Wer denkt hier eigentlich? - Über Kategorienfehler
von Christian Wolf,
12. Mai 2008, 11:59
„Ich denke“, denkt der Alltagsmensch. „Das Gehirn“ denkt, denkt der Hirnforscher. Wer also denkt hier wirklich?
Immer wieder zitiert das Feuilleton Hirnforscher und Neurobiologen mit Sätzen wie „Das Gehirn denkt“, „Das Gehirn entscheidet“. Zuletzt wurden die Entscheidungen unserer Gehirne vorhergesagt. Eingeschüchtert von der Autorität empirischer Forschung beginnt man schnell zu nicken: Ach ja, na klar. War ganz schön naiv von mir zu denken, dass ich selbst denke.
Doch hier liegt ein von Philosophen immer wieder betonter Kategorienfehler vor. Meines Erachtens kann man genauer zwei Kategorienfehler unterscheiden. Der erste besteht darin, einem Teil (dem Gehirn) zuzuschreiben, was eigentlich dem Ganzem (dem vollständigen biologischen Organismus) zuzuschreiben wäre. Denn natürlich sieht nicht das Gehirn einen Stuhl und es ist auch nicht der visuelle Cortex, der Farberlebnisse hat. Eine empirische Tatsache ist ebenso, dass das Gehirn schmerzunempfindlich ist. So können dem Gehirn auch keine Schmerzerlebnisse zugeschrieben werden. Das Lebewesen als Ganzes nimmt eben wahr und empfindet. Einen zweiten Kategorienfehler begeht man, wenn man personale Begriffe auf Naturgegenstände überträgt. Peter Bieri hat das sehr schön bei der Debatte zur Willensfreiheit ausgeführt:
Das Gehirn nämlich kann gar nichts entscheiden, die Idee des Entscheidens hat keinen logischen Ort in der Rede übers Gehirn. Entscheidungen im eigentlichen Sinne gibt es nur, wo von Gründen und Überlegen die Rede sein kann. Es ist ein Fehler, in die Rede über das Hirn einen Begriff wie "entscheiden" aus der Sprache des Geistes einzuschmuggeln. (Spiegel 2/2005)
Begriffe wie „entscheiden“ und „handeln“ schreiben wir eben Personen zu und nicht biologischen Organismen und erst recht nicht ihren Organen. Der Mensch als Kultur- und Sozialwesen handelt. Bei Tieren sprechen wir hingegen nicht von Handlungen, sondern von Verhalten.
Das Gehirn wird personalisiert und zu einem Quasi-Subjekt gemacht, wenn man ihm psychologische und personale Eigenschaften zuschreibt. Man versucht einer Metaphysik des (rein geistigen) Subjekts und Ichs zu entgehen und tappt in die Falle einer Gehirn-Metaphysik.
So, das hat sich mein Gehirn gerade mal so gedacht. Ach ne, das hab ich mir grad mal so gedacht.
Quellen:
1) G&G - Hirnforschern aufs Maul geschaut
2) Spiegel - Unser Wille ist frei
Ähnliche Artikel:
- Pluralismus der Beschreibungsebenen
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- Wozu eigentlich Bewusstsein?
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- Die Sprache der Hirnforschung




Ja, was meint man eigentlich, wenn sich ein Gehirn entscheidet? Dass man ein bestimmtes physiologisches Merkmal mit einem bestimmten Verhalten korreliert.
Ist wahr; klingt nur nicht so sexy. :-)
Und sich die Kausalität dazwischen stillschweigend dazudenkt (also...wer jetzt?)...
Ich hätte hier ein paar Fragen, vielleicht weil ich keine medizinische, psychologische oder geisteswissenschaftliche Vorbildung habe.(Ich studiere Elektrotechnik.)Der Mensch als Kultur- und Sozialwesen handelt. Bei Tieren sprechen wir hingegen nicht von Handlungen, sondern von Verhalten.<
>Der erste besteht darin, einem Teil (dem Gehirn) zuzuschreiben, was eigentlich dem Ganzem (dem vollständigen biologischen Organismus) zuzuschreiben wäre.
Hört sich für mich irgendwie an wie:"Ein Mercedes fährt. Bei Autos sprechen wir nicht von Fahren, sondern von Rollen."
Gibt es einen Grund für diese Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren? Warum kann ein Affe nicht handeln?
Meinen diese Hirnforscher und Neurobiologen nicht vielleicht, dass das Gehirn die notwendige Bedingung für das Denken ist? Es können schließlich alle möglichen Dinge aus unserem Körper entfernt bzw. ersetzt werden ohne die Fähigkeit des Denkens zu beeinträchtigen nur das Gehirn nicht.
Ich hoffe ich konnte mich halbwegs verständlich ausdrücken und würde mich freuen, wenn meine Fragen beantwortet werden könnten.
Irgendwie wurde mein Post verstümmelt (einfach löschen wenn möglich).
Wenn man zu allgemein formuliert kommt man nie zu einem vernünftigen Ergebnis.
Z.B. Bei Obst unterscheidet man auch verschiedene Sorten: man sagt nicht ´ich habe Obst gegessen´ sondern man sagt z.B. ´ich habe einen Apfel gegessen´.
Beim Gehirn ist es ähnlich: dort gibt es eben Bereiche für das Speichern von Informationen und andere für die ´Daten´-Verarbeitung.
Deshalb denkt ein Gehirn doch, obwohl es nicht denkt (sondern nur ein Teil davon).
Irgendwie wurde schon wieder ein Teil (komischerweise aus der Mitte) nicht geschickt. Was ich noch Fragen wollte: "Der erste besteht darin, einem Teil (dem Gehirn) zuzuschreiben, was eigentlich dem Ganzem (dem vollständigen biologischen Organismus) zuzuschreiben wäre." Kann nicht auch ein unvollständiger Organismus denken (ohne z.B.meine Arme wäre ich ja "unvollständig")? Oder ist es so zu verstehen, dass nur einem Organismus die Fähigkeit des Denkens zugeschrieben werden kann? Entschuldigung für das durch meine Unfähigkeit angerichtete Chaos hier.
Solange subjektive "schwammige" Vorstellungen die - aus meiner Sicht - von einigen Neurowissenschaftlern initiierte - Diskussion bestimmen, haben wir die Möglichkeit eine zirkuläre Diskussion mit Endlosschleife zu führen.
Ob von "denkenden Gehirnen" oder einem "freien Willen" in den Neurowissenschaften gesprochen wird, es gibt dort keinen Ort wo sich eine Definition zu jenen Begrifflichkeiten findet. Zum Glück fordern wenigstens die Vertreter der Philosophie immer mal wieder, dass man doch klären möge, worüber man interpretiert und diskutiert.....
