SciLogs International .eu.be.es.de
scilogs Graue Substanz spektrum.de

Simulation einer Sehstörung bei Migräne

von Markus A. Dahlem, 08. April 2010, 16:41

Sehstörungen bei Migräne folgen oftmals einem charakteristischen Verlauf im Gesichtsfeld. Basierend auf einer Simulation der neuronalen Netzwerkaktivität in der Sehrinde, wurde ein Video zur Demonstration erstellt.

Neulich kam ein Mitarbeiter zu mir und meinte er hätte jetzt gerade so ein flimmerndes Zickzack-Muster vor seinen Augen gesehen, genau wie in dem Film, den ich ihm vor längerer Zeit einmal gezeigt hatte. Ob das eine Migräne-Aura sei, fragte er mich. Kopfschmerzen hätte er keine. Die kamen erst gut eine halbe Stunde später und der Arbeitstag war für ihn daraufhin gelaufen. Es war seine erste Migräneattacke.

Die meisten Menschen kennen die typischen Sehstörungen, die Teil einer Migräneattacke sein können, natürlich nicht im Vorhinein. Seit über zehn Jahren stelle ich mit meinem Kollegen, Dr. Klaus Podoll (Uniklinik Aachen) daher Zeichnungen und Filme der visuellen Migräneaura und andere Dokumente über die Migräneaura im Internet zusammen. Nun also auch ein Beispiel in meinem Blog.

Um einen richtigen Eindruck der Migräne-Sehstörung in dem unten gezeigten YouTube-Video zu bekommen, müssen Sie die ganze Zeit Ihren Blickpunkt auf dem Wort "aura" in Google-Eingabefeld, welches im Video gezeigt wird, lassen. Die Sehstörungen wandert dann relativ zu Ihrem Blickpunkt im Gesichtsfeld nach rechts außen. Ein direktes Beobachten der Zickzack-Muster ist bei einer Migräne-Attacke nicht möglich.

Bitte beachten Sie diesen Hinweis: Das Video zeigt ein flimmerndes Objekt, das für Menschen, die unter Migräne oder auch Epilepsie leiden, unangenehm sein kann.

 

Die fehlende Farbe in dem Zickzack-Muster, die viele Betroffene in den YouTube-Kommentaren anmerken, könnte leicht eingefügt werden. Aber  bei der Simulation ging es nicht um eine realistische Darstellung unter Berücksichtigung aller Modalitäten des Sehens. Die Simulation basiert auf einem neuronalen Netzwerk (Dahlem et al. (2000) Does the migraine aura reflect cortical organization? European Journal of Neuroscience, 12: 767 - 770), welches bestimmte Eigenschaften unserer Sehrinde kodiert. Die Farbkodierung, die auch in der Sehrinde stattfindet, war schlicht nicht Teil dieser Eingangsdaten zur Simulation.  

Aufklärung tut Not

Es ist wichtig, dass Betroffene diese Art der Sehstörung und andere Migräneauren erkennen und einschätzen können. Jeder, der dies zum ersten mal in seinem Leben sieht, sollte einen Arzt aufsuchen. (Eine Diagnose mit Hilfe von YouTube-Videos verbietet sich hoffentlich von selbst.)

Das diese neurologischen Störungen mehr als nur eine bloße Sehstörung sind, verdeutlichen Kommentare in einschlägigen Migräneforen.  

"Ich kann den Schmerz ertragen, es ist nur Schmerz. Ich kann die Aura kaum ertragen, sie macht Lebensfreude kaputt!!! ... Ich wünsch uns, dass irgendwer irgendwann weiß, woher das kommt und ein 'gesundes' Mittel dagegen findet."

Eintrag ins Form der MigräneLiga e.V. als Antwort auf einen Beitrag mit dem Titel "Aura", 13. Januar 2004.

Die Kopfschmerzen selbst, die erst nach dem gesamten Ablauf einsetzen, könne ich am ehesten verkraften − ich leide eben sehr stark unter den Begleiterscheinungen."

Eintrag ins Form der MigräneLiga e.V. unter dem Titel "Aura und Angstzustände", 28. Oktober 2003.

Eine neurologische Begleiterscheinung der Migräne, also die Migräneaura, kann sehr vielfältig sein, und beschränkt sich nicht allein auf Sehstörungen. Mehr dazu können Sie auf den deutschen Webseiten der Migraine Aura Foundation nachlesen.

 





Ähnliche Artikel:

antworten

Artikel kommentieren
 authimage
 Bei neuen Kommentaren per E-mail benachrichtigen.

Kommentare

  1. Helmut Wicht @ Auren
    09.04.2010, 08:31

    Seltsam.

    Die Simulation der Aura ist ganz gut. So sehen meine auch aus, etwas schärfer vielleicht.

