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Ehrlich verlogen

von Elmar Diederichs, 25. Februar 2011, 22:47

Kann eine öffentliche Debatte um Ehrlichkeit in der Wissenschaft in einem übertragenen Sinne stinken? Diese tut es überraschenderweise - unabhängig davon, was man von den Details der causa zu Guttenberg halten mag: Ein verbales Ausrufungszeichen von einem Nerd, der ehrlich genervt ist.

Es gibt an der Affaire zu Guttenberg nichts zu beschönigen oder zu entschuldigen und meine Mitblogger haben so ausführlich über alle Details geredet, daß ich in dieser Hinsicht nichts Neues beitragen kann - und im übrigen habe ich auch nicht das mindeste Interesse daran. 

Zitieren - nur eine lästige Sekundärtugend?

Nein, ich werde hier nichts anmahnen oder daran erinnern, daß .... , eine haarsträubend schlimme Entwicklung aufzeigen und entrüstet irgendetwas einfordern, was sich am Ende eigentlich jeder selbst hätte denken können. Nein, werde ich nicht! Ich bin genervt - und zwar gewaltig, weil es jede Menge Autoren gibt (für die ich absichtlich keine Nachweise gebe: google zu bedienen wird ja wohl noch drin sein), die sich über falsche oder fehlende Zitate aufregen, aber offenbar nicht verstehen, worin der Sinn des Zitierens besteht. Das ließt sich dann etwa so: 

  • (1) Die Aufgabe von Fußnoten besteht demnach darin, die Quellen offenzulegen, den Forschungsstand zu dokumentieren und die intellektuelle Leistung anderer zu achten....

Ja, das ist letztlich auch ein Zitat und es wurde von mir für diesen post nach Gutdünken angepaßt. Aber das ist egal, denn es geht hier um's Prinzip und zwar mit folgenden Gründen:

Wenn man (1) wirklich ernst nimmt, dann befinden sich dort drei schwer- wiegende Fehler - unabhängig davon, welche Fakultät man dabei im Auge hat:

i) Die Aufgabe von Zitaten besteht nicht darin, Quellen offenzulegen. Denn wenn es um den Beleg einer Behauptung geht, dann kommt es nicht darauf an, wer etwas gesagt hat, sondern was gesagt wird. Stattdessen geht es darum, daß von wissenschaftlichen Artikeln verlangt wird, kurz genug zu sein, um nicht alles selbst bis ins Kleinste begründen zu können, so daß man Teile der Begründung - typischerweise diejenigen, die man nicht selbst erfunden hat - in einem übertragenen Sinne auslagert auf andere Publikationen. Hier wird also abgekürzt und zugleich eine Annahme gemacht, von deren Richtigkeit man die Gültigkeit des eigenen Ergebnisses abhängig macht - das ist der entscheidende Punkt.

ii) Die Aufgabe von Zitaten besteht ferner nicht darin, den Forschungsstand zu dokumentieren. Denn wer sich wirklich mal die Zeit nimmt, wissen- schaftliche Veröffentlichungen zu lesen und mit der eigenen Recherche zu vergleichen, der merkt, daß der Autor lediglich den Horizont dessen absteckt, was er zum Zeitpunkt der Publikation selbst weiß - was ja auch eine wichtige Information ist, wenn ich die Innovationsstärke des eigenen, wissenschaftlichen Beitrags beurteilen soll.

  • (2) Beispiel: Es spielt z.B. eine Rolle zu wissen, ob Isaac Newton (*25. Dezember 1642, † 20. März 1726) bei der Entwicklung seiner Version der Infinitisimalrechnung von den Arbeiten von Gottfried Wilhelm Leibniz (*21. Juni 1646, † 14. November 1716) wußte oder nicht. 

Denn was so an Überblick über die Literatur in einem paper typischerweise so geliefert wird, ist meistens etwas dünn, fast immer einseitig und vor allem längst nicht ausführlich genug, um wirklich nützlich sein zu können. Daher gibt es auch spezielle papers, die gerade keinen eigenen wissenschaftlichen Beitrag liefern, sondern einen brauchbaren Überblick über ein Problem oder Gebiet liefern wollen. Nein: Was Autoren wirklich durch Zitate tun, ist, den inhaltlichen Rahmen anzudeuten, innerhalb dessen sie ihren eigenen Beitrag für einen Fortschritt halten. Das ist der Punkt.

iii) Und last not least besteht die Aufgabe von Zitaten nicht darin, die intellektuelle Leistung anderer zu achten. Und das ist auch erstaunlich leicht einzusehen: Will ich einem Wissenschaftler meine Achtung aus- drücken, dann bitte ich ihn, auf einer Konferenz einen Hauptvortrag zu halten oder ich schlage ihn für einen Preis vor. Ein Zitat hingegen hat die Aufgabe, auf einem Arbeitsgebiet, in dem oft noch nicht mehr Strukturen erkennbar sind, als der persönliche Blick eines Wissenschaftlers hergibt, klarzumachen, wer von einer Sache genug versteht derart, daß er in der Lage ist, sich etwas auszudenken. Zitate müssen daher nicht korrekt sein, um Anerkennung richtig zu verteilen, sondern um andere Wissenschaftler bei ihrer Arbeit nicht in die Irre zu führen. Denn oft ist für die Forschung die Idee und den Entstehungsweg eines Argumentes zu verstehen, wichtiger als das Resultat selbst. Und nur die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Werkzeuge dafür auszuwählen, ist der Stoff, der Wissenschaft am Leben erhält. Und dafür kann es gelegentlich gewaltig helfen, den klügsten Köpfen auf einem Gebiet über die Schulter zu sehen. Darum geht es: diese Leute zu identifizieren - und nur Krämerseelen scheren sich um die korrekte Verteilung der Ehre!

