brainlogs Sichtweisen

Pluralismus der Beschreibungsebenen

von Christian Wolf, 15. Juni 2008, 16:14

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich über das Problem der Vermischung von Beschreibungssprachen bei der Erforschung der Gehirn-Geist-Thematik geschrieben: Psychologische Begriffe wie „Motiv“, „Absicht“ „Entscheiden“, „Handeln“ sind auf neurobiologischer Beschreibungsebene nur in metaphorischer Weise sinnvoll anwendbar. Wenn man nun auch die verschiedenen Beschreibungsebenen (psychologische, kognitionswissenschaftliche, neurobiologische etc.) nicht vermischen sollte, so kann man sie natürlich doch aufeinander beziehen.

Ich will hier zwei Beispiele – eines aus der Wahrnehmungspsychologie und eines aus den Kognitionswissenschaften – nennen.
Eine psychologische Analyse aus der Erste-Person-Perspektive ergibt, dass wir Farben von Gegenständen relativ konstant wahrnehmen, obwohl sich je nach Tageslicht die Beleuchtungsumstände ändern. So nehmen wir etwa auch ein Stückchen Kohle in hellem Sonnenschein als schwarz wahr und ein weißes Blatt im Halbdunkel als weiß. Und das obwohl die Kohle im Sonnenlicht wesentlich mehr Licht reflektiert. In der Wahrnehmungspsychologie ist das Phänomen als Farb- oder Helligkeitskonstanz bekannt. Die Neurobiologie wiederum ist auf einer tieferen Beschreibungsebene in der Lage, den Korrekturmechanismus im Gehirn zu untersuchen, der die Beleuchtungsumstände quasi „herausrechnet“. Die Biologie kann uns auf den evolutionären Vorteil von Lebewesen hinweisen, die Farben von Gegenständen konstant (wieder-)erkennen und so u.a. reife von unreifen Früchten unterscheiden können. Hier dient also eine Beschreibung aus der Erste-Person-Perspektive dazu, ein Phänomen (das der Farbkonstanz) festzustellen, das dann mithilfe tiefer liegender Beschreibungsebenen erklärt werden kann.

Ein anderes Beispiel stammt aus der Theorie der Informationsverarbeitung der Kognitionswissenschaften. Bei den Experimenten von Saul Sternberg (Sternberg-Paradigma) zum Kurzzeitgedächtnis erhielten die Probanden eine Liste von Zahlen, die sie sich einprägen sollten. Danach wurden sie gefragt, ob eine bestimmte Zahl in der Liste enthalten war.

Dabei konnte festgestellt werden, dass die Reaktionszeit der Antworten der Versuchspersonen mit der Anzahl der in der Liste enthaltenen Zahlen annähernd linear zunimmt. Sternberg interpretierte das Suchen nach der richtigen Antwort als eine Abfolge von Informationsverarbeitungsschritten. So wird zunächst ein Reiz (die Testzahl) wahrgenommen, dann werden nach und nach die Zahlen der Liste mit der Testzahl verglichen, bis schließlich eine Antwort erzeugt wird. Sternberg ging davon aus, dass der Vergleich der abgefragten Testzahl mit den einzelnen Zahlen jeweils 38 Millisekunden dauert. Damit konnte er erklären, wieso die Reaktionszeit der Antworten mit steigender Anzahl der erinnerten Zahlen zunimmt. Dieser Informationsverarbeitungsansatz ist ursprünglich so konzipiert, dass von der neuronalen Repräsentation der Information im Gehirn abgesehen wird. Aber natürlich bietet sich auch hier an, die abstrakt beschriebene Informationsverarbeitung mit neurobiologischen Mechanimen (etwa der Reizverabeitung im auditiven oder visuellen Cortex beim Hören oder Sehen der Testzahl) zu korrelieren und damit die Dauer der Informationsverarbeitung zu erklären.
Die hier genannten Beschreibungsebenen haben alle ihre Berechtigung. Die (wahrnehmungs-) psychologische Beschreibung aus dem ersten Beispiel ermöglicht uns überhaupt erst, ein bestimmtes Phänomen in den Blick zu bekommen. Ohne die psychologisch beschreibbare Erfahrung, Dinge auch bei unterschiedlichen Beleuchtungsumständen relativ konstant wahrzunehmen, kämen wir gar nicht auf die Idee, nach den (neurobiologischen) Ursachen der Farbkonstanz zu suchen. Die Beschreibungsebene der Informationsverarbeitung versetzt uns in die Lage, Phänomene wie die Suche im Kurzzeitgedächtnis zu erklären, ohne schon auf das hyperkomplexe System Gehirn mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen zurückzugreifen. Die neurobiologische Beschreibungsebene endlich ermöglicht uns, Phänomene wie die Farbkonstanz auch kausal zu erklären. 