Meinem Ärger ;-) darüber habe ich hier:
Sinnloses um ein "sinnleeres" Thema....= Pseudowissenschaftliche Diskussionen um den Freien Willen bereits "Luft" gemacht... Ich vermute, dass es dem Autor und den Lesern hier ganz ähnlich
geht....
Eine empirische Tatsache ist ebenso, dass das Gehirn schmerzunempfindlich ist. So können dem Gehirn auch keine Schmerzerlebnisse zugeschrieben werden.
Wenn das mal nicht ein echter Kategorienfehler ist. Zwischen auslösendem Nervenreiz und der Erzeugung des Schmerzerlebnisses gibt es da wohl doch noch einen Unterschied.
Aber Sprachpolitik ist natürlich wichtiger im Rahmen der Interdisziplinarität: Also ab heute "Gehirne erzeugen Gedanken (vermutlich)", nicht mehr den schlimmen Kategorienfehler "Gehirne denken (vermutlich)".
Das Lebewesen als Ganzes nimmt eben wahr und empfindet.
Klar, ein Gehirn ohne Augen kann nicht sehen, wenn wir das mit Wahrnehmung meinen. Aber Empfindungen? Ein isoliertes, künstlich am Leben gehaltenes Gehirn wäre also prinzipiell nicht im Stande, Empfindungen zu verspüren, wenn man es entsprechend anregte? Hat man das also mal getestet -- oder reicht das in der interdisziplinären Welt, sowas zu behaupten?
Natürlich ist das Gehirn ein notwendiger Bestandteil für das Denken. Etwas anderes ist es aber zu sagen: "Das Gehirn selbst denkt". Um bei ihrem Beispiel zu bleiben: der Motor ist auch eine notwendige Bedingung für das Fahren des Autos. Trotzdem sagen wir nicht: "Der Motor fährt". Im Gehirn finden blinde physiologische und physikalische Prozesse statt, aber eben keine zielgerichteten und geplanten Handlungen. Es wäre doch auch unsinnig zu fragen: "Liebes Gehirn, was hast du denn heute vor"? Im Gehirn finden sich Nervenerregungen, Aktionspotenziale etc. aber keine Gedanken. Auch bei genauester räumlicher und zeitlicher Auflösung bildgebender Verfahren wären die Hirnforscher immer noch auf die Selbstbeobachtung ihrer Probanden angewiesen, die ihnen berichten, was sie gerade denken während korrelierend bestimmte Hirnareale aktiv sind. Zu den anderen Fragen: Natürlich war es so gemeint, dass nur einem Organismus die Fähigkeit des Denkens zugeschrieben wird und nicht einem einzelnen Organ.
In Bezug auf Tiere sprechen wir deshalb gewöhnlich nicht von Handlungen, weil Handlungen Selbstbewusstsein, Reflexion und Absichten voraussetzen. Nach den Ergebnissen moderner Primatenforscher könnten wir natürlich darüber streiten, ob manche Tiere nicht doch zielgerichtet planen und handeln.
das war aber ein sehr schlechtes Beispiel:
Denn der Motor fährt nicht - sondern ist der Antrieb des Autos. Und das ist ein gewaltiger Unterschied.
Man sagt ja auch nicht ´das Gehirn geht´ - denn das wäre auch eindeutig falsch.
Wer denkt hier eigentlich?
Die Frage: „Denkt das Ich oder das Gehirn?“ beruht nicht auf einem kategorialen Widerspruch sondern sie ist eine Frage der Perspektive. Aus subjektiver Perspektive denkt das „Ich“, aber aus der Perspektive eines Beobachters läßt sich nur das Gehirn als „Ich“-produzierendes Organ ausmachen, es ist nicht die Niere, die Leber oder das Herz.
Beweis: Wenn dem Gehirn in der Narkose der Strom abgeschaltet wird, verschwindet das „Ich“ für einige Zeit und taucht erst wieder auf, wenn die Zellen im Cortex nach der Narkose erneut in Aktionsbereitschaft sind.
So wie man jedes Ding unter verschiedenen Perspektiven (chemisch, physikalisch, ästhetisch, ökologisch usw.) betrachten kann, läßt sich auch der Sprachgebrauch des Wortes „Ich“ als eine Leistung des menschlichen Gehirns betrachten. Die speziellen „Ich-Ausfälle“ bei speziellen Hirnkrankheiten können hier als starkes Argument angeführt werden.
Es ist klar: das Gehirn macht seine Arbeit im Dienst des ganzen Organismus, mit dem es vielseitig in Verbindung steht. Seine Aufgabe ist die Orientierung des Individuums in der Umwelt, und dazu gehört seit den Urzeiten der Wirbeltiere die Fähigkeit zum Unterscheiden (Freund oder Feind, essbar oder ungenießbar, männlich oder weiblich usw.)
Auf dem Unterscheiden basiert die Fähigkeit zum Entscheiden von ganzheitlichen Handlungskonzepten (Flucht, Angriff, Sex, Fressen usw.).
Diese beiden Tätigkeiten (Unterscheiden, Entscheiden) führen alle Wirbeltiergehirne ständig in organischer Verbindung mit dem ganzen Individuum durch.
Die Frage sollte deshalb nicht „denkt das Gehirn oder ich“ lauten, sondern: „Wie erzeugt das Gehirn dauernd Unterscheidungen und Entscheidungen, und wie stellt es einfache Worte („ich“) für unendlich komplexe Vorstellungen her?“
Eine Spur zur Lösung dieses Rätsels liegt bereits in den beiden Begriffen:
Sowohl das Unterscheiden als auch das Entscheiden, beide Tätigkeiten sprechen vom einem Scheiden, was bedeutet: Eine Grenze (Scheide) bilden.
In diesem sprachlichen Hinweis liegt ein möglicher Ansatz, die komplementären Perspektiven der Kognitionsforschung gemeinsam zu begreifen, indem die neuronalen Netze als Repräsentanten von plastisch-komplexen Grenzstrukuren gesehen werden.
Zum Beispiel das „Ich“ ist als eine plastisch-komplexe Grenze zu beschreiben, nämlich die Grenze zum „Nicht-ich“. Plastisch erweist sich diese Grenze zum Beispiel bei meinen Fingernägeln: Ein Stück, was eben noch zum „Ich“ gehörte, wird abgeschnitten zum „Nicht-Ich“. Ähnlich plastisch ist die Ich-Grenze bei der Nahrungs- und Sauerstoffaufnahme und bei den Ausscheidungen, „Nicht-Ich“ wird zum „Ich“ und wieder zum „Nicht-Ich“.