Gibt es Werte in der Wissenschaft?

Viele Autoren in den Medien vertreten explizit oder konkludent eine Variante dieses Standpunktes, nach dem es einen Ehrenkodex unter Wissenschaftlern gibt. Sicher - einen Kodex gibt es. Aber er wird nicht gebraucht, um brauchbare Wissenschaft abzuliefern und entsprechend hat er auch nichts zu tun mit Genauigkeit, Möglichkeit zur Reproduktion oder irgendeiner Ehrbarkeit sonstiger Provenienz.

  • (3) Nein, dafür gebe ich keine Belege oder Zitate, es handelt sich um mein persönliches Verständnis einer Vielzahl von Artikeln, wo ich zum Teil zwischen den Zeilen gelesen habe, kontextuelle Hinweise und Indikatoren ausgewertet oder unausgesprochene Kommunikations- regeln zur Interpretation herangezogen habe. Nachweise sind an dieser Stelle völlig unwichtig. Wer sie von mir haben will, dem gebe ich gerne meine Kontonummer.

Fangen wir ganz vorne an: Ehrlichkeit ist in der Wissenschaft kein Wert, denn es geht nicht darum, eine Sache in bestimmter Weise zu tun, wie etwa ohne Doping einen Rekord im Weitsprung zu brechen. Reproduzier- barkeit und Transparenz der Argumentation sind trivialerweise ebenso wie korrektes Zitieren notwendige Bedingungen für die Existenz einer wissenschaftlichen Arbeit, aber sie grenzen unter keinen Umständen gute von schlechter Wissenschaft ab. Wissenschaft wird dadurch gut, daß sie besonders innovativ ist und das Wissen oder Verständnis eines Problems besonders voranbringt, nicht aber dadurch, daß der Wettbewerb der Forscher dabei irgendwie fair ist - obwohl das natürlich auch eine schöne Sache ist. Was wir daher im Grunde diskutieren, sind keine Richtlinien für die Ausübung von Wissenschaft, sondern Kriterien ihrer Existenz oder - dasselbe in Termen wissenschaftlichen Fortschritts formuliert - Kriterien der Effizienz der Forschung. Für normative Betrachtungen ist folglich in dieser ganzen, von demonstrativer Wohlanständigkeit triefenden Debatte überhaupt kein Platz. Und dieser Punkt ist keine Kleinigkeit: Es gibt in der Wissenschaft keine Traditionen, denn es geht nur um die Wahrheit. Und es ist wesentlich, daß der Rest nicht nur irrelevant ist, sondern daß sich Laien an einer Diskussion um den Zustand der Wissenschaft auch nicht beteiligen können: Sie können nichts Relevantes beitragen, denn die Ermahnungen, zu denen sie nur allzu bereit sind, sind nicht selbst Teil der Wissenschaft.   

Stattdessen folgt aus meinen Argumenten, daß die Wissenschaft im übertragenen Sinne ein Selbstreinigungsinteresse hat, das an keinem anderen Ort innerhalb der Gesellschaft anzutreffen sein dürfte. Denn nur, wenn die Wissenschaftler sich so verhalten, daß sie mit den normativen Bestimmungen der Erbsenzähler in den feuilletons nicht kollidieren - wenn auch aus ganz anderen Motiven - macht die Forschung einen Schritt voran. Denn auf der Stelle zu treten, hält kein Wissenschaftler auf die Dauer persönlich aus und wer es doch tut, hat in der Wissenschaft nichts verloren. Natürlich kommen immer wieder Betrügereien vor, das und ihre Motive kann man nicht wegdiskutieren. Aber letztlich profitiert niemand davon, denn Wahrheit funktioniert nicht wie Geld, das man ausgeben kann, bevor es einem von den Gerichten wieder weggenommen wird. Aber auch darauf ist meines Wissens nach keiner der Autoren auch nur im Entferntesten gekommen.

Aus diesem Grund dokumentieren die hier korrigierten Mißverständnisse im Selbstverständnis einiger Autoren und sogar Wissenschaftler primär, daß die Politik mit ihrem seit dreißig Jahren andauernden Bemühen, aus Universitäten mittelständische Unternehmen zu machen, letztlich doch Erfolg hatte: Diese Debatte stinkt, denn so wie sie geführt wird, verfälscht sie systematisch das Verständnis und das Ziel von Wissenschaft. Irgendwo hat die Wissenschaft diesen Gestank auch bereits angenommen, z.B. durch gewisse CSU-Promis, das unsägliche Verhalten von Merkel und Schavan, aber auch die mediale Entrüstung, die eben vor allem NUR Entrüstung war - und in ihrer Ahnungslosigkeit Wissenschaft zu einem moralisch angehauchten und irgendwie durch persönliche Akkuratheit besonders hübsch abzuwickelnden Verfahrenskatalog degradiert hat.

Und das ist letztlich das Schlimmste. Denn viel mehr als alles andere ist Wissenschaft eine kreative Lebensform, eine Geschichte, die so gewaltig ist, daß der Geist an ihren Gebirgsketten in Wirbel gerät und ab und an vor ihren Taten wie in einer Winternacht zu verlöschen droht. Und was scheinbar mit der Leichtigkeit eines griechischen Halbgottes daherkommt, wird völlig anders geboren: Wir rufen unsere bittersten Niederlagen zusammen, um die Kräfte, die uns durchströmen, einzufangen und oft sind die kleinsten Hinweise bei einem Problem wie Sprengungen des vulkanischen Bodens, auf dem wir unsere Theorien anbauen. Aber von all dem wissen die Krämerseelen nichts. Und wüßten sie es, dann würden sie fliehen vor so viel Leidenschaft.  