Insofern plädiere ich für einen Pluralismus der Beschreibungsebenen.

Quellen:

Joachim Hasebrook: Multimedia-Psychologie, Spektrum Akademischer Verlag
John R. Anderson: Kognitive Psychologie, Spektrum Akademischer Verlag


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Kommentare

  1. J. Elsässer Herbe Kritik
    16.06.2008 | 13:22

    Schon in Ihrem letzten Artikel haben Sie so überholte Statements gebracht, wie "das Gehirn kann gar nichts entscheiden", "das Gehirn hat keine Schmerzerlebnisse" und ähnliches. Mich hat schon damals gewundert, wie jemand sein mangelndes Wissen über Hirnforschung in einen Leitartikel packt (wenn auch nur in einem Blog). Vielleicht sollten Sie nicht nur Peter Bieri lesen sondern auch mal Wolf Singer.

    Auch Ihr neuer Aufsatz macht mich etwas ratlos: Unterschiedliche Beschreibungsebenen gibt es doch immer und die sind auch notwendig. Was wollen Sie denn überhaupt sagen und wofür plädieren Sie eigentlich?

  2. Uwe Kauffmann Butter bei die Fische.
    16.06.2008 | 20:05

    In den Raum gestellt,
    ich finde herbe Kritik, ist garnicht gerechtfertigt. Es ist einfach nur umständlich und langweilig. Eine Rechtfertigung dass es ein Beitrag, für den interresierten Laien sei, lasse ich nicht gelten, dafür ist der Beitrag sprachlich zu verstiegen.
    Ich meine das nicht als Kritik an der Person, sondern rufe aus: Butter bei die Fische"!

    Gruß Uwe Kauffmann

  3. Gerhard Strobel @ Christian Wolf
    23.06.2008 | 01:40

    Sehr geehrter Herr Wolf,
    zunächst möchte ich Ihnen und den anderen Blogern in Brainlogs hier mal dafür danken, dass Sie sich, mit Ihren Beiträgen einer unbekannten Zahl von unbekannten Lesern gegenüber exponieren und dafür vollkommen unterschiedliche (qualifizierte und unqualifizierte) Antworten lesen müssen. Sie geben mir, der sonst kaum was schrieb, die Gelegenheit, sich hier zu trainieren, seine Gedanken klarer zu fassen zu bekommen. Weiterhin danke ich Ihnen für die Freude darüber, mich mit Menschen über meine Interessen austauschen zu können, was mir sonst in meiner Situation nahezu kaum bis nicht möglich ist.

    Also jetzt zu Ihrem gewünschten Pluralismus der Beschreibungsebenen:
    Frau/Herr J. Elsässer bemängelt, dass er nicht wisse, was Sie sagen wollen und wofür Sie plädieren. Das ist doch ganz klar: Sie plädieren für den Pluralismus der Beschreibungsebenen. Nur, warum Sie das tun ist mir auch nicht klar geworden. Was ähnliches haben Sie ja auch schon in Ihrem Beitrag „Wer denkt hier...“ versucht. Der von Ihnen lobend erwähnte Peter Bieri tut das ja auch mit seinen unterschiedlichen Beschreibungsebenen eines Bildes.

    Jetzt schrieben Sie: „Die hier genannten Beschreibungsebenen haben alle ihre Berechtigung“.

    Das scheint der argumentative Knackpunkt zu sein. Alle Beschreibungsebenen brauchen wohl eine (Daseins-) Berechtigung ? Dann können sich die idealistischen Geisteswissenschaftler schier endlos in ihren selbst gebastelten, nein, in ihrem selbst konstruierten „Biotop“. Verzeihung, das ist mir gerade mal so etwas satirisch herausgerutscht. Ich lasse es aber trotzdem so stehen. Alle Beschreibungsebenen existieren doch in dem Sinne schon, wie „Meme“ existieren, ob mit oder ohne Daseinsberechtigung. Ihre Berechtigung kann man doch gar nicht ein für alle mal an Einzelbeispielen klären.

    Vielmehr steht doch die Frage im Raum, welches überprüfbare Ziel mit welcher Beschreibungsebene erreicht werden kannl ? Und da kommen wir der Sache schon näher. Sie behaupten nämlich, die Beschreibungsebene der Informationsverarbeitung ermögliche die Erklärung des Phänomens der Suche im Gedächtnis, ohne auf das System Gehirn zurückzugreifen.