Komplex ist meine Grenze, insofern sie alles umfaßt, was zu mir gehört, also auch meine ganze Lebensgeschichte, welche unendlich viele spezielle Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen hat.
Zum Beispiel verstehe ich Englisch, Deutsch und ein wenig Latein, habe aber meine Grenzen beim Chinesischen, Russischen usw. „Ich“ bin demnach sehr genau unterscheidbar und definierbar durch meine Grenzen zum „Nicht-Ich“.
Noch was: Ich stimme Richard zu, das Motor-Gleichnis war nicht geeignet, aufs Gehirn übertragen zu werden, die Beine wären da eher passend. Und die gehorchen, wie auch der Motor von meinem Auto, nur auf ein Gehirn.
Vom Gehirn kommen die Kommandos, auch wenn ich hier schreibe bzw. mit freundlichen Grüßen damit aufhöre. Alles hat seine Grenzen!
Steffen Rehm
Dennoch: Die Zuschreibung irgendwelcher psychischer Phänomene zu einem Organ scheint mir nicht sinnvoll, weil sie eine Unterscheidung vornimmt, die in letzter Konsequenz nicht plausibel ist. "Mein Gehirn und Ich" ist eine ziemlich cartesianische Haltung.
Ich würde noch weiter gehen: das Gehirn kann gar nicht denken, weil das Denken unabdingbar an soziale Interaktion gebunden ist, insoweit es eben Resultat einer ontogenetischen Entwicklung gekoppelter autopoietischer Entitäten ist.
Es kann auch jede Zelle glücklich sein ;) http://www.youtube.com/watch?v=uiKIlwNVElY
Mit den spitzen Klammern funktioniert es bei den Kommentaren nicht. Die werden ja sonst für html-Tags verwendet und dann paßt es nicht mehr.
Und ich klick da drauf und schaue es mir noch bis zum Ende an. Gräßlich! :-(
Jetzt kommen wir schön langsam auf den Punkt.
Denn mein ´Gehirn´ und ´ICH´ sind deutlich verschieden - und doch gleich.
Das Gehirn denkt und erstellt dabei eine virtuelle Simulation sowohl des eigenen Körpers und der Persönlichkeit ´Ich´; außerdem besitzt das Gehirn dafür ncoh Datenspeicher mit Erfahrungen/Wissen.
Allerdings ist das ganze ein Rückkopplungsprozess - d.h. alles beeinflusst sich immer gegenseitig.
Man kann also ohne schlechtes Gewissen sagen ´das Gehirn denkt´, aber auch ´das Ich denkt´. Beides ist im Prinzip richtig.
Es ist jedenfalls kurzsichtig zu sagen: „Im Gehirn finden sich Nervenerregungen, Aktionspotenziale etc. aber keine Gedanken“; denn da muß man doch weiter fragen: „Wozu betreibt das Gehirn die Bildung von Nervenerregungen, Aktionspotentialen etc.“? „Was ist der Sinn dieser energetisch kostspieligen Nerventätigkeit in der Hirnrinde“?
Vergleichbar kurzsichtig wäre zu sagen: „Im Telefon fließt nur Strom durch Schaltkreise, und damit können keine geistigen Vorstellungen übertragen werden“.
Die Zusammenhänge zwischen der Nerventätigkeit und dem subjektiven Erleben von Gedanken, Unterscheidungen, Entscheidungen usw. sind nicht mit Metaphysik zu begreifen, sondern nur mit neuroanatomischen und neurophysiologischen Kenntnissen ein wenig zu ahnen.
Allerdings: Vier Jahre nach dem „Manifest der Hirnforschung“ ist die Kognitionsforschung immer noch in dem von Goethe so treffend beschriebenen Zustand: „Sie haben die Theile wohl in der Hand, fehlt-leider- nur das geistige Band.“
Man ist noch weit entfernt von einer naturalistischen Theorie der menschlichen Sprache und Denkprozesse; besonders das Gedächtnis und der Begriff „Bewußtsein“ stecken noch voller Rätsel, die durch die bunten MRT-Bilder und Libets Experimente nicht geklärt werden können.
Deshalb darf so lange weiter metaphysisch spekuliert werden, bis wir das Gehirn in seiner Funktion so gut verstehen wie das Telefon.
Apropos Telefon: Basis zum Verständnis der elektromagnetischen Vorgänge im Telefon, Radio usw. sind die berühmten Gleichungen von C. Maxwell, die von Fachleuten als sehr einfach, symmetrisch und schön charakterisiert wurden.
Es wird mich nicht wundern, wenn eines Tages für die geistigen Prozesse eine ebenso einfache, symmetrische und schöne Grundlage in der mathematischen Sprachform gefunden wird. Dann sind wir mit Richard „schön langsam auf den Punkt“ gekommen, aber das wird noch dauern...
Steffen Rehm
Besteht hier nicht die Gefahr, sich in Spitzfindigkeiten über Begriffe zu verlieren? z.B. Handlungen bei Menschen vs. Verhalten bei Tieren ! Es gibt auch Hinweise, daß sich Menschen verhalten und Tiere (sinnvoll) handeln z.B. Rabenvögel. Andererseits ist das Gehirn der Ort des Denkens. Bereits ohne bestimmte Teile des Hirns, ist kein Denken mehr möglich, wohl aber ohne andere Teile des übrigen Körpers. An Tachenspielertricks erinnert da die Behauptung, daß "es eine empirische Tatsache sei, daß das Gehirn schmerzunempfindlich ist und ihm damit keine Schmerzerlebnisse zugeschrieben werden könnten". Das Gehirn empfindet sehr wohl Schmerzen, nämlich durch Schmerzsensoren, die sitzen halt mal nicht im zentralen Nervensystem, sondern im peripheren Nervensystem und da gibt es keine Unterschiede: beides ist miteinander verbunden und besteht aus Nervenzellen, Nervenfasern, Synapsen und (verschiedenen Sensoren). So wichtig es ist, über Kategorienfehler nachzudenken, so sehr entsteht aber auch der Eindruck, als ob manche Geisteswissenschaftler von der Angst geplagt werden, als wollten die Gehirnwissenschaftler ihnen den Geist abhanden kommen lassen.