    Nur sind die Auren, die ich erlebe (Gottseidank ohne folgende Migräne, definitiv NICHT farbig. Auch nicht grauwertig. Sondern schwarz-weiss, in einer ansonsten bunten Umgebung.

    Wie das? Eine spreading depression, die nur den Helligkeits-/Kontrast-/Kantenkanal betrifft und dabei die Farbwahrnehmung abschaltet? Wieso sind meine Auren nicht bunt? Wär doch schöner..

  2. Sebastian Aura
    09.04.2010, 10:34

    Bei mir siehts ganz ähnlich aus. Blos das ich davon gleich 2 oder 3 im Sichtfeld habe. Das ganze in weiß, ein bischen so als hätte ich in die Sonne geschaut.
    Und vom angucken krieg ich schon gleich ein schlechtes Gefühl. Kann aber auch an der Warnung zu Beginn des Clips gelegen haben. Kann durch blosses angucken auch eine Migräne ausgelöst werden?

  3. Elmar Diederichs @Markus: tolle Simulation
    09.04.2010, 11:57

    Sehr realistisch - klasse gemacht! Ich hatte sowas in der Endphase meiner Dissertation, kurz vor Abgabe - aber ohne Kopfschmerzen. Die Strukturen waren größer und in Farbe. Ohne dich hätte ich wohl nie erfahren, was das war, denn nach dieser Phase sind sie nie wieder gekommen.

  4. Markus A. Dahlem Frabe & Licht
    09.04.2010, 12:04

    @Helmut

    Viele Betroffene berichteten mir, dass der Farbeindruck auch vom Hintergrund abhängt. Wenn dieser eher grau sei, wäre die Aura selber farbiger.

    Natürlich kann die spreading depression (Migränewelle) auch zum Beispiel in den Sehfeldern V2, V3 (und natürlich auch sonst wo, selbst im frontalen Cortex, aber das ist eine andere Geschichte) laufen; in V2 und V3 liegen auch Kantendetektoren, wie es aber im einzelnen mit der Farbkodierng aussieht, weiß ich gar nicht.

    Kurzum, genug Platz um den ganzen Zoo von Migräneauren zu erklären.

    @Sebastian

    Das mein Warnhinweis auch suggestiv wirken kann, habe ich mir noch gar nicht überlegt.

    Eigentlich sind die Lichtstärken auch zu schwach und die Frequenz nicht optimal, um eine Aura auszulösen. Aber sicher ist sicher.

    Wenn ein Betroffener aber bei tief und hinter einem lichten Wald stehender Abendsonne im Auto unterwegs ist, kann das geflackere schon eine Migräne auslösen.

  5. Markus A. Dahlem Erschreckend
    09.04.2010, 12:11

    @Elmar

    Was mich immer wieder erschreckt ist die enorm große Anzahl von Freunden und Bekannten, die mir berichten, dass sie so etwas gesehen haben, mal mit mal ohne folgenden Kopfschmerz, ohne je davon gehört zu haben, dass dies ein Symptom einer Migräne sein kann. Die Dunkelziffer muss demnach sehr hoch sein.

    Ich habe noch irgendwo einen
    "Migraine - diagnostic criteria distilled"-Blogpostentwurf. Vielleicht sollte ich den wirklich mal online schalten ...

  6. Elmar Diederichs @Markus: gute Idee
    09.04.2010, 14:07

    "Vielleicht sollte ich denn wirklich mal online schalten ..."

    Ich bin auf jeden Fall dafür. :-)

  7. Markus A. Dahlem Migraine - diagnostic criteria distilled
    09.04.2010, 15:01

    Ich habe nun den Blogbeitrag freigeschaltet, aber nur die schon vorgefertigte Version auf englisch.

    Link

    Wenn sich jemand die Mühe machen will (und die Zeit hat) diesen Beitrag zu übersetzen, würde ich ihn auch hier reinstellen.

    Ich denke, das ist ganz hilfreich zusammen mit dem Video.

  8. Toni Gute Info aber wie bekomme ich es los!?
    04.03.2011, 16:20

    Migraene ist wirklich eine doofe Sache! Ich leide schon 6,5 Jahre unter Brummschädel Haben und ich bekomme es echt nicht weg! Ich suche nach einem Mittel gegen Kopfschmerzen und habe das hier gefunden http://www.medizin-wegweiser.de/krankheiten/mittel-gegen-migrane/
    - was meint ihr? Oder einen Hinweis!?

    Antwort:
    Ich halte die Informationen auf der genannten Website für weitgehend uninteressant. In Foren wie z. B. dem Headbook findet man kompetente Ansprechpartner.

Artikel kommentieren
szmtag