Brainlogs Nette an Steve

Der soziale Super-GAU

15. März 2011, 13:39

Während meines Studiums war mir irgendwann mal fad und ich habe angefangen, an einer Riesen-Publikation über neue Energien und überhaupt sinnvolles, nachhaltiges Leben mitzuarbeiten. Das Ganze sollte interaktiv und hyperverlinkt werden, und deswegen bewarfen uns die Sponsoren mit schicken Macs: Wir waren innovativ und müslifrei und wollten etwas richtig Knackiges machen. Es war 1990, wir saßen im 1. Wiener Gemeindebezirk und retteten schreibend die Welt.

Leider ging das Projekt pleite, die Macs waren plötzlich weg, das Büro zu, der Chef nur noch unerreichbar. Mir blieb ein 200-seitiges Dossier zum Thema "Energie". Ein knappes Jahr lang hatte ich Bibliotheken geknetet, Umweltinstitute belagert, Expertengespräche geführt. Österreich erschien mir damals als Hort der alternativen Energien: Ich schwelgte in Blockheizkraftwerk-Projekten an Schulen, Kraft-Wärme-Kopplung in Betrieben, Solarzellen auf dem Dach. Deutsche Umweltforscher lieferten mir wunderbare Analysen darüber, warum Atomkraft totaler Schwachsinn ist.

Das hat mich, irgendwie, ziemlich geprägt. Am eindrücklichsten ist für mich bis heute die Analyse "Die Grenzen der Atomwirtschaft" von Klaus Michael Meyer-Abich, Bertram Schefold und Carl Friedrich von Weizsäcker. Denn sie ritten nicht nur, wie alle anderen, auf den Risiken der Atomenergie herum. Sondern sie analysiert ganz konsequent, was mit einer Gesellschaft passiert, die Atomenergie nutzt. Von der Mikroebene - dem Arbeitsplatz "Atomreaktor" - bis zur Makroebene - Bundespolitik, Medien - haben sie alles durchleuchtet. Dabei wurde deutlich, dass Atomwirtschaft nie ohne soziale Folgeschäden zu haben ist. Atomwirtschaft ist eine Hochrisikowirtschaft: Sie muss immer auf den GAU vorbereitet sein. Das verlangt von den Mitarbeitern, den Angehörigen, den Nachbarn bis hin zu Medien und Politikern bestimmte Kompromisse. Ein Beispiel: Mitarbeiter dürfen ihren Angehörigen nicht über jeden Störfall berichten, denn dann würde das Betriebsgeheimnis des Betreibers verletzt. Sie werden also zu Geheimnisträgern und damit Mitwissern des Risikos. Demnach kommt jeder Mitarbeiter bei Störfällen in den Konflikt, ob er seiner Familie, die er ja schützen will, davon berichtet oder nicht. Die Autoren zeigen sehr schön, dass damit Belastungen in eine Gesellschaft eingeführt werden, die diese nicht unbedingt standhält: Nicht jeder Mitarbeiter kommt damit klar.

Außerdem ist das Risiko der Atomtechnik schwer vermittelbar, was wir gerade jetzt wieder sehr gut sehen. Die Kanzlerin sprach gestern bei der Moratoriums-Pressekonferenz davon, dass in Japan "möglich geworden ist", was lange als "unmöglich" gegolten hat. Diese Aussage einer promovierten Physikerin ist erstaunlich. Niemand mit klarem Verstand hat für unmöglich gehalten, was in Japan passiert, sondern er hat es für unwahrscheinlich gehalten (Gerd Antes erklärt das alles in der FAZ nochmal ganz schön). Das ist ein riesiger Unterschied. Aber genau das macht das sozial Unverträgliche der Atomtechnik aus: Eine Kanzlerin traut sich nicht, das Wort "unwahrscheinlich" zu benutzen, da das impliziert, dass das Ereignis eben unter bestimmten Umständen doch möglich ist. Das aber könnte so interpretiert werden, dass sie ihr Wahlvolk bewusst einem Risiko aussetzt. Also redet sie lieber Stuss. Das zeigt sehr schön, dass sich die Sprache der Forschung (hier: die Sprache des Risikos) nicht in die Sprache der Politik übersetzen lässt. "Unwahrscheinlich, aber unter bestimmten Bedingungen möglich" passt nicht in die Politikersprache, promovierte Physikerin hin oder her.