    Beschreiben ist in den Naturwissenschaften die unterste Stufe der ganzen Forschung. Erstmal gilt es, das Untersuchungsfeld zu beschreiben und zu prüfen, ob Übereinstimmung mit anderen Beobachtern zu erzielen ist. Die dazu notwendigen Vorannahmen lasse ich jetzt mal, ich hoffe verständlicherweise, außen vor. Sie werden später kritisch herangezogen, wenn die Beschreibungen nichts taugen oder anfangen, veraltet zu werden. Die so genannte Parapsychologie (brrrr – genauso schrecklich wie das Wort Tiefenpsychologie) z.B. ist deswegen keine Naturwissenschaft, weil die Behauptung der Existenz ihres Untersuchungsgegenstandes noch immer keiner Überprüfung standhält.

    Die Beschreibungsebene der Informationsverarbeitung ermöglichte zumindest bei Saul Sternberg keine Erklärung des cerebralen Suchvorganges (sollte sich da nicht schon ein Kategorienfehler eingeschlichen haben – wer oder was sucht hier eigentlich, eine Person oder ein Eiweißhaufen?). Denn während das Sternberg-Modell die verwendeten Daten (es wurden nur wenige Zahlen zum Einprägen vorgegeben) zunächst adäquat voraussagte, stellt sich die Frage, ob das Gehirn tatsächlich auf diese Art und Weise eine Aufgabe bewältigt. Das Sternberg-Modell war zwar eine gute Beschreibung eben eines bestimmten Modells, aber keines Untersuchungsgegenstandes, denn schon geringfügige Veränderungen (z.B. die Vergrößerung der Auftrittswahrscheinlichkeit oder der Häufigkeit der dargebotenen Zahlen) an diesen Labor-Experimenten führten auch sofort zu veränderten Ergebnissen (z.B. zu verkürzten Reaktionszeiten), die sich mit diesem Modell nicht mehr erklären ließen. Letztlich war das eigentlich Interessante dann die Erkenntnis, dass das Gehirn doch anders funktionieren muss, als die abstrakt beschriebene Informationsverarbeitung nahe legte.

    Sie schreiben, es böte sich an, die abstrakt beschriebene Informationsverarbeitung mit neurobiologischen Mechanismen zu korrelieren und damit die (Dauer der) Informationsverarbeitung zu erklären.

    Ich behaupte, dass dies nicht der Fall ist. Keine abstrakten Beschreibungen können mit irgendwelchen Mechanismen korreliert werden, um damit irgendetwas wiederum überprüfbar zu erklären. Das hat auch Saul Sternberg nicht getan. In der Naturwissenschaft werden stattdessen beobachtbare Ereignisse mit einander korreliert, d.h. das gemeinsame Auftreten wird dokumentiert und der dabei anfallende Datensatz wird mathematisch verdichtet. Dieses Ergebnis (der Korrelationskoeffizient) wird mit einer diesbezüglichen Hypothese (bzw. ihrer Operationalisierung) statistisch verglichen, die vorher aus einer Theorie abgeleitet wurde. Diese Theorie ist zunächst heuristisch entstanden, bedarf ihrerseits also prinzipiell keiner Rechtfertigung. Erst die Widerlegung ihrer Hypothesen erlaubt die adäquate Veränderung der Theorie und ermöglicht damit einen Fortschritt der empirischen Wissenschaft. Mit dem so genannten Vermutungswissen, das sind die Hypothesen, die einer strengen Überprüfung unterzogen wurden und trotzdem (gegenwärtig noch) nicht widerlegt werden konnten, wird eine Erklärung des Untersuchten gewagt, die ihrerseits wiederum (nur) hypothetischen Charakter hat. Das ist Ihnen alles bekannt. Ich denke, das sollte hier auch mal klargestellt werden. Die Beschreibungsebene muß sich im jeweiligen Forschungsfall daran messen lassen, welche Frage mit ihrer Hilfe nachgegangen werden soll und überhaupt nachgegangen werden kann.

    MfG Gerhard Strobel

  4. Monika Armand Schöner Beitrag
    23.06.2008 | 16:14

    ....und ich möchte Sie ermutigen trotz unten stehender kritischer Anmerkungen - weiter zu machen.....

    Ich kann Ihren Gedanken folgen und vermute mal, dass die Kommentare bei einigen weiteren erläuternden Gedanken zum Thema "Beschreibungsebenen" Ihren Standpunkt hätten besser nachvollziehen können.

    Ja ja...das Problem der verschiedenen Wissenschaftssprachen. Welcher Wissenschaftler mein was?

    Der Neurobiologie sieht die rein biologischen Zusammenhänge und lässt das Umfeld außer Acht..... Der Psychologe misst und beobachtet, liefert eine Deskription durchaus orientiert an empirischen Methoden.... Der Pädagoge möchte möglichst viele Faktoren, welche auf die jeweiligen Meßparameter Einfluss nehmen berücksichtigt wissen, um daraus für sein praktisches Handeln Rückschlüsse ziehen zu können..... Der Philosoph versucht die Sache ganzheitlich und - je nach Fachrichtung - analytisch in den Blick zu nehmen und wird gerne einer "feindlichen" anti-naturwissenschaftlichen Analyse bezichtigt. Er gerät in ein Kreuzfeuer der Kritik, welche selbst wieder das Zünglein der Waage in Richtung "Naturwissenschaft-sei-die-allein-selig machende-Betrachtungsebene" verschiebt.....

