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Neuro-Enhancement: Principiis obsta

von Vinzenz Schönfelder, 09. Oktober 2009, 19:05

"Wehret den Anfängen", so warnte Ovid – ihm ging's um die Liebe, da kann die Warnung nie früh genug kommen. Vor ganz neuartigen Unwägbarkeiten warnen uns in jüngster Zeit die Medien: die zunehmende Verbreitung von Mitteln, die vorgeblich wirkungsvoll, nachhaltig und ohne wesentliche Nebenwirkungen unsere geistige Leistungsfähigkeit steigern.

Die Autoren des Memorandums in Gehirn&Geist sehen den Fall differenzierter, und bemühen sich die bislang angeführten Gründe gegen den Einsatz von Neuro-Enhancers zu dekonstruieren. Dabei erwähnen sie leider nur am Rande die fundamentalen praktischen Schwierigkeiten bei der Entwicklung solcher Wunder-Präparate – die bislang nicht mehr sind als realitätsferne Utopie.

Bloggewitter NeuroEnhancement

Angefangen von den pharmakologischen und toxikologischen Untersuchungen, die zur Entwicklung eines jeden Medikamentes gehören: Worauf wir mit Neuro-Enhancern Einfluss nehmen wollen, sind Fähigkeiten, die uns mit Abstand am meisten von Tieren unterscheiden – die menschliche Intelligenz, Konzentrationsstärke, das Einfühlungsvermögen und logische Denken und unsere Vorstellungskraft. An welchem Versuchstier ließe sich die Wirkung eines Medikamentes auf diese Eigenschaften zuverlässig testen?

Darüber hinaus liegt die Akzeptanzschwelle für Nebenwirkungen beim Einsatz von Präparaten an gesunden Menschen sehr viel höher, als bei erkrankten Patienten. Um uns gänzlich vor längerfristigen Schäden zu schützen, müssen bei allen neuen Mitteln die Langzeitfolgen für die Nutzer über mehrere Jahrzehnte beobachtet werden. Erst danach dürfte das Medikament auf den Massenmarkt kommen und endlich gewinnträchtig verkauft werden. Das Problem ist nur: Nach 20 Jahren laufen Patente für neue Präparate ab – ein enormes Risiko für den Pharmakonzern, der das Mittel unter Umständen so lang testen muss, bis er sein Anrecht darauf verliert.

Und wenn Thomas Metzinger in Spiegel Online schreibt, Modafinil hätte keine "lästigen Nebenwirkungen wie Harndrang, Händezittern, Schwitzen oder Mundtrockenheit", dann ist das schlicht falsch. Ein Blick in den Beipackzettel verrät nämlich eine ganze Reihe von "gelegentlichen" (das heißt bei immerhin jedem hundertsten bis tausendsten Nutzer) "häufigen" (das heißt bei immerhin jedem zehten bis hundertsten Nutzer) Nebenwirkungen: "Herzklopfen, hoher Blutdruck, Erbrechen, Bauchschmerzen, Schlaflosigkeit, Muskelsteifigkeit, Sehstörungen, Angst, innere Unruhe, Euphorie, Denkstörung, Erinnerungslücken, Nervosität, Appetitlosigkeit, Mundtrockenheit, Durchfall, Verstopfung, Muskelzittern, Hautausschlag, Schweißabsonderung."

[Kopfschmerzen, Nasenschleimhautentzündungen und Übelkeit treten sogar bei mehr als jedem Zehnten Patienten auf. (Dank an Stephan für den Hinweis!)]

Und das ist nur eine Auswahl. Für den anderen oft zitierten Kandidaten Methylphenidat sieht es nicht besser aus. Laut Metzinger ist Modafinil "vielleicht das beste Beispiel für Cognitive Enhancement" – es ist leider gleichwohl ein sehr schlechtes. Denn die Wirksamkeit der Mittel Methylphenidat und Modafinil, die auch anderswo als Vorreiter des Neuro-Enhancement angeführt werden, ist bei Gesunden unter normalen Umständen bislang nicht nachgewiesen, wie die Autoren im Memorandum bestätigen. Die Hoffnung, in nächster Zukunft Präparate zu entdecken, die unser Denken zuverlässig und dauerhaft schärfen, gar ohne Nebenwirkungen, ist bis heute unbegründet.