Und auf Landesebene zeigt sich, dass mancher mit dem Konflikt zwischen der Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit und dem Geheimhaltungsbedürfnis der Atombetreiber überfordert ist: Die oberste Atomaufseherin Baden-Württembergs muss sich jetzt mit dem Vorwurf herumschlagen, sie habe Vorfälle in einem Atomkraftwerk verheimlicht. Auch das wieder ein sozialer Störfall wie aus dem Meyer-Abich-et al.-Lehrbuch.

Soziale Schäden sind immer da. Und wenn es die Folgen der Farce sind, sieben Atomkraftwerke abzuschalten, um einen Wahlkampf zu gewinnen; sowas schadet der Glaubwürdigkeit der Politik massiv. Auch wenn die Technik beherrschbar wäre (der Vollständigkeit halber nenne ich mal eine entsprechende Quelle, und hier noch ein UPDATE zu dieser "Quelle"), die sozialen Folgen sind es nie. Und zwar genau deshalb, weil immer ein Rest Unbeherrschbarkeit bleibt. Vielleicht überfordert das nicht die Techniker unter uns. Aber die Gesellschaft kommt damit nicht klar. Genau deshalb bin ich gegen Atomkraft. Es lebe das Blockheizkraftwerk.

 


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"Gaudy Night" im Kabinett

28. Februar 2011, 13:14
Logo Bloggewitter Ehrlichkeit in der Wissenschaft"Ehrlichkeit in der Wissenschaft" klingt genauso tautologisch wie "Qualität im Journalismus" - denn ohne Ehrlichkeit keine Wissenschaft, ohne Qualität kein Journalismus. Ein unehrlicher Wissenschaftler verlässt bereits in dem Moment die Wissenschaftscommunity, in dem er sich unehrlich verhält, denn er missachtet die Conditio sine qua non der Forschung. Aberkennungen von Doktorwürden sind dann nur noch das formale Nachgeplänkel. Der Sündenfall geschieht vorher. Im Journalismus ist es genauso, denken wir an Tom Kummer, der sich unter anderem für das SZ-Magazin knackige Hollywood-Interviews zusammenreimte: Auch hier war die Grenze überschritten - ein Interview, das "doch genauso hätte sein können", ist kein journalistisches Interview, sondern Fiktion. Tom Kummer wurde abberufen. Allerdings nicht auf ewig. Der Journalismus gab ihm, wenn auch in anderer Form, irgendwann eine zweite Chance. » weiter

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Slowakei: Vaterland - Beitrag zum WM-Bloggewitter "Kick it like Einstein"

04. Juni 2010, 14:53
Mein Vater war kein Forscher, sondern Fleischer. Er stammte aus dem Dorf Yarabina, weit im Osten der Slowakei, jenseits der hohen Tatra. Mein Vater war gebürtiger Slowake, ich kannte ihn jedoch nur als Amerikaner.

Meine Mutter ist Berlinerin, mit Leib und Seele. Kennengelernt haben sich die zwei in einem Tanzlokal bei der Hasenheide in Berlin-Neukölln im Sommer 1953. Damals war die Welt noch in Ordnung und die Hasenheide kein Freigehege für Drogendealer und ihre Kunden. Mein Vater im GI-Look forderte meine Mutter zum Tanz auf. Sein erster Satz an sie war: „Do you speak english?“ Die Antwort meiner Mutter ist mir nicht kolportiert worden. „Wat is los?“, würde ich tippen. » weiter

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Das iPhone und Samuel Beckett

23. Juni 2009, 14:41

Hi, Nette!

Tja, ich fürchte, das war's auch schon. Mein kleines Videotagebuch aus New York ist zu Ende. Ich hoffe, es hat dir gefallen.

Da ich mit der letzten Episode nicht wieder ein so großes und bodenloses Fass aufmachen will, wie das Thema "Tierversuche in der Hirnforschung" (für alle, die die alte Version dieses Eintrag schon gelesen haben: dazu hoffentlich bald mehr in Gehirn&Geist!) hier noch einmal "something completely different" ...

