Visite 2009 - Astronom späht beim Neurowissenschaftler
von Vinzenz Schönfelder, 10. April 2009, 16:30
[Eine Blogvisite verfasst von Stefan Oldenburg – Clear Skies]Besucher eines Blogs bleiben zumeist anonym. Nutzt ein Leser die Kommentarfunktion, betritt er den Vorgarten desjenigen, der da sein "öffentliches Tagebuch" präsentiert. Im Rahmen der von Carsten Könneker initiierten "Visite 2009" fallen die Grenzen nun vollständig – wir landen direkt im Wohnzimmer eines Nachbar-Bloggers, ob es ihm passt oder nicht. An dieser Stelle nun späht ein Amateurastronom ins Reich eines Neurowissenschaftlers und mein Gastgeschenk besteht darin, über diesen Besuch zu schreiben. Vielleicht sind Blumen dabei? ;-)
Vinzenz Schönfelders Blog "Grenzen – Die andere Seite der Neuroforschung" ist mir schon früh aufgefallen. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Diss und seinen Blog-Beiträgen mit dem menschlichen Denkorgan und bezeichnet den Zusammenhang von biologischen Vorgängen und menschlichem Bewusstsein als "das Rätsel der Hirnforschung schlechthin". "Das Gehirn will sich selbst verstehen", schreibt er an anderer Stelle, und weiter, "Lassen Sie sich lieber das auf der Zunge zergehen – und machen Sie sich auf Einiges gefasst. Wir sind in philosophischer Reife noch weit, weit entfernt davon zu begreifen, was das heißt." Diese beiden Zitate zeigen in nuce, worum es Vinzenz Schönfelder geht: Vorsicht bei aller Begeisterung über Fortschritte der Neuroforschung, die sich bei näherer Betrachtung oft als Luftblasen erweisen können, zumal selbst die wissenschaftstheoretische Basis noch weitgehend undefiniert ist. Fast programmatisch mutet da der Titel des ersten Blog-Beitrags vom November 2007 an, der da lautet: "Rätsel".
Ich schaue mich näher um in Blog-Reich des Vinzenz Schönfelder und entdecke mehr und mehr Fragezeichen. Zum Beispiel lese ich: "... Die ultimative Welterklärung bleibt ein unerreichtes Ziel, allein deshalb, weil unsere Fähigkeit zu Verstehen in engen Grenzen gefangen ist. ..." Mir fällt dazu ein schönes Zitat ein, das der Astronom Rudolf Kippenhahn modifizierte: "Vor den Naturgesetzen stehen wir genauso ratlos wie der alte Germane vor dem Gewitter." In der Tat, die Zahl der Fragen nimmt mit jeder naturwissenschaftlichen Entdeckung und Erkenntnis eher zu als ab. Ein Vergleich zwischen Neurowissenschaften und diesem atmosphärischen Phänomen liegt nahe, weil die Erdatmosphäre sich ähnlich wenig in die Karten schauen lässt wie ein menschliches Gehirn. Und je näher wir hinschauen, desto größer die Zahl der Fragezeichen. Vinzenz Schönfelders grundlegende Wissenschaftskritik im Hinterkopf, stehen wir ähnlich staunend wie unsere Vorfahren selbst vor trügerisch simplen Erscheinungen wie einem Gewitter.
Ich lese weiter und lerne unter anderem: Die Frage der räumlichen Auflösung stellt sich gerade auch in den Neurowissenschaften. Die gängigen technischen Methoden, um Vorgänge im Gehirn zu registrieren, bezeichnet Vinzenz Schönfelder als "krude Werkzeuge", die nicht taugen, "Hirnaktivität mit angemessener Genauigkeit zu erfassen oder gar Gedanken zu lesen". Wenn er auch mit neueren Techniken wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRi) hart ins Gericht geht, wird seine didaktische Fähigkeit sichtbar, mit Analogien zu argumentieren: Er vergleicht die Daten, die mit modernen Methoden vom menschlichen Gehirn gewonnen werden können, mit einem "netten DVD-Abend". Mit der Einschränkung, dass der Bildschirm statt der üblichen Auflösung von 400.000 Pixeln nur "drei-mal-drei graue Felder" zeigt. Und damit nicht genug, das Bild wechselt anstatt 25 Mal pro Sekunde nur alle zwei Minuten und ein kräftiger Wackelkontakt im Bildschirmkabel versaut den Filmgenuss komplett. Sein Schluss leuchtet ein, wenn er sagt, kein Mensch käme ernsthaft auf die Idee, anhand eines solchen Datenschrotts ernsthaft Filmwissenschaft betreiben zu wollen. "Genauso aussichtslos sind Hoffnungen, mit solch begrenzten Messungen das Hirn – und nebenbei den Menschen – zu erklären.", schreibt er, und: "Nur wer ernstlich glaubt, er könne aus der trägen 3x3-Matrix Szenen und Handlungen, Gestik und Mimik der Schauspieler rekonstruieren, sollte behaupten, mit dem Scanner Hirnvorgänge zu messen, die für unsere filigranen Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen relevant seien. ..."Auch sein – an anderer Stelle beschriebener – Vergleich mit einer Tankuhr leuchtet ein: "... Mit dem Tomographen Hirnaktivität erschöpfend messen zu wollen, ist wie einzig an der Tankuhr ablesen zu wollen, wohin uns die Reise im Auto führt. Sicher gibt es einen Zusammenhang zwischen Bewegung des Tankzeigers und der Autofahrt. Und wenn ich nur zwei Ziele zur Auswahl habe, so wie in bisherigen fMRI-Versuchen zum "Gedankenlesen", werde ich wohl auch mit mehr als fünfzig-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen können, ob ich gen Meer oder in die Berge fahre. Aber daraus zu schließen, die Tankuhr wäre das adäquate Mittel, um das Ziel der Route zu bestimmen, ist, wie Sie hoffentlich nachvollziehen, Unsinn – denn Sie ignorieren eine Vielzahl anderer wichtiger Faktoren. ..."