Zur Funktionsweise des Gehirns gibt es so viele offene Fragen, das Nervensystem bildet ein derart komplexes und fein austariertes Gebäude, dass jeder Eingriff derzeit kaum mehr als grobe Pfuscherei bedeutet – etwa die Tiefenhirnstimulation, die mehr durch Glück als Verstand gelegentlich positive Wirkung zeigt, und mit ziemlicher Sicherheit auch mal nach hinten losgeht. Wenn es so einfach wäre, die geistige Leistungsfähigkeit und damit Überlebenschance durch ein chemisches Präparat wesentlich zu erhöhen, wieso ist Mutter Natur nicht schon längst selbst darauf gekommen?

Sero medicina paratur.


...heißt es bei Ovid weiter: "Die Medizin kommt zu spät." Was Neuro-Enhancement angeht, ist bislang unklar, ob brauchbare Mittel überhaupt je bereit stehen.

Man mag den Autoren des Memorandums Recht geben mit ihrem Schluss, dass es keine endgültig überzeugenden Gründe gibt, Neuro-Enhancer staatlich zu verbieten. Umgekehrt kann der Staat ihre Verwendung jedoch allenfalls empfehlen, nicht aber verordnen. Darauf scheinen mir allerdings einige Vorschläge im Memorandum hinauszulaufen, etwa die Subventionierung von solchen Präparaten oder die Konzentrationsförderung von Kindern im Unterricht. Solang wir aber unerwünschte Nebenwirkungen nicht ausschließen können (und das wird bei Erwachsenen ebenso wie bei Kindern in absehbarer Zukunft nicht der Fall sein), gilt schließlich auch in Bezug auf Eingriffe in das Gehirn das garantierte Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Letztlich muss sich jeder Einzelne fragen, was ihm am Leben liegt, und ob ihm Neuro-Enhancement dabei hilft, es zu erreichen – und sich dabei bewusst sein, dass er mit seiner Antwort die Zukunft unserer Gesellschaft bestimmt.

Denn einmal alle obigen Hürden bei Seite gewischt und angenommen es gäbe effektive Neuro-Enhancer: Das Wohlbefinden und die geistige Leistung allein um ihrer selbst Willen zu steigern, ist ein Irrweg – entscheidend ist, was wir damit erreichen. Der Entschluss für oder gegen Neuro-Enhancement ist zugleich eine Antwort auf die Frage, welches Leben wir uns überhaupt wünschen. Und damit bestehen durchaus gute Gründe, "den Anfängen zu wehren".

Denn ist die dauerzufriedene, immer munter schaffende Gesellschaft wirklich ein erstrebenswertes Ziel? Wie viel bleibt uns vom Leben, was wird aus unserer Kultur, wenn wir uns durch Eingriffe in den Körperhaushalt routinemäßig zu Momenten des Hochgefühls verhelfen? Öffnen wir damit nicht endgültig die Schleusen der ohnehin schon fortschreitenden emotionalen Verseichtung des Alltags? Verlieren wir damit nicht einen essentiellen Bestandteil der Vielfalt unseres Lebens? Sind es statt allein der erfolgreichen Momente, nicht vielmehr die Höhen und Tiefen, die den Reiz und Reichtum des Lebens ausmachen?

