). Permalink


Weltmännertag und Schnurrbärte

03. November 2010, 12:12

Heute ist Weltmännertag, einer jener unzähligen Welt-xy-Tage, die das Bewusstsein für xy erweitern sollen.  Nach der englischen Wikipedia, wird der in Wien 2000 begründete und unter der Schirmherrschaft von Michail Gorbatschow (!) stehende Tag nicht mehr mit Events begangen. Dafür gibt es weiterhin - und schon am 19. November - den "Internationalen Männertag".

Alles, was ich zu diesen Veranstaltungen gerne selbst gesagt hätte, hat Hajo Schumacher heute in einem unterhaltsamen Artikel auf Welt-Online gesagt, den ich hiermit empfehle und den Weltmännertag ansonsten unbeachtet verstreichen lasse.

PS: Laut Wikipedia, beziehungsweise dem "Mens Activism News Network" lassen sich im November Männeraktivisten Oberlippenbärte wachsen, um Spenden zu sammeln für die Prostatakrebsforschung.

Das bringt mich doch noch auf ein Thema, dass eine vergnügliche Debatte anregen könnte: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem - bedauernswerten? - Rückgang des Schnauzbartes und der Veränderung des Geschlecherverhältnisses in der Gesellschaft? Ist die Tendenz zum nackten Gesicht (vom Niedergang der Brust- und sonstiger männlicher Körperbehaarung gar nicht zu reden!) die Kapitulation des Mannes vor dem effeminiertem Schönheitsideal?

Wie dem auch sei, ich freue mich bei jeder Reise ins heimische Saarland, dass dort noch der eine oder andere Schnauzbart zu sehen ist. Auch wenn ich selbst mich nicht dazu traue. Aber immerhin lasse ich meine Kotteletten wachsen. Das ist angeblich auch total out.

Hat einer meiner Leser Schnurrbarterfahrung?

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (18). Trackbacks: (0). Permalink


"Turm der Sinne": Das Gehirn und die Geschlechter

04. Oktober 2010, 20:24

Geschlechtsunterschiede sind "zu 99 Prozent natürlich und zu 99 Prozent kulturell bedingt", sagt der Biopsychologe Onur Güntürkün. Am Wochenende hatte ich das Vergnügen, als Moderator bei dem Symposium "Turm der Sinne" dabei zu sein. Thema: Geschlechterunterschiede. Einige der Vorträge waren sehr interessant. Um ganz knapp zusammenzufassen: Die Quintessenz lautete bei den meisten - und ich fühle mich in meinen Ansichten dadurch weitgehend bestätigt, dass man bei der Betrachtung der Geschlechterunterschiede Natur und Kultur gar nicht eindeutig trennen kann. » weiter

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (2). Trackbacks: (0). Permalink


Geschlecht und Fortpflanzung: Hilge Landweer wirft Licht auf den "blinden Fleck" der Gender-Debatte

05. Juli 2010, 23:41

Fortpflanzung ist der blinde Fleck vorherrschender Gender-Theorien. In den Gender Studies wird die grundlegendste Voraussetzung jeglicher Kultur und sozialer Existenz nicht thematisiert: das Angewiesensein auf Reproduktion. Ausgerechnet die Erforscher der Geschlechtlichkeit ignorieren, dass (Zwei)Geschlechtlichkeit kein Produkt der Kultur, sondern ihr als einziger Modus der Erhaltung der Menschen vorgelagert ist.  

Die Berliner Philosophin Hilge Landweer lieferte schon 1994 eine Kritik am radikal-konstruktivistischen Mythos der Konstruierbarkeit aller sozialer Kategorien also auch des Geschlechts: „Generativität und Geschlecht. Ein blinder Fleck in der sex/gender Debatte“ in: Theresa Wobbe und Gesa Lindemann (Hgg.): „Denkachsen. Zur institutionellen Rede von Geschlecht“, Edition Suhrkamp 1994. Landweer stellt darin fest: „In jeder Kultur führt in Zusammenhang mit Mortalität und Natalität die Generativität zu Kategorisierungen von Geschlecht.“ Eine Geschlechtlichkeit, die völlig unabhängig vom (potentiellen) Beitrag zur Fortpflanzung ist, ist nicht denkbar. Der konkrete Geschlechterbegriff ist kulturell variabel, aber nicht beliebig, sondern verknüpft mit der „generativen Zweigliederung“. Zur Veranschaulichung: Ein Penis kann nie zum Symbol der Weiblichkeit werden, und Menstruation nie für männlich gehalten werden. » weiter

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (4). Trackbacks: (0). Permalink


Lese-Empfehlung: "Der entwertete Mann"

02. Juli 2010, 12:16

In Eile ein Hinweis auf einen lesenswerten Essay in der aktuellen Ausgabe des "Merkur". Praktischerweise ist er auch kostenlos online verfügbar:

Walter Hollstein: "Der entwertete Mann"

Der Inhalt passt gut zu den intensiven Diskussionen zu meinen jüngsten Beiträgen.Vielleicht erhalten die dadurch neue Nahrung.



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (6). Trackbacks: (0). Permalink


Gewalt von Frauen an Männern: Deutschlands einziges "Männerhaus" in Ketzin

22. Juni 2010, 11:07

Es gibt rund 400 "Frauenhäuser" in Deutschland, die weiblichen Opfern männlicher Gewalt Unterschlupf bieten. Für männliche Opfer weiblicher Gewalt gibt es genau eines, im brandenburgischen Ketzin.  » weiter

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (13). Trackbacks: (0). Permalink


Frauen lassen sich eher von Vorurteilen beeinflussen als Männer

20. Mai 2010, 15:47

Frauen lassen sich offenbar eher sozial beeinflussen als Männer. Die hier vorgestellte Studie sollte auch in Gender Studies Seminaren wahrgenommen werden. Denn das Dogma des allein kulturell konstruierten sozialen Geschlechts wird durch diese Studie erneut ein Stück unglaubwürdiger. Ich gebe hier die Mitteilung der Forscher vom Universitätsklinikum Tübingen weitgehend unbearbeitet  - nur sprachlich leicht  verschönert - wieder:
 » weiter

Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (11). Trackbacks: (0). Permalink


Ankündigung: Tagung zur Geschlechtergerechtigkeit

12. Mai 2010, 13:39

Das "Institut für Geschlechterstudien" der "Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften" der Fachhochschule Köln wird am 10.6.2010 eine Tagung zur Geschlechtergerechtigkeit ausrichten. Leitfrage, so kündigen die Veranstalter Renate Kosuch und Hella Gephart an, werden sein:  "Wie lässt sich Geschlechtergerechtigkeit erreichen und gestalten?" Weiter heißt es in der Akündigung: "Die Verwirklichung der Vision von Geschlechtergerechtigkeit als Anerkennung menschlicher Individualität bei freiem Zugang zu Chancen und Ressourcen unabhängig vom Geschlecht scheint näher gerückt, doch ihr stehen immer noch
vielfältige Verflechtungen kulturell reproduzierter innerpsychischer Blockaden mit historisch gewachsenen, strukturellen Zwängen entgegen. Welche Bedingungen e c h t e r (Hervorhebung in der Ankündigung) Geschlechtergerechtigkeit gilt es in den Blick zu nehmen und welche Kompetenzen für ein Zusammenleben in gerechten Verhältnissen und für den Genderdialog sind zu entwickeln?"

Das Tagungsprogramm ist hier zu finden: GeschlECHTerGERECHTigkeit?! Paradoxien - Widerstände - Visionen



Geschrieben in Allgemein . Kommentare: (1). Trackbacks: (0). Permalink


szmtag