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Denkanstöße - Was ist ein naturwissenschaftliches Weltbild?

von Elmar Diederichs, 02. August 2010, 20:55

Wer eine verständliche Antwort auf die Eingangs gestellte Frage möchte, ist gut beraten, das Buch Über die Natur der Dinge (2004) von Mario Bunge und Martin Mahner zu lesen. Dort entwerfen die Autoren eine an den Resultaten der Physik orientierte Ontologie, die sie nach und nach zu einem Materialismus aufbauen, dessen Konsequenzen bis an die Schnittstelle von Gehirn und Geist heranreichen. Das Buch dokumentiert ein gutes physikalisches Verständnis, erklärt wichtige Antworten einfach und ist im wesentlichen ohne Vorkenntnisse lesbar. Mein resume lautet daher: sehr zu empfehlende Lektüre.

denkanstoesse

Obwohl sich der Charme des Buchtitels nur demjenigen Leser unmittelbar erschließt, der sich ein wenig mit antiker Philosophie auskennt, entwerfen Bunge und Mahner in ihrem interessanten Buch sauber und ohne Umschweife ein set ontologischer Begriffe, daß in einheitlicher Sprache zu beschreiben intendiert, was Physiker wirklich tun, wie sie durch ihre theoretische bzw. experimentelle Arbeit ontologische Annahmen benutzen und in diesem Sinne durch ihre Resultate ontologische Aussagen über die Welt der Dinge präzisieren, bestätigen oder verwerfen. Und es kann ihnen niemand vebieten, den auf diese Weise eingenommenen, aufklärerischen Standpunkt wissenschaftlichen Materialismus zu nennen. Wer mehr Englischsprachiges ließt, dem wird die Bezeichnung Physikalismus geläufiger sein.
 
 

Nach der Entwicklung ihres wissenschaftlichen Materialismus verteidigen Bunge und Mahner ihre Position gegen populäre Einwände und entwickeln danach die Konsequenzen ihres Standpunktes für das sogenannte Leib-Seele-Problem, für die Begründbarkeit ethischer Aussagen, die Frage der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion sowie am Schluß für das Verständnis von Wissenschaft im allgemeinen. Wir werden in diesem post die Entwicklung des wisseschaftlichen Materialismus kursorisch nachzeichnen und einige seiner Konsequenzen für die Schnittstelle von Gehirn und Geist näher diskutieren.

Der Materialismus und seine Ontologie
 
Doch was sind eigentlich ontologische Aussagen und inwiefern spielen sie eine Rolle für die Entwicklung eines naturwissenschaftlichen Weltbildes? Wie in der Philosophie üblich verstehen die Autoren Ontologie als Seins- oder Substanzmetaphysik und Metaphysik als Disziplin, die sich mit der Beschaffenheit der Welt insgesamt beschäftigt. Moderne Naturwissenschaften treiben in diesem Sinne Metaphysik mit Methoden, die gewissen Rationalitätsstandards genügen. Eine moderne Ontologie hat demzufolge danach zu fragen, welche Identitätskriterien für welche Bestandteile der Welt die Naturwissenschaften gegenwärtig anzubieten haben. Zusätzlich muß sie das ontologische Vorverständnis der Naturwissenschaften bei ihrer Arbeit aufklären und dort aushelfen, wo empirische Resultate fehlen: Schließlich besagt z.B. die Mechanik nur, daß reale Gegenstände beim unelastischen Stoß einen Impuls übertragen, nicht aber, was unter einem realen Gegenstand zu verstehen ist. Analoges gilt für die Identitätskriterien von Ereignissen oder den Sinn, in dem abstrakte Objekte wie z.B. Zahlen als existierend betrachtet werden. Und die Hauptthese des Buches lautet, daß eine moderne Ontologie nur materialistisch sein kann: Im vollentwickelten Sinne des Wortes existieren nichts anderes als Dinge.
 
Wenn aber nichts anderes als Dinge existieren, was haben wir dann unter diesen Dingen zu verstehen? Woran erkennen wir sie und was sind Ereignisse? Gibt es Zustände von Dingen und wie transformieren sie sich ineinander via Ablauf von Prozeßen? Das Buch beantwortet diese Fragen mit folgendem Ergebnis:

a) Etwase, die wir durch ihre kontinuierliche Existenz charakterisieren können, nennen die Autoren Substanzen. Substanzen, die veränderlichen Eigenschaften haben, sind konkrete Dinge. Daß alle konkreten Dinge materiell sein müssen, ist ein Postulat des wissenschaftlichen Materialismus. Abstrakte Dinge sind Fiktionen, i.e. Konstrukte mit unveränderlichen Eigenschaften: Das Inventar der Welt wird von den konkreten Dingen gebildet. Eigenschaften von Eigenschaften sind ebenfalls Fiktionen. Und abstrakte Objekte unterscheiden sich von konkreten dadurch, daß sie unveränderbar sind und ihnen infolgedessen nicht die Eigenschaft zukommt, eine Energie zu haben.

b) Gesetze sind aus ontologischer Sicht relationale Eigenschaften von Eigenschaften von konkreten Dingen, die das konkrete Ding nicht verändern kann, ohne seine Identität zu verlieren. Die Autoren sprechen auch von essentiellen Eigenschaften. In diesem Sinne sind Gesetze indirekte Eigenschaften von Dingen, die auch auch nur mit diesen zusammen existieren. Der wissenschaftliche Materialismus postuliert, daß jede essentielle Eigenschaft mit mindestens einer weiteren gesetzmäßig verbunden ist. Die Form einer Gesetzesausssage ist die eines allquantifizierten Konditionals über Tatsachen und Gesetze sind immer Bestandteile wissenschaftlicher Theorien.