Am Ende habe ich für all die Geplagten in ihrer moralinsauren Pedanterie einen Hinweis auf einen geistigen Vorläufer zu diesem Artikel: Markus Dahlem hat in seinem klugen post eine andere Seite des Themas Ehrlichkeit in der Wissenschaft aufgegriffen und mich auf die Idee gebracht, nicht einfach dem Rest der zu-Guttenberg-Ankläger wie einer Schafherde zu folgen. Hätte er auf seinem geistigen Eigentum bestanden, wäre ich um eine Idee ärmer: Danke, Markus. :-)

 





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Kommentare

  1. Markus A. Dahlem Dank zurück
    26.02.2011, 08:14

    Lieber Elmar!

    Danke - nicht für das Lob - und auch nicht dafür die Ideen* - sondern für die erfrischende Art, wie Du mir diese wieder vor Augen führst.

    *In der Tat kann ich mir schwer vorstellen, wie jemand Wissenschaft macht, ohne dabei irgendwann auf die hier geäußerten Ideen zur Wahrheit und Ehre in der Wissenschaft zu stoßen - und zuzustimmen.

  2. bruno jennrich guttenberg...
    26.02.2011, 20:18

    wird nicht als wissenschaftler, sondern als verteidigungsminister beurteilt. daher ist ihre schrift zwar richtig in ihrem kern, aber nicht in dem kern, um den es gesellschaftlich geht.

    und auch wenn ich mich jetzt auf ganz dünnes eis begebe, weil ich davon nicht so viel verstehe wie sie: kann es sein, dass ihr ärger aufgrund eines missverständnisses von "semantik" und "semiotik" entseht?

  3. Elmar Diederichs @bruno jennrich: topics
    26.02.2011, 21:01

    "wird nicht als wissenschaftler, sondern als verteidigungsminister beurteilt."

    Von Ihnen vielleicht.

    Wir diskutieren hier die Folgen des nachgewiesenen Betruges für die Wissenschaft. Politik ist in diesem Bloggewitter nicht unser Thema.

    "daher ist ihre schrift zwar richtig in ihrem kern, aber nicht in dem kern, um den es gesellschaftlich geht."

    Ach, das ist nur eine Frage der Zeit. Die Schmalzlocke ist politisch sowieso tot.

    "kann es sein, dass ihr ärger aufgrund eines missverständnisses von "semantik" und "semiotik" entseht?"

    Im Moment kann ich mit Ihrem Hinweis wenig anfangen. Können Sie mir weiterhelfen?

  4. bruno jennrich semantik vs. semiotik
    27.02.2011, 00:42

    mir geht es um die bedeutung der wissenschaft ("semantik") und ihr bild ("semiotik"). dass die gewählten begriffe nicht 100% treffen, nahm ich in kauf. da sie das thema der bedeutung in anderem als dem wissenschaftlichen kontext jedoch nicht weiter interessiert, ist es belanglos :-)

    sie werden ausserdem schwerlich personen im wissenschaftlichen umfeld finden, die ihrer argumentation widersprechen.

  5. bruno jennrich semantik vs. semiotik
    27.02.2011, 00:42

    mir geht es um die bedeutung der wissenschaft ("semantik") und ihr bild ("semiotik"). dass die gewählten begriffe nicht 100% treffen, nahm ich in kauf. da sie das thema der bedeutung in anderem als dem wissenschaftlichen kontext jedoch nicht weiter interessiert, ist es belanglos :-)

    sie werden ausserdem schwerlich personen im wissenschaftlichen umfeld finden, die ihrer argumentation widersprechen.

  6. Susanne M Hoffmann Hallo Elmar,
    27.02.2011, 13:24

    für mein Verständnis von Wissenschaft gibt es hier zahlreiche Details, in denen ich widersprechen möchte:

    Zitieren:
    Du hast Recht, dass es durchaus zahlreiche Funktionen hat und m.E. ist es so, dass es stark von Fach, Fakultät und Person abhängt, wie man es einsetzt. In der Philosophie ist es durchaus eine gewisse Ehre, jemands Formulierung zu übernehmen, z.B. weil sie eben eine besonders treffende & geschickte sein kann. Selbstverständlich hast Du aber auch Recht, dass es eine ganz andere Qualität der Ehrerbietung ist, jemanden zu einem Vortrag einzuladen oder mit einem Preis auszuzeichnen! Meine Intuition ist, dass das Zitieren eines besonders schönen Satzes (als Aphorismus quasi) eher ein Ausdruck der Anerkennung oder des Mögens ist i.S.v. "ich finde, das hast Du schön gesagt" als im eigentlichen Sinne eine wissenschaftliche "Ehre". Es ist aber der persönlichen Einbindung in die wissenschaftliche Gesellschaft zuträglich, wenn man diese "Like" auch außerhalb des Facebook-Buttons zum Ausdruck bringt - d.i. einfach menschlich. :-) und man kann es auch dann tun, wenn die Person schon tot ist, weil andere (Leser) dies evtl auch tun.

    In wiss. Papers der Physik ist sowas freilich nicht üblich; es gehört dort einfach nicht hin! Papers, wie Du sie oben besprichst, sind aber m.E. etwas anders als eine deutschsprachige Doktorarbeit in Jura (bin nicht Juristin, aber von den gelesenen Exzerpten, die durch die Medien geistern, würde ich diese Arbeit eher nach den Gepflogenheiten der Phil bewerten).

