Wozu eigentlich Bewusstsein?
Ist das Bewusstsein nur ein evolutionärer Luxus, den sich die Natur verschwenderisch gönnt? Empirische Forschungen der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigten immer wieder eindrucksvoll, wie viele mentale Aktivitäten außerhalb des Bewusstseins ablaufen. So basieren nicht nur unwillkürliche Handlungen - eine mechanische Handbewegung etwa, der ich mir nicht bewusst bin – auf unbewussten neuronalen Prozessen. Auch willkürlichen, vermeintlich bewusst gesteuerten Entscheidungen und Handlungen gehen offenbar unbewusste neuronale Prozesse voraus. Die Forschungen des Neurophysiologen Benjamin Libet zu der zeitlichen Differenz von (früheren) neuronalen Ereignissen und (späteren) bewussten mentalen Aktivitäten sind hier vielleicht die prominentesten.
Uns ist nur eine virtuelle Benutzeroberfläche gegeben, die eigentlichen Informationsverarbeitungsprozesse laufen im Hintergrund ab – so könnte man es mit dem Philosophen Thomas Metzinger ausdrücken. Plastisch lässt sich das an der visuellen Wahrnehmung zeigen. So sehe ich zwar etwa bewusst einen roten Ball vor mir, die Informationsverarbeitungsprozesse im visuellen Cortex allerdings sind mir natürlich aus der Erste-Person-Perspektive nicht zugänglich. Ist Bewusstsein also nur eine nachträgliche funktionslose Metarepräsentation der Ergebnisse einiger neuronaler Aktivitäten?
Eine neuere Untersuchung weist möglicherweise in eine andere
Richtung.
Angetrieben von der Frage nach der Funktion des Bewusstseins
führten Forscher um C. Nathan DeWall von der University of Kentucky mehrere
Experimente zu logischen Denkleistungen durch. Die leitende Hypothese dabei: regelbasiertes
logisches Denken hängt erheblich von bewussten Prozessen ab. Damit grenzen sie
sich von Forschungen der letzten Jahre ab, die besonders die Leistungsfähigkeit
und den großen Umfang von automatischen mentalen Prozessen betont haben.
Grundlegend für die neuen Experimente war die theoretische Unterscheidung zwischen zwei mentalen Systemen: dem automatischen unbewussten System und dem bewussten (reflektierenden) System. Während das bewusste System langsam, hintereinander, nach sozial gültigen, erlernten logischen Regeln arbeitet, verarbeitet das automatische System Informationen schnell und parallel.
Um ihre Hypothese zu überprüfen, führten die Forscher vier Experimente durch, in denen beim Lösen von logischen Aufgaben Einfluss auf das unbewusste (automatische) bzw. bewusste (reflektierende) System genommen wurde. Gemäß der Hypothese sollten positive oder negative Manipulationen des unbewussten Systems das logische Denkvermögen weder verbessern noch verschlechtern. Umgekehrt sollte eine positive oder negative Beeinflussung des bewussten Systems das logische Denken verbessern bzw. vermindern.
In einem der Experimente baten die Wissenschafter einen Teil der Probanden, logische Aufgaben zu lösen, während sie gleichzeitig zählen sollten, wie oft ein bestimmtes Wort in einem gerade abgespielten Song vorkam. Gemäß der Hypothese lösten diese Probanden signifikant weniger logische Aufgaben als die anderen Probanden. Die anderen Versuchspersonen wurden zum Teil auf der unbewussten Ebene kognitiv und emotional beansprucht (sie wurden vor Lösen der logischen Aufgaben an eine ehemalige Liebesbeziehung erinnert) bzw. gar nicht kognitiv beansprucht. Die im Unterbewusstsein rumorende Erinnerung an die ehemalige Liebesbeziehung hatte keinen Einfluss auf die Anzahl der korrekt gelösten Aufgaben.