c) Die Gesamtheit der Eigenschaften eines konkreten Dings zu einem bestimmten Zeitpunkt bezeichnen die Autoren als Zustand. Aufgrund des Gesetzespostulats des wissenschaftlichen Materialismus ist für ein Ding nicht jeder kombinatorisch mögliche Zustand auch erreichbar. Veränderungen von Dingen sind daher immer gesetzmäßig und die erreichbaren Zustände bilden den nomologischen Zustandsraum des Dings. Ein Ereignis ist damit ein angeordnetes Paar zweier Zustände aus dem nomologischen Zustandsraum desselben Dinges und die Zeit wird durch dieses Zustandspaar erst konstitutiert. Entsprechend sind Prozeße Sequenzen von Zuständen.
 
d) Mit diesem Instrumentarium legen die Autoren fest, daß ein Objekt materiell ist genau dann, wenn sein nomologischer Zustandsraum mindestens zwei Elemente enthält. Materie ist die Menge der materiellen Objekte, die offenbar auch Teilchen der Ruhemasse 0 umfaßt. Alle und nur die materiellen Objekte x sind real. Real sind damit auch alle Objekte y, dessen Zustände in Abwesendheit von x anders wären.

e) Um Wechselwirkungen im wissenschaftlichen Materialismus abzubilden, benutzen die Autoren die folgenden Postulate: Jedes konkrete Ding ist entweder ein System oder Teil eines Systems. Jedes System ist entweder ein Subsystem oder das Universum. Einen Holismus lehnen die Autoren aber ab. Das allgemeine Modell konkreter Systeme hat damit mindestens vier Teile: Die Zusammensetzung eines Systems aus Bestandteilen, die Menge aller Wechselwirkungen mit der Systemumgebung, die Relationen der Systembestandteile untereinander sowie die funktionalen Rollen der Bestandteile für die Prozeße innerhalb des Systems.

Für Physiker ist diese Ontologie erfreulich, weil sie den wichtigsten Ergebnissen aus Relativitätstheorie und Quantenmechanik Rechnung trägt. Aus philosophischer Perspektive ist sie nützlich, insofern sie eine anspruchslose Definition des Sachverhalts erlaubt: Da Tatsachen von Philosophen meist als erfüllte Wahrheitsbedingungen von Sätzen angesehen werden, können Sachverhalte, ohne damit eine neue ontologische Kategorie einzuführen, all dasjenige bezeichnen, was ontologisch gesehen der Fall ist. Doch die Autoren verfolgen in ihrem Buch das deutlich anspruchsvollere Ziel, mit Hilfe ihrer Ontologie über den von den Naturwissenschaften erforschten Bereich hinauszugehen. Sehen wir uns daher zur Reichweite des wissenschaftlichen Materialismus einige Beispiele an.

Impliziert der Materialismus ein bestimmtes Kausalitätsverständnis?

Daß man höchstens dann von einer Ursache sprechen kann, wenn eine Zustandsveränderung eine andere hervorbringt, ist wohl eine gültige Intuition. Da Kausalrelationen Ereignisse und damit Änderungen von Eigenschaften materieller Dinge in gesetzmäßiger Weise verknüpfen, liegt es nahe, Kausalität als Energieübertragung zwischen zwei Zustandsveränderungen auszufassen. Diese Auffassung macht die Kausalrelation zwar zu einer intransitiven Relation, was sehr einleuchtet, aber sie schließt aus, daß Kausalität in Termen von Wahrscheinlichkeit analysiert werden kann. Die weitgehend abgeschlossene Diskussion um die Verletzung der Bell'schen Ungleichungen sowie das Kochen-Specker-Theorem, nach dem es versteckte Parameter in der Quantenmechanik, welche deren Wahrscheinlichkeitscharakter eliminieren könnten, nicht geben kann, stellen den Physiker aber mit diesem Kausalbegriff vor die Konsequenz, daß die quantenmechanischen Wechselwirkungen des Mikrokosmos nicht kausal sind. Makroskopische Kausalität aber stellt niemand in Frage. Wenn wir nun das Ehrenfest'sche Theorem akzeptieren, nach dem die mechanischen Variablen mit den quantenmechanischen Operatoren via Mittelwertbildung zusammenhängen, dann scheint (makroskopische) Kausalität nach der von den Autoren favorisierten Analyse durch Mittelwertbildung in die Welt zu kommen. Doch diese Konsequenz ist eher kontraintuitiv und ließe sich leicht vermeiden, weil die Autoren den Ursachenbegriff als Antagonisten der Neigung und der Tendenz einführen - was aber im Buch gänzlich unmotiviert bleibt. Da ein wahrscheinlichkeitstheoretischer Ursachenbegriff aber mit einer gesetzmäßigen Relation zwischen Zustandsänderungen kompatibel wäre, impliziert der wissenschaftliche Materialismus nach meiner Ansicht keinen spezifischen Kausalbegriff.

Freier Wille, inverted qualia und Identität im Sumpf

Gedanken sind nach dem wissenschaftlichen Materialismus im ontologischen Sinne Gehirnprozesse. Wir werden hier - wie auch die Autoren - annehmen, daß das wahr ist, deren Folgerungen für die Fragen nach dem phänomenalem Bewußtsein und dem freiem Willen jedoch bestreiten.

Die o.g. Identität im ontologischen Sinne wird von den Autoren so ausbuchstabiert, daß die Eigenschaft eines komplexen neuronalen Systems, einen erlebbaren Innenaspekt zu haben und Bewußtsein zu entwickeln, auf dessen Gehirnprozeßen emergiert. Der hier verwendete Emergenzbegriff ist aber neu, insofern er rein ontologisch ist und ihm jede epistemische Komponente fehlt: "Erklärte Neuheit ist nicht weniger neu als unerklärte und vorausgesagte Neuheit ist ontisch genauso neu wie nicht vorhergesagte oder nicht vorhersagbare Neuheit.". Auf diese Weise verbindet sich im wissenschaftlichen Materialismus ein Substanzmonismus mit einem Eigenschaftspluralismus. Die Identität von mentalen und neurophysiologischen Eigenschaften wird hingegen nicht behauptet. Welche Konsequenzen hat dieser Standpunkt für unsere notorisch rätselhaften Fragen an der Schnittstelle von Gehirn und Geist?