    Zitieren in der Geschichtsforschung z.B. ist unbedingt notwendig, wenn man nachweisen will, dass jmd etwas eben wirklich so und nicht anders gesagt hat und dazu muss man sich auch die Person anschauen, denn sonst kann man es nicht kritisch werten und einsortieren. Aussagen sind eben oft nur in ihrem gesellschaftlichen, charakterlichen und historischen Kontext (korrekt) verständlich. Diese Lehren fasst die analytische Philosophie seit ca 150 Jahren zusammen - ab Gottlob Frege über Russell, Wittgenstein, Quine, Davidson ... und viele andere.

    Wichtig finde ich aber Deinen Punkt, dass es natürlich nicht darum geht, alle Aussagen zu prüfen, die irgendwann mal irgendwer gemacht hat und diese korrekt wortwörtlich zu zitieren, sondern, dass es darum geht, zusammenfassend Argumente zusammenzutragen, die möglicherweise schon mal irgendwer gebracht hat. Ausgerecht der vielzitierte "große" Philosoph Ludwig Wittgenstein schreibt im Vorwort zu seinem Tractatus Logico Philosophicus (seiner Doktorarbeit), dass er absichtlich gar nicht zitiere, da es ihm egal sei, ob jemand anders diesselben Gedanken wie er auch schon mal gehabt habe. Es gehe schließlich darum, eine in sich konsistente Zusammenstellung seiner Ideen zu veröffentlichen und damit eine Diskussion anzuregen. Das ist ihm offenbar gelungen (ohne ein einziges Zitat in der Diss), denn er wird ja heute immernoch fleißigst zitiert und diskutiert.

    "In der Wissenschaft geht es nur um Wahrheit". Solche Aussagen halte ich im Ansatz für kritisch, denn d i e Wahrheit gibt es selten - vllt auch auch nur auf dem Niveau der Grundschulmathematik. Wahrheit ist (leider) oft relativ - das lernt man m.E. vor allem, wenn man selbst unterrichtet und die Unterrichteten das Gelernte in eigenen Worten widergeben sollen. Dann muss man sich eben in deren Sprache und folglich deren Gedankenwelt hineindenken und kann nicht stur abhaken, ob sie Wort für Wort die Merksätze auswendig wissen.

    Geschickter ist daher m.E. möglicherweise die Formulierung "In der Wissenschaft geht es darum, Dinge zu v e r s t e h e n." d.h. eben nicht (nur) auswendig lernen (zitieren), sondern in eigenen Worten (oder Modellen) widergeben können. Wenn es aber mehrere Modelle (Worte, Bilder...) gibt, in denen man das gleiche beschreibt, dann ist "Wahrheit" vielleicht nicht eindeutig?

    Es gibt also nicht zu jeder Bedeutung eine bijektive Abbildung auf einen Sinn und umgekehrt. Dieses Problem erläuterte Frege (m.E.) in seiner Schrift "Über Sinn und Bedeutung", ohne dass er es allerdings expressis verbis beantworten konnte. Ich selbst weise in meiner philosophischen Arbeit darauf hin und versuche es stringenter mathematisch auszudrücken, um diese Schwierigkeit scharf auszudrücken. Allerdings ändert das natürlich nichts an ihrem Tatbestand, sondern es schärft nur das Bewusstsein dafür. :-)

    Ich glaube, dass hier die zuGuttenberg-Kritik ansetzt: nicht am Fakt des Zitierens, sondern an dem Bewusstsein für den Umgang mit Sprache und mit intellektuelle Herausforderung sowie mit der Transparenz des eigenen Erkenntnisweges.

    Ich denke, dass Ehrlichkeit sehr wohl eine wichtige moralische Voraussetzung für eine wissenschaftliche Arbeit ist.

    In Deine Kritik an Erbsenzählen und Kümmelspaltern, die formale Fehler vorschieben, um sich nicht über die Nichtneuigkeit des Inhalts streiten zu müssen, stimme ich aber gerne ein.

  7. juDo kein Betreff
    27.02.2011, 14:22

    Eine Kritik.

    "...daß ich in dieser Hinsicht nichts Neues beitragen kann - und im übrigen habe ich auch nicht das mindeste Interesse daran."
    Das sind nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für einen luciden Beitrag.

    "Nein, ich werde hier nichts anmahnen oder daran erinnern, daß .... , eine haarsträubend schlimme Entwicklung aufzeigen und entrüstet irgendetwas einfordern, was sich am Ende eigentlich jeder selbst hätte denken können."

    "Irgendetwas", das sich jeder hätte Denken können? Am Ende? Der Grund dafür?

    "Das ließt sich dann etwa so:
    (1) Die Aufgabe von Fußnoten besteht demnach darin, die Quellen offenzulegen, den Forschungsstand zu dokumentieren und die intellektuelle Leistung anderer zu achten....
    Ja, das ist letztlich auch ein Zitat und es wurde von mir für diesen post nach Gutdünken angepaßt. Aber das ist egal, denn es geht hier um's Prinzip und zwar mit folgenden Gründen: ..."

    "Letztlich" ein Zitat? "Nach Gutdünken angepaßt"?

    "Wenn man (1) wirklich ernst nimmt, dann befinden sich dort drei schwer- wiegende Fehler - unabhängig davon, welche Fakultät man dabei im Auge hat:"

    Warum sollte ich (1) unter den genannten Voraussetzungen noch ernst nehmen?

