Life Sciences - reach out or roll back?
Life sciences wie z.B. Biochemie, Molekularbiologie, Life Science Engineering, Medizin, Biophysik oder Bioinformatik sind für Mathematiker schon seit Jahren ein Eldorado für oft tief in angewandte Wissenschaften hineinreichende Projekte, in denen sich ganz praktische Fragestellung unseres Lebens mit aktuellen, mathematische Grundlagenforschung berührenden Methoden beackern lassen. Doch für Human- und Sozialwissenschaften sind die mit diesem Aufschwung der life sciences verbundenen Erklärungs- und Deutungsansprüche durch die in diesem Zusammenhang neu aufgetauchten Rätsel meist eine Bedrohung, vor der sie nicht selten hilflos zurückweichen. Zu Recht richten sich daher im Moment alle Augen auf die professionellen Rätsellöser unserer Wissenschaft: die Philosophen. Und einige unter ihnen wie z.B. Richard Dawkins, Daniel Dennett, Stephen Pinker oder Wolf Singer haben sich ja auch bereits dieser Herausforderung auf jeweils ihre Weise gestellt.
Life Science-Dämmerung
Jüngst aufgetauchtes, neues Wissen in den life sciences erlaubt es uns plötzlich, die semantischen Steinbrüche, aus denen sich diejenigen Konzeptualisierungen speisen, mit denen wir die sozialen Kooperationen unseres Lebens abstützen, mit bisher ungetesteten Spektralfarben auszuleuchten.
Natürlich ist es nicht das erste Mal, daß das passiert: als die Fraktale hochschäumten oder das deterministische Chaos losbrach, gab es je schon einmal die Vermutung, nun könnten für unser Sicht auf die Welt neue Zeiten anbrechen. Doch letztlich war ihre Wirkung begrenzt. Das Phänomen der life sciences hingegen verhält sich wie ein schwelender Flächenbrand: Das Thema Spiegelneurone z.B. - obwohl von Philosophen längst entschärft - frißt sich ungebremst durch alle Fachbereiche. Doch natürlich gibt es darüberhinaus ein Sammelsurium von weiteren Fragen in entsprechend metaphorischer Ausdrucksweise, für die wir hier nur wenige Beispiele anführen können:
- (1) Kann man neurophysiologische Repräsentationen z.B. von Schuldunfähigkeit, des Eigentumsbegriffes oder des freien Willens nachweisen?
- (2) Ist die empfundene Schönheit von symmetrischen Gesichtern ein spin-up des evolutionären features, daß Krankheiten oft lokale Veränderungen im Körper nach sich ziehen? Können wir eigentlich einen anderen Typ von Erklärung für über Jahrhunderte und verschiedene Kulturen invariante ästethische Präferenzen geben?
- (3) Ist romantische Liebe nur eine Sache der Konzentrationen von Molekülen zur richtigen Zeit und so prosaisch, vorhersehbar und langweilig wie ein Kochrezept? Und wenn es so ist, wovon schreibt z.B. Shakespeare eigentlich? Und weshalb finden wir seine Gedichte oder Theaterstücke trotz allem fesselnd und aufregend?
- (4) Gründet sich unser Verständnis des Wahrheitsbegriffes auf evolutionären Erfolg? Und müssen wir - wenn es so ist - daraus schließen, daß z.B. Religionen eine evolutionäre Rolle spielen? Welche?
- (5) Wird es in 50 Jahren überhaupt noch Psychologen geben - die ja bereits mit einem Selbstverständnis zwischen Natur- und Geisteswissnschaft ringen - oder werden wir dann bereits Ärzte haben, die unsere Psychosen oder Schizophrenien von jeglichen literarischen Ränken befreit und in Abhängigkeit vom Inhalt dieser Wahnvorstellungen unseren genetischen Code zusammen mit unserer individuellen Hirnchemie in ein über Nacht von Supercomputern errechnetes Molekül übersetzt haben, das uns von jeglichem Wahn befreit?
- (6) Wird eine Dominanz der life sciences in 50 Jahren bedeuten, daß wir keine Pubertät mehr haben, nicht erwachsen werden müssen, noch z.B. lernen müssen, Frustrationen zu ertragen? Daß wir nicht mehr lernen müssen, uns zu verlieben und nur noch einem gewünschten Medikationsplan zu folgen brauchen? Und wenn es so kommt, wie werden die Belletristik und verschiedenen Kunstformen darauf reagieren?
- (7) Es könnte in einer ganz von den life sciences dominierten Zukunft ganz neue Typen von Straftaten geben und wie werden Richter ihre Strafmaße finden können, wenn wir die Verantwortung für unserer Tun den Molekülen überlassen? Wird sich Justiz noch schuldabhängige Strafzumessungskriterien leisten können?
- (8) Wie werden wir in einer von den life sciences dominierten Zukunft mit historischen Fehlern umgehen? Was würde z.B. passieren, wenn wir merken würden, daß das Patriachat keine moralische, sondern nur eine biomolekulare oder evolutionäre Angelegenheit ist? Wie werden wir dann mit Männern umgehen und vor allem: mit den feministischen Täterinnen?