Anders herum: Die Neurobiologie tut gerne so, als ob erkenntnistheoretische Fragestellungen - um nichts anderes geht es hier letztlich - anhand eines organischen und damit vermeintlich "objektiven" Korrelats (Nervenzellen, Nervenfasern, Synapsen) eindeutig beantwortet werden könnten. Mit Spitzfindigkeiten hat das m. E. wenig zu tun, vielmehr mit der Frage, worüber man eigentlich spricht und was man da wie beschreibt/erklärt/bewertet. Und das sage ich als Nicht-genuin-Geisteswissenschaftler...
Es kann sehr schnell gehen, einige wichtige Gehirnfunktionen besser zu verstehen - wenn man will.
Z.B. kann man bei den sogenannten ´Nahtod-Erlebnissen´(NTE) dem eigenen Gehirn LIVE dabei zusehen, wie es das eigene episodische Gedächtnis durchsucht, und die darin gespeicherten Erinnerungen (ab der 24. Schwangerschaftswoche) mit dem aktuellen Selbstverständnis (=ICH, zum Zeitpunkt des NTE) bewertet.
Leider hat die Medizin, diejenigen Menschen für tot betrachtet, welche solche Erlebnisse hatten. Eine klassische Fehldiagnose(seit 1975, als Moody das Buch ´Leben nach dem Tod´ eröffentlichte) - deswegen hat man bisher auch seine Bedeutung(NTE) nicht verstanden.
Bei richtiger Analyse der NTE-Erlebnisse kann man das Gehirn und seine Tätigkeit besser verstehen.
Die Behauptung der Schmerzunempfindlichkeit des Gehirns bezog sich eigentlich auf Verletzungen des Gehirns selbst, etwa bei einer OP. Das Gehirn besitzt eben keine Schmerrezeptoren. Wird aber anderes Gewebe, etwa der Daumen verletzt, dann verarbeitet das Gehirn natürlich die Reize/Signale der Rezeptoren, verlegt (lokalisiert) sie quasi wieder in den Daumen, nur: den Schmerz empfinde doch ich, nicht mein Gehirn, oder? auch wenn das Gehirn maßgeblich an der Signal-Verarbeitung beteiligt ist.
Auch habe ich ja nie geleugnet, dass das Gehirn eine notwendige Bedingung des Denkens ist. Nur daraus zu schlussfolgern, Hirnaktivitäten seien nichts anderes als Denkaktivitäten scheint mir übereilt. Korrelationen zwischen Hirn- und Denkativitäten bedeutet noch lange keine Identität zwischen beiden. Natürlich lässt die Feststellung konstanter Korrelationen die Wahrscheinlichkeit eines Kausalzusammenhangs zwischen beiden Aktivitäten steigen.
>Korrelationen zwischen Hirn- und Denkativitäten bedeutet noch lange keine Identität zwischen beiden.
*unterschreib*
Sehr geehrter Herr Wolf,
etwas betrübt hat mich, daß Ihre Entgegnung scheinbar erkennen läßt, mich darüber belehren zu müssen, daß man in ein Gehirn hineinschneiden könnte, ohne daß eine Schmnerzempfindung bewußt werden würde. Ihr "Gehirn ist schmerzunempfindlich - Argument" zielt doch darauf ab, daß hier ein Kategorienfehler begangen worden sei, dem man nicht begehen dürfe: Dem Gehirn dürfe nicht zugeschrieben werden, was man einem Ganzen (was ist das ?) zu zuschreiben wäre.
So schrieben Sie doch:
"Eine empirische Tatsache ist ebenso, dass das Gehirn schmerzunempfindlich ist. So können dem Gehirn auch keine Schmerzerlebnisse zugeschrieben werden. Das Lebewesen als Ganzes nimmt eben wahr und empfindet".
Mein Argument mit den Schmerzsensoren und der Relativierung des Gehirn in ein ZNS und PNS sollte doch nur dazu dienen, zu illustrieren, dass Ihr Argument gar nicht geeignet ist, hier einen Kategorienfehler zu belegen, weil es sich um eine willkürliche Benennung handelt, wenn das Gehirn sprachlich auf das ZNS begrenzt wird. Auch muß man vor dem Kategorienfehler nicht so viel Respekt haben wie vor einer heiligen Kuh (soviel nur im Moment zu Herrn Bieri). Vielleicht sind die Kategorien zu ändern. Aber das möchte ich später (vielleicht heute Nacht) ausführen, wenn ich mehr Zeit zum überlegen habe.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Gerhard Strobel
Was denkst Du über die Brainscriptphilosophie von Dr. Häusel ?
Stimmt das ?
Warum spricht Häusel von 3 Emotionssystem und nicht 4 wie in der letzten Ausgabe von G-u-G ?
Es wäre den Lesern dieser Seite gegenüber einfach nur fair, denke ich, statt irgendwelche Fragen zu stellen, die Deine Gedanken und Deine Position im Dunkeln lassen, erst einmal Deinen Standort, Deine Behauptung oder was immer Du auch aussagen möchtest, zu erkennen zu geben.
Lieber Herr Wolf,
hier die angekündigte Replik auf die in Ihrem Artikel "Wer denkt hier eigentlich?" eingeschlagene Argumentation, die wohl in Anlehnung an den von Ihnen dort gelobten Peter Bieri geführt wurde. Es wird dessen Essay zitiert "Unser Wille ist frei" (Spiegel 2/2005).
Im Folgenden beziehe ich mich hauptsächlich darauf. Welche Argumentationsfigur also benutzt Peter Bieri in diesem Essay? Ich möchte diese skizzieren und gleichzeitig kommentieren (dabei stehen seine jeweils von mir zusammengefassten Argumentationsschritte hinter dem Kürzel "PB-" und meine Kommentare dazu hinter dem Kürzel "GS:"
PB- Er behauptet, dass es manchem heute so erscheine, als zeige die Hirnforschung, dass unsere Erfahrung, unser Gefühl, in unserem Wollen und Tun frei zu sein und einer offenen Zukunft entgegenzutreten, nichts weiter als eine Illusion sei, dass unser Wollen und Tun nichts weiter als die Folge eines neurobiologischen Uhrwerkes sei, das unbeein-flussbar hinter unserem Rücken ticke. In Wirklichkeit, so meint er, sei dies ein Stück abenteuerliche Metaphysik.
ST: Das ist Polemik. Die Neurobiologie sagt nicht, daß das neurobiologische Uhrwerk hinter unserem Rücken ticke, denn das würde ja heißen, daß das "Ich" aus unserem Gehirn herausverlegt gedacht worden sei.
PB- Zur Begründung bemüht er eine Analogie: Wir könnten ein Bild aus verschiedenen Perspektiven beschreiben: als physikalischen Gegenstand, als das dargestellte Thema, wir könnten seine Schönheit beschreiben oder seinen Handelswert. Jede dieser Beschreibungen sei gleich nah an der Wirklichkeit dran. Keine dieser Beschreibungen sei der anderen ohne Rücksicht auf den Zweck überlegen.
