Raumplan der Seele
In seinem Buch „Die Logik des Verrücktseins“ stellt Markus Preiter ein übergreifendes Erklärungsmodell für „die verschiedenen Interpretationshorizonte, derer sich die Psychiatrie bedient“ auf Basis der Evolutionstheorie vor. Sein Modellentwurf möchte die „einzelnen, parallel arbeitenden psychiatrischen Modellvorstellungen in einem einzigen Integrationsmodell“ vereinen. Als stellvertretender Chefarzt einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Abteilung verfügt der Autor über viel Erfahrung im Umgang mit psychiatrischen Krankheitsbildern und entdeckt in der Logik psychischer Störungen den wohlgeordneten Aufbau der Psyche.
Evolutionäre Regeln würden sich in den Psychopathologien demaskieren. Das menschliche Sein gleiche einem Phasenraum unterschiedlicher Ausdrucksformen, in den die Betriebsstörungen namens Psychopathologien unweigerlich hineingehören. Das Seelenlabyrinth, nimmt Preiter an, bestehe aus fünf Außenraumbühnen und einer Innenraumbühne mit entsprechenden Raumthemen. Zudem besäße jede Raumbühne ein korrespondierendes Binnenvolumen der Person, durch das Gefahren erkannt und abgewehrt werden. Er räumt ein, dass der Begriff des Labyrinths irreführend sei, denn wer sich evolutionärer Grundkenntnisse bediene, erkenne die klare Struktur des Aufbaus und erklärt: „Evolutionäre Weltbezugsräume und individuelle Weltaneignungsräume verschmelzen im Seelenlabyrinth zu Weltbühnen.“
Anhand ausgewählter psychischer Störungen erstelle er ein „seelisches Periodensystem“, verspricht die Pressemitteilung. Ein gewagtes Unterfangen, das Preiter mit den folgenden Worten einleitet: „Da die klinisch tätigen Behandler hingegen täglich mit psychisch Kranken umgehen dürfen und müssen, bauen sie unbewusst einen Erkenntnisvermeidungsschutz auf, der sie davor bewahrt, das Seelenlabyrinth menschlicher Psychopathologie zu betreten und sich darin unter Umständen zu verirren.“ Er kritisiert die klassischen Klassifikationssysteme psychiatrischer Erkrankungen und versucht mit seinem Modell das „aktuell in der Psychiatrie herrschende Zettelkastendenken der Diagnosen in ein „natürliches“ Unterteilungssystem zu übertragen, bei denen die Außenraumbühnen und ihre Themenfelder der äußere Bezugsrahmen sein werden“. Der erste Außenraum zum Beispiel entspricht der Zeit im Mutterleib und der Bindung zum „ersten Ergänzer“, in der Regel die klassische Mutter-Kind-Dyade, mit dem entsprechenden Raumthema „Ganz eins sein mit dem anderen und doch bei sich bleibend“. Dieser Raum wird dann im Folgenden um einen zweiten Ergänzer erweitert, der Mutter-Vater-Kind-Triade. In dieser zweiten Außenraumbühne ist die Erfahrung von Selbstwirksamkeit das dominierende Raumthema.
Zu diesen Annahmen gelangt Preiter durch evolutionstheoretische Überlegungen, die er dem Leser im ersten Teil des Buches darlegt. Der Autor bedient sich zu diesem Zweck vieler Metaphern, um den Blick durch die evolutionäre Brille zu schärfen. Leider dienen einige seiner Bilder nicht der Veranschaulichung, sondern unterbrechen in ihrer ausführlichen Darstellung den Gedankenfluss. Zum Beispiel erklärt er die evolutionstheoretischen Grundlagen anhand einer typischen Wartesituation von Bahnreisenden. Er seziert die unterschiedlichen Strategien der Reisenden in eine gefüllte Bahn einzusteigen. Zum Zweck der Illustration lässt er so genannte „Auf-die-Bahn-Kletterer“ mit Saugnäpfen, um sich auch bei schneller Fahrt und in Kurven auf dem Dach halten zu können, evolvieren. Auch so genannte „Schienenbeißer“ mit großen Zähnen und starken Kaumuskeln werden zu Demonstrationszwecken konstruiert. Wie der Autor selbst feststellt, erklärt das Beispiel der Zugreisenden den evolutionären Prozess nur unzureichend. Warum hat er nicht die vielfältigen Beispiele, die es zu diesem Thema reichlich gibt, genutzt? Viele der Metaphern sind etwas holprig und benötigen zu ihrer Erklärung zu viel Raum.
