Florian Holsboer, Philip K. Dick und die Pharmakologie der Seele
Hochtrabender Titel, zugegeben. Aber in einem sehr interessanten Interview für das Wochenblatt „Der Spiegel“(1), gab Herr Professor Florian Holsboer, ein renommierter Hirnforscher und Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychatrie in München, einer breiteren Öffentlichkeit aber eher als behandelnder Arzt des talentierten ehemaligen Bayern München Profi-Fussballers Sebastian Deisler bekannt, ein fundiertes Plädoyer für die rationale Betrachtung der Psyche, einschließlich dessen, was man Seele und Bewusstsein nennt, ab.
Ich sollte jetzt vielleicht noch die Personalie Phillip K. Dick beleuchten. Heute als Vorlagengeber für Kino-Blockbuster wie „Blade Runner“ (mit Harrison Ford), „Total Recall“(mit Arnold Schwarzenegger), „ Minority Report“ (mit Tom Cruise), „Paycheck“ (mit Ben Affleck und Uma Thurman), „A Scanner darkly“ (mit Keanu Reeves) und so weiter bekannt, war dieser Science-Fiction-Autor in seiner Hauptschaffenszeit schwer Medikamentenabhängig, und konnte sich nur Dank dieser arbeitfähig genug halten, um seine Rechnungen bezahlen zu können. In einigen Dick`schen Romanen taucht das Motiv „Psychoanalyse gegen Psychopharmaka“ auf und zwar meistens dergestalt, dass der Protagonist (bei Dick meist ein „Antiheld“) eine Analyse will, aber keinen Psychotherapeuten findet, weil es keine mehr gibt, denn alles kann ja mit Psychopharmaka behandelt und „geheilt“ werden.
Genau dieser Konflikt, Psychoanalyse (schwere Kindheit, Traumata) gegen „Happypills“ und Genmanipulation kumuliert im Holsboer-Interview zu einer Art Showdown, in dem der Interviewer den Standpunkt des Freudianers annimmt und Holsboer versucht klarzustellen, das letztlich alles an Psyche/Seele und Bewusstsein auf materielle Vorgänge zurückzuführen ist.
Hinter dieser seitens des Spiegel-Interviewers verbissen geführten Debatte steht meiner Ansicht nach die Sehnsucht nach dem Unbegreiflichem auf der einen Seite und die nach Verstehen auf Seiten des Wissenschaftlers, beides nachvollziehbare und menschliche Motive.
Wie bekommen wir das Ganze nun zusammen? Statt einer Antwort (die auch ich nicht habe) erzähle ich mal, was mit Philip K. Dick später passierte. Als er durch seinen Medikamentenmissbrauch als Künstler und Mensch fast vollständig handlungsunfähig geworden war, erschien ihm laut eigenen Angaben (2) Gott (er nannte ihn VALIS: „vast active living intelligence system“), riet ihm von den Drogen die Finger zu lassen, bewog ihn seine Schulden einzutreiben und schaffte es sogar ihn wieder erfolgreich werden zu lassen, indem er endlich eine Drehbuchvorlage für den Film „Blade Runner“ (siehe oben) in eine Hollywood-Produktion brachte. Als die Dreharbeiten 1981 begannen, starb Philip K. Dick und bekam posthum auch außerhalb der Science-Fiction-Fan-Gemeinde seine künstlerische Anerkennung. Die Frage, ob uns Psychopharmaka oder Psychotherapien Seelenruhe bringen und ob sie nicht sogar letztlich Ausdrücke dergleichen materiellen Vorgänge sind, die uns als Menschen ausmachen, wird (und sollte) weiterhin diskutiert werden.
Referenzen
(1) Der Spiegel, 18/2009, S. 136-140
(2) Charles Platt (Hrsg.) The Dream Makers, Interview mit Philip K. Dick, 1980
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