    "Will ich einem Wissenschaftler meine Achtung ausdrücken, dann bitte ich ihn, auf einer Konferenz einen Hauptvortrag zu halten oder ich schlage ihn für einen Preis vor."

    Aha. Ansonsten bediene ich mich kapitelweise und schamlos der Ideen kluger Köpfe - wenn ich schon selbst keiner bin?

    "Ein Zitat hingegen hat die Aufgabe, auf einem Arbeitsgebiet, in dem oft noch nicht mehr Strukturen erkennbar sind, als der persönliche Blick eines Wissenschaftlers hergibt, klarzumachen, wer von einer Sache genug versteht derart, daß er in der Lage ist, sich etwas auszudenken."

    Wenn ein Arbeitsgebiet selbst keine erkennbare Struktur mehr bietet und nur noch Spielraum für persönliche Betrachtungen statt objektiver Tatsachen bietet, dient das Zitat dazu, "klarzumachen, wer von einer Sache genug versteht derart, daß er in der Lage ist, sich etwas auszudenken"? Mit Verlaub, geht es noch schwammiger?

    "Zitate müssen daher nicht korrekt sein, um Anerkennung richtig zu verteilen, sondern um andere Wissenschaftler bei ihrer Arbeit nicht in die Irre zu führen."

    Auch dieser Satz ist nicht ohne weiteres verständlich. Meinen Sie "Zitate müssen zwar korrekt sein, aber nicht etwa um Anerkennung richtig zu verteilen, sondern um andere Wissenschaftler bei ihrer Arbeit nicht in die Irre zu führen."? Soll man also zitieren, und zwar korrekt - oder nicht?

    "Denn oft ist für die Forschung die Idee und den Entstehungsweg eines Argumentes zu verstehen, wichtiger als das Resultat selbst. Und nur die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Werkzeuge dafür auszuwählen, ist der Stoff, der Wissenschaft am Leben erhält. "

    Das mag sein, aber worauf nehmen Sie konkret Bezug?

    "Und dafür kann es gelegentlich gewaltig helfen, den klügsten Köpfen auf einem Gebiet über die Schulter zu sehen. Darum geht es: diese Leute zu identifizieren - und nur Krämerseelen scheren sich um die korrekte Verteilung der Ehre!"

    Wie identifiziere ich diese Leute? Indem ich sie zitiere. Und damit lasse ich ihnen die Ehre zuteil werden, anzuzeigen, daß der soeben vorgetragene Gedanke nicht von mir sondern von einem der klügsten Köpfe stammt. Wo tauchen jetzt die "Krämerseelen" auf?

    "Viele Autoren in den Medien vertreten explizit oder konkludent eine Variante dieses Standpunktes, nach dem es einen Ehrenkodex unter Wissenschaftlern gibt. Sicher - einen Kodex gibt es. Aber er wird nicht gebraucht, um brauchbare Wissenschaft abzuliefern und entsprechend hat er auch nichts zu tun mit Genauigkeit, Möglichkeit zur Reproduktion oder irgendeiner Ehrbarkeit sonstiger Provenienz."

    Genauso lässig sagt man es dahin, wenn man prinzipiell dem Begriff Ehrbarkeit nicht viel abgewinnen kann: "Irgendeine Ehrbarkeit sonstiger Provenienz." Sie sind im Heute angekommen, und es gefällt Ihnen, was Sie sehen.

    "(3) Nein, dafür gebe ich keine Belege oder Zitate, es handelt sich um mein persönliches Verständnis einer Vielzahl von Artikeln..."

    Das ist ja auch eine vollkommen andere Dimension als wir es in der Dissertation Guttenbergs erleben müssen.

    "Fangen wir ganz vorne an: Ehrlichkeit ist in der Wissenschaft kein Wert, denn es geht nicht darum, eine Sache in bestimmter Weise zu tun, wie etwa ohne Doping einen Rekord im Weitsprung zu brechen. Reproduzierbarkeit und Transparenz der Argumentation sind trivialerweise ebenso wie korrektes Zitieren notwendige Bedingungen für die Existenz einer wissenschaftlichen Arbeit, aber sie grenzen unter keinen Umständen gute von schlechter Wissenschaft ab. Wissenschaft wird dadurch gut, daß sie besonders innovativ ist und das Wissen oder Verständnis eines Problems besonders voranbringt, nicht aber dadurch, daß der Wettbewerb der Forscher dabei irgendwie fair ist - obwohl das natürlich auch eine schöne Sache ist."

    Ehrlichkeit ist kein Wert, der teilbar wäre, kein Wert, der etwa in der Freundschaft eine Bedeutung habe, in meiner wissenschaftlichen Arbeit oder allgemein im Beruf hingegen nicht. Wer so denkt, meint etwas anderes, wer meint, auf Ehrlichkeit bedarfsweise verzichten zu können, sollte dieses Wort erst gar nicht gebrauchen, um es nur noch mehr auszuhöhlen. Klar, Fairness ist "natürlich auch eine schöne Sache" - aber, hey, Leute, lasst mal die Kirche im Dorf!

    "Was wir daher im Grunde diskutieren, sind keine Richtlinien für die Ausübung von Wissenschaft, sondern Kriterien ihrer Existenz oder - dasselbe in Termen wissenschaftlichen Fortschritts formuliert - Kriterien der Effizienz der Forschung. Für normative Betrachtungen ist folglich in dieser ganzen, von demonstrativer Wohlanständigkeit triefenden Debatte überhaupt kein Platz."

    Wenn Guttenbergs Arbeit trotz allem nachweisbar effizient ist, warum dann die fälschliche Aberkennung des Titels? Warum das Wort der "demonstrativen Wohlanständigkeit"? Wollen Sie ad hominem diskutieren oder ein Thema sachlich beleuchten?