In zwei weiteren Experimenten wurde bei einem Teil der Probanden durch eine linguistische Übung unbewusst die Verfügbarkeit von logisch-relevanten Begriffen erhöht. Im ersten der beiden Experimente zeigten diese Probanden keine signifikant besseren Leistungen im Lösen von logischen Aufgaben gegenüber den anderen Probanden. Im zweiten Experiment demonstrierten die betreffenden Probanden zwar verbesserte Fähigkeit bei der Beurteilung der Richtigkeit/Falschheit einfacher Syllogismen. Bei der Beurteilung von schwierigeren Syllogismen hingegen, die nämlich formal korrekt, aber empirisch falsch waren („Alle Säugetiere können laufen.“ „Wale sind Säugetiere. „Also können Wale laufen“) schnitten sie nicht besser ab als die anderen Probanden. Das automatische (unbewusste) System scheint bei den Syllogismen eher zu schauen, ob sie mit der empirischen Wirklichkeit übereinstimmen. Es überprüft nicht die formale Struktur der Argumentation.
In einem weiteren Experiment gelang es den Forschern, das logische Problemlösen der Probanden zu steigern, indem sie diese vor den Aufgaben bewusst auf die Notwendigkeit von logischem Denken hinwiesen.
Aus all diesen Experimenten ziehen die Forscher einige vorsichtige Schlüsse. (Regelbasiertes) logisches Denken basiere auf bewussten Prozessen. Das unbewusste mentale System sei aber natürlich nicht vollkommen unbeteiligt am Lösen von logischen Aufgaben. Immerhin müssen ja z.B. die Probanden die Aufgaben auch hören oder lesen. Gerade auch für wiederholte einfache logische Operationen sei das automatische System geeignet. Am vernünftigsten sei es daher anzunehmen, dass komplexes logisches Denken ein Gemeinschaftsprodukt des unbewussten und des bewussten Systems ist. DeWall et al. vermuten abschließend, die Evolution habe bewusste Prozesse favorisiert, denn diese ermöglichen das Abwägen, den intersubjektiven Austausch und letztendlich auch das Korrigieren von logischen Argumentationen.
Gerade unter evolutionären Gesichtspunkten – wir wissen ja die Natur ist ein geiziger und effizienter Zeitgenosse – erscheint es wenig plausibel anzunehmen, Bewusstsein habe keine Funktion.
Quelle:
DeWall et al.: Evidence that logical reasoning depends on conscious processing. Consciousness and Cognition 17 (2008) 628-645
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Bei Wikipedia findet man unter dem Stichpunkt ´Unaufmerksamkeitsblindheit´ das Gorilla-Experiment beschrieben.
Es zeigt sehr schön, dass die Konzentration auf eine bestimmte Wahrnehmung dazu führt, dass andere Aufgaben schlechter vom Gehirn verarbeitet werden.
Dies stützt die Beobachtung des obigen Experimentes, bei dem Wörter eines Liedes gezählt werden mussten, - und gleichzeitig logische Aufgaben zu lösen waren.
Wird hier tatsächlich vorausgesetzt, dass reflexive Prozesse mit Bewusstsein korreliert sind, automatische dagegen nicht?
Dann ist die Antwort für die Notwendigkeit von Bewusstsein doch bereits mit der Formel reflexiv = bewusst gegeben. Bliebe noch zu klären, wofür reflexive Prozesse zwingend notwendig sind.
Zuallererst fiele mir da ein ständiger Abgleich von Realitätsmodell und Realität ein. Erste Ansätze gibt es bereits mit fehlertoleranten Laufrobotern, die funktionsunfähige Gliedmaßen durch die übrig gebliebenen ersetzen können.
Regelbasierte Prozesse hingegegen sind sicher nicht notwendigerweise reflexiv, auch umgekehrt nicht.
Die Arbeiten von DeWall basieren auf einem grundlegenden Denkfehler! Er verändert die Aufmerksamkeit seiner Testpersonen, bei Experimenten für die Daten-/Informationsverarbeitung des Gehirns, - und schließt danach auf das Bewusstsein. Dies ist eine wissenschaftlich unlogische Verknüpfung zweier völlig unterschiedlicher Parameter.