Da der wissenschaftliche Materialismus in Bezug auf mentale Ereignisse, Eigenschaften und Substanzen im oben erklärten Sinne reduktionistisch ist, kann er die Frage nach dem freien Willen und nach der mentalen Verursachung von Handlungen nur als falsch gestellt zurückweisen. Das leuchtet ein, wie ich an anderer Stelle dargelegt habe. Doch die Autoren gehen an dieser Stelle noch einen Schritt weiter: Während sie Handlungsfreiheit einräumen, streiten sie Willensfreiheit in einer gesetzmäßigen Welt ab. Leider diskutieren die Autoren mit keinem Wort die Möglichkeit, daß es gesetzmäßige Gehirnprozeße geben könnte, die etwas mit zwanghaftem Verhalten zu tun haben und solche, die etwas mit autonomem Verhalten zu tun haben. Der Schluß, daß Willensfreiheit eine Illusion sei, macht daher den wissenschaftlichen Materialismus an dieser Stelle vorschnell unattraktiv.

Auch vom Problem der inverted qualia sowie der philosophischen Diskussion um die Möglichkeit von Zombies wird behauptet, daß sie, vom Standpunkt des wissenschaftlichen Materialismus aus gesehen, Scheinprobleme wären. Doch ist das wirklich so? Beim Problem der inverted qualia diskutiert man den Fall einer Person, bei der die Erlebniqualitäten von Farben aus irgendeinem Grund vertauscht sind. Frank Jackson hat aus der Diskussion dieses Beispiels tatsächlich ein Argument gegen den Materialismus gestrickt. Doch selbst, wenn wir mit dem wissenschaftlichen Materialismus sein Argument ablehnen, stirbt damit nicht zugleich der vor allem von Levine stark gemachte epistemische Aspekt dieses Beispiels und die Annahme der Autoren, man könnte dieses exotische Beispiel getrost ignorieren, ist für meinen Geschmack viel zu mutig.

In der Philosophie des Geistes sind Zombies Wesen ohne phänomenales Bewusstsein, die sich jedoch wie Menschen verhalten. Philosophische Zombies wurden von David Chalmers eingeführt, der mit seinem Zombie-Gedankenexperiment die Identitätstheorie des Geistes und den Materialismus angegriffen hat: Wenn der Geist ein materielles Phänomen wäre, so müßte die Hirnforschung erklären können, warum Menschen Bewusstsein haben und keine Zombies sind. Alle Aktivitäten im Gehirn seien schließlich auch ohne die Entstehung von Bewußtsein vorstellbar. Chalmers Argument kann man offenbar nicht einfach mit dem Hinweis auf den Emergentismus des wissenschaftlichen Materialismus ausweichen, denn dieser tut - jedenfalls in der Darstellung der Autoren - nichts, um uns die Natur des Bewußtseins zu erklären: Chalmers Frage bleibt in meinen Augen in diesem Buch unbeantwortet.

Insgesamt scheint mir der wissenschaftliche Materialismus eine etwas schwächere Position zu sein, als die Autoren es behaupten. Doch diese Tatsache erhöht nur die Attraktivität dieser Position. Und obwohl man sich trotz der Vertiefungen der Diskussionen mit Hilfe der Anmerkungen im Anhang die Untersuchung einiger Fragen deutlich gründlicher wünscht, deutet dies nicht auf einen Mangel des Buches hin. Es ist völlig in Ordnung, wenn die Autoren Prioritäten setzen und eine steile These, die zum Diskutieren einlädt, ist in jedem Fall mehr wert als inhaltslose Unangreifbarkeit. In diesem Sinne ist das Buch ein voller Erfolg, dem ich nur viele aufmerksame Leser wünschen kann. 
 





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Kommentare

  1. T. Muß es gleich ein 'Weltbild' sein?
    03.08.2010, 14:04

    Hallo,

    sind 'Weltbilder' oder 'Ontologien' das Ziel von Naturwissenschaften? Mir scheint es eher so zu sein, dass durch das offenlassen ontologischer Themen Erkenntnisfortschritte ermöglicht wurde. Z.B. Newton's (damals von anderen kritisiertes) Schweigen zu mechanischen oder sonstigen 'Ursachen' von Fernwirkungen wie der Gravitation, Maxwell's Überspringen analoger ontologischer Fragen zum Elektromagnetismus, Darwin's Offenlassen der Frage nach Ursachen von Mutationen, das Offenlassen ontologischer Fragen bei der Entwicklung der Quantenmechanik. Durch solches Offenlassen ontologischer Fragen wurden zudem auch Fragen umgangen, die durch die Theorien sowieso nicht bearbeitbar waren, aber deren Thematisierung weitere Erkentnissfortschritte blockiert hätte, z.B. das Olbersparadoxon in Newton's Mechanik, die (erst durch die Quantenfeldtheorie thematisierbare) Stabilität von Materie in der Quantenphysik. Zu dem "Sinn, in dem abstrakte Objekte wie z.B. Zahlen als existierend betrachtet werden", hatte ich übrigens hier nach einigem Austausch dazu mit führenden Mathematikern und math. Physikern darzustellen versucht, was die darunter verstehen. Wie man sieht, ist das trotz terminologischer Nähe auch nicht, was man üblicherweise unter 'Ontologie' versteht.

  2. Elmar Diederichs @T.: Physiker und Weltbilder
    03.08.2010, 18:50

    "sind 'Weltbilder' oder 'Ontologien' das
    Ziel von Naturwissenschaften?"