    @ J. Elsässer
    Ich vermisse in Ihrem Kommentar "echte" Argumente. Ihr argumentum ad personam führt inhaltlich leider nicht weiter. Außerdem leidet dabei die Motivation der ehrenamtlich bloggenden Wissenschaftler .......und das ist doch sicherlich nicht in Ihem Interesse ;-)

  5. Gerhard Strobel @Monika Armand Schöner Beitrag
    23.06.2008 | 23:53

    Was war jetzt das ?
    Wen meinten Sie eigentlich ?
    Ich fand keine Kommentare, die meinen Standpunkt nachvollzogen hätten (wenn mein Standpunkt überhaupt gemeint war)!
    Ihre Darstellung der Tätigkeit von Wissenschaftlern verschiedener Richtungen konnte mich nicht überzeugen. Im Übrigen bin ich der Meinung, wohl ähnlich wie Sie Frau Armand, dass hier eine Nettikette not tut !

  6. Jack Elsässer Blog-Motivation @ Monika Armand
    24.06.2008 | 12:44

    Solange ich diese Blogs mitlese, sehe ich immer wieder dieselben Namen, offensichtlich eine nette kleine Blog-Society. Es gibt da wenig Kritik, viel gegenseitige Lobhudelei, und damit allein schon viel Motivation zum Schreiben.

    Wenn so ein netter, ehrenamtlich bloggender Wissenschaftler dann aber mit unausgegorenen und trivialen Sprüchen ins Netz, an die Öffentlichkeit geht, muss er sich schon offene Kritik gefallen lassen. Darunter sollte seine künftige Motivation nicht leiden, sie könnte ihr gut tun.

  7. Monika Armand @ Gerhard Strobel
    24.06.2008 | 13:57

    Ich hatte den Beitrag von Christian Wolf gemeint, wobei mir Ihr Kommentar auch sehr gut gefallen hat.

    "Ihre Darstellung der Tätigkeit von Wissenschaftlern verschiedener Richtungen konnte mich nicht überzeugen."

    Das hatte ich auch nicht beabsichtigt ;-)

    "Die Beschreibungsebene muß sich im jeweiligen Forschungsfall daran messen lassen, welche Frage mit ihrer Hilfe nachgegangen werden soll und überhaupt nachgegangen werden kann."

    Finde ich auch, aber......

    Ich denke, dass Ihre obige Feststellung verdeuticht, dass der Beitrag von Christian Wolf zu einer Diskussion in den Kommentaren geführt hat, welche quasi Herrn Wolf's Beschreibungsebene auch verlassen hat.... und wohl dadurch jetzt zu einem Komglomerat von Missverständnissen führt(e)......

    Meine Sicht auf die unterschiedlichen "Beschreibungsebenen" ist die, dass die unterschiedlichen Herangehensweisen an einen Untersuchungsgegenstand in den jeweiligen Wissenschaften zu einem "Kommunikationsproblem" führen. Unsere Diskussionsprobleme spiegeln für mich wieder, dass Herr Wolf hier ein zentrales Problem zur Umsetzung einer echten Interdisziplinarität im Kern getroffen hat. Wir sind dafür quasi die Bestätigung ;-)

    Herr Elsässer las den Beitrag mit seinen ganz persönlichen Erwartungen, vermutlich von einer ganz anderen wissenschaftlichen Perspektive kommend.....

    Herr Kaufmann,immer vorausgesetzt, dass meine Interpretation auch zutrifft ;-) möchte eher "handfeste" Information und ein schnelleres ? Ergebnis für das Ziel von Herrn Wolf zwischen den "Eheproblemen" der Philosophie und Neurowissenschaften zu vermitteln....ich denke, das braucht schlicht auch ein wenig Geduld.....

  8. Monika Armand @ Elsässer
    25.06.2008 | 18:44

    "..Wenn so ein netter, ehrenamtlich bloggender Wissenschaftler dann aber mit unausgegorenen und trivialen Sprüchen ins Netz, an die Öffentlichkeit geht, muss er sich schon offene Kritik gefallen lassen." ......dazu gehört allerdings auch, dass Sie diese Kritik - wie es für eine wissenschaftliche Diskussion üblich ist - auf der Sachebene anbringen.

    Die Bezeichnung, "Ihre Beiträge sind unausgegoren" und "trivial" sagen aber inhaltlich über eine Sache rein gar nichts aus. Das sind Eigenschaftszuschreibungen, welche Ihre persönliche Meinung über den Blogschreiber beinhalten und keine inhaltlichen Argumentationsformen. Im Übrigen sind sie persönlich herabsetzend.

