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Copygate - reply to Anatol Stefanowitsch

von Elmar Diederichs, 01. März 2011, 13:15

Anatol Stefanowitsch hat sich die Mühe gemacht, meine hier im Rahmen des bloggewitters Ehrlichkeit in der Wissenschaft vertretene Position hier zu kritisieren und interessante Argumente vorgetragen, die zu zeigen beanspruchen, daß mein post an der Pointe der zu-Guttenberg-Affaire für die Wissenschaft vorbeigeht. Worüber wir uns uneinig sind, ist die Rolle von handlungsleitenden Werten in der Wissenschaft: Ich überprüfe meine Position und entwickle sie im Vergleich zu meinem ersten post ein wenig weiter.

Niemand kann heutzutage noch ein Arbeitsverhältnis mit einer Universität oder einer anderen Forschungseinrichtung eingehen, ohne bei Vertrags- unterzeichnung eine Verpflichtungserklärung über einen Katalog von Korrektheitsregeln für Verhalten in der Wissenschaft zu unterschreiben. Ist nicht damit bereits erwiesen, daß z.B. Ehrlichkeit elementarer Bestandteil jeder wissenschaftlichen Praxis ist, so daß unsere Diskussion schon damit allein zugunsten von Anatol Stefanowitsch entschieden ist? 

Wenn ich den Text von Anatol Stefanowitsch richtig ausgelegt habe, dann kritisiert er meinen post mit den folgenden Behauptungen: 

  • (1) Zwar stimmt er der Wahrheitssuche als einem wesentlichen Merkmal von Wissenschaft zu, doch hält er im Gegensatz zu mir in einem an Zeit und Ressourcen knappen, real existierenden Wissenschaftsbetrieb die Verwendung moralischer Regeln für Forscher für unumgänglich, damit die Qualität wissenschaftlicher Arbeit auf allen Zeitskalen gesichert werden kann.
  • (2) Unter der Annahme der o.g. Knappheit stuft er den in meinem post vermuteten Verzicht auf moralische Regeln in der Forschung für nachwachsende Wissenschaftler als Zumutung ein. Damit schließt er sich dem Standpunkt von Markus Dahlem in seinem post an.  
  • (3) Unter der Knappheitsbedingung ist der von ihm bemängelte Verzicht auf moralische Regeln in der Forschung eine Zumutung für dritte Ressourcengeber oder -nutzer wie z.B. den Steuerzahler oder den Wissenschaftler, der Zeit auf wissenschaftlichen Abwegen verliert: Ehrlichkeit ist bei der Wahrheitssuche ein wesentlicher Faktor.
  • (4) Das von ihm in meinem post lokalisierte Vertrauen auf die Selbstreinigungskräfte innerhalb der Wissenschaft reicht in der Praxis nicht aus, um eine ausreichende Qualität wissenschaftlicher Forschung zu gewährleisten. 

(1)-(4) genügen seiner Ansicht nach auch, um die moralische Entrüstung von Feuilletonisten und Wissenschaftlern über die Copygate-Affaire zu rechtfertigen.

Obwohl ich Anatol Stefanowitsch in wichtigen Punkten vorbehaltlos zustimme wie etwa:

  • (5) In der Wissenschaft müssen Betrüger aktiv aussortiert werden.
  • (6) Die Entrüstung über wissenschaftliche Unehrlichkeit - auch die in den Feuilletons - hilft dabei, diese Forderung nicht zu vergessen.
  • (7) Der erschlichene Doktortitel zu Guttenbergs hat die Suche nach der Wahrheit in der Wissenschaft selbst in den Schmutz gezogen.

lohnt es sich, zu widersprechen, wenn (1)-(4) herangezogen werden sollen, zum einen um via Copygate-Affaire die Sichtweise der Wissenschaft von Medien und Teilen der Gesellschaft zu rechtfertigen, und zum anderen insofern seine Argumentation ein Wissenschaftsverständnis suggeriert, daß ich überhaupt nicht teile1. Hierin und nirgendwo sonst sehe ich inhaltlich Differenzen zu seinem post.