Es ist klar, daß man solche Fragen ganz verschieden beantworten kann: Wer z.B. annimmt, daß Evolution konzeptionell nicht mehr als eine stochastische, lokale Optimierung ist, wird anders argumentieren als diejenigen, für die Emergenz ein ernstzunehmendes ontologisches Phänomen darstellt.
Und damit deutet sich bereits das Vertrackte solcher Diskussionen an: Diejenigen Phänomene, die von den life sciences betrachtet werden, sind in ihrer Beschreibung an vielen Stellen bereits von Hypothesen abhängig, die von den life science-Erklärungen selbst nicht gerechtfertigt und auch nicht getestet werden und nur diejenige Sichtweise wird letztlich bestehen, die diese Art von Zirkularität strikt vermeidet. Nur wer argumentiert in diesem nebeligen Gebiet schon entsprechend sauber und versucht nach Kräften, Fehlinterpretationen experimenteller Befunde zu vermeiden?
Deutungsmacht durch Erklärung
Erfolgreiche Theorien leisten oft eine Vereinheitlichung von Erklärungen für bisher vereinzelte Phänomene und insofern appellieren life science-Erklärungen massiv an unsere epistemischen Intuitionen. Die dabei offen vorgetragene, naturalistische Mission der life sciences aber ist wie immer Dynamit in den Bunkerstellungen der etablierten Sozialwissenschaften und auch analytische Philosophen wie z.B. Maxwell R. Bennett oder Peter M. Hacker werden hier skeptisch.
- Was wir daher wissen wollen, ist: Wie kommen z.B. neurophysiologische Erklärungen zu ihrem Status als epistemische Metatheorie, zu ihrem Geruch von Letztbegründung? Was verschafft in den life sciences geborenen Erklärungen eigentlich ihre epistemische Autorität? Ist es wirklich ihr harter, analytischer Kern oder verbergen sich in ihm - sollte er existieren - Enttäuschungen von hergebrachten Utopien oder - noch schlimmer - in der Präsupposition dichotomischer Großkonflikte gekapselte Unwissenheit von den wahren Zusammenhängen dieser Welt?
Die neuen Ansprüche der life sciences sind daher ein Spielplatz für Analytiker jedweder couleur und ich halte es für unerträglich optimistisch, zu glauben, man könnte die Sache den Fachwissenschaftlern überlassen. Denn diese Fachwissenschaftler gibt es einfach nicht. Es gäbe sie und vielleicht wären sie unter den etablierten Wissenschaftlern sogar eine neue Spezies, wenn all diese Fragen wie z.B. unter (1) - (8), die wir hier angeschnitten haben, geklärt wären. Im Moment sind sie es aber nicht und die in den kommenden Tagen veröffentlichten posts dieses bloggewitters zur Zukunft und Reichweite des biowissenschaftlichen Erklärungsparadigmas wollen die schlafenden Geister durch Diskussionen aufscheuchen, damit wir es nicht dem Zufall überlassen, wie unsere Zukunft letztlich aussieht.
The Rules of the Game
Gastbeiträge anderer Autoren sind - wie immer - jeder Zeit willkommen und können zusammen mit der üblichen biographischen Information an mich oder an die beteiligten Blogger weitergeleitet werden. Wir werden sie dann in denjenigen blogs veröffentlichen, zu denen sie thematisch am Besten passen. Gastautoren werden immer am Ende ihrer Beiträge persönlich vorgstellt.
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Ihr Beitrag zeigt eine Seite der Life siences, die erschreckend einengend sind. Also versuche ich zu rebellieren, nach der Devise: wo aber Gefahr ist, waechst das Rettende auch.
Einmal finde ich Rettung vor der spezifischen Einengung durch die Erklaerung, das schoene und darum symmetrische Gesicht sei das Resultat einer evolutionaeren anti-Krankheits-Strategie ... bei den Blumen.
Nehmen wir eine Sonnenblume. Dieser wird sicher über Jahrhunderte und in verschiedenen Kulturen eine invariante ästethische Präferenz gegeben. Die menschlichen Betrachter einer Sonnenblume sind ja keine Bienen. Der Nahrungsnutzen koennte also als Erklaerung, warum die Sonnenblume das Erlebnis von Schoenheit ausloest, wegfallen. Und wenn die Life scientists in ihrem Streben nach Deutungshoheit auf dem Naehrwert der Sonnenblumenkerne bestehen, es gibt ja viele Blumen die von nuetzlichen Eigenschaften frei sind und trotzdem ein Schoenheitserleben ausloesen.
Zugegeben: Erklaerungen fuer die Empfindung von Schoenheit bei der Betrachtung von Gesichtern sind komplexer und die erotische Komponente macht das sicherlich nicht einfacher.
Bitte bedenken Sie, daß ich in diesem post nur mögliche Fragen aufwerfe, nicht aber versuche, hier irgendeine von ihnen zu beantworten.