    Ich würde eher sagem, daß sie spin-ups sind. Nichtsdestotrotz sind gerade unter Physiker allgemeine Aussagen über die Beschaffenheit der Welt in aller Naivität und Inbrunst weit verbreitet.

    "Mir scheint es eher so zu sein, dass durch das offenlassen ontologischer Themen Erkenntnisfortschritte ermöglicht wurde."

    Auf jeden Fall. Dennoch benutzen Physker ontologische Anahmen und ihre Ergebnisse tragen gelegentlich zur Revision ontologischer Hypothesen bei.

    "das Offenlassen ontologischer Fragen bei der Entwicklung der Quantenmechanik."

    Ich stimme Ihnen zu: Der sog. Welle-Teilchen-Dualismus ist einer der Beschreibung, nicht des Seins und Physiker tun nichts lieber, als Modelle zusammenzustricken. ;-)

    "Durch solches Offenlassen ontologischer Fragen wurden zudem auch Fragen umgangen, die durch die Theorien sowieso nicht bearbeitbar waren"

    Auch das scheint mir richtig zu sein. Trotz allem lassen sich mit physikalischen Resultaten ontologische Aussagen begründen und die Autoren haben das in ihrem Buch recht konsequent gemacht.

  3. Michael Blume Gleiches Buch besprochen! :-)
    03.08.2010, 19:38

    Lieber Elmar,

    wir haben unabhängig voneinander das gleiche Buch besprochen! :-)

    http://www.chronologs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/grundlagen/2010-08-02/mario-bunge-martin-mahner-ber-die-natur-der-dinge.-das-buch-zur-wiederentdeckung-des-materialismus

    Deine Auslegung schaue ich mir gleich mal ganz intensiv an!

    Herzliche Grüße vom Chronologs-Blognachbarn!

  4. Stephan Schleim "Naturalismus" das bessere Wort?
    04.08.2010, 01:38

    Schöne Buchbesprechung; war auch interessant, das im Vergleich mit Michaels zu lesen.

    Daß alle konkreten Dinge materiell sein müssen, ist ein Postulat des wissenschaftlichen Materialismus.

    Also unter der Annahme, dass alles materiell ist, ist die These richtig, dass es nur Materie gibt? Hmm... (Warum müssen sie eigentlich Materiell sein, anstatt es einfach zu sein? Geht es hier um Ontologie oder Psychologie?)

    Gedanken sind nach dem wissenschaftlichen Materialismus im ontologischen Sinne Gehirnprozesse. […] Die o.g. Identität im ontologischen Sinne wird von den Autoren so ausbuchstabiert, daß die Eigenschaft eines komplexen neuronalen Systems […] auf dessen Gehirnprozeßen emergiert.

    Widerspruch? Gedanken sind einerseits mit Gehirnprozessen identisch, haben jedoch auch Eigenschaften, welche die Emergenzbasis nicht hat; einfachtes Beispiel: Der Gedanke M hat die Eigenschaft, auf dem Gehirnprozess N zu emergieren, umgekehrt aber nicht; das scheint mir doch ein ontischer Zusammenhang zu sein. Dann wären Gedanke und Gehirnprozess aber (ontisch und auch anders) nicht mehr identisch. Das war aber die Annahme. Von Emergenz zu sprechen, widerspricht doch schon dem Gedanken der Identität, denn etwas emergiert auf etwas anderem.

    Schreiben das Bunge und Mahner selbst so? Meines Erachtens würde das Problem gelöst, indem man beispielsweise sagt, Gedanken würden durch Hirnprozesse realisiert.

    Da der wissenschaftliche Materialismus in Bezug auf mentale Ereignisse, Eigenschaften und Substanzen im oben erklärten Sinne reduktionistisch ist, kann er die Frage nach dem freien Willen und nach der mentalen Verursachung von Handlungen nur als falsch gestellt zurückweisen.

    Das ist doch nicht zwingend; es gibt doch auch im naturalistischen Weltbild gehaltvolle Freiheitskonzeptionen.

    Außerdem haben doch gerade auch Reduktionisten vorgeschlagen, dass mentale Eigenschaften eben qua materieller Realisierung kausal wirken können. Was ist da das Problem?

    Am Ende noch eine Bemerkung zu deinem Titel: Du nennst das ein "naturwissenschaftliches Weltbild". Das finde ich aus mehreren Gründen unglücklich:

    Erstens spielen für diese Ontologie die meisten Naturwissenschaften außer einem kleinen Teil der Physik doch kaum eine Rolle; darauf deutet meines Erachtens auch Michaels Rezension.

    Zweitens existiert mit "Naturalismus" schon ein etablierter Begriff, der hier besser zu passen scheint, auch wenn er leider oft nicht deutlich definiert wird. Deine Verweise auf "Physikalismus" im Text scheinen das weiter zu stützen, dass es dir eigentlich um Naturalismus geht.

    Drittens suggeriert deine Bezeichnung, es gehe hier tatsächlich um Wissenschaft, nicht um Philosophie. Dabei steht am Fundament aber doch schon das zentrale Postulat, alles Seiende sei Materie, das ich weder für wissenschaftlich zwingend, noch plausibel halte.

    So weit, Grüße nach Berkeley. :-)

  5. T. @Herrn Diederichs: Physik(er) & Weltbild
    04.08.2010, 09:14

    Guten Morgen,

    "gerade unter Physiker allgemeine Aussagen über die Beschaffenheit der Welt" stimmt naürlich, aber eben: "in aller Naivität". Soweit ich das sehe, drücken sich in dadurch Mentalitäten und Einstellungen gegenüber der eigenen Tätigkeit aus, aber nicht ontologische Annahmen. Beispielsweise fragt sich ja kein Physiker, was z.B. der Maxwell'sche Verschiebungsstrom "wirklich ist". Ontologische Annahmen würden sich durch eine psychologische Widerstand gegenüber Änderungen bemerkbar machen, während die mir bekannten Physiker mit drastischen Änderungszwängen von Theorien sicher überhaupt kein Problem hätten.

