Das Auto, die Macht und ihre Liebhaber
Nette: Steve, wie guckt dein Auto?
Steve: Putzig. Mit großen runden Glubschaugen und breiter Julia-Roberts-Schnute. VW Lupo eben. Dabei ... ähem, gehört's gar
nicht mir - sondern meiner Frau.
N: Hast du schon mal versucht, mit deinem netten glubschäugigen VW einen Langsamfahrer von der linken Spur zu pusten?
S: Machst du Witze?! Der würde höchstens nach rechts schwenken, weil er sich vor Lachen nicht halten kann. Nein, unser Lupo taugt weder von der Motorisierung noch dem Look nach zum Drängeln.
N: Eben, erstens fährst du ein Auto, das nett ausschaut, und kein Mensch fährt nach rechts, nur weil er im Rückspiegel ein nett ausschauendes Auto auf sich zugondeln sieht.
S: Und zweitens bin ich natürlich selber viel zu nett, als dass ich Lust verspürte, Leute von der linken Spur zu verjagen.
N: Damit passt du genau zum Ergebnis der Studie von Karl Grammer, Urbanethologe aus Wien. Er stellte fest, dass Versuchspersonen die Vorderseiten von Autos wie Gesichter interpretieren.
S: Also - BMW: "Mach die Biege, jetzt komm ich!"
N: Genau. BMW, Audi eher aggressiv, VW Beetle süß und nett.
S: Hammerharte Erkenntnis, die uns der Forscher da präsentiert.
N: Du sagst es. Ein bisschen nach dem Motto: Wir wussten es schon immer, aber jetzt wissen wir's GENAU. Die Autoindustrie arbeitet schon immer mit dem, was sie das "Überholprestige" ihrer Produkte nennt: Je grimmiger die Front, desto schneller weicht der bedrängte Vordermann nach rechts aus.
S: Dass dieses Kalkül aufgeht, lässt tief blicken. Männer haben es wohl doch lieber unter der Motorhaube als woanders ...
N: Ha! Grammer hat festgestellt, dass sowohl weibliche als auch männliche Versuchspersonen die aggressiveren, "dynamischeren"
Autogesichter vorteilhafter fanden! Was sagst du jetzt?
S: (Schweigen)
N: Steve?!
S: Momentchen - so, jetzt hab ich in Human Nature nachgesehen. Tatsache: Männer und Frauen präferierten gleichmaßen automobile Frontansichten, die sie als dominant, maskulin, arrogant und böse beschrieben.
N: "Macht" sei der gemeinsame Nenner dieser Attribute, so die Forscher.
S: Macht nix. Frauen sind halt auch nur Männer, irgendwie.
N: Jedenfalls ....
S: Allerdings wundert es schon, dass die Vermenschlichung von Autos den Forschern so ein "Aha!" bescherte. Sind für uns nicht alle möglichen toten Gegenstände annimiert? Würde ich sonst mit meinem Bürorechner reden? Würde ich mir die morgenliche Kaffeetasse nach Sympathie aussuchen? Könnte ich dies alles überhaupt schreiben, wenn ich nicht so eine zärtliche Liebesbeziehung zu meiner Tastatur pflegen würde? Ich streichle sie ja fast mehr als meine Frau ... (Bussi, Schatz!)
N: Ich denke, der Anthropomorphismus hört spätestens bei der Klobrille auf.
S: Meinst du? Ich kenne welche, die haben so eine komisch gelbliche, runde. Da pinkel ich lieber im Stehen. Na ja, interessant wäre es jedenfalls, wenn man Leuten im Hirnscanner Bilder ihrer Lieblingskarossen zeigt, deren Lack gerade zerkratzt wird. Wenn dann die Amygdala schnackelt - das wäre eine Nachricht!
N: Natürlich schnackelt sie! (Abgesehen davon, dass sie nicht "schnackelt", das ist ja auch nur so eine Metapher, um den ganzen komplexen Vorgang des Hirnscans zu beschreiben.) Sie schnackelt, weil es schmerzt. Es schmerzt, weil wir dem Auto Gefühle unterstellen. Wir unterstellen Gefühle, weil wir all das besser zu verstehen glauben, von dem wir annehmen, es funktioniere so wie wir selbst. Das ist zwar eine löchrige Heuristik, aber sie macht uns das Leben leichter. Und übrigens liebe ich mein Auto auch ;-).
S: Deins strahlt aber auch eine gehörige Portion mehr Macht aus als unser Ei auf Rädern! Das weckt eher den Beschützerinstinkt – weißt du, was meine Frau zum Auto sagte, als wir letztens aus unserem "2000 Kilometer-in-2 Wochen"-Urlaub zurückkamen?
N: Was?
S: Gut gemacht, Lupinchen!




im lebendigen Dialog präsentiert. Das hat mir sehr gut gefallen ;-). DANKE
......und gleichzeitig ein tiefer Einblick darüber, wie emotional wir denken und handeln....
von wegen vernünftig, überlegt und logisch ;-)