GS: Was soll eine zweckfreie Beschreibung nützen? Kann man das denn wirklich wollen oder tun? Ohne Vorannahmen? Bei solch einer Beliebigkeit erübrigt sich jede Beschreibung oder wie wäre es z.B. etwa damit: Das Gehirn ist ein pinkfarbener Elefant, der durch die blaue Unendlichkeit schwebt? Genauso nahe an der Wahrheit dran, wie anderen Beschreibungen? Wenn ja, dann muss man aufhören, sich mit der Natur wissenschaftlich zu beschäftigen, weil dann alles in einem schrillen Crescendo unendlich vieler Beschreibungen enden würde, es gäbe kein Selektionskriterium für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß, kein Messer Ockham´s, keine empirische Überprüfung und keine Zurückweisung von Thesen mehr.
PB- Man dürfe diese Perspektiven nicht vermischen, da sonst begriffliche Vexierbilder entstünden, die uns verhexen könnten. Und so wie es beim Bild sei, sei es auch beim Menschen. Würde jemand z.B. ein Bild zerlegen, um herausfinden zu wollen, was es darstellte, so wäre dieser verrückt im Sinne eines Kategorienfehlers. Genauso wäre es beim Menschen. Denn so wie es eine physiologische Geschichte über den Menschen gebe, so gebe es auch eine neurobiologische und eine psychologische. Was in der psychologischen Geschichte beschrieben werde, könne nicht in der neurobiologischen beschrieben werden, weil es dort nicht die dazu notwendigen begrifflichen Mittel gebe, nämlich Wille, Überlegungen und Entscheidungen. Würde jemand einen Menschen im Tomografen zerlegen, um herauszufinden, was dieser wolle, überlege und entscheide, so wäre er genauso verrückt, wie jener, der das Bild (physikalisch) zerlege, um herauszufinden, was es darstelle.
ST: Hier hinkt der Vergleich beträchtlich. Ein Bild ist ein statisches Werk, ohne dass es zu einer Funktion zwischen seinen Einzelteilen käme, es sei denn, man wollte einen chemischen Zerfallssprozeß beobachten, was Bieri aber ganz offensichtlich nicht im Sinne hatte. Das Gehirn interessiert uns weniger als statischer Gegenstand, sondern vielmehr das Zusammenspiel seiner ca. 100 Milliarden Einzelteile, der Neuronen, zwischen denen es zu einer enorm wichtigen Wechselwirkung kommt, die eben den faszinierenden Output erbringt, den wir ergründen wollen, sofern wir uns mit Menschen beschäftigen. Danach lässt sich die Untersuchungsmethode auswählen, entweder wir treten zurück und suchen einen Gesamteindruck des Bildes, versuchen also eine Synopse seiner Einzelteile, oder wir analysieren des Gehirn durch hierfür geeignete Untersuchungsmethoden, z.B. einem "Tomografen", der Darstellungen von Querschnitten oder mehr oder weniger großen Hirnarealen und den darin ablaufenden neuronalen Aktivitäten versucht, z.B. mit einem PET oder einem fMRT. Im Übrigen glaubt Bieri, dass die Untersuchungen zur Willens-freiheit mit den "Tomografieaufnahmen unseres Gehirns" durchgeführt wurden. Das ist falsch. Tomografische Darstellungen der neuronalen Aktivität unseres Gehirns haben eine zu geringe zeitliche Auflösung, d.h. ihre Darstellungen sind in der Zeitdimension "ver-schmiert", soll heißen, dass man nicht unterscheiden kann, was kurz vor unserem bewußt gewordenen Willensentschluß im Gehirn passierte. Benjamin Libet hat schon vor langer Zeit, nämlich 1958, mit den hier eigentlich zur Rede stehenden Untersuchungen begonnen und dabei elektroenzephalographische Ableitungen benutzt, die natürlicherweise eine sehr hohe zeitliche Auflösung haben und gar keine Bilder vom Hirn produzieren. Untersucht werden sollte dabei, wie unser bewusstes Erleben in unserem Gehirn entstehen kann. Und siehe da, es entsteht bereits, noch bevor es uns bewusst wird - mehr hat Libet auch nie behauptet! Schon möglich, dass ein Philosoph das alles nicht unbedingt wissen muss - aber muss er dann auch darüber schreiben? PB- Denn die Begriffe "frei" und "Freiheit" ergäben nur dort einen Sinn, wo wir uns als Personen und als handelnde Wesen mit einem geistigen Profil sehen. So wie man in der materiellen Zusammensetzung eines Gemäldes vergebens z.B. nach Schönheit suche, so suche man in der neurobiologischen Mechanik des Gehirn vergebens nach Freiheit oder Unfreiheit. Allerdings, so räumt er an dieser Stelle ein, könne man nicht die ästhetischen Qualitäten eines Bildes ändern, ohne seine materielle Beschaffenheit zu ändern. Genauso könne sich das psychologische Profil einer Person nur dann ändern, wenn sich ihr neurobiologisches Profil ändere - wenngleich die neurobiologischen und psychologischen Geschichten ihrer jeweils eigenen Logik folgten.
GS: Jetzt versucht Bieri die Logik auszuhebeln! Hier müsste er eigentlich angeben, welcher Logik er zu folgen gedenkt. Demgegenüber betonen andere Philosophen (Bochénski und Menne, 1983, 5. Auflage, UTB Schöning, Paderborn, S. 16), dass es keineswegs in dem Sinne verschiedene Logiken gebe, dass ein wahrer Satz der Logik in einer anderen "Logik" falsch wäre. Was nun also?
BP- Der Schlußfolgerung, dass dann die Erfahrung von Freiheit im Wollen, Überlegen und Handeln doch wieder von einem neurobiologischen Uhrwerk in Frage gestellt werden könne, versucht er durch eine Relativierung des Begriffes der Freiheit zu entgehen: So führt er aus, daß man durch die Neurobiologie nur dann schockiert sein könne (er meint wohl, widerlegt werden könne), wenn man einen Freiheitsbegriff habe, der darin bestehe, daß der freie Wille durch nichts bedingt sei. Einen solchen unbedingten Willen aber (die Rede ist vom "unbewegten Beweger") könne sich niemand wünschen, denn dieser wäre vollkommen zufällig, unbegründet, unbelehrbar und unkontrollierbar. Unausgesprochen, aber dennoch zwischen den Zeilen aufzufinden, bleibt an dieser Stelle die Folgerung, daß die Neurobiologie den Freiheitsbegriff des Willens nicht widerlegen kann, wenn man diese Form der Freiheit gar nicht vertritt.