 

 


Und weil's so schoen ist, ende ich abermals mit Samuel Becketts famosem Schlusswort:

 

ever tried, ever failed
no matter

try again, fail again
fail better


In diesem Sinn, see ya!
Steve

 


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Bloggewitter: Precht und die Uni Bolognese

20. Juni 2009, 12:43

Lieber Steve,

Richard David Precht - du weißt schon, "Liebe, ein unordentliches Gefühl" - wurde vor drei Tagen in einem Radiointerview gefragt, was er denn mit seinem Geld, das er als Autor so verdiene,  anzufangen gedenke. Er selbst habe nur geringe Ansprüche, sagte er. Er investiere lieber in die Ausbildung seiner vier Kinder, sagte er, und sinngemäß weiter: Da man ein vernünftiges Studium heute ja nur im Ausland bekäme, werde er sie vermutlich nach England schicken. » weiter

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Impressionen vom "World Science Festival"

16. Juni 2009, 22:46

Hi Nette,

ich habe vielleicht ein Glueck. Ausgerechnet in der Zeit, die ich hier bin, findet das "World Science Festival" in New York statt. Fuenf Tage lang Lesungen, Vortraege, Exkursionen und Experimente fuer jedermann - und jedes Kind - bringen den New Yorkern Themen aus der Wissenschaft nahe, darunter natuerlich auch vieles Spannendes ueber Gehirn und Psyche.

Ich habe mir eine Posiumsdiskussion mit Oliver Sacks, Dan Gilbert und Warren Meck ausgeguckt, zum Thema "Zeit - die vertraute Fremde". Vor der Show war ich schon ziemlich gespannt ...

Warren Meck von der Duke University erzaehlte ueber die Neurobiologie der Zeitwahrnehmung, fuer die Dopamin eine besonders wichtige Rolle spielt (alles nachzulesen in G&G 10/2007, S. 14). Oliver Sacks, der beruehmte Buchautor und Mediziner an der Columbia University, berichtete von Patienten, in deren subjektivem Empfinden die Zeit stehen zu bleiben scheint. Und Harvardpsychologe Dan Gilbert erklaerte, warum wie uns mit dem Abschaetzen zukuenftiger Ereignisse so furchtbar schwer tun. Allzu schnell blenden wir dabei vermeintlichen Huerden aus, etwa die leidige Parkpaltzsuche vor dem Theaterabend, und stellen uns das Ganze folglich viel rosiger vor, als es sich dann in den meisten Faellen entpuppt. Ein steter Quell der Enttaeuschung, wie Gilbert meint.

Waehrend der ueberaus witzigen Diskussionsrunde war das filmen zwar eigentlich nicht gestattet, aber ein kleiner Schnappschuss ("just to get the feeling") sollte doch mal erlaubt sein ...

Und im Anschluss an das Event sitze ich sichtlich abgekaempft auf dem Washington Square mit seinem Marble Arch, durch den man einen wunderschoenen Blick auf das Empire State Building hat, und sortiere meine Gedanken ...

Hier mehr Bilder und Infos zum der Diskussion beim World Science Festival.

Am naechsten Tag ging das Festival auch an selber Stelle gleich weiter - mit einer grossen Spiel- und Experimentieraktion fuer Kinder. Ein schoenes Vorbild in "wissenschaftlicher Frueherziehung", zur Nachahmung auch in Deutschland waermstens zu empfehlen ...

So viel fuer heute, Nette. Stay tuned!

Steve


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Wahrheitsliebe dank TMS

16. Juni 2009, 22:25

Hi Nette,

huh, was fuer ein komisches Gefuehl. So ein Kribbeln, als wenn einem eine Armee von Ameisen den Arm hinuntermarschiert. So fuehlt es sich an, wenn die TMS-Spule (kurz fuer "Transkraniale Magnetstimulation") den eigenen Nerven kitzelt. Ich habe das gerade am eigenen Leib ausprobieren koennen. Bei dem Neuroforscher und "real New Yorker", den ich letztens besucht habe.

Julian Keenan von der Montclair University, etwa eine halbe Stunde vor den Toren Manhattans, experimentiert mit TMS. Genauer gesagt versucht er, mittels dieser Methode die natuerliche Tendenz zum Flunkern, die jedem von uns innewohnt, zu manipulieren. Und dabei ist er ueberraschend erfolgreich!

Julian hat in seinen Studien entdeckt, dass eine Region im Frontalhirn, der medial praefrontale Cortex (MPFC), viel damit zu tun hat: Wenn er dessen Aktivitaet mittels TMS quasi ausknockt, sind Probanden weniger gewillt sich selbst groessere Talente zuzuschreiben als sie besitzen, und sie behaupten auch seltener ein Wort zu kennen, dass sie in Wahrheit gar noch nie gehoert haben (weil es naemlich nicht existiert!).