    Meines Erachtens ist die Thematik bei den Anfängen moderner Physik am deutlichsten sichtbar: Als Kepler seine Gesetze von "mechanischen" Erklärungsversuchen unabhängig formulierte, bei einfacher Mechanik, deren Gesetze unabhängig von den Details etwa von Kugelstößen oder welche Vorgänge für die "Impulserhaltung" sorgen (man dachte anfänglich wohl an Luftwirbel). Noch deutlicher ist es bei Fermat's Extremalprinzipien, die wohl immer noch als das Fundament moderner Physik gelten können.

    So wenig ontologische Erwägungen für Physiker also eine Rolle spielen, um so größer ist die Rolle "ontologischen Vertrauens" in im Laufe der Arbeit gewonnene intuitive Einsichten und abstrakte Konzepte. Auch das begann früh: Die mythenhaften Erzählungen über Pythagoras' astronomische Spekulationen (weil 10 eine schöne Zahl sei, gäbe es einen damals noch unbekannte Planeten, weil der nicht sichtbar war, würde er sich wohl als "Gegenerde" hinter der Sonne verstecken) beiseitelassend, wäre das frühe Vertrauen in die Infinitesimalrechnung, das heutige in Feynmanintegrale zu nennen. Ontologische Betrachtungen sind sicher oft inkompatibel damit: Z.B. hätte Hamilton, der zuvor das Fermat'sche Extremalprinzip von der Optik auf die Mechanik erweitert hatte, beinahe die Schrödingergleichung entdeckt (weil sein mech. Formalismus sich als Grenzfall Wellenth. aufwies), ontologisches Wundern liess ihn das beiseite legen.

    Schöne Grüße, T.

  6. Wolf Hardt Gehirnprozesse @ Stephan Schleim
    04.08.2010, 16:43

    Man darf sich die Erklärung von Gehirnprozessen nicht zu einfach machen, denn jeder einzelne Prozess kann aus vielen Teilprozessen bestehen, diese ebenso aus vielen Unterprozessen und so fort. Jedes mentale „Ding“, wie etwa ein Gedanke, ist das mentale Ergebnis von verschiedensten neuronalen Prozessen, die wir im Detail zwar noch nicht verstehen, aber der Einfachheit halber eben als Hirnprozesse bezeichnen, und das sind grundsätzlich physikalisch-biologische Vorgänge.

    Die meisten, wahrscheinlich über 95 %, der Hirnprozesse wickelt das Gehirn mit sich selbst ab, sie bleiben unbewusst. Dem Gehirn-Besitzer werden nur die Ergebnisse präsentiert, die ihm nützen und die er erkennen kann. Mit allem anderen, etwa den reinen Input-Daten und Zwischenergebnissen, könnte er gar nichts anfangen (dies gilt für alle Tiere, die ein Gehirn besitzen).

    Erkennen heißt, etwas aufgrund schon vorhandener Daten einordnen. Genau das tut unser Gehirn - aufgrund der riesigen Datenbasis, die es von unserem ersten Lebenstag an mit Wahrnehmungen, Gefühlen und später dann dank unserem Sprachvermögen auch mit geistigen Symbolen und Regeln aufgebaut hat.

    Ich glaube, man hat das Gehirn immer gewaltig unterschätzt. Von daher rühren meines Erachtens die klassischen, zum Teil aberwitzigen Mystifizierungen des Geistes, die auch heute noch nicht überwunden sind.

  7. T. bezgl. "Gehirnprozesse"
    04.08.2010, 17:07

    Herrn Hardt's Bemerkungen könnte man noch hinzufügen, dass die Angaben über an Informationsverarbeitungsprozessen beteiligten Zellen im Gehirn öfters mal um eine Größenordnung schwanken, dass man schätzt, bisher nur ca. 5% der vorhandenen Neurotransmitter gefunden zu haben usw. Stellen wir uns nun vor, jemandem, der nicht Informatiker ist (denn es gibt ja noch keine der Informatik analoge Theorie neuronaler Prozesse), eine entsprechend kleine Zufallsauswahl eines Betriebssystems vorzulegen. Wieviel könnte derjenige dann verstehen?

  8. N. Hagthorpe Ja, aber
    04.08.2010, 17:33

    Ja genau, nur daraus ein philosophisch abgestecktes, bei einigen Vertretern sogar starres, Weltbild herzuleiten, scheint gerade bei der geforderten Zurrückhaltung etwas weit hergeholt. S. Schleim hat die Probleme dieser Einstellung oben m. E. nach gut erklärt.

  9. Stephan Schleim Vom Gehirn zum Geist und zurück
    04.08.2010, 18:43

    @ Hardt: Gut; dann sollte man meiner Meinung nach aber folgerichtig von der Materialismus-These des Geistes sprechen und nicht mit Begriffen wie "naturwissenschaftliches Weltbild" den Anschein erwecken, es handle sich hier um etwas, das wissenschaftlich belegt oder gar zwingend sei.

    @ T.: Ja, und dass dort "Informationsverarbeitung" stattfindet, das ist schon Interpretation.

  10. Elmar Diederichs @T.: strike
    04.08.2010, 20:55

    "Soweit ich das sehe, drücken sich in dadurch Mentalitäten und Einstellungen gegenüber der eigenen Tätigkeit aus, aber nicht ontologische Annahmen."

    Das ist ein Punkt. Ich nehme Behauptung zurück und halte sie nun selbst für falsch.

    "So wenig ontologische Erwägungen für Physiker also eine Rolle spielen, um so größer ist die Rolle "ontologischen Vertrauens" in im Laufe der Arbeit gewonnene intuitive Einsichten und abstrakte Konzepte."

    Stimmt, das kann man in den Laboren wirklich beobachten.