Im Reich der Begriffe

In meinem ursprünglichen post - und damit folge ich einer Idee im post von Markus Dahlem - geht es gar nicht um die Person oder die causa zu Guttenberg. Entsprechend - denn daran haben sich schon andere blogger abgearbeitet - geht es nicht um normative Fairness- oder vielleicht auch um Gerechtigkeitsfragen. Es geht vielmehr um den Ursprung der geäußerten Empörung und das Verhältnis dieser Empörung zu bzw. ihre Folgen für die Wissenschaft. 

Dieser Gegensatz zeigt sich z.B. in der Rolle, der man Zitaten und Fußnoten zubilligt: Wer die normative Frage stellt, was ein Autor aufgrund seiner eigenen Leistung verdient hat, der sieht die Aufgabe von Fußnoten darin, Quellen offenzulegen, den Forschungsstand zu dokumentieren und die intellektuelle Leistung anderer zu achten. Entsprechend wurzelt die Empörung über die Copygate-Affaire in einem moralischen Aufstand gegen Ungerechtigkeit und Unfairness. Wer wie ich in meinem post die deskriptive Frage stellt, inwiefern ein Plagiat der Wissenschaft schadet - Martin Ballaschk hat hier darauf hingewiesen, daß das keine triviale Frage ist - der sieht die Aufgabe der Fußnoten darin, den aktiven Forschern eine sachliche Orientierung bei ihrer Arbeit zu geben.

Der entscheidende Punkt meiner Diskussion mit Anatol Stefanowitsch scheint mir darin zu bestehen, daß er der Meinung ist, daß man beide Sichtweisen irgendwie zugleich haben kann. Ich dagegen sage: "Nein, das kann man nicht.". Und genau das und nichts anderes werde ich im Rest dieses Artikels zeigen.

Fröhliche Wissenschaft

Starten wir mit (1) und (4). Dahinter steckt die Intuition, daß der in der Realität mit allerlei Beschränkungen unter Druck stehende Wissenschafts- betrieb nicht von allein und wie von Geisterhand gelenkt, sich der wahren Sicht der Wirklichkeit annähert, sondern man um jeden Fortschritt zäh und geduldig ringen muß. Und wenn da jemand dazwischen funkt, z.B. Meßdaten erfindet oder Arbeiten anderer Autoren unterschlägt, dann ist das ein zusätzliches Problem.

  • Das stimmt. Und wie könnte diese Aussage auf langen Zeitskalen falsch sein, wenn sie unabhängig vom Selbstreinigungsinteresse in der Wissenschaft auf kurzen Zeitskalen stimmt?

Doch selbst, wenn das geklärt ist, hat das noch nichts mit Ehrlichkeit im normativen Sinne zu tun: ein Forscher, der z.B. Meßdaten erfindet, um Behauptungen zu stützen, ist nicht unehrlich in der Forschung, sondern er tut etwas anderes als zu forschen, denn diese Unehrlichkeit macht sich nicht in der Forschung - verstanden als Wahrheitssuche - bezahlt, sondern nur im real existierenden Wissenschaftsbetrieb mit seinem Wettbewerb um Forschungsgelder, gesellschaftlichen Ehrungen und Vorteile, die eine im Geiste noch immer aristokratische Gesellschaft berühmten oder wenigstens populären Wissenschaftlern bereit ist, zuzugestehen.

  • Was hier gemacht wird, ist nichts anderes, als die Identität einer Handlung mit Hilfe ihrer Folgen festzulegen - eine Sache, die aufzuklären ich in meinen vorangegangen posts viel Mühe gehabt habe2.

Folgt daraus, daß Ehrlichkeit - wenn schon nur notwendige Bedingung der Existenz von Wissenschaft, nicht aber ihr Bestandteil - dann wenigstens Bestandteil des real existierenden Wissenschaftsbetriebes ist?

Wenn wir den normativen Sinn von Ehrlichkeit, den des persönlichen Verdienthabens im Rahmen der Verteilungskämpfe um Ressourcen im Auge haben: Ja.