GS: Das Argument, dass sich niemand einen unbedingten Willen wünschen könne, zieht nicht bei der Überprüfung einer Hypothese über den sog freien Willen. Was wir wünschen, ist der Natur bekanntlich völlig gleichgültig. Ich meine, dass Bieri recht hätte, wenn er behaupten würde, dass man keine Neurobiologie bräuchte, um zu der sehr klugen Hypothese zu kommen, dass wir gar keinen absolut freien Willen haben. Nachdenken genügt hier sehr wohl. Gründe für unsere Willensentscheidungen haben wir immer und wenn es nur die pure Lust (schon wieder was Neurobiologisches - honit soit, qui mal y pense!) zu irgendetwas wäre, und wie schwer es ist, wenn es denn überhaupt möglich wäre, irgendetwas völlig (subjektiv) unbegründetes zu tun, kann man man an sich selbst ausprobieren.
PB- Durch die Neurobiologie widerlegt könne man allerdings dann werden, wenn man sich das Mentale vom Physischen getrennt dächte, aber das hieße, dass dies dann gar nicht zu verstehen wäre. Beispiel wäre die Wirkungsweise von Aspirin. Hier unterstellt Bieri wohl, weil die Einnahme von Aspirin eine Schmerzempfindung beseitige, sei es klar, dass man das Mentale nicht vom Physischen trennen könne. Also, wenn man diese Trennung nicht vollzöge, könne man auch hier nicht von der Neurobiologie widerlegt werden.
GS: Da gebe ich Herrn Bieri völlig recht, aber wer denkt sich das Mentale vom Physischen heute noch getrennt? Bestimmt eine Vielzahl von Menschen, denen es nicht vergönnt war oder die sich dagegen wehrten, ihren Horizont naturwissenschaftlich zu erweitern, oder solche, die ein Interesse daran haben, dass der Mensch an seine Willensfreiheit glaubt. Vor zwei Jahrzehnte war es selbst in FAchkreisen noch an der Tagesordnung, diese Trennung für möglich zu halten.
PB- Nur dann also, wenn man sich den freien Willen auf diese unplausible Weise denke, könne man sich durch die Enthüllungen der Hirnforscher von Widerlegung bedroht fühlen. Aber nein, wenn sich der, trotz der Bedrohung durch die Hirnforscher, Unerschrockene einen Willen denke, der dann frei sei, wenn er sich dem eigenen Urteil darüber, was zu wollen richtig sei, füge, könne er nicht durch die Neurobiologie widerlegt werden. Denn der Wille sei frei, wenn er sich dem eigenen Urteil füge und er sei unfrei, wenn Urteil und Wille auseinanderfallen. Dieses Letztere sei gegeben beim Unbeherrschten, der von seinen übermächtigen Wünschen überrannt werde oder beim inneren Zwang, der sich darin zeige, dass man einem süchtigen Willen unterliegt. Die Unfreiheit zu überwinden und zur Freiheit zurückzufinden heiße, Urteilen und Wollen wieder zur Deckung zu bringen. Da gelte, dass keine Neurobiologie eine solchermaßen verstandene Freiheit gefährden könne.
GS: Leider kommt da ein Stücken "Privatpsychologie" von Herrn Bieri zum Vorschein, nämlich seine Erörterungen über den Unbeherrschten und dem unter einem inneren Zwang leidenden. Seinen Formulierungen würde wohl nicht von der akademischen Psychologie getragen werden. Ich will mir hier eine ausführliche Kritik seiner "Privatpsychologie" ersparen, würde es uns doch auf "Nebenkriegsschauplätze" führen. Nur soviel sei gesagt: warum sollte der Wille frei sein, wenn er sich einem Urteil beuge - ist das nicht ein Widerspruch? Und, wo kommt denn das Urteil her? vielleicht auch aus dem Gehirn?
An diese Argumentationsfigur hängt Bieri nun folgende Behauptungen einfach an, nämlich die, die Herr Christian Wolf in seinem Beitrag so schön findet:
PB- "Das Gehirn nämlich kann gar nichts entscheiden, die Idee des Entscheidens hat keinen logischen Ort in der Rede übers Gehirn. Entscheidungen im eigentlichen Sinne gibt es nur, wo von Gründen und Überlegen die Rede sein kann. Es ist ein Fehler, in der Rede über das Hirn einen Begriff wie "entscheiden" aus der Sprache des Geistes einzuschmuggeln."
Diese Behauptungen folgen m.E. überhaupt nicht aus der oben dargestellten Argumen-tationsfigur, sondern stehen nur einfach da. Es wird einfach nur behauptet, gleichermaßen wie eine Anordnung Bieri´s wie wir zu reden hätten (Basta - oder wie?).
Ich möchte hier einen Versuch wagen, die heilige Kuh des hier angesprochenen Kategorienfehlers über den freien Willen zu schlachten: Vielleicht kommt der Begriff des freien Willens aus einer Zeit, in der es den Menschen (im Mesokosmos) nur darum ging , ob sie das machen dürfen, was sie wollen oder ob sie das von z.B. einem Fürsten oder sonstigem Alphatierchen verboten bekommen, also unfrei wären. Dieser Begriff ist dann später unrechtmäßig auf einen andere "Kategorie", nämlich unsere angebliche innere Freiheit, bezogen worden. Ein anderer Ansatz wäre, dass wir mit unserem evolutionär bedingten, beschränktem Denkvermögen uns den "freien Willen" gar nicht wirklich vorstellen können. Genauso, wie wir uns im Mesokosmos etwas Endloses und Endliches ((die unendliche Weite des Meeres und das Ende der Fahnenstange) noch recht gut vorstellen können, im Makrokosmos aber uns recht schwer tun, wenn es nicht gänzlich unmöglich ist, uns eine Unendlichkeit oder den in sich räumlich-zeitlich gekrümmten Raum vorzustellen. Wir können darauf nur mathematisch schlußfolgern und dann überprüfen, ob dieses Konstrukt in der Lage wäre, physikalische Beobachtungen zu erklären oder nicht. Genauso könnte es beim "freien Willen" sein. Wir können uns den freien Willen nicht wirklich vorstellen. Den unfreien Willen übrigens auch nicht. Vielleicht sollten wir zu neuen Ufern aufbrechen, etwa wie folgt:ein Individuum erscheint uns in seinem Willen umso freier, d.h. auch, umso vielfältiger, differenzierter, aber auch unvorhersagbarer, je mehr Handlungsalternativen es in seinem Verhaltensrepertoire hat. Man könnte hier auch von der Anzahl der Freiheitsgrade eines Individuums reden. Je größer diese wäre, desto deutlicher wäre der subjektive Eindruck über seinen "freien Willen". Wäre die Anzahl seiner Freiheitsgrade eher gering, dächten wir wohl an ein primitives Tier (Bieri könnte an seinen Unbeherrschten denken, der unter einem inneren Zwang leidet). Wäre die Zahl der Freiheitsgrade so hoch, dass das Individuum gänzlich unberechenbar wäre, dann würden wir an einen Verrückten denken oder an einen Zufallsgenerator für Willensäußerungen in einem Roboter, wir würden uns einen solchen Willen weder für uns vorstellen können, geschweige denn ihn auch für uns wünschen (wie Herr Bieri meinen würde).