Als zulässiges Ergebnis seiner Versuche könnte er lediglich schlussfolgernd, dass bei Denkprozessen logische Aufgaben besser gelöst werden, wenn man sich darauf konzentriert und schlechter, wenn man abgelenkt wird.
Ein besonderes Beispiel für die Konzentrationsfähigkeit des Gehirns sind die sogenannten ´Nahtod-Erlebnisse´. Dabei konzentriert sich das Gehirn so stark darauf ein vergleichbares Erlebnis zu der Erfahrung ´ich bin tot bzw. ich sterbe´ in seinem episodischen Gedächtnis zu suchen, dass man es sogar bei seiner Arbeit beobachten kann. D.h. normalerweise unbewusste Abläufe werden live erlebbar.
Dieser Ablauf sagt aber kaum etwas über das Bewusstsein aus.
Ein immer wiederkehrendes Problem:
Versuche sollen den "freien Willen", das "Ich", das "Bewusstsein" erklären......mit der Schwierigkeit, dass über das, was man erklären möchte gar keine einheitlichen und klaren Vorstellungen existieren....
Freier Wille
Ich
Bewusstsein
sind verbal existent, die Begriffe lassen sich niederschreiben ....nur ihr Inhalt scheint jeweils unterschiedlich interpretiert zu werden.
Um die "inhaltlichen Vorstellungen" zur Existenz oder Nichtexistenz jener Begriffe zu untersuchen, müsste die Science Community sich einmal darüber einigen, was wir denn darunter verstehen wollen...
und im zweiten Schritt müsste man sich fragen, wie dann die mit "inhaltlichen Vorstellungen" gefüllten Begriffe messtechnisch dargestellt werden können.
Solange der Weg in umgekehrter Reihenfolge stattfindet ergibt sich recht wenig Erkenntnisgewinn...allerdings hat man durch das verursachte babylonische Sprachgewirr etwas worüber man ewig diskutieren und/oder streiten kann ;-))
Die sogenannten ´Nahtoderfahrungen´(NTE) werden seit dem Gilgamesch-Epos immer wieder beschrieben. Sie sind eine wesentliche Grundlage für spirituelle Erfahrungen; siehe dazu: www.nahtod.de - dort ist bei ´Religionen´ die lesenswerte Magisterarbeit von Dr.phil Stefan Högl einsehbar.
Er schreibt sehr eindeutig(´Nahtod-Erfahrung => Kapitel ´Eine schwer eingrenzbare Erfahrung´, Zitat: "Weil sich nur eine Minderheit von Nahtoderfahrungen tatsächlich in der Nähe des Todes ereignen, ist der Begriff inhaltsleer geworden."
Das Einzige, was sich seit den Zeiten von Gilgamesch nicht geändert hat, ist die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Weil aber die NTEs mit immer den gleichen Ablaufstrukturen (aber unterschiedlichen persönlichen Erlebnissen/Göttern) beschrieben werden; dann deutet dies darauf hin, dass sie das Ergebnis der gleichen Gehirnfunktion sind.
Vom Inhalt her ist erkennbar, dass das Gehirn dabei sein episodisches Gedächtnis durchsucht und die gefundenen Inhalte mit dem aktuellen Verstand (Selbst-Verständnis) neu bewertet. Auch vorgeburtliche Erfahrungen werden dabei erkennbar.
Dies bedeutet, dass ansonsten unbewusst ablaufende Denkvorgänge im Gehirn plötzlich selbstbeobachtbar werden!
Der Auslöser dafür liegt in der für einen lebenden(!) Organismus paradoxen Erfahrung ´ich sterbe/ich bin tot´. Aus diesem Grund wird das Gedächtnis nach dieser Erfahrung besonders intensiv durchsucht: ´hatte ich das schon einmal - und was habe ich da gemacht´.
Deshalb mein Tipp an DeWall: Wenn er wirklich über das menschliche Bewusstsein forschen will, dann sollte er sich erst einmal die in Tausenden von Berichten vorliegenden NTEs vornehmen.
Das Libet-Experiment
Die immer wieder zitierten, heftig umstrittenen Experimente von Benjamin Libet sollen angeblich beweisen, daß der „freie Wille“ eine Illusion ist, welche durch unbewußte Entscheidungsvorgänge erzeugt wird.