    Für andere Leser wird dadurch das Lesen der Kommentare höchst unerquicklich.

  9. Steffen Rehm Pluralismus-AHMAZ
    25.06.2008 | 19:02

    J.Elsässer schrieb mir aus der Seele, ich könnte jeden seiner Sätze unterstreichen und bin wie er der Meinung, daß Lobhudelei dem lieben Wolf hier nicht gut tut, wohl aber eine deutliche Kritik. Wenn sein Bloggen dadurch vorübergehend gehemmt wird, ist das auch nicht tragisch, kann die Reifung und Entwicklung seiner Gedanken voranbringen.

    Ich gehe davon aus, daß alle an der Kognitionsforschung interessierten Wissenschaftler die Pluralität der Beschreibungsebenen und die damit verbundenen Kommunikationsprobleme sehr gut kennen, jedoch vor dem Gehirn und seinen Leistungen stehen, wie J.W.Goethe es treffend formulierte: „Sie haben die Theile wohl in der Hand, fehlt-leider- nur das geistige Band.“ Demnach wäre es also die zukünftige Aufgabe für den Philosophen, die vielen Beschreibungsebenen zu verbinden, mit einem „geistigen Band“ zu verknüpfen. Welche Sprachform für ein derartiges „geistiges Band“ optimal ist, wurde von G. Strobel bereits mit der „verdichtenden“ Wirkung der mathematischen Sprachform angedeutet.

    Um den törichten Streit zwischen Natur- und Geisteswissenschaft zu beenden, sollte von G. Strobel aber auch bedacht werden, daß die Mathematik eine reine Geisteswissenschaft ist; in der Natur gibt es keine Gleichungen.

    Es gibt sicher viele Wissenschaftler, welche die getrennten Gebiete unter einer gemeinsamen Schädeldecke vereint haben. Von solchen Leuten sind fortschrittliche Gedanken zu erhoffen, aber C. Wolf erscheint mir mit der Hirnforschung noch zu wenig vertraut, um mit diesen (z.B. dem Philosophen T. Metzinger und dem Psychologen E. Pöppel) gemeinsam genannt zu werden.

    Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang leider, wie kurzsichtig die Hirnforscher oft auf ihren Tellerrand beschränkt sind und deshalb philosophisch unzumutbare Behauptungen propagieren, z. B. die Negation des freien Willens durch die Experimente von B.Libet. Ein wenig Kenntnis von I.Kant könnte hier nicht schaden.

    Von einem eheähnlichen Verhältnis der Philosophie zu den Neurowissenschaften zu sprechen, ist also nicht zutreffend, solange die Eheringe, Goethes „geistiges Band“, nicht in Sicht sind. Bis dahin brauchen wir mit Frau Armands therapeutischen Worten „ schlicht auch ein wenig Geduld...“, weil wir mit ihr überzeugt sind: AHMAZ Zusätzlich wäre einmal eine zündende Idee nötig, das „geistige Band“ zu formulieren.

    Steffen Rehm

  10. Monika Armand @ Steffen Rehm
    26.06.2008 | 17:24

    "J.Elsässer schrieb mir aus der Seele, ich könnte jeden seiner Sätze unterstreichen und bin wie er der Meinung, daß Lobhudelei dem lieben Wolf hier nicht gut tut, wohl aber eine deutliche Kritik. Wenn sein Bloggen dadurch vorübergehend gehemmt wird, ist das auch nicht tragisch, kann die Reifung und Entwicklung seiner Gedanken voranbringen."

    Dazu möchte ich nur anmerken, dass der Ton die Musik macht ;-)
    Gegen konstruktive Kritik hat keiner etwas einzuwenden. Im Gegenteil ist das m.E. auch ein Stück weit Sinn des Bloggens und der Kommentare.

    Und wie man an Ihrem Kommentar sehen kann, ist eine konstruktive Kritik auch nicht persönlich verletztend und herabsetzend, sondern führt in der Sache immer weiter.

  11. Jack Elsässer
    29.06.2008 | 18:21

    @ Monika Armand betr. Sachlichkeit etc.

    Es gibt in einer Diskussion Argumente und Sachdetails, über die man ausführlich reden muss, um etwas zu klären. Jedoch gibt es auch Situationen, in denen schon der Ausgangspunkt nicht stimmt, das Thema verfehlt oder absolut uninteressant ist. In solchen Fällen braucht man über irgendwelche Einzelheiten überhaupt nicht zu reden. Ich persönlich mache, weil ich immer unter Zeitdruck stehe, dann meist kurzen Prozess und hake das Ganze ab.