An mir hat er die Methode nicht live ausprobieren wollen. Man weiss ja nie wie das Gehirn irgendeines hergelaufenen deutschen Journalisten so darauf reagiert. Aber an meinem Handnerven sowie seinem eigenen motorischen Cortex fuehrt er die Methode mal eben vor, als waere es nichts. Enjoy!

Stay tuned, Nette!

Steve


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Bloggewitter: Ein deutscher Psychologe in New York

16. Juni 2009, 03:04

Hi Nette,

puenktlich zum grossen Bloggewitter ueber Bologna und die Folgen melde ich mich auch wieder zu Wort, und zwar gleich im Doppelpack mit G&G-Autor Pascal Wallisch, der seit Jahren in den USA forscht und einige ebenso kritische wie aufschlussreiche Anmerkungen in dieser Sache zum besten gibt.

Bologna

Ohne lange Vorrede gleich ans Eingemachte, diesmal in zwei Teilen ... hier der erste Streich:

... und wenn du noch nicht genug hast, hier der zweite Teil des Gespraechs:

 

 

Stay tuned, Nette!

Steve


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Die vielleicht aelteste Wissenschaftszeitung der Welt

11. Juni 2009, 21:32

Hi Nette,

unsere Reise geht weiter und langsam, aber sicher dringen wir immer tiefer zu den Geheimnissen von Gehirn und Geist vor. Heute an einem Ort, der ganz der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse gewidmet ist.

In der Redaktion von "Scientific American" und "Scientific American MIND" in New York versuchen kundige Redakteure, die essenziellen Neuigkeiten aus den Forschungslabors in die Oeffentlichkeit zu tragen. Und das nicht erst seit gestern. "Scientific Americans" erste Ausgabe erschien 1845, also vor nicht weniger als 164 Jahren, die Zeitschrift zaehlt damit zu den aeltesten populaerwissenschaftlichen Magazinen der Welt.

Standen anfangs Erfindungen wie die Eisenbahn oder elektrisches Licht thematisch im Vordergrund, so deckt das Magazin heute das ganze Spektrum der Technik- und Naturwissenschaften bis hin zur Archaeologie oder dem Umweltschutz ab. Nur die "humanities" im engeren Sinn, also die Geisteswissenschaften, bleiben weit gehend ausgespart.

Bei "SciAm MIND" sieht das etwas anders aus, denn wo Geist draufsteht, muss auch welcher drin sein. Aber auch die US-Tochterausgabe von Gehirn&Geist legt besonderen Wert auf empirisch-experimentelle Psychologie und Hirnforschung. Es tut, so das Credo, auch den erlesendsten Spekulationen ueber das menschliche Bewusstsein gut, die beobachtbaren Fakten in den Blick zu nehmen. 

Doch reden wir nicht lange um das heisse Blei herum, spazieren wir doch einfach hinein ... (Kleiner Tipp: Aufgrund der leidigen Klimatisierung fast aller US-Buerogebaeude ist der Ton am Anfang etwas verrauscht. Lautstaerke aufdrehen hilft!)

 

 

 

Stay tuned, Nette!

Steve 


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Innenansichten vom Times Square

10. Juni 2009, 17:22

Hi Nette,

New Yorker sind Meister der selektiven Aufmerksamkeit. Man koennte einen Silvesterboeller neben ihnen explodieren lassen, und sie wuerden nicht einmal blinzeln. Aber wer in der Stadt lebt, macht  auch eine harte Schule durch: Wo man steht und geht, ob in der Subway, auf der Strasse oder in Malls und Gebaeuden, immer begegnen einem unzaehlige Menschen, Gerueche und Laute, die einen nicht das Geringste angehen. Da heisst es, Ruhe bewahren! Die Ruhe, die es draussen nicht gibt -- hier schoepft man sie notgedrungen aus sich selbst.

Besonders heftig prallen aussen und innen in einem neu geschaffenen "Naherholungsgebiet" aufeinander, mitten im Hotspot der Stadt, am Times Square. New Yorks Buergermeister Bloomberg machte einen Abschnitt desselben zur Fussgaengerzone und liess Liegestuehle aufstellen, damit es Touristen und Einheimischen bei ihrer Innenansicht bequem haben.

Das hat nun nicht viel mit Gehirn und Geist im allgemeinen zu tun, nur mit meinem Gehirn und Geist im besonderen. Doch vor der harten Wissenschaft hier zur Einstimmung ein Eindruck davon, was "Relaxen" in New York bedeutet ...

 

 

Stay tuned, Nette!

Steve 


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