27. Mai 2011, 10:27
Vor ziemlich genau einem Jahr bekam ich einen Anruf, ob ich mir vorstellen könne für ein EU-Forschungsprojekt zu neuen therapeutischen Ansätzen bei Arthrose ein Aufklärungshandbuch der wissenschaftlichen Hintergründe für Bürger und Patienten zu erstellen. Diese sollten in einen "informierten Dialog", mit Forschern, Ärzten, Risikoexperten und mehr treten und am Ende gar den Akteuren des Forschungskonsortiums ihre Empfehlungen, Bewertungen und Bedenken auch im Hinblick auf künftige weitere Entwicklungen mit auf den Weg geben.
Wie soll das gelingen? Ein Dialog auf Augenhöhe? Was könnte das bringen? Können ‚Laien’ an Wissenschaftler tatsächliche Empfehlungen geben? Zu Hilfe kam mir in meinem Grübeln über Sinn und Zweck unter anderem das Weltenentdecker-Kinder-Zitat von Isaac Newton:
„In der Wissenschaft gleichen wir alle nur den Kindern, die am Rande des Wissens hier und da einen Kiesel aufheben, während sich der weite Ozean des Unbekannten vor unseren Augen erstreckt.“
Warum nicht. Der breite Ozean des Wissens ist wirklich sehr groß. Experten sind Experten auf ihrem Gebiet, aber nicht überall. Man kann an Forschung grundsätzliche ethische Bewertungsprinzipien anlegen, sie nach rechtliche Normen prüfen – beides gehört zum festen Bestandteil von Genehmigungsverfahren – und wird am Ende doch nicht wissen, ob Bürger oder Patienten die angestrebten Ziele, vermeintliche Ergebnisse (in diesem Fall Therapien) überhaupt wollen.
Das Forschungsprojekt nennt sich GAMBA, Gene Activated Matrices for Bone and Cartilage Regeneration on Arthritis. Schließlich habe ich gemeinsam mit dem Team von ScienceDialogue, das die Diskussionsforen durchführt, Handbuch und Begleitbuch zum Projekt erstellt. Während der Recherchen und des Schreibens wurde meine Unsicherheit allerdings eher größer, denn kleiner. Denn hier geht es nicht um einen Ansatz, sondern hier werden gleich fast alle Ebenen innovativer Medizin integriert und eine Mixtur aus Stammzelltherapie, Gentherapie, Nanopartikeln und neuen Biomaterialien zusammengebracht, um dereinst Arthrose vielleicht ‚von Innen’ heilen zu wollen.
Das potenzielle Heilungsversprechen ist eine Sache, das Kommunikation erschweren könnte. Vor allem ist die Komplexität bereits der jeweiligen Forschungsfelder für sich genommen eine gewaltige Herausforderung– deren Chancen, Risiken und Historie. Das sollte jedoch kein Grund sein, einen solchen Dialog gar nicht erst zu versuchen.
Immerhin erfreuen sich Dialoge mit Bürgern und Betroffenen nicht erst seit Stuttgart21 und seit es Wutbürger gibt wachsender Beliebtheit. Gerade in der Forschung tut sich eine Menge. Auf ein paar Projekte sei hier verwiesen:
Bürgerdialog Zukunftstechnologien (online und vor Ort) – aktuelles Projekt des BMBF
Konsenuskonferenzen Energieversorung der Zukunft in Essen, Karlsruhe und Berlin (2010)
Diskurslernen Therapeutisches Klonen (Deutsches Referenzzentrum in den Biowissenschaften - drze Bonn) 2005-2007
Europäische Bürgerkonferenz zur Hirnforschung (2005/2006)
Bürgerkonferenz Stammzellforschung (Max-Delbrück Centrum für molekulare Medizin/Forschungszentrum Jülich) 2003/2004
Viele solcher Dialoge werden in Deutschland von der Initiative Wissenschaft im Dialog begleitet, deren Ziele das BMBF so formuliert:
"Was in Deutschland geforscht, erfunden und entwickelt wird, geht uns alle an. Deshalb ist es wichtig, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der breiten Öffentlichkeit den über ihre Arbeit in den Labors und Büros sprechen. Seit neun Jahren bietet die Initiative "Wissenschaft im Dialog" Möglichkeiten eines solchen Austauschs. Bürgerinnen und Bürger sollen nicht nur informiert werden; auch ihre Meinung ist gefragt. Die Veranstaltungen der Wissenschaftsjahre und des Wissenschaftssommers sollen die Neugierde wecken. 2010 stellt das Wissenschaftsjahr "Die Zukunft der Energie" neue Forschungsänsätz in diesem Bereich vor."
Und nicht zuletzt seien die Jugendforen Nanomedizin erwähnt, bei denen
das heutige ScienceDialogue Team mitgewirkt hatte. Wenn man sich Ergebnisse zum Beispiel dieser Dialoge (Jugendgutachten Nanomedizin) ansieht, erkennt man, dass Laien zu aktueller Forschung sehr wohl dezidiert Stellung beziehen können, wenn sie es denn dürfen.
Dennoch ist mir eine gewisse Skepsis gegenüber den Patienten- und Bürgerdialogen des Projektes GAMBA, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und in Irland stattfinden werden, geblieben.
Vor fast drei Wochen fand das erste Patientenforum Teil I in München statt. 18 Patienten und Patientinnen nahmen sich Zeit. Sie haben je nach Gusto mehr oder weniger die zusammenfassenden Handbücher gelesen und wollten diskutieren, wohl wissend, dass die Therapien, die in dem Projekt erforscht werden, ganz ferne Zukunftsmusik sind und für sie selbst ziemlich sicher nicht in Frage kommen werden.
Schon in der ersten Runde war ich überrascht, wie schnell sich die vermeintlichen Laien – natürlich sind Patienten insbesondere chronischer Erkrankungen wie einer Arthrose von Anfang an bereits belesene 'Experten' – in der vielschichtigen Thematik zurecht fanden. Es hatten Forscher des Projekts, ein Sicherheitsbeauftragter (Risiko) und ein Ethikexperte der Biowissenschaften gesprochen und sich den Fragen gestellt. Dann kamen immer mehr Fragen und parallel zunehmend erste Meinungen auf.
Am kommenden Wochenende nun folgt der zweite Teil des Patientenforums. Für dieses Runde konnten die Teilnehmer vorher entscheiden, welche
Aspekte sie nochmals vertieft diskutieren wollen und dazu Experten auswählen, mit denen sie dies tun werden. Nach diesen Dialogen werden die Teilnehmer zunehmend
selbst gefragt. Dann geht es um ihre Meinung, um die gemeinsame Erstellung ihres Laiengutachtens.
Ich
bin sehr gespannt, ob und wie das gelingen kann.
Geschrieben in
Allgemein
, Dialog
|
13 Kommentare |
1 Trackbacks |
Permalink