Wenn wir den deskriptiven Sinn von Ehrlichkeit im Rahmen der Verteilungskämpfe um Ressourcen betrachten: Nein.

Denn sowohl für Wissenschaft und erst recht für den Wissenschaftsbetrieb ist es charakteristisch, daß Projekte fehlschlagen - obwohl das niemand gerne zugibt. Failure - und zwar nicht, weil nicht akkurat nach bewährten Methoden und korrekt, wie man das gelernt hat und wie sich das gehört, die Sache zusammengeklempnert wurde, sondern weil Probleme zu knacken sind, die alles andere als banal, simpel, offensichtlich und für jeden einsichtig sind, so daß man diese Fehlschläge schlicht und einfach benötigt, um aus ihrer Analyse zu lernen, wie der Hase wirklich läuft. Auf großen Zeitskalen geben wir das gerne zu und sagen z.B.: "Die Geschichte der Physik ist eine Folge grandioser Irrtümer.". Auf kleinen Zeitskalen sind wir da sehr viel bescheidener. Samuel Beckett hat es einmal so ausgedrückt: 

  • Ever tried, ever failed, no matter.
    Try again, fail again, fail better.

Und genau diese Ehrlichkeit von Forschern wird im Rahmen des real existierenden Wissenschaftsbetriebes bestraft. Als Wissenschafter von fehlgeschlagenen Projekten zu reden, ist geradezu ein Tabubruch, der unerbittlich mit dem Entzug der Forschungsmittel bestraft wird.

Wissenschaft ist keine bezahlte Dienstleistung

Was wir daraus lernen, ist folgendes: Der real existierende Wissenschafts- betrieb fordert von Wissenschaftlern Offenheit, Transparenz und Ehrlichkeit, weil es in ihm um die personengebundene Verteilung von Forschungs- ressourcen geht. Anatol Stefanowitsch hat das sehr gut herausgearbeitet. In diesem Sinne ist Ehrlichkeit Bestandteil des real existierenden Wissenschaftsbetriebes. Und weil es dabei nicht um Wahrheit geht, lohnt sich gelegentlich auch persönliche Unehrlichkeit. Andernfalls gäbe es keine Plagiatoren.

  • (8) Nach meinen Verständnis fühlen sich viele Nachwuchs- wissenschaftler, die sich den bedrückenden Bedingungen des real existierenden Wissenschaftsbetriebes beugen, durch Leute, die persönliche Vorteile einstreichen, weil sie diese Bedingungen durch Unehrlichkeit umgehen, verarscht. Das ist (2).
  • (9) Ganz ähnlich beurteile ich die Empörung in den feuilletons und Teilen der Gesellschaft: Ihre Quellen reichen vom Neid auf die erschlichenen Vorteile bis zum Ärger über die Verantwortungslosigkeit z.B. im Umgang mit den finanziellen Ressourcen der Steuerzahler. Das ist (3).

Damit bleibt noch die Frage zu beantworten, warum man den normativen Sinn von Ehrlichkeit im real existierenden Wissenschaftsbetrieb mit dem deskriptiven Sinn von Ehrlichkeit, der eine Existenzbedingung des Wissenschaftsfortschritts ist, nicht vereinbaren kann. Meine Begründung dafür sieht so aus:

  • (10) Ressourcenintensive Fehlschläge und ihre Analyse sind DER Königsweg zur Beschaffung von Informationen über ein Problem oder einen Zusammenhang. Wenn wir aber wissenschaftliche Leistung nur in Erfolgen oder Vorteilen für den nicht mit Wissenschaft beschäftigten Teil der Gesellschaft messen, dann untergraben wir genau den Weg, dessen Ziel wir vorgeben, anzustreben. Präzise in diesem Sinne ist die ganze Diskussion über die Copygate-Affaire verlogen. 
  • (11) Wissenschaft ist keine Dienstleistung, die gekauft wird, und Wissenschaftler können billigerweise keine Garantien übernehmen für etwas, von dem noch niemand auf der Welt etwas weiß. Wenn wir aber Forschungspläne verlangen und wissenschaftliche Quartals- ergebnisse einfordern, dann tun wir so, als würde es sich um ein Handwerk mit festen Methoden und Traditionen handeln, an das wir bezahlte Aufträge zu vergeben haben. Und im Kern ist das genau die Einstellung, die eine Gesellschaft demonstriert, wenn sie den klügsten Köpfen ihrer Nation die finanzielle Anerkennung von kleinen Verwaltungsangestellten zukommen läßt, während sie sich selbst als Volk der Dichter und Denker feiert. Präzise in diesem Sinne ist die gesellschaftliche Empörung über die Copygate-Affaire verlogen.