    Danke für die Berichtigungen. :-)

  11. Elmar Diederichs @Stephan: erwischt
    04.08.2010, 22:00

    "Warum müssen sie eigentlich Materiell sein, anstatt es einfach zu sein? Geht es hier um Ontologie oder Psychologie?"

    Dazu gibt das Buch nicht viel mehr her, als daß alle anderen Annahmen sich bisher als nicht tragfähig erwiesen haben. Ich habe das so verstanden, daß das entsprechende Postulat ein Gebot der Vernunft ist - wie etwa der 2. Hauptsatz der Thermodynamik.

    "Widerspruch? Gedanken sind einerseits mit Gehirnprozessen identisch, haben jedoch auch Eigenschaften, welche die Emergenzbasis nicht hat"

    Ja, das hätte ich so nicht schreiben dürfen: Tatsächlich meinen die Autoren, daß Gedanken durch Gehirnprozesse realisiert sind und alle sonstigen Eigenschaften - z.B. die des mentalen Paradigmas - emergieren oder einfach nur eine facon de parler sind.

    "Das ist doch nicht zwingend; es gibt doch auch im naturalistischen Weltbild gehaltvolle Freiheitskonzeptionen."

    Vielleicht. Doch letztlich wählen die Autoren diesen Weg. Und ich bestreite nicht, daß man das diskutieren muß.

    "Außerdem haben doch gerade auch Reduktionisten vorgeschlagen, dass mentale Eigenschaften eben qua materieller Realisierung kausal wirken können. Was ist da das Problem?"

    Das habe ich nicht verstanden. Kannst du das bitte noch mal ausführlicher schreiben? ;-)

    "Am Ende noch eine Bemerkung zu deinem Titel: Du nennst das ein "naturwissenschaftliches Weltbild". Das finde ich aus mehreren Gründen unglücklich:"

    Stimmt, darüber hab ich nicht so richtig nachgedacht. Hast mich erwischt. ;-)

    "Zweitens existiert mit "Naturalismus" schon ein etablierter Begriff, der hier besser zu passen scheint, auch wenn er leider oft nicht deutlich definiert wird."

    An Naturalismus habe ich auch als erstes gedacht. Aber die Autoren grenzen ihren wissenschaftlichen Realismus gegen einen Naturalismus strikt ab: Letztere sei schwächer als der wiss. Materialismus, da er nicht behaupte, daß nur die materiellen Dinge existieren.

    Aber das ist natürlich eine Sache, die davon abhängt, wie man Naturalismus definiert. Ich persönlich finde, daß das Etikett "wissenschaftlicher Materialismus" mehr eine PR-Masche ist: "Physikalismus" hätte ich besser gefunden. Aber ... ok ....

    "Dabei steht am Fundament aber doch schon das zentrale Postulat, alles Seiende sei Materie, das ich weder für wissenschaftlich zwingend, noch plausibel halte."

    Ok, stimmt, hier geht's natürlich auch darum, wo der Unterschied zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft ist. Dieser ganz große Einordnungszusammenhang kommt - wie so vieles (Michael hat da schon ausgiebig und zu recht gemeckert) - zu kurz: Da sind einige Schlachten, die man noch schlagen muß. ;-)

  12. T. @ Herrn Diederichs: Einsteins Kuh
    04.08.2010, 22:10

    Ich bedanke mich meinerseits für das anregende Thema! Es wäre sicher interessant, sich die Geistesgeschichte unter dem Leitbegriff "Ontologie" anzuschauen. Beispielsweise scheinen die vorsokratischen Philosophen gezielt mit kontraintuitiven Ontologien ('Alles' ist Wasser, die Sonne ein Stein, der Mond so groß wie ein Fuß,) hantiert zu haben. Als Einstein einer Kollegin eins seiner Kinderspielzeuge als Symbol für die Notwendigkeit 'kindlicher' Unbefangenheit und Phantasie schenkte (Foto, nun in diesem Museum), hatte er sicher auch einen spielerischen Umgang mit ontologischen Vorannahmen im Sinn.

  13. Stephan Schleim @ Elmar
    04.08.2010, 23:16

    Sag mal, haben die dich in Kalifornien weich geklopft?! So leicht lenkst du doch sonst auch nicht ein. Oder hast du da etwas ein paar psychotrope Experimente mitgemacht, von denen man wissen sollte? :-)

    Dazu gibt das Buch nicht viel mehr her, als daß alle anderen Annahmen sich bisher als nicht tragfähig erwiesen haben. Ich habe das so verstanden, daß das entsprechende Postulat ein Gebot der Vernunft ist…

    Nun, das scheint mir doch darauf hinauszulaufen: Wir halten den Geist für materiell, denn was soll er denn sonst sein?

    Tatsächlich meinen die Autoren, daß Gedanken durch Gehirnprozesse realisiert sind und alle sonstigen Eigenschaften - z.B. die des mentalen Paradigmas - emergieren oder einfach nur eine facon de parler sind.

    Uh, zwischen einer emergenten Eigenschaft und einer façon de parler besteht doch gerade ontisch ein enormer Unterschied! Die emergente Eigenschaft ist qua Realisation wirklich; wenn man sie bloß als Redeweise gebrauchte, wäre man tatsächlich mentaler Antirealist. Das gibt es auch; aber was sind Bunge und Mahne denn nun? Mentale Realisten oder Antirealisten?

    Ergänzung zu meinem: "Außerdem haben doch gerade auch Reduktionisten vorgeschlagen, dass mentale Eigenschaften eben qua materieller Realisierung kausal wirken können. Was ist da das Problem?"

    Die große Frage der Debatte um die mentalen Verursachung war doch, wie mentale Eigenschaften kausal wirksam sein können. Reduktionisten können dann sagen, dass die Kausalkräfte durch diejenigen physischen Eigenschaften ausgeübt werden, welche die mentalen Eigenschaften realisieren. (Kürzlich so auch bei Pauen & Roth gelesen, Freiheit, Schuld und Verantwortung. Frankfurt a. M., 2008.)