Lieber Herr Wolf, in Ihrer Selbstbeschreibung in Brainlogs nehmen Sie sich vor, die Sprachbarrieren zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ein wenig einreißen zu wollen. Ein löbliches Vorhaben, das gar nicht weiter begründet werden muss. Wegfall von Sprachbarrieren ist immer gut. Leider ist Ihnen das in Ihrem Beitrag "Wer denkt hier eignetlich?" m.E. nicht wirklich gelungen. Vielmehr haben Sie und der von Ihnen gelobte Herr Bieri versucht, Neurowissenschaftlern durch den Vorwurf, Kategorienfehler begangen zu haben, vorgeschrieben, was sie nicht sagen dürfen, statt zu versuchen, zu vermitteln, d.h. das, was die Neurowissenschaftler herausgefunden haben, dass z.B. jedem psychischen Erlebnis ein neurophysiologisches Korrelat entspricht, in seiner bahnbrechenden Bedeutung meinetwegen auch philosophisch zu rezeptieren.
Auch Wolf Singer erwähnte in einem seiner Vorträge (Videos, nur mit dem Internet Explorer abspielbar), (siehe auch Helmut Wicht in seinem Blog: Sing´er, Singer vom 11.03.08), dass einige Leute immer wieder den Vorwurf des Kategorienfehlers erheben würden und kommentierte das mit der Frage: "Was soll man da machen?" Helmut Wicht bezeichnete das zwar als Nonchalance. Zu Unrecht aber. Mir kommt es eher als Ratlosigkeit vor. Was tragen denn die Geisteswissenschaftler zu den erstaunlichen Entdeckungen der Neurowissenschaftler bei, außer ihnen Schweigen zu gebieten? Überall scheinen sie die sogenannte Neurologik ins Visier zu nehmen und mokieren sich auch noch über die "bunten Bilder aus den Tomografen" (so z.B. erst wieder jüngst im Psychotherapeuten-journal vom 25.03.08) . Sie bemühen sich offensichtlich gar nicht, zu einem besseren Verständnis dieser neuen Entdeckungen beizutragen.
In diesem Sinne ist es wichtig, einerseits natürlich keine nassforschen Schlußfolgerungen aus den Ergebnissen der Neurowissenschaften zu ziehen, andererseits aber auf das griesgrämlich wirkende Verschanzen hinter dem Vorwurf der Kategorienfehler zu verzichten. Mit den Neurowissenschaften, so wie wir sie heute erleben, kommt sehr wahrscheinlich eine neue geisteswissenschaftliche Wende auf uns zu, die vielleicht viele erschreckt und mit Sicherheit den Widerstand der Kirchen provozieren wird. Da käme auch der Philosophie eine wichtige Rolle bei der Rezeption dieser Erkenntnisse zu, die uns eine humanere Welt bringen könnten, z.B. auch wissenschaftlich fundiert zu zeigen, dass es menschlicher und vernünftiger ist, auf kriminelles Verhalten unserer Mitmenschen statt mit Strafe besser mit Therapie (oder Erziehung) zu reagieren. Davon scheint Bieri aber wenig zu halten, so schreibt er leider in seinem Essay: "Hätte die Hirnforschung die Willensfreiheit widerlegt, so müssten wir umdenken: Therapie statt Schuld und Sühne, Mitleid statt Groll und Empörung." Nach Bieri empfiehlt sich also das Festhalten an Schuld und Sühne, an Groll und Empörung. Offensichtlich macht er sich gar nicht klar, dass sich in dieser seiner Einstellung ganz deutlich archaische Wahrnehmungsstrukturen abbilden, die schon vor den Neurowissenschaften von der biologischen Evolutionstheorie (siehe Ethologie von Lorenz und Eibl-Eibesfeldt) identifiziert werden konnten. So viel zu seinem freien Willen.
Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Strobel
"Das Gehirn nämlich kann gar nichts entscheiden ... " Dieser Satz aus dem Spiegelzitat ist eindeutig falsch.
Bei Nahtod-Erlebnissen kann man erleben, wie je nach Ausgangs-Situation entweder die Erlebnisse des episodischen Gedächtnisses ab der 24. Schwangerschaftswoche oder aber die Erlebnisse ab der frühen Kindheit (3.-5. Lebensjahr) - bis zum aktuellen Alter durchsucht werden.
=> das Gehirn (bzw. ein Teil davon) kann eindeutig verschiedene Erfahrungszeiträume unterscheiden.
Es stellt sich die Frage,wie kommt diese Unterscheidung zustande? Ist es ein biologischer Prozess im Gehirn oder eine freie (virtuelle) Entscheidung?
Dann stellt sich auch noch die Frage nach den Gründen: wieso unterscheidet das Gehirn zwischen diesen Erfahrungszeiträumen - gibt es zwei verschiedene ICHs, ist das eine ein Teil des anderen - oder ´sieht´ das Gehirn diese Erlebniszeiträume unter unterschiedlichen Gesichtspunkten?
Dann stellt sich auch noch die Frage: welcher Teil des Gehirn trifft diese Entscheidung und warum? Ist dieser Teil für das Denken zuständig?
Die sogenannten Nahtoderlebnisse muß man gar nicht bemühen. Wann immer Unterscheidungen (oder Entscheidungen oder Denkoperationen)durchgeführt werden, behaupten die Philosophen der idealistischen Denktradition ganz einfach, dass die "Rede darüber keinen logischen Ort in der Rede über das Gehirn habe". Also Basta ? Damit das nach mehr klingt, denn die Argumentation fehlt ja, wird dann der Kategorienfehler bemüht und schon hat man Ruhe im Karton, denn jetzt soll sich niemand mehr trauen zu fragen: "wieso?". Man könnte ja für dumm gehalten werden, wie im Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Man muss schon die starke Naivität eines Kindes haben, um zu rufen, dass das gar kein Argument ist (dass der Kaiser ja nackt einhergeht).