    "Und dieser Punkt ist keine Kleinigkeit: Es gibt in der Wissenschaft keine Traditionen, denn es geht nur um die Wahrheit. Und es ist wesentlich, daß der Rest nicht nur irrelevant ist, sondern daß sich Laien an einer Diskussion um den Zustand der Wissenschaft auch nicht beteiligen können: Sie können nichts Relevantes beitragen, denn die Ermahnungen, zu denen sie nur allzu bereit sind, sind nicht selbst Teil der Wissenschaft."

    Gibt es irgendeinen Grund, hochmütig zu werden, nur weil man einen akademischen Titel besitzt? Schreiben Sie in Latein, dann kann der Pöbel wenigstens nicht mehr mitlesen. Ich nehme mal an, daß in der Bild-Zeitung überwiegend wissenschaftliche Laien schmökern. Die Ermahnungen, die man dort zu geben nur allzu bereit ist, beschränken sich auf gefakte Durchhalteparolen-Abstimmungen. Und nicht zuletzt wird diskutiert, daß gerade die außerhalb des Wissenschaftsbetriebes Stehenden die Verfehlungen Guttenbergs als nicht so schwerwiegend betrachten. Wer nie im Schweiße seines Angesichts eine wissenschaftliche Arbeit, ein Diplom oder eine Promotion verfasst hat, der Laie also, der zur Wissenschaft nichts zu sagen weiß, scheint dem Freiherr nach wie vor wohlgesonnen - das ist wahrlich keine Kleinigkeit.

    "Stattdessen folgt aus meinen Argumenten, daß die Wissenschaft im übertragenen Sinne ein Selbstreinigungsinteresse hat, das an keinem anderen Ort innerhalb der Gesellschaft anzutreffen sein dürfte. Denn nur, wenn die Wissenschaftler sich so verhalten, daß sie mit den normativen Bestimmungen der Erbsenzähler in den feuilletons nicht kollidieren - wenn auch aus ganz anderen Motiven - macht die Forschung einen Schritt voran."

    Inwieweit in übertragenen Sinne? Sie "argumentieren" lediglich, daß in der Wissenschaft Ehrlichkeit keinen Platz habe, es zähle ausschließlich das Ergebnis. Die "Erbsenzähler" sind in erster Linie Hochschulprofessoren oder wie auf der guttenplag-Seite Studierende und Doktoranden und Promovierte.

    "Denn auf der Stelle zu treten, hält kein Wissenschaftler auf die Dauer persönlich aus und wer es doch tut, hat in der Wissenschaft nichts verloren."

    Wer keine originären Gedanken beizutragen hat, auch nicht.

    "Natürlich kommen immer wieder Betrügereien vor, das und ihre Motive kann man nicht wegdiskutieren. Aber letztlich profitiert niemand davon, denn Wahrheit funktioniert nicht wie Geld, daß man ausgeben kann, bevor es einem von den Gerichten wieder weggenommen wird. Aber auch darauf ist meines Wissens nach keiner der Autoren auch nur im Entferntesten gekommen."

    Ich verstehe nicht. Von einem Summa cum Laude in Jura profitiere ich - natürlich. Oder was meinten Sie? Das Geld, das man ausgegeben hat, muß man irgendwann wieder zurückzahlen, wenn das Gericht so beschließt, nicht wahr. Worauf ist kein "Autor" gekommen?

    "Irgendwo hat die Wissenschaft diesen Gestank auch bereits angenommen, z.B. durch gewisse CSU-Promis, das unsägliche Verhalten von Merkel und Schavan,..."

    Könnten Sie das konkretisieren, damit nachvollziehbar wird, wovon Sie sprechen?

    "... aber auch die mediale Entrüstung, die eben vor allem NUR Entrüstung war - und in ihrer Ahnungslosigkeit Wissenschaft zu einem moralisch angehauchten und irgendwie durch persönliche Akkuratheit besonders hübsch abzuwickelnden Verfahrenskatalog degradiert hat."

    Wie bitte? Die Medien haben die Wissenschaft degradiert? Und der Herr Verteidigungsminister hingegen hat sie - was?

    "...Wir rufen unsere bittersten Niederlagen zusammen, um die Kräfte, die uns durchströmen, einzufangen und oft sind die kleinsten Hinweise bei einem Problem wie Sprengungen des vulkanischen Bodens, auf dem wir unsere Theorien anbauen. Aber von all dem wißt ihr nichts. Und wüßtet ihr es, dann würdet ihr fliehen vor so viel Leidenschaft."

    Ja, wem beständig der Boden unter den Füßen wegsprengt wird, dem brechen beachtliche Teile seiner Thesen schon mal zusammen. Fröhliche Wissenschaft: wer da nicht mitleiden will.

    Zum Schluß noch einmal ihr kreativer Hinweis, daß die Kritiker selbstverständlich moralinsaure Pedanten sind, die sich obendrein wie Schafe verhalten.

    Daß Sie nicht das geringste Interesse am eigentlichen Thema haben, wie einleitend betont, konnte mit Ihrem Beitrag immerhin eindrucksvoll bewiesen werden.

  8. Elmar Diederichs @Susanne M Hoffmann: reply
    27.02.2011, 14:51

    "Meine Intuition ist, dass das Zitieren eines besonders schönen Satzes (als Aphorismus quasi) eher ein Ausdruck der Anerkennung oder des Mögens ist"

    Diese Beobachtung kann ich nur bestätigen, aber liegt unser zentraler focus nicht auf Betrugsfällen in der Wissenschaft?