Stattdessen ist die pekuniäre Verwertung eines wissenschaftlichen Resultats ein Maß für die Rückständigkeit der restlichen Gesellschaft und es ist jedes Mal ein Meilenstein in der Wissenschaft, wenn wir erkennen, daß jedes Problem seine individuelle Strategie braucht, um verstanden und gelöst werden zu können. Schöne Beispiele dafür sind die Theorie der wissenschaftlichen Erklärung und die Frage der Mathematisierung der Wissenschaften: Wissenschaft darf niemals normative Elemente enthalten, wenn sie sich nicht selbst lächerlich machen will. Allein Gründe und niemals Werte können etwas mit Wahrheitssuche zu tun haben. Werte sind z.B. was für Religionen, die Wissenschaft kennt weder "gut" noch "böse".

 

1 Wir sind in diesen grundsätzlichen Fragen schon einmal aneinander geraten und zwar anläßlich des Bloggewitters Mathematik, Sprache, Wissenschaft. 

2 Damit sind posts aus der blog-Kategorie Actions and Identity gemeint.





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Kommentare

  1. Dierk kein Betreff
    01.03.2011, 13:38

    Kürzer heißt das doch nichts weiter als

    a) Der einzelne Wissenschaftler ist blöd, ehrlich zu sein; soll lügen, um voranzukommen.

    b) Der Rest der Gemeinde muss aus purem Eigennutz auch lügen, gleichzeitig aber zusehen, die anderen der Lüge zu überführen.

    => Wissenschaft als Institution basiert auf eitlem Egoismus.

    Das mag sogar stimmen, ist aber so tief in der Psychologie des Einzelnen versteckt, dass es praktisch keine Rolle spielt. Natürlich ist es der Realität [im aristotelischen Sinne] schietegal, ob irgendein Heini bzw. eine Henriette sich Daten aus den Fingern saugt oder anderer Menschen Arbeit frech als die eigene ausgibt. Die Fakten ändern sich nicht, werden [vielleicht] später korrekt beobachtet und wiedergegeben.

    Damit wäre der Wissenschaft als Abtraktum tatsächlich kein Schaden entstanden - sofern wir 'Wissenschaft' gleichsetzen mit 'zu erkennender Realität'. Allerdings werfen solche Betrügereien die Erkenntnis möglicherweise um Jahre zurück, ich denke da z.B. an die Intelligenz- und Zwillingsforschung nach Cyril Burt.

    PS: Wieso in der Überschrift den Namen korrekt, nachher aber konsequent falsch?

  2. Elmar Diederichs @Dierk: Wie kommst du darauf?
    01.03.2011, 13:53

    "Kürzer heißt das doch nichts weiter als

    a) Der einzelne Wissenschaftler ist blöd, ehrlich zu sein; soll lügen, um voranzukommen.

    b) Der Rest der Gemeinde muss aus purem Eigennutz auch lügen, gleichzeitig aber zusehen, die anderen der Lüge zu überführen.

    => Wissenschaft als Institution basiert auf eitlem Egoismus."

    Diese Zusammenfassung hat mit meinem post wirklich gar nichts zu tun:

    Das Thema, daß du bei deinem Kommentar im Kopf hast, sind die Versuchungen, mit denen ein Wissenschaftler konfrontiert wird, wenn der vom real existierenden Wissenschaftsbetrieb durchgemahlen wird. Damit kann man sich beschäftigen und das ist sicher auch interessant.