    Bei Kindern und Jugendlichen gebe ich mir oft viel Mühe, ihnen klitzeklein auseinanderzusetzen, worin ggf. ihr Irrtum besteht und was sie richtig machen. Das erspare ich mir jedoch bei Leuten die sich als Akademiker gerieren und mit kompetent klingenden Phrasen um sich werfen.

    Dass es unterschiedliche Beschreibungsebenen geben muss, ist trivial, für was der Autor hier wortreich plädieren will, bleibt sein Geheimnis. In seinem vorherigen Beitrag "Wer denkt hier eigentlich?" erfährt man, dass er nicht einverstanden ist, den Geist im Gehirn zu verorten, er beansprucht dafür den ganzen Organismus. Die Erkenntnisse der Hirnforschung hält er für "Kategorienfehler", irgendwo steht auch der dümmliche Satz "Das Gehirn kann gar nicht denken".

    Für diese Art von Wissenschaftsjournalismus habe ich nur Spott übrig, sorry.

    J.E.

  12. Monika Armand @ Jack Elsässer
    30.06.2008 | 19:35

    Es gibt keine Rechtfertigung die Netiquette zu verletzen, schon gar keine, welche eines Wissenschaftlers würdig wäre, denn dieser gebraucht seinen Verstand und Argumente um seine "andere" Meinung kund zu tun.

    Mein Psychologieprofessor sagte zu einem argumentationsfreien, persönlichen Kommentar einmal: Dümmlich ist, wer so über sein Gegenüber spricht...
    Beste Grüße
    M.A.

  13. Steffen Rehm Pluralismus
    01.07.2008 | 20:22

    In der Auseinandersetzung zwischen M. Armand und J. Elsässer plädiere ich für einen Pluralismus der Meinungen :-).

    J.E. kann sicher auch gut argumentieren, das zeigt er ja, aber er spricht von "gewissen Situationen", wo er lieber seinen Dampf abläßt, als sachlich zu bleiben. Das kennt wohl jeder, gewisse Situationen, wo man emotional sagt: So ein Blödsinn..
    M. A. sieht die herbe Kritik aus dem Blickwinkel der "Kollegin", sie hat auch gerade ihre ersten Schritte gemacht und kann sich gut in C. W. einfühlen.
    Das versuche ich auch, wenn ich sage: Kalte Duschen muß man in dieser Jahreszeit als angenehme Erfrischung betrachten.
    S.R.

  14. Monika Armand @ Steffen Rehm
    02.07.2008 | 08:25

    Lieber Herr Rehm,
    ich bleibe dabei. Kritik ist immer willkommen, allerdings nicht, wenn der Kommentator dabei die gute Kinderstube vergisst. Für einen schlechten Umgangston gibt es m.E. keine Entschuldigung.

    Insofern bin ich wohl missverstanden worden, denn wir stimmen überein, wenn es um einen "Pluralismus der Meinungen" geht. Dieser ist für ein Weiterentwicklung von Wissenschaft sogar unabdingbar.......

    Hier geht es allein darum, dass keine wissenschaftliche Meinung, sondern eine persönliche Kritik von Jack Elsässer??? geübt wurde....Diese bringt in der Sache keinen Schritt weiter, oder haben Sie eine weitere "Erkenntnis" daraus gezogen? Auch kann man nicht erkennen, was genau "Herr Elsässer" meint, so dass Christian Wolf ihm erläutern könnte, was er meinte...... Er führt in seinem ersten Kommentar den umstrittenen Neurowissenschaftler Wolf Singer als "Gegenposition"?? ins Feld. Eine solche Argumentation führt gleichfalls nicht weiter. Denn Wolf Singer hat vieles geschrieben und gesagt. So sind seine naturwissenschaftlichen Untersuchungen zunächst nachvollziehbar, seine geisteswissenschaftlichen Ableitungen hingegen oft gewagt...was man jedoch nur an den einzelnen Verlautbarungen von Wolf Singer festmachen kann.

    Im Übrigen würde ich auch Herrn Singer immer mit Respekt begegnen, auch wenn einiges nicht meine Zustimmung findet.

    Dass diese Form des Umganges nicht nur von mir als unangemessen betrachtet wird, können sie bei Wissenlogs unter "Natur des Glaubens" bei Michael Blume nachlesen. Dort wurde von "Kamenin" in merkwürdig ähnlicher Natur ebenso herablassend kommentiert.

    Eine "merkwürdige" Situation wenn ein Vertreter der "harten" Naturwissenschaft (Physik) uns Geisteswissenschaftlern erklärt, dass wir von unseren lange studierten Fächern nichts verstehen......aber inhaltlich in seinen Erläuterungen nebulös bleibt.