Quellen
Thorsten Galert et al., Das optimierte Gehirn, Memorandum in Gehirn&Geist (11/2009)

Thomas Metzinger, Mit Moraldoping zum besseren Menschen, Spiegel Online (09.06.2009)

Apotheken Rundschau, Informationen zu den Medikamenten Vigil und Ritalin (Information ist leider vorrübergehend oder sogar dauerhaft nicht mehr abrufbar)

Wirkung und Nebenwirkung von Modafinil

Presse

Lena Stallmach, "Auf dem Weg zur Doping-Gesellschaft", NZZ (21.10.2009)

Uwe Justus Wenzel, "Die Leistungsgesellschaft als Leistungssport", NZZ (21.10.2009)



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Kommentare

  1. Stephan Schleim Risiken und Nebenwirkungen...
    09.10.2009 | 23:11

    ...hat dein schöner Beitrag bestimmt nicht; und ich gebe dir vollkommen Recht. Bei Modafinil gehören Kopfschmerzen sogar zu den sehr häufigen Nebenwirkungen, die also bei mehr als 10% der Leute auftreten. Du scheinst mir sogar um eine Zehnerpotenz zugunsten des Medikaments verrutscht zu sein. In meiner Info mit Stand von Juni 2005 gehören zu den häufigen Nebenwirkungen (also bei 1 bis 10%) jeweils Kraftlosigkeit, Brustschmerz, Bauchschmerz, Herjagen, Herzklopfen, Gefäßerweiterung, Übelkeit, Mundtrockenheit, Durchfall, Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, Verstopfung, abnorme Leberfunktionstests, Nervosität, Schlaflosgikeit, Angst, Benommenheit, Schläfrigkeit, Depression, Denkstörungen, Verwirrtheit, abnorme Empfindungen und verschwommenes Sehen.

    Für Methylphenidat hat erst 2007 die FDA verschärfte Sicherheitshinweise erlassen, die vor ernsthaften körperlichen und psychischen Nebenwirkungen warnen.

    Das ist schon sehr traurig, wie leichtfertig manche Philosophen über die Sicherheit von Psychopharmaka sprechen. In einer Ausgabe des BMJ hat mich kürzlich John Harris, immerhin Professor und Direktor für Bioethik an der Universität Manchester, mit gedanklichen Kurzschlüssen der folgenden Art umgehauen: Methylphenidat wird für kontrollierte Studien mit gesunden Versuchspersonen zugelassen, also muss es sicher sein; dies wird von Ethikkomissionen getragen, also muss es sicher sein; usw. Na danke, dass wir für diese Logik Bioethiker haben!

  2. Elmar Diederichs @Stephan Schleim: yep
    10.10.2009 | 14:19

    "Na danke, dass wir für diese Logik Bioethiker haben!"

    Ja, daß stimmt allerdings. Bei solchen statements kann man sich ja wirklich nur leise weinend abwenden.

  3. Vinzenz @Stephan
    22.10.2009 | 21:59

    danke für den hinweis, du hast wohl recht. die seiten der apotheken rundschau sind leider in ihrer ausführlichkeit verschwunden...
    aber wenn man dieser seite
    http://www.onlineberatung-therapie.de/psychopharmaka/psychopharmakon/modafinil.html
    glauben darf, dann gilt in der tat:
    Sehr häufige Nebenwirkungen (> 10%): Kopfschmerzen, Rhinitis, Schmerzen, Übelkeit

  4. Franziska Herkner Von den Nebenwirkungen einmal abgesehen
    26.11.2009 | 19:42

    Die Fragen, die sich mir stellen sind ganz anderer Natur. Nehmen wir einmal an, dass es keine Nebenwirkungen gäbe.(Was ich nicht bestreiten möchte und als im Moment essenzielles Contra ansehe).
    So entstehen doch Fragen, die eher philosophischer Natur sind. Inwieweit ist Neuroenhancing mit dem Thema Doping im Sport vergleichbar und wenn es eine Verwandtschaft gibt: Warum ist Doping im Sport eigentlich verboten und warum sollte deshalb Neuroenhancing verboten sein oder nicht. Wo sind hier die Grenzen? Ist es nicht auch schon eine Art Doping Traubenzucker während Prüfungssituationen zu verzehren?
    Ich denke, dass eine Frage nach den Nebenwirkungen im Zusammenhang mit diesem Thema nicht die richtige sein kann, weil sie sich nicht mit dem Kern des Problemes befasst.

  5. J.Werner Doch!
    09.01.2010 | 07:58

    Die Neben- und möglichen Langzeitwirkungen sind der Kern des Problems und machen das "Memorandum" zu einem üblen Witz.

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