    Das Thema, daß ich im Kopf habe ist, die Rolle von Werten für Wissenschaftsbetrieb und Wisssenschaft. Verstehst du den Unterschied?

    "Allerdings werfen solche Betrügereien die Erkenntnis möglicherweise um Jahre zurück, ich denke da z.B. an die Intelligenz- und Zwillingsforschung nach Cyril Burt."

    Dieser Hinweis nimmt an, daß Wissenschaft ein kollektiver Prozeß ist, der zwei Merkmale hat:

    i) er konvergiert
    ii) er konvergiert in irgendeinem Sinne gegen die Realität.

    Mein post ist unabhängig von diesen Annahmen und ich halte sie auch für falsch. Wenn du also ein neues Thema anfangen willst, dann muß das für unsere Diskussion nützen und so schwerwiegende Behauptungen müssen begründet werden.

    "PS: Wieso in der Überschrift den Namen korrekt, nachher aber konsequent falsch?"

    Martin Huhn hat mich auf diesen Copy-und-Paste-Fehler bereits aufmerksam gemacht - ist schon korrigiert.

    Braucht sonst noch einer eine witzige Bemerkung?

  3. Michael Blume @Elmar
    01.03.2011, 14:31

    Du schriebst: Der real existierende Wissenschaftsbetrieb fordert von Wissenschaftlern Offenheit, Transparenz und Ehrlichkeit, weil es in ihm um die personengebundene Verteilung von Forschungsresourcen geht.

    Erlaube mir hier einen Einspruch: Der real existierende Wissenschaftsbetrieb erhält doch diese Resourcen nur, "weil" er Versprechen von wahren (!) und ggf. auch nützlichen Erkenntnissen macht. Sonst würde der Rest der Gesellschaft ihn gar nicht finanzieren wollen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die dieses Prinzip unterlaufen, schaden also nicht nur dem Ansehen, sondern tatsächlich den Grundlagen der Wissenschaft.

    Möglicher-, ja wahrscheinlicherweise gelangen wir auch über Wissenschaft immer nur zu Annäherungen an Wahrheit. Würde aber dieser Anspruch aufgegeben, dann bräuchte es sie auch gar nicht mehr.

  4. Elmar Diederichs @Michael Blume: Betet um Marktwirtschaft
    01.03.2011, 14:43

    "Der real existierende Wissenschaftsbetrieb erhält doch diese Resourcen nur, weil er Versprechen von wahren (!) und ggf. auch nützlichen Erkenntnissen macht. Sonst würde der Rest der Gesellschaft ihn gar nicht finanzieren wollen."

    Richtig. Aber daraus folgt nicht:

    "Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die dieses Prinzip unterlaufen, schaden also nicht nur dem Ansehen, sondern tatsächlich den Grundlagen der Wissenschaft."

    Denn unsere Wirtschaft und Gesellschaft könnte auch so organisiert sein, daß Konzepte wie Profit oder Investition vollkommen nebensächlich sind. Dann würde sich der Forschungsbetrieb ändern, aber nicht unser Konzept von Wissenschaft.

  5. Stephan Schleim Gründe und Werte
    01.03.2011, 16:17
    Wissenschaft darf niemals normative Elemente enthalten, wenn sie sich nicht selbst lächerlich machen will. (II) Allein Gründe und niemals Werte können etwas mit Wahrheitssuche zu tun haben.

    Ist (II) nicht ein Wert? :-)

    Schon dem kritischen Rationalisten war bewusst, dass er mindestens eine Meta-Überzeugung braucht, die sich nicht wiederum kritisch-rationalistisch rechtfertigen lässt.

  6. Elmar Diederichs @Stephan: normativ - deskriptiv
    01.03.2011, 16:36

    >Ist (II) nicht ein Wert? :-)

    Ich denke nicht: Solange man die Tatsache ernst nimmt, daß Normen/Werte nicht aus Beschreibungen werden abgeleitet können, muß man sich nur fragen, auf welcher Seite man mit seiner Behauptung gerade steht.

