Slowakei: Vaterland - Beitrag zum WM-Bloggewitter "Kick it like Einstein"
Mein Vater war kein Forscher, sondern Fleischer. Er stammte aus dem Dorf Yarabina, weit im Osten der Slowakei, jenseits der hohen Tatra. Mein Vater war gebürtiger Slowake, ich kannte ihn jedoch nur als Amerikaner.
Meine Mutter ist Berlinerin, mit Leib und Seele. Kennengelernt haben sich die zwei in einem Tanzlokal bei der Hasenheide in Berlin-Neukölln im Sommer 1953. Damals war die Welt noch in Ordnung und die Hasenheide kein Freigehege für Drogendealer und ihre Kunden. Mein Vater im GI-Look forderte meine Mutter zum Tanz auf. Sein erster Satz an sie war: „Do you speak english?“ Die Antwort meiner Mutter ist mir nicht kolportiert worden. „Wat is los?“, würde ich tippen.
1945 war die Familie meines Vaters vor den Russen über Wien und Marseille nach New York geflohen. Dabei hätte Wien schon gereicht, aber wer konnte das wissen. „Rüberjemacht“, heißt das in Berlin.
Der Eingang zum Kasernenhof lag auf der anderen Straßenseite schräg gegenüber vom Haus meiner Großeltern in Brooklyn. Mein Vater war 18, als er in die US-Army eintrat. Was sollte ein ungelernter, junger Immigrant auch sonst machen. Die Army war eine sichere Bank.
Leider begann wenig später der Korea-Krieg, dann kam Vietnam. Mein Vater war hier wie dort im Einsatz, insgesamt dreimal. Von seinem pubertierenden, in der Friedens-Schul-AG engagierten Sohn dazu befragt, kam über seine Lippen nur ein raues „keine gute Zeit“.
Das war der Krieg für ihn: Keine gute Zeit.
1991, kurz nach der Wende, als der Osten auf einmal offen war, machte sich mein Vater mit mir auf den Weg. In seinem alten weinroten Benz führen wir über Dresden, Prag und Bratislava Richtung Yarabina. Je näher wir dem Dorf kamen, desto beachtlicher die Schlaglöcher in den Straßen, desto ärmlicher die Häuser und Menschen längs der Strecke, desto größer die Trauben von Neugierigen, die sich bei jeder längeren Pause um den Wagen meines Vaters versammelten.
Der Benz war sein ganzer Stolz, Lohn für das jahrelange Schuften in der Fleischabteilung des Supermarkts auf dem Gelände der US-Army in Berlin-Dahlem. Dort hatte mein Vater nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst 18 Jahre lang Schweine- und Rinderhälften zerlegt. Es war für deutsche Verhältnisse beileibe keine Luxuskarosse, aber für die slowakische Jugend, die von großen Autos, Jeans und Reisen träumte, allemal interessant. Mein Vater genoss sichtlich die Rolle des reichen Onkels aus dem Westen.
In Yarabina kamen wir bei einem alten Jugendfreund meines Vaters unter. Er war Bauer, hatte eine große rote Knollnase und sprach nur den Dialekt seiner Heimat. Die einzige noch lebende Angehörige, die im Dorf geblieben war, saß zahnlos und schwerhörig in ihrer Bauernstube im Schaukelstuhl und musterte mich mit ihren 92-jähigen Augen als wäre ich ein exotisches Wesen. Außer per Nicken, Lächeln und einfachen Gesten konnte ich mich nicht mitteilen, und mein Vater, nicht gerade ein passionierter Redner, gab sich keine große Mühe für mich zu dolmetschen.
So stand ich herum und schaute. Ich beobachtete meinen Vater, dessen Worte ich nicht verstand, der aber in seiner ganzen Haltung und im Tonfall verriet, dass er die Erfolgsgeschichte desjenigen zum Besten gab, der „es geschafft hatte“. Endlich konnte auch er einmal auftrumpfen. Ich glaube, das machte ihn glücklich, jedenfalls habe ich ihn nie wieder so entspannt und zufrieden lächeln gesehen. Eine Woche später kurvte er dann wieder durch Berlin in seinem alten weinroten Benz, dem niemand einen Blick hinterher warf.
An diese Geschichte erinnerte ich mich in letzter Zeit häufiger, da ich über einen Artikel für die Juli-Ausgabe von Gehirn&Geist brütete. Thema: Selbsterkenntnis. Die wenigen Tage damals in Yarabina erscheinen mir rückblickend wie eine Forschungsreise zu mir selbst, zu den Wurzeln meiner Familie. Weder vorher noch danach habe ich klarer gesehen, wer dieser schweigsame Fleischer von einem Vater war.
„Keine Zukunft ohne Herkunft“, habe ich letztens irgendwo gehört. Wenn die Jungs im Trikot der Slowakei in ein paar Tagen auf den Rasen stürmen, um ihre Ausseiterchance zu nutzen, fällt mich sicher wieder ein, was das bedeutet.
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