    Dann kann man freilich die Frage aufwerfen, ob das noch "echte" mentale Verursachung ist und so kam Kim ja zu dem Ergebnis, dass eine superveniente mentale Verursachung in einen supervenienten Epiphenomenalismus kollabiere, weil eben die gesamte kausale Arbeit schon auf der physischen Ebene erledigt werde. Ich selbst habe hier einen anderen Weg gewählt und mich zur Lösung des Leib-Seele-Problems für die Möglichkeit der kausalen Überdeterminierung entschieden, indem ich einige, wie ich finde, obskure metaphysische Prinzipien, an denen Kim viel zu liegen schien, ablehnte.

    An Naturalismus habe ich auch als erstes gedacht. Aber die Autoren grenzen ihren wissenschaftlichen Realismus gegen einen Naturalismus strikt ab: Letztere sei schwächer als der wiss. Materialismus, da er nicht behaupte, daß nur die materiellen Dinge existieren.

    Komisch, ich hätte Naturalismus gerade für stärker gehalten, da er wahrscheinlich einen ontologischen Materialismus mit einem epistemischen Optimismus verbindet, also auch eine Aussage darüber trifft, dass letztlich alles wissenschaftlich erklärbar sei. Das ist viel mehr als zu behaupten, alles, was existiere, sei materiell.

  14. Elmar Diederichs @Stephan
    04.08.2010, 23:54

    "Sag mal, haben die dich in Kalifornien weich geklopft?! So leicht lenkst du doch sonst auch nicht ein."

    Ich kann ja auc nicht immer recht haben. ;-)

    "Oder hast du da etwas ein paar psychotrope Experimente mitgemacht, von denen man wissen sollte? :-)"

    *lacht* .... grüne Pillen oder blau? *lallen* ... willst du UP oder DOWN? ;-)

    Es gibt schon eine Menge flower-power hier ... in der Telegraph z.B. ... ok, manchmal sieht man auch schon etwas Patina. ;-)

    "Wir halten den Geist für materiell, denn was soll er denn sonst sein?"

    Jedenfalls wird nichts Stärkeres angeboten.

    "Uh, zwischen einer emergenten Eigenschaft und einer façon de parler besteht doch gerade ontisch ein enormer Unterschied!"

    Selbstverständlich. Bestreitet ja auch keiner. Es sind für die Autoren unabhängige Alternativen.

    "aber was sind Bunge und Mahne denn nun? Mentale Realisten oder Antirealisten?"

    Anti-Realisten - ganz klar.

    "Reduktionisten können dann sagen, dass die Kausalkräfte durch diejenigen physischen Eigenschaften ausgeübt werden, welche die mentalen Eigenschaften realisieren."

    Ach so ... verstehe.

    "Dann kann man freilich die Frage aufwerfen, ob das noch "echte" mentale Verursachung ist und so kam Kim ja zu dem Ergebnis, dass eine superveniente mentale Verursachung in einen supervenienten Epiphenomenalismus kollabiere, weil eben die gesamte kausale Arbeit schon auf der physischen Ebene erledigt werde."

    Ich könnte mir vorstellen, daß das mit dem wissenschaftlichen Materialismus kompatible ist. Diskutiert wird es im Buch nicht.

    "Komisch, ich hätte Naturalismus gerade für stärker gehalten, da er wahrscheinlich einen ontologischen Materialismus mit einem epistemischen Optimismus verbindet, also auch eine Aussage darüber trifft, dass letztlich alles wissenschaftlich erklärbar sei. Das ist viel mehr als zu behaupten, alles, was existiere, sei materiell."

    Bunge und Mahner sind der Auffassung, daß der ontologische Naturalismus nicht die Existenz immaterieller, aber natürlicher Entitäten ausschließe, die aber im wiss. Materialismus nichts zu suchen haben.

  15. Stephan Schleim @ Elmar: Anti-Realismus
    05.08.2010, 07:20

    Gerade die Berkeley-Region ist ja für ihre Smartbars bekannt; publizierst du dann hier mal einen Führer, wo's dort das beste Cognitive Enhancement gibt? ;-)

    Okay, wenn Bunge und Mahner Anti-Realisten des Mentalen sind, dann wird mir ihre Haltung zur Freiheit und mentalen Verursachung klarer. Allerdings finde ich ihre Position dann intuitiv überhaupt nicht mehr plausibel (die Plausibilität tendierte bei mir vorher schon gegen null). Dann ist letztlich das Gerede von emergenten Eigenschaften auch nicht mehr ernst zu nehmen.

    [Supervenienz des Geistes]

    Ich könnte mir vorstellen, daß das mit dem wissenschaftlichen Materialismus kompatible ist. Diskutiert wird es im Buch nicht.

    Jaegwon Kim selbst hat mit dieser Position über die Jahrzehnte gekämpft. Am Ende kam er dann auf "Physicalism -- or something near enough" (siehe seinen gleichnamigen Essay).

  16. Elmar Diederichs @Stephan: guide to Berkeley
    05.08.2010, 18:43

    "Gerade die Berkeley-Region ist ja für ihre Smartbars bekannt; publizierst du dann hier mal einen Führer, wo's dort das beste Cognitive Enhancement gibt?"

    Es ist hier alles erstaunlich klein und "weggehen" nicht so einfach. Nach der ersten Kontaktaufnahme zur örtlichen undergraduated-Mafia, habe ich rausbekommen, daß es einschlägige coffee-bars eher im Norden gibt. Am WE werde ich mal losziehen .... ;-)

    Wenn ich Näheres weiß, schreib ich dir einen Kommentar in deinen blog.