Der idealistische Philosoph möchte einen Raum für das Mentale aufspannen, der losgelöst vom Hirn ist. Viele Geistes-wissenschaftler fordern eben die Unab-hängigkeit ihres Forschungsbereiches von den Neurowissenschaften.
Sie postulieren die Eigenständigkeit der mentalen Phänomene ganz einfach und unterlassen es, dieses Postulat zu hinterfragen, geschweige denn zu überprüfen.
Wenn ich Sie jetzt richtig verstanden habe - und dazu noch ein bisschen gemein bin - dann meinen die Geisteswissenschaftler (überspitzt formuliert): Geisteswissenschaft denkt ohne Gehirn / hirnlos.
Ein interessanter Gedanke - aber ich bin trotzdem mehr auf Seiten der Neurologie: Wenn man das Gehirn besser erforscht und vesteht, dann nützt dies vielen Menschen. Das Gehirn ist schließlich die wichtigste Steuerzentrale des Menschen - und sogar die Gedanken der Geisteswissenschaftler müssen igendwo herkommen.
Lieber Herr Strobel,
mir geht es natürlich auch darum, die Legitimität geistes- und sozialwissenschaftlicher Beschreibungssysteme und -sprachen zu betonen. Um noch einmal auf die Analogie Bieris mit dem Gemälde und Ihre Einwände zurückzukommen: selbstverständlich besteht die Gefahr einer Inflation von Beschreibungssprachen und am Ende wird das Gehirn wirklich als "pinkfarbener Elefant" beschrieben. Dennoch scheinen mir einige Systeme der Beschreibung des Gemäldes legitim zu sein. Der Kunsthistoriker kann das Werk in die entsprechende Epoche einordnen. Der Kunstkritiker kann die Bedeutung des Werkes beurteilen. Der Ökonom erklärt uns, wie der Preis zustande kommen konnte. Ich würde nicht so weit gehen, und all diese Beschreibungen als gleich legitim und objektiv einzustufen. Eine physikalische oder chemische Beschreibung des Bildes abstrahiert zu Recht von subjektiven Werturteilen und den intersubjektiven Konventionen einer Gesellschaft oder Kultur. Aber:
aus der Analyse der Dichte oder der Masse des Gemäldes erschließt sich uns z.B. eben nicht das Thema des Werkes. Und das Thema eines Bildes möchte ich wissen.
Im Übrigen plädiert Bieri ja nur für einen Pluralismus der Beschreibungen (epistemisch). Ontologisch vertritt er - was vor allem aus seinen Vorlesungen hervorgeht - zumindest einen minimalen Materialismus der Supervenienztheorie. Psychologische Eigenschaften können sich nur verändern, wenn sich die physischen (neurobiologischen) Eigenschaften ändern. Analog beim Gemälde: Auch dessen Thema kann sich nur ändern, wenn die materielle Seite geändert wird.
Auf geistes- oder sozialwissenschaftliche Beschreibungen sollten wir aber nicht verzichten. Bei der neurobiologischen Korrelationsforschung sind wir ja auch auf die (alltags-) psychologischen introspektiven Beschreibungen der Probanden angewiesen. Diese schildern ja dem Hirnforscher, ob sie z.B. an eine Zahl oder ein Wort denken etc., während die entsprechenden Hirnaktivitäten gemessen werden.
Wahrnehmungssychologische und phänomenologische Analysen beispielsweise zeigen uns, wie wir mit der Welt umgehen. Dass wir u.a. einen Gegenstand unserer Wahrnehmungsumgebung immer schon als etwas ganz bestimmtes wahrnehmen und unser Bewusstsein (unser Gehirn)hierbei auf zahlreiche Vorerfahrungen und abstrakte Begriffe zurückgreift. Hier können Psychologie, Phänomenologie und die Hirnforschung zusammenarbeiten, um zu erklären, wie wir aus minimalen Informationen aus den Sinnesorganen z.B. die Wahrnehmung eines Gegenstandes "als Stuhl" generieren.
Wie wir lesen konnten (weiter oben) geht der Geisteswissenschaftler (Wolf und Bieri und gewiss noch andere) davon aus, dass Begriffe wie Denken und Entscheiden keinen logischen Ort in der Rede über das Gehirn haben, sondern nur einer Person zugeschrieben werden können. Soll das heißen, dass da eine Hintertüre offengehalten wird, nämlich dass wenigstens der geografische Ort des Denkens im Gehirn liegt, wenn schon nicht der logische? Und wo ist der logische Ort? Dort, in der Rede über Gründe, Handlungen, Entscheidungen und Denken !
Also, der Geisteswissenschaftler denkt, sein Gehirn denkt nicht!
Bei mir ist das anders, mein Gehirn, denkt, meine Nase führt ihm Sauerstoff zu, damit es denken kann (via Blut und Herz), dazu brauche ich aber die Umgebung, denn könnte ich denken, wenn ich alleine wäre? (die Solipsisten glauben sogar das). Ich könnte sogar einige Teile meiner Person entfernen, ohne dass sich an meinem Denken etwas Erkennbares ändern würde (mir sind schon einige Zähne abhanden gekommen, ohne dass ich jetzt weniger gut denken kann). Oder zählt das nicht zur Person? Ich denke, dass ich mich hier anstrengen und doch noch einen ernsthafteren Beitrag an Christian Wolf schreiben muß. Aber heute Nacht nicht mehr. Bis bald !
Genau, denken und Gehirn kann man nie voneinander trennen.
Im Gehirn bilden doch Erfahrungen und Wissen die Grundlage von Gedanken1. Im Augenblik des Entstehens ist der Gedanke1 aber bereits wieder Teil von Erfahrung/Wissen; welches wiederum die Grundlage von Gedanken2 ist. usw. Dies ist eine Rückkopplung (ein Regelkreis) ohne Unterbrechung.
Das beste was man tun kann, ist es, für genügend Erfahrungen/Wissen zu sorgen, damit das Gehirn eine geeignete Grundlage für die Ausformung von Gedanken hat.
Die Etscheidende Frage bleibt dennoch, "Wer denkt das Gehirn"? Das Gehirn müsste von "Ausserhalb" einen Impuls bekommen um ebend erst einen Gedanken zu denken, daraus entspringt dann jeweils, eine weitere Handlung. Wer denkt das Gehirn???
Gruss