  7. Michael Blume @Elmar
    01.03.2011, 16:54

    Du schriebst: Denn unsere Wirtschaft und Gesellschaft könnte auch so organisiert sein, daß Konzepte wie Profit oder Investition vollkommen nebensächlich sind. Dann würde sich der Forschungsbetrieb ändern, aber nicht unser Konzept von Wissenschaft.

    Genau das halte ich für eine leider utopische Hoffnung ohne jede empirische Basis. Denn wir kennen keine menschliche Gesellschaft, die das auch nur wenige Generationen hindurch vermocht hätte. Wo es versucht wurde (z.B. in sozialistischen Systemen), waren die Folgen furchtbar. Und wenn sich aus der Geschichtswissenschaft wohl keine Normen ableiten lassen, dann aber wohl doch Wahrscheinlichkeiten... ;-)

  8. Elmar Diederichs @Michael Blume: unser Thema
    01.03.2011, 17:07

    "Genau das halte ich für eine leider utopische Hoffnung ohne jede empirische Basis."

    Zugegeben. Aber wir wollen doch nicht Wahrscheinlichkeiten von Utopien betrachten, sondern begriffliche Konsequenzen sichtbar machen, indem wir exotische Beispiele konsultieren. Wir haben also eine ganz andere Aufgabe.

  9. Dierk kein Betreff
    01.03.2011, 17:18

    Womöglich verstehe ich das besser als du. Ohnehin verstehe meinen Kommentar weniger als Angriff denn als Frage, aber ich gebe zu, dass ich gerne etwas aggressiv frage.

    Wissenschaft wird von Wissenschaftler gemacht, unabhängig davon, welche meiner im Post genannten Definitionen wir annehmen. Ich denke soweit gehen wir konform. Danach wird es schwierig ... Du unterscheidest zwischen Wissenschaftsbetrieb und Wissenschaft, bist aber mit meinen Definitionsansätzen nicht einverstanden, also im wesentlichen der Trennung zwischen dem Abstraktum [Anatol schrieb vom 'idealisierten Prozess'] und dem, was praktisch getan wird. Nur, was ist denn dann der Unterschied zwischen dem Betrieb und der Wissenschaft?

    Was deine Antwort auf mein Beispiel angeht, habe ich den Eindruck, dass wir beide wohl diametralen Lagern angehören, die sich seit der Antike fröhlich beharken.

    Noch zu den Werten und wieweit die in die Wissenschaft gehören, da ich dich offenbar bisher falsch verstanden habe, versuch's mir doch mal zu erklären. Wo kommen die Werte her, wenn nicht von denen, die Wissenschaft ausüben? Was ist deiner Ansicht nach Wissenschaft, wenn sie nicht eine tatsächliche Realität beschreibt [bisher nicht vollständig, womöglich nie vollständig, aber doch 'konvergierend', wie du schreibst]?

  10. Elmar Diederichs Dierk: Gucken wir mal
    01.03.2011, 17:32

    >Womöglich verstehe ich das besser als du.

    Möglicherweise. :-)

    "Wissenschaft wird von Wissenschaftler gemacht"

    Nein. Das ist insofern falsch, als er nicht einfach machen kann, was will. Wissenschaft ist nicht einfach definierbar als Produkt der Verrichtungen der Wissenschaftler.

    "Du unterscheidest zwischen Wissenschaftsbetrieb und Wissenschaft"

    Ja, das scheint mir unumgänglich zu sein: Nicht umsonst sind die begabten Kinder in der Spitze der Forschung auf dem Rückzug, die verdrängt werden von den BWLer-Typen im Anzug, die nach einem smarten powerpoint-Vortrag beim Sektchen darüber parlieren, was man so mal andenken könnte.

    "bist aber mit meinen Definitionsansätzen nicht einverstanden, also im wesentlichen der Trennung zwischen dem Abstraktum [Anatol schrieb vom 'idealisierten Prozess'] und dem, was praktisch getan wird."

    Mit deinen nicht. Mit Anatols schon.

    "Nur, was ist denn dann der Unterschied zwischen dem Betrieb und der Wissenschaft?"

    Das erste ist ein Verteilungskampf, das zweite die Suche nach der Wahrheit - lax gesprochen.