    "Allerdings finde ich ihre Position dann intuitiv überhaupt nicht mehr plausibel (die Plausibilität tendierte bei mir vorher schon gegen null). Dann ist letztlich das Gerede von emergenten Eigenschaften auch nicht mehr ernst zu nehmen."

    Das ist die Frage - eine Frage, die schon länger auf meiner agenda steht. Aber du scheinst da schon weiter zu sein als ich: ich würde mich freuen, wenn du dazu mal was posten würdest. :-)

  17. Balanus Chalmers Frage und Identität im Sumpf
    11.08.2010, 14:36

    Einige Fragen, die gerne auch als rhetorisch aufgefasst werden dürfen:


    Wenn der Geist ein materielles Phänomen wäre, so müßte die Hirnforschung erklären können, warum Menschen Bewusstsein haben und keine Zombies sind.

    Wenn es denn eine Nummer kleiner sein darf: Modellvorstellungen dazu gibt es sehr wohl.


    Alle Aktivitäten im Gehirn seien schließlich auch ohne die Entstehung von Bewußtsein vorstellbar.

    Vorstellbar vielleicht, aber realiter nicht möglich: Die Hirnaktivitäten, die das Bewusstsein implizieren, sind eigentlich nicht denkbar ohne ein gleichzeitig impliziertes Bewusstsein. Ansonsten wäre das wie Musizieren, ohne dass Musik entsteht.


    Chalmers Argument kann man offenbar nicht einfach mit dem Hinweis auf den Emergentismus des wissenschaftlichen Materialismus ausweichen, denn dieser tut - jedenfalls in der Darstellung der Autoren - nichts, um uns die Natur des Bewußtseins zu erklären.

    Muss denn wirklich erst die "Natur" des Bewusstseins "erklärt" worden sein, bevor eine biologische (materialistische) Vorstellung zur Bewusstseinentstehung als in sich schlüssig und widerspruchsfrei akzeptiert werden kann?

    Und last but not least: Was hat es mit der "Identität im Sumpf" auf sich? Geht es um den berühmten Swampman? :-)

  18. Elmar Diederichs @Balanus: Chalmers
    11.08.2010, 17:54

    "Wenn es denn eine Nummer kleiner sein darf: Modellvorstellungen dazu gibt es sehr wohl."

    Ja, das ist natuerlich eine Debatte fuer sich: Was Chalmers fuer die Aufklaerung des phaenomenalen Bewusstseins verlangt, mag man anzweifeln. Fuer die Rezension genuegte der Hinweis, dass diese Debatte nicht beendet ist.

    "Muss denn wirklich erst die "Natur" des Bewusstseins "erklärt" worden sein, bevor eine biologische (materialistische) Vorstellung zur Bewusstseinentstehung als in sich schlüssig und widerspruchsfrei akzeptiert werden kann?"

    Ich selbst bin in dieser Sache laengst Naturalist. Was Sie aber mit biologischer Vorstellung meinen, weiss ich nicht. Mit den Verkuerzungen, die EP zu bieten hat, wuerde ich mich allerdings nicht zufrieden geben: Ich denke nicht, dass es eine externalistische Version von EP gibt. Jedenfalls habe ich noch keine gefunden.

    "Und last but not least: Was hat es mit der "Identität im Sumpf" auf sich? Geht es um den berühmten Swampman?"

    Na klar! :-) Davidson ist ja gerade der Meinung, dass der swampman keine "ordentlichen" mentalen Zustaende hat, weil ihm deren kausale Vorgeschichte - so ist das Beispiel konstruiert - fehlen.

  19. Balanus /@Elmar Diederichs
    11.08.2010, 19:23

    Mit "biologischer Vorstellung" meinte ich den naturalistischen, physikalistischen, materialistischen, etc. Ansatz, der in der Biologie bei der Untersuchung lebender Systeme gemeinhin üblich ist.

    Setzen Sie die Swampman-Geschichte eigentlich als allgemein bekannt voraus, oder richtete sich diese einmalige Erwähnung der 'Identität im Sumpf' nur an die Philosophen-Kollegen?

    Oder wollten Sie mal kucken, ob da einer drüber stolpert? ;-)

  20. Elmar Diederichs @Balanus: erwischt ;-)
    11.08.2010, 20:47

    "Setzen Sie die Swampman-Geschichte eigentlich als allgemein bekannt voraus, oder richtete sich diese einmalige Erwähnung der 'Identität im Sumpf' nur an die Philosophen-Kollegen?

    Oder wollten Sie mal kucken, ob da einer drüber stolpert? ;-)"

    all of them: Ich wollte einfach mal so tun, als ob jeder ein bißchen Philosophie selbstverständlich wissen müßte...... so als Krönung der Allgemeinbildung gewissermaßen ... ;-P

  21. Ireneusz Cwirko Bell'sche Ungleichung
    14.08.2010, 21:37

    Bell vermutete, dass das Verhalten der Photonen eben doch nicht zufällig sein kann und
    durch noch unbekannte, verborgene Eigenschaften der Teilchen hervorgerufen worden sind,
    die schon bei der Trennung der beiden verschränkter Photonen festlegt wurden.

    Er schuf durch seine berühmte Ungleichung aber eine Möglichkeit diese Annahme zu falsifizieren und die Verwirrung um die QM noch weiter zu verschärfen.
    Es ist aber generell ein Problem der Physiker, sich nur auf wenige Annahmen zu konzentrieren und den Ausweg aus dem Sackgase nicht mehr zu suchen.

    Die Alternative ist aber ganz simpel und zeigt, dass auch in dem kleinsten Maßstab die Vorgänge in der Natur den uns bekannten Prinzipien folgen. Die Welt ist "lokal-realistisch" und unsere Intuition hat uns schon wieder richtig beraten..

    Hier eine Lösung des EPR- Paradoxon die durch ihre Einfachheit verblüfft.

    http://www.cwirko.de/Das%20einheitliche%20Konzept%20der%20Physik.pdf

szmtag