Immer wieder finden sich in seinen Texten schöne, lehrreiche Sätze, die einladen, sie sich auf der Zunge zergehen zu lassen. Mitunter sind sie gewürzt mit feinem Humor, wenn er beispielsweise zum Thema "Kategorisierungen" schreibt: "...Aber was macht den BWLer zum BWLer? Das rosa Polohemd? Die Lederschuhe? Das Fitness-Studio? Der Gestus? ..."
Diese Zitate sind bewusst heraus gegriffen; sie stehen aber für die Art und Weise, mit der Vinzenz Schönfelder grundlegende Fragen aufwirft, einen philosophischen Blick hinter das Gemessene und das Messbare wirft. In seinen Blog-Posts und seinen Kommentaren blitzt das auf, was ich besonders schätze: Er schreibt nicht als Verblendeter, der den Wald vor lauter Bäumen aus den Augen verloren hat, sondern von einer Meta-Ebene aus. Seinen Lesern gewährt er damit ungewohnte Einblicke in die Neuroforschung. Seine stets präsente Kritik an der aktuellen "Neurobegeisterung", wie er sie nennt, ist nicht Selbstzweck, sondern immer Mittel zum Augen-Öffnen – und zum Aufzeigen von GRENZEN, den Grenzen nicht allein der Neurowissenschaften. Er räumt auf mit dem Neurohype, der seit Jahren durch die Gazetten geistert. Wer Schlagzeilen wie "Die Sprache des Gehirns ist entschlüsselt" oder "Gedankenlesen ist möglich" als das sehen möchte, was sie sind, nämlich Unfug, dem liefert Vinzenz Schönfelder viele gute Argumente. Und er schärft seinen Lesern den Blick, in Zukunft kritischer hinzuschauen und solche pseudowissenschaftlichen Artikel zu hinterfragen, die falsche Hoffnungen wecken oder gar Ängste schüren.
Nun ist dies keine Nominierungsansprache für die Wahl zum "Blogger des Jahres", schließlich bin ich nur auf einen Kaffee. Es ist ein interessanter und ungemein lehrreicher Besuch! Ich freue mich auch weiterhin auf Vinzenz Schönfelders kritische Sicht auf ein Wissenschaftsfeld, das mir als Geowissenschaftler und Amateurastronom nicht sehr vertraut ist und von dem ich bislang – offenkundig! – überwiegend Nebulöses vernahm. Lese ich fortan über neurowissenschaftliche Themen, wird ein Kritikschalter in meinem Hirn stets umgelegt sein (auch das ist eine Form von Kategorisierung), um nicht den Versprechungen und Hoffnungen irreführender Meldungen zu erliegen, verfasst von jenen, deren Blicke auf die Neurowissenschaften weit weniger klar sind als die des Grenzen-Bloggers Vinzenz Schönfelder.
Stefan Oldenburg – Clear Skies
P.S.: Beim ersten Deidesheimer Blogger-Treffen im März 2008 brachte es Vinzenz Schönfelder auf den Punkt, als er sagte: Kommentare können auch belasten, weil sie den Blogger dazu nötigen, auf Anregungen, Anmerkungen und Gemecker reagieren zu müssen. Nun wird alles noch schlimmer und verschachtelter: Auf meinen Gastbeitrag hin dürften hier Kommentare folgen, auf die dann Vinzenz reagieren darf. Viel Vergnügen dabei. :-)
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Nicht nur ein paar Blumen, eher ein ganzer Osterblumenstrauß trudelte da ins Haus...herzlichen Dank! Ich hoffe, auch andere haben so viel Freude an meinen (seltenen) Blog-Beiträgen. Ich wünsche allerseits frohe Ostertage!
Astronomen sind gewohnt, intensiv nach ähnlichen Mustern/Strukturen im All Ausschau zu halten, um mit deren Analyse zu versuchen, das Werden und Vergehen des Universums zu verstehen.
Auch der Gehirnforschung ist es bereits gelungen z.B. per fMRT viele Muster im Gehirn zu finden und daraus sehr interessante Schlußfolgerungen über Gehirnfunktionen zu erhalten.
Allerdings ist es unverständlich, wieso die sogenannten Nahtod-Erlebnisse(NTEs) noch immer ignoriert werden. Die Gehirnforschung ist durch diese Ignoranz um 30 Jahre im Rückstand.
NTEs haben immer den gleichen Schlüsselreiz als Auslöser. Die Abfolge ihrer Strukturen (Kernelemente) ist (bei unterschiedlichen Inhalten) immer gleich und entspricht dem möglichen Erleben eines Menschen ab dem 6. Lebensmonat, bis zum aktuellen Lebensalter. Zusätzlich tritt manchmal eine virtuelle Simulation des eigenen Körpers und der Umgebung auf. Und auch das Ende dieser Erlebnisse wird immer durch die gleichen Schlüsselreize bewirkt.
Kurz gesagt: Bei NTEs können die Menschen ihrem eigenen Gehirn live bei der Arbeit zusehen - und es gibt Tausende solcher Berichte. => d.h. man könnte sehr viel über die Arbeit des Gehirns lernen, wenn man diese Berichte analysieren würde.
Man kann über das All/Gehirn nichts Neues lernen, wenn man wegsieht.