    "Noch zu den Werten und wieweit die in die Wissenschaft gehören"

    Nach meiner Meinung gar nicht. Werte sagen dir, was du typischerweise tun sollst, z.B. treu sein. In der Wissenschaft ist so ein Verhalten Quatsch.

    "Was ist deiner Ansicht nach Wissenschaft, wenn sie nicht eine tatsächliche Realität beschreibt [bisher nicht vollständig, womöglich nie vollständig, aber doch 'konvergierend', wie du schreibst]?"

    Zum einen schrieb ich gerade, daß ich NICHT der Meinung bin, daß Wissenschaft als Prozeß angesehen werden kann, der gegen irgendwas konvergiert.
    Zum anderen ist die Frage, inwiefern und was Wissenschaft abbildet und in diesem Sinne realistisch verstanden werden kann, eine völlig andere Diskussion, die mit der Frage der absichtlichen Fälschung, die wir im bloggewitter Thema ist, nichts zu tun hat.

  11. Stephan Schleim @ Elmar
    01.03.2011, 18:24

    Dann ist (II) aber mindestens einer Begründung bedürftig; ich denke, an einer bestimmten Stelle musst du ein Werturteil fällen, was als "wahrheitsfördernde" Quelle angesehen werden kann und was nicht.

    Ich sage ja nicht unbedingt, dass das schlimm ist; ich glaube nur nicht, dass es 100% wertfrei geht.

  12. Elmar Diederichs Stephan: Nützlichkeit?
    01.03.2011, 18:37

    "Dann ist (II) aber mindestens einer Begründung bedürftig; ich denke, an einer bestimmten Stelle musst du ein Werturteil fällen, was als "wahrheitsfördernde" Quelle angesehen werden kann und was nicht."

    Na ja: Vorausgesetzt wird hier natürlich, daß wertkonformes Verhalten nicht unbedingt der Wahrheit förderlich ist und daß eine Minimalexplikation von Wissenschaft gerade die Wahrheitssuche ist. Ersteres ist in der Philosophie gemacht worden, so daß ein Zitat ausreicht. Und in die Minimaldefinition von Wissenschaft spielen natürlich viele Überlegungen rein - vielleicht auch normative.

    Aber ist die ganze Argumentation deshalb zirkulär?

  13. Dierk kein Betreff
    01.03.2011, 19:42
    Zum einen schrieb ich gerade, daß ich NICHT der Meinung bin, daß Wissenschaft als Prozeß angesehen werden kann, der gegen irgendwas konvergiert.

    Ja eben, ICH gehe von solch einer Konvergenz aus.

    Ich hatte gerade angefangen und wollte das Thema eingeschränkt aufgreifen, ohne tiefere Überlegungen zu den Definitionen. Es gelingt mir nicht, da du diverse Annahmen voraussetzt, wie z.B. die Frage, was denn 'Wissenschaft' eigentlich ist. Versuchen wir es mal so:

    Die Aufregung um das Plagiat hat ohne Zweifel zwei Quellen, eine davon ist Neid/Eifersucht ['Wenn der, warum ich nicht.']. Diese scheint mir aber vernachlässigenswert und im Grunde auch völlig uninteressant, da sie keinerlei normative Kraft hat. Ich bin recht fest davon überzeugt, dass unsere ungeschriebenen und geschriebenen Regeln nicht auf Neid beruhen.

    Es müssen also doch irgendwie allgemein anerkannte Werte sich eingeschlichen haben. Ohne eine Definition von 'Wissenschaft' ist es allerdings nur schwer sich klar auszudrücken. Bezogen auf das, was ich Abstraktum nannte, kann ich dir voll zustimmen, da gibt es keine inhärenten Werte außer der Wahrheit [falls du anerkennen kannst, dass es eine und nur eine gibt].