    Im Übrigen bin ich kein Blogneuling..... Blog Neurowissenschaften, Neuropädagogik,Subblog Bildung und Erziehung und andere ;-)

    Da Christian Wolf sich leider nicht zu Wort meldet, gehe ich einmal davon aus, dass die Lust dazu ihm bereits bei diesem ersten Kommentar von J. Elsässer vergangen ist. Etwas, was ich sehr gut verstehen kann......

  15. Gerhard Strobel @Nettiquette
    06.07.2008 | 23:43

    Argumente gegen die Person zeigen die menschliche Unreife des Verfassers. Denn wenn jemand dumm sei, dann ist das sein persönliches Schicksal, was soll er dafür können? Wenn jemand intelligent sei, intelligenter als Andere, dann darf er sich dafür bedanken, meinetwegen beim Zufall oder beim lieben Gott - jedenfalls hat er für seine Anlagen nichts getan und eines Tages wird auch er vor die Hunde gehen, genauso wie all die Anderen (Dummen?)! Auch die Hunde werden verschwinden. Weshalb also stolz sein ? Auf was eigentlich ? Und dem vorgebrachten Argument wird damit nicht entgegnet, wenn "Dampf abgelassen" wurde. Wer Dampf ablassen will, kann bei sich zu Hause auf`s Clo gehen (und runter-spülen). Wer hier keine Sachargumente vorbringen will, aus welchen Grund auch immer, kann es bleiben lassen ! Warum eigentlich ärgerlich werden, wenn jemand vermeintlich oder scheinbar tat-sächlich "dumme" Argumente vorbringt ? Wir sollten uns eine Anleihe bei den Schachspielern nehmen ! Wenn jemand einen widerlegbaren (dummen?) Zug macht, dann wird dieser widerlegt, aber nicht mit Hilfe von Dampf vom Brett geblasen !!

  16. Christian Hoppe Milchkaffee und Kaffeemilch
    07.07.2008 | 16:46

    Um die Diskussion wieder zur Sache zurück zu führen, erlaube ich mir einen Hinweis auf meinen früheren Gehirn&Geist-Online Beitrag Auf dem Weg zur Neuro-bio-psycho-theo-pharmako-physiologie".

    Wenn Biologen nicht einmal mehr zwischen Biologie (Gesamtorganismus/Kontext) und Physiologie (z.B. Neurophysiologie/Organ) zu unterscheiden wissen und daher nicht einmal mehr genau sagen können, was denn eigentlich "Neurobiologie" ist (wirklich die Biologie der Neuronen? oder doch eher die Humanbiologie unter besonderer Berücksichtigung der Funktionen des Gehirns/der Neuronen?), dann besteht dringend terminologischer Klärungsbedarf (ähnlich übrigens auch für "Molekularbiologie"). Dafür Dank an Herrn Wolf!

    Die interessantesten Aspekte menschlichen Verhaltens und Erlebens werden traditionell psychologisch untersucht - aber ich will hier keinen Streit mit den Biologen vom Zaun brechen. (Aber gibt es eine Biologie des Gedächtnisses, der Emotion, der Persönlichkeit usw.? Am ehesten wäre das wohl Ethologie/Verhaltenslehre, die aber derzeit leider nicht sehr wohl gelitten ist in der Biologie, scheint mir).

    Für "die Hirnforschung" gilt: Reduktionismus (auch terminologischer) bringt die spannenden Phänomene in den kognitiven Neurowissenschaften sofort zum Verschwinden; denn die spielen sich zwischen Organimus/Umwelt und Organ ab und erfordern daher verschiedene Zugänge, Konzepte (Beschreibungsweisen) und Analysemethoden.

    Jargon ist okay, sollte aber als solcher erkennbar sein. "Das Gehirn entscheidet" ist Jargon - und ansonsten Blödsinn. Wenn einige Kommentatoren (J.E.) diese Aussage bereits für definitiv unter Forschern ausgemacht halten, dann ist es eben "ausgemachter Blödsinn".

  17. Stefan Born @ Die ganze Diskussion
    19.07.2008 | 23:23

    Was an Herrn J. Elsässers Beitragen störend ist, ist nicht etwa die Verletzung eine Netikette - er hat ja keine grobe Beleidigung vorgebracht - sondern, dass kaum geistige Arbeit darin steckt. Im Gegenteil bringt er in verschiedenen Graden der Heftigkeit die immer gleichen und immer bei solchen Gelegenheiten geäußerten Sätze vor, die man nicht einmal widerlegen kann, weil sie "not even wrong" sind. Wo es um begriffliche Klärung geht, werden eben keine Sachfragen verhandelt. Die Gründe, aus denen der Satz "das Hirn entscheide" nicht etwa falsch, sondern unsinnig ist, sind keine empirischen Gründe, sondern bestehen in einer Explikation unserer Begriffe.
    Das ist schon so oft aufgedröselt worden, dass es eine Zumutung ist, es erneut tun zu müssen.