    "Zitieren in der Geschichtsforschung z.B. ist unbedingt notwendig, wenn man nachweisen will, dass jmd etwas eben wirklich so und nicht anders gesagt hat und dazu muss man sich auch die Person anschauen, denn sonst kann man es nicht kritisch werten und einsortieren."

    Sicher, aber das scheint mir ein spezieller Fall zu sein, der für meinen Geschmack gerade noch unter i) fällt.

    "Aussagen sind eben oft nur in ihrem gesellschaftlichen, charakterlichen und historischen Kontext (korrekt) verständlich."

    off topics: Nee, das ist ein Mißverständnis. Der indikatorenfreie Satz ist schon verständlich, das Gemeinte oder das Kommunizierte aber nicht ohne weiteres. Selbst wenn wir Indikatoren berücksichtigen, so wird in den meisten Fällen die für die korrekte Bezugnahme nötige Information durch die vorangegangenen Sätze des Textes bereitgestellt. Aber wie gesagt - das ist etwas abseits vom Thema.

    "Das ist ihm offenbar gelungen (ohne ein einziges Zitat in der Diss), denn er wird ja heute immernoch fleißigst zitiert und diskutiert."

    Aber das Beispiel ist mehr eine Anekdote oder? War es nicht so, daß Wittgensteins Prüfungskommission sich bemüht hat, nachzuweisen, daß der Kandidat die Voraussetzungen erfüllt, während Wittgenstein selbst weitgehend teilnahmslos nur dabei gesessen hat?

    "Solche Aussagen halte ich im Ansatz für kritisch, denn d i e Wahrheit gibt es selten - vllt auch auch nur auf dem Niveau der Grundschulmathematik."

    Ein interessanter Punkt, denn das sehe ich wiederum ganz anders - wenngleich wir damit eine neue Diskussion starten würden. Auf jeden Fall würde sich hier ein eigener post lohnen.

    "Wahrheit ist (leider) oft relativ - das lernt man m.E. vor allem, wenn man selbst unterrichtet und die Unterrichteten das Gelernte in eigenen Worten widergeben sollen."

    Auweia .... dem würde ich nie und nimmer zustimmen. Aber ich hoffe, daß wir in meinem blog bald eine Diskussion über Konstruktivismus haben. Da wird man dann solche Dinge besprechen können.

    "Geschickter ist daher m.E. möglicherweise die Formulierung "In der Wissenschaft geht es darum, Dinge zu v e r s t e h e n." "

    Nein. Das reicht nicht, um unser Vorgehen in den Wissenschaften zu beschreiben, denn zu verstehen, schützt vor Irrtum nicht.

    "Wenn es aber mehrere Modelle (Worte, Bilder...) gibt, in denen man das gleiche beschreibt, dann ist "Wahrheit" vielleicht nicht eindeutig?"

    Na ja: Wenn die Modelle sich unterscheiden, dann hält man sie alle für verschieden nützlich, aber höchstens eines für wahr. Ich sehe da gar kein Problem

    "Es gibt also nicht zu jeder Bedeutung eine bijektive Abbildung auf einen Sinn und umgekehrt."

    Das stimmt schon, aber das beschert uns doch noch lange keinen mehrdeutigen oder relativen Wahrheitsbegriff. Ich sehe da gar keinen Zusammenhang.

    "Ich glaube, dass hier die zuGuttenberg-Kritik ansetzt:"

    Ich würde das für einen von meinem post unabhängigen Punkt halten, den zu diskutieren sehr wohl lohnen würde.

    "Ich denke, dass Ehrlichkeit sehr wohl eine wichtige moralische Voraussetzung für eine wissenschaftliche Arbeit ist."

    Wie würdest du dafür argumentieren?

    Du hast eine Menge grundsätzlicher Punkte angesprochen, die nicht so ganz zentral sind für das bloggewitter. Vielleicht diskutieren wir nur die wichtigsten?

  9. Shansun Bad...very bad
    27.02.2011, 16:32

    wenn Herr zu Guttenberg zurücktritt...es muss sich was am Universitären und Schulsystem ändern! Lehrer und Profs dürfen nicht wegschauen, Zitat hierzu (2009): "Warum die Aufregung zum "Doktor", die Grauzohne der gekauften Diplomarbei...ten ist doch so hoch das ich persönlich einfach keinen Titel wiklich ernst nehme. Es ist noch schlimmer als in Paraguay wo ich her komme. Wieviel Diplomarbeiten in Lippe allein gekauft sind, indem die Professoren aus den verschiedensten Gegenden neuste Autos fuhren oder ähnliches. Das steht sonstwo. Es gibt genug Personen die sich auf Diplomarbeiten spezialisiert haben und davon leben. Das ist ja auch ein Job ... " (Helmut Schirmacher, 08.06.2009)

  10. Martin Ballaschk kein Betreff
    27.02.2011, 20:09

    Ich glaube, ich stimme dir grundsätzlich zu – Für den Erkenntnisprozess an sich ist die ganze aktuelle Aufregung ohne Bedeutung. Das langfristige „Selbstreinigungsvermögen“, die evolutive Auslese von Hypothesen durch Kritik – ich bilde mir ein, dass Popper damit recht hatte. Fälscher haben auf lange Sicht keinen Stand, weil ihre Hypothesen leicht durch die Realität widerlegt werden können.

    Aber, und das habe ich versucht, in meinem Beitrag zum Gewitter irgendwie zu durchdenken (ich bin mit dem Ergebnis nicht zufrieden, du hast das hier viel besser geschafft), ein Plagiat borgt sich nur Ideen und die müssen ja nicht falsch sein. Also: Warum ist das überhaupt wichtig?