Der Autor präsentiert zwar einen interessanten Ansatz und viele kluge Gedanken, aber er macht es seinem Leser nicht leicht. Hoch konzentriert sucht er im anspruchsvollen Wortschatz und einer bildgewaltigen Sprache nach den inhaltlichen Zusammenhängen. Und es bleiben dennoch viele Fragen offen. Dass in diesem Buch der "Raumplan der menschlichlichen Seele" entschlüsselt wurde, darf man getrost bezweifeln.
Rezension zu „Die Logik des Verrücktseins. Einblicke in die geheimen Räume unserer Psyche.“ von Markus Preiter (2010) München: Kösel-Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH. 251 Seiten


... auch dann gut, wenn sie einen davon abhält, ein Buch zu lesen: Wie mich in diesem Fall.
Denn wenn ein Autor so sehr mit Metaphern wie "Raumbühne", "Evolutionäre Weltbezugsräume","individuelle Weltaneignungsräume", "Seelenlabyrinth" oder "Weltbühne" und noch schlimmer "Ganz eins sein mit dem anderen und doch bei sich bleibend" (Der Jurist Roman Herzog hat wohl als BP solche Widersprüche salonfähig gemacht.) und seinen Stoff weder ohne diese Metaphern erklärt noch diese Metaphern selbst erklärt, dann erhärtet das den Verdacht, daß der Autor eigentlich gar nichts zu sagen hat.
Ja, selten ein Buch gelesen, in dem Beispiele und metaphorische Sprache mehr verschleiern als verdeutlichen.
[...]Der Autor präsentiert zwar einen interessanten Ansatz und viele kluge Gedanken, aber er macht es seinem Leser nicht leicht.[...]
Man sollte wirklich viel geduld haben - würde aber auch jedem raten es zu lesen!
[...]sondern unterbrechen in ihrer ausführlichen Darstellung den Gedankenfluss.[...]
Finde ich ehrlich gesagt nicht, dass die Bilder den Gedankenfluss unterbrechen. Sie passen zwar nicht ganz, aber in einem gewissen Maß schon.
Hochkonzentriert sollte das Buch gelesen werden und nicht nur oberflächlich, denn sonst braucht man es gar nicht erst damit beginnen.
Wirklich EMPFEHLENSWERT!
Ist vielleicht ein etwas "unkreativer Kommentar", aber ich stimme Elmar Diederichs zu; das war auch mein erster Gedanke.
Selten habe ich so ein Buch gelesen, das so viel Ausdruckskraft hat.
Man muss selbst sehr viel dabei nachdenken. Nicht jeder kann soetwas einfach so lesen.
Finde ich ehrlich gesagt nicht, dass die Bilder den Gedankenfluss unterbrechen. Sie passen zwar nicht ganz, aber in einem gewissen Maß schon.
Es scheint sich um eine Variante des Denkens von Guattri, der auch Psychiater war, aus "Chaosomose" zu handeln, der mit "existenziellen Territorien", die AB der frühesten Kindheit gebildet werden, den "Innenraum" abdecken und verschiedene "Foyers" der "Subjektivierung",die die Aussenräume
entsprechen, "agglomatorisch" bilden.
Er bezieht sich da auf Daniel Stern.
Dem ganzen liegt die wohlvertraute Differentialgeometrie der Mannigfaltigkeit zugrunde (Rhizome), von Bergsons Intensitäten und dem Gedächtnis ausgehend, und der "Maschinismus" zugrunde.
Deleuze/Guattaris Theorie ist sehr sehr elaboriert und geht von "Einsteins" Spinozismus in Köper/Geistproblem aus.
Stengers und Prigorin sind die Physikalisch bekanntsten "Mitstreiter".
Da "Narzissmus" und "Existenzialismu" durchaus bekannt sind, kommt man dem bisherigen "überprüften" Denken schon näher.
Da ab Molekularbilogie aufwäert gegangen wird,könnte da hier noch mehr"Aktzeptanz" finden. Auch weil wirklich alle Wissenschaften integriert sind. Das hat man sonst nie.
Was für ein Gedöns. Man könnte fast einen Inhalt dahinter vermuten - fast.