    Die philosophischen Argumente haben es allerdings kaum jemals über philosophische Kreise hinaus geschafft, Anerkennung zu finden. Anders die Ergebnisse der Hirnforschung, deren sachliche Ergebnisse anscheinend sehr viel eingängiger sind.

    Außerhalb der Philosophie stellen sich deren typische Fragen nicht nur nicht, sie erscheinen den meisten gar unsinnig. "Was meinen wir, wenn wir 'entscheiden' sagen?'" fragt der Philosoph, während der gesunde Menschenverstand ja längst zu wissen glaubt, was er damit meint, oder mindestens diese Frage für langweilig hält. Die Fragen der Art "Was geschieht im Hirn, wenn ich etwas entscheide" lassen so viele bunte, empirisch bestimmte Antworten zu: Die soundso-Areale werden aktiv, Rezeptoren, Transmitter, was weiß ich.

    Die Antwort auf die philosophische Frage, dass nämlich das begriffliche Verhältnis zwischen einer Modellierung des Hirns und dem Geistigen ganz gut als Beschreibungspluralismus gefasst werden könne, kann gar nicht angenommen werden, wenn man die zugehörige Frage nicht eingesehen hat.

    Eine adäquate Antwort auf J. Elsässers Beiträge wäre daher, erneut zu erläutern, was die philosophischen Fragen bedeuten, oder zu zeigen, wie sie sich stellen. Eine Erläuterung sollte nicht aus der Wiederholung desselben im selben Vokabular bestehen, das wäre nun ebensowenig geistige Arbeit wie in Elsässers Beiträgen.

    In vielen Debatten über verwandte Fragen mit Naturwissenschaftlern (ich bin übrigens meiner Ausbildung nach beides) habe ich am meisten Verständnis gefunden mit Fragen der folgenden Art:

    "Welche Antwort akzeptierst du auf die Frage:
    Warum hast du das getan?"

    "Du verlangst also Gründe, keine Ursachen?"

    Dennoch ist der Beschreibungspluralismus gerade in der Willenfreiheitsdebatte keine Lösung für alle Probleme. Wenn wir uns über Strafrecht und mildernde Umstände unterhalten, sind wir schnell an einem Punkt, wo uns die kausale Beschreibungsebene in die geistige hineinfährt. Jeder ist verantwortlich für seine Taten, in welchem Sinn möchten wir aber den Satz interpretieren, dass nur gestraft werden kann, "wenn der Täter anders hätte handeln können"?
    Die Lektüre von Bieris Freiheits-Buch etwa
    kann einen heilen von einem unreflektierten
    Begriff einer unbedingten Freiheit. Dennoch bleibt am Ende am Beschreibungspluralismus ein Makel. Meinen wir mit Freiheit wirklich nur das Handeln nach eigenen Gründen und nicht auch, dass die Strukturen, auf denen unser Geist "superveniert", selbst nicht determiniert sind? Wenn wird das meinen - und das häufige Unbehagen mit Bieris Antwort spricht dafür - dann wäre Freiheit empirisch widerlegbar, bzw. längst widerlegt. Die Freiheit, von der Bieri spricht, ist am Ende durch einen begrifflichen Reinigungsvorgang sauber in das pluralistische Begriffsschema eingefügt (nach Art einer deskriptiven Metaphysik), bei der Reinigung ist allerdings die alte Reibung zwischen Determinismus und Willensfreiheit etwas zu billig verschwunden.
    Vielleicht könnte man auch wieder Kants, Hegels oder Sartres Lösungen für dieses Problem auspacken, die es noch weniger aus dem Philosophiegraben geschafft haben als der Vorschlag des Beschreibungspluralismus. Was bei Bieri und Co. nämlich fehlt ist eine dialektische Beschreibung unseres Selbstverhältnis. Wie ändert sich unser Begriff von uns selbst, wenn wir eine Information über den gegenwärtigen Zustand unseres Hirns nebst kausaler Theorie bekommen? Wir würden uns diese Information aneignen und uns damit auch als geistige Wesen ändern. Diese Vorgänge überschreiten gerade die Ebenen, die der Beschreibungspluralismus mit "Supervenienz" sauber auseinnanderhalten will.

    Die gegenwärtig geführten Debatten (auch die jüngste zwischen Singer und Janich) sind allerdings häufig nicht besonders interessant oder so wie hier mit J. Elsässer und laufen auf ein wechselseitiges "Sie haben nicht verstanden!" bzw. "Quatsch!" hinaus.
    Zu laute Grundsatzbehauptungen verhindern, dass man sich im Detail fragt, was nun spezifische Erkenntnisse über die Funktionsweise unseres Hirns für uns bedeuten. Herrje.

szmtag