    Ich mich Guttenbergs dreistes Abstreiten fast persönlich auf den Schlips getreten – warum darf der das? Ich muss mich als Doktorand doch auch an die Regeln halten? Die Antwort hast du oben gegeben:

    nur Krämerseelen scheren sich um die korrekte Verteilung der Ehre
    und das ist im Endeffekt irrelevant, wenn vielleicht auch demotivierend.

    Wahrscheinlich trifft hier die idealisierte, theoretische Wissenschaft und die der reale Wissenschaftsbetrieb aufeinander. Dort spielt der Erkenntnisgewinn ja auch nur eine Rolle neben der Gier nach Ruhm und Anerkennung, der Jagd nach Drittmitteln, und sich befehdenden Konkurrenzgruppen. Es werden offenbar in der Tat lediglich „Kriterien der Effizienz der Forschung“ diskutiert. Was meiner Meinung nicht unwichtig ist, institutionalisierte Wissenschaft muss ja auch funktionieren.

    In jedem Fall: Danke für diesen Beitrag. Ich muss noch etwas darüber nachdenken, danke auch dafür.

  11. Elmar Diederichs @Martin Ballaschk: Skizze
    28.02.2011, 11:47

    "Aber [... ] ein Plagiat borgt sich nur Ideen und die müssen ja nicht falsch sein. Also: Warum ist das überhaupt wichtig?"

    Ich verstehe deinen Punkt sofort. Doch die Antwort auf deine Frage liegt NICHT darin, daß kein sachlicher Grund vorliegt. Und selbst, wenn das dennoch der Fall wäre, so ist "kein sachlicher Grund" nicht dasselbe die "ein persönlicher Grund", was man dann entweder in der Person des Fälschers lokalisiert (dann fängt man an, eine ethische Frage zu diskutieren) oder in der Person des kopierten Urhebers (dann greift man vielleicht zu Konzepten wie "geistiges Eigentum", "Ehre" oder "Fairniß").

    Stattdessen - und das ist mein Punkt - gibt es einen Sinn, in dem ein Plagiat der Wissenschaft in einem sachlichen Sinne schadet. Es gibt sogar drei Varianten davon, die ich unter i), ii) und iii) aufgezählt habe.

    Und aus all meinen Unterscheidungen folgt nicht, daß ich irgendetwas an ganzen Affaire schön reden oder verharmlosen will.

    "Ich mich Guttenbergs dreistes Abstreiten fast persönlich auf den Schlips getreten – warum darf der das?"

    Du hast recht: darf er nicht. Und weder ich noch mein post streiten das ab. Stattdessen wettere ich gegen eine (im übertragenen Sinne) Färbung der öffentlichen Empörung, die der Wissenschaft zusätzlich schadet - obwohl es angesichts des Selbstreinigungsinteresses Gründe für die Vermutung gibt, daß es in der Wissenschaft sauberer zu geht als woanders in der Gesellschaft.

    "Wahrscheinlich trifft hier die idealisierte, theoretische Wissenschaft und die der reale Wissenschaftsbetrieb aufeinander. Dort spielt der Erkenntnisgewinn ja auch nur eine Rolle neben der Gier nach Ruhm und Anerkennung, der Jagd nach Drittmitteln, und sich befehdenden Konkurrenzgruppen."

    Ja, das ist ein wichtiger Punkt - den auch Anatol Stefanowitsch völlig richtig in seiner Antwort auf meinen post betont hat: Selbst wenn man weiß, wovon Wissenschaft wirklich lebt, ist noch nicht garantiert, daß sie sich von selbst in dieser Weise erhält. Dafür muß man noch einmal extra sorgen.

    ABER: Dieser Punkt - so richtig er ist - ist. m.E. nicht an dieser Stelle relevant. Relevant an dieser Stelle ist vielmehr, daß sogar der vor dir "ideal" genannte mit dem von dir "real" genannten Forschungsprozeß koinzidieren muß: Die "reale Wissenschaft" darf sich nicht damit begnügen, der "idealen" mit besten Absichten nachzueifern, denn "approximativ wahr" ist ein sinnloser Begriff. Entsprechend ist es keine Frage des Rechts, was Guttenberg gemacht hat, sondern er hat einfach nur seine und anderer Zeit und Resourcen verschwendet.

    Möglicherweise hat er das für den Titel getan und solange so ein Titel eine Ehre ist, wird es auch immer wieder solche Betrüger geben. Doch Wissenschaft ist keine Frage der Ehre. Und wer das zeigt und argumentativ stark macht, der entzieht künftigen Betrügern ihre Motivation.

    Kann man erkennen, was ich im Kopf habe? Bitte entschuldige, wenn diese komprimierten Gedanken noch nicht ganz verständlich sind. Eine ausgereiftere Version desselben Gedankengangs werde ich heute abend bei Anatol Stefanowitsch zu seinem Artikel posten, ich muß jetzt erst mal zum Vortrag.

  12. Hertha Langenberg Fuzzel
    02.03.2011, 10:20

    Also doch Zitate - und Rächtscheibfehler, über SpRache?
    "(...)ließt (...)"

    Ach, die Hochfuzzel - oder kennt jemand einen anderen, spachlich-geschichtlich, eben "ordentlichen" (noch nicht zitierten...) Ersatzbegriff für "Gänsefüßchen"? - Danke ... dem bloggenden "Sprachhirten" oder auch seinen -Schafen auf der paper-Wiese!

szmtag