    Wie auch sonst in der Gesellschaft kommen Werte nicht aus einem Vakuum, sie sind einem Gegenstand nicht eingegeben. Werte werden von Menschen geschaffen, um das Zusammenleben möglich, erträglich und sinnvoll zu gestalten. Im Wissenschaftsbetrieb ist das nicht anders - mit Ausnahme vielleicht der Begründung. Die Spezifika, was moralisch gerechtfertigt ist und was nicht, ändern sich, das bedeutet aber nicht, dass es keine Ethik gibt oder dass eine Einforderung moralischer Prinzipien unzulässig sei.

    So ganz klar ist mir deine Position zum aktuellen Fall noch nicht. Wie kann das, was Herr G. getan hat, deiner Meinung nach eingeordnet werden? Was hat er getan, wie ist es zu bewerten? Wie sollen [angehende] Wissenschaftler in Zukunft handeln? Ist es in Ordnung, sich um akzeptierte Regeln rumzumogeln? Welche Regeln sollen sie einhalten?

    Um das mal pragmatisch anzugehen, nicht nur epistemologisch.

  14. Elmar Diederichs Dierk: ganz klar
    01.03.2011, 20:07

    >Wie kann das, was Herr G. getan hat,
    >deiner Meinung nach eingeordnet werden?

    Gutti ist ein Betrüger - und wie die meisten Konservativen neigt er zur Doppelmoral (siehe seine Rücktrittserklärung).

    >Wie sollen [angehende] Wissenschaftler
    >in Zukunft handeln?

    Wirklich Wissenschaftler sein und sich auf ihrer Suche nach Wissen durch nichts korrumpieren lassen.

    >Ist es in Ordnung, sich um akzeptierte
    >Regeln rumzumogeln?

    Kommt drauf an, welche Regeln das sind. Um die Regel, meine Kanzlerin um Erlaubnis zu fragen, welche Frage ich untersuchen darf, würde ich mich auf jeden Fall einen Scheiß kümmern.

    >Welche Regeln sollen sie einhalten?

    Mein Gott - merkst du nicht, daß ich auf diese moralisierende Diskussion vom erhobenen Zeigefinger keine Lust habe? Es gibt genug andere blogger, die das spannend finden, aber ich hab echt keine Zeit für ein Thema, daß seit Wochen nur noch unter dem Begriff "plain sailing" rangieren kann.

  15. Dierk kein Betreff
    01.03.2011, 21:02
    diese moralisierende Diskussion vom erhobenen Zeigefinger keine Lust habe

    Ich merke, dass du keine Lust hast, deine Meinung auch nur halbwegs nachvollziehbar zu machen. Meine Frage - und es wundert mich, dass ein studierter Philosoph das nicht merkt - nicht moralisierend gemeint. Außer natürlich du siehst jede Form von Diskussion über Ethik [der philosophischen Disziplin!] als Zeigefinger-Diskussion.

    Egal, ich wollte einfach nur verstehen, was du eigentlich willst. Ich bin zu dumm dazu. OK, kann ich mit leben.

  16. Michael Khan @Dierk
    02.03.2011, 10:56
    Egal, ich wollte einfach nur verstehen, was du eigentlich willst. Ich bin zu dumm dazu.

    Willkommen im Club!

  17. Elmar Diederichs @Michael Khan: Auch du?
    02.03.2011, 11:19

    Du verstehst auch nicht, was ich eigentlich will? Ok, da es kein Einzelfall zu sein scheint: Was habe ich denn übersehen, klar zu machen?

  18. Stephan Fröhder Anatol, "Das Ende..." 22.6.2011
    26.06.2011, 00:27

    Studium und Studienabschlüsse (Politik/Friedensforschung, Literatur, Erzwiss.) liegen in meiner Biografie schon ein wenig zurück. Dennoch sind die Standards und Leitideen der Universität für mein berufliches und persönliches Handeln nach wie vor bedeutend. Was Ihr Kollege zum Thema Plagiat und Protest schreibt, stimmt mich als Akademiker zunehmend ärgerlich: Ein durchaus sehr inhumane Einstellung, die mich - auch als Goethe-fan - äußerst befremdet. Wer erklärt Herrn Stefanowitsch, was Ethik, Moral und Recht - in der Wissenschaft/ Universität - wirklich sind? ...

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