Als Beweis dienen die Potentialanhebungen, die regelmäßig circa eine halbe Sekunde vor jeder Willkürbewegung im Hirnstrombild zu finden sind.
Diese Potentiale wurden nicht von Libet, sondern von Hans Hellmut Kornhuber entdeckt (1965) und „Bereitschaftspotentiale“ genannt. Mit dieser Bezeichnung sollte angedeutet werden, daß vor jeder Willkürbewegung die betreffenden motorischen Einheiten in erhöhte Aktionsbereitschaft gesetzt werden.
Als typisches Beispiel kann die Situation der Verkehrsteilnehmer vor einer roten Ampel gesehen werden. Wenn die Grünphase näher rückt, erhöht sich bei Autofahrern die Konzentration auf Gasfuß und Kupplung, um sofort bei Grün zu starten. Ähnliche Aufmerksamkeits-Vorgänge sorgen auch bei Radfahrern und Fußgängern für einen schnellen Start, und die zeigen sich als „Evozierte Bereitschaftspotentiale“ im Hirnstrombild.
Die erhöhte Reaktionsbereitschaft vor der roten Ampel hat, wie jeder mit dem Bußgeldkatalog vertraute Bürger weiß, nicht das Geringste mit Willensfreiheit gemeinsam. Hier herrscht strenge Vorschrift, nicht freier Wille.
Eine ähnliche Situation fanden die Versuchsteilnehmer in B. Libets Labor vor.
Ihre Willensfreiheit wurde bereits durch die Versuchsbedingungen nahezu völlig beschränkt, als sie „gefesselt“ mit Kabeln am Kopf vor der Uhr und dem Schalter saßen.
Sie folgten nur sklavisch den vereinbarten Anweisungen, wenn sie kurz nach dem Start der Uhr einen Schalter betätigten. Daß dabei immer kurz vor der Handlung ein Bereitschaftspotential sichtbar wurde, bestätigt nur die Ergebnisse von Kornhuber, kann aber nicht zu Aussagen über Willensfreiheit benutzt werden, weil die in dem Experiment gar nicht in Erscheinung treten konnte und in Laborexperimenten generell begrenzt ist.
Nach I.Kant besteht die Freiheit meines Willens darin, daß ich selbst mir die Gesetze meines Handelns gebe.
Wer ernsthaft an der Fähigkeit zur „freien“ Entscheidung zweifelt, dem empfehle ich ein anderes Experiment, das jeder leicht durchführen kann:
Er soll bei passender Gelegenheit (Urlaub) eine Woche auf jede Nahrung (außer Wasser oder ungesüßtem Tee) verzichten, eine sogenannte Fastenkur oder 0-Diät, bei vollem Kühlschrank und der Möglichkeit, jederzeit zu seinen
Essgewohnheiten zurückzukehren.
Wenn nicht spezielle Gründe (Krankheiten) dagegen sprechen, ist eine Fastenwoche meist mit sehr angenehmen Folgen für die Gesundheit verbunden.
Wer danach noch an seiner Freiheit der Entscheidung zweifelt, dem ist vielleicht nur noch mit einem „Freiheitsentzug“ (eine Woche Knast) der Glaube an sein höchstes Gut zu vermitteln.
Nebenbei: Dieser Text wurde Wort für Wort völlig freiwillig von mir zusammengesetzt. Das war mir nur mit Bewußtsein möglich, im Schlaf oder in Narkose kann ich das nicht.
Ich stimme mit Frau Armand überein, daß „Bewußtsein“ erst klar definiert werden muß, bevor man darüber meditiert. Reflexion und Logik sind keine klärenden Begriffe, sondern müssen selbst erst erklärt und definiert werden.
Zur umfassenden Beschreibung von Bewußtsein erscheinen sie mir nicht ausreichend.
S.R.
Ich stimme Ihnen ebenfalls vollkommen zu, dass eine genaue Definition der für die Experimente relevanten Begriffe absolut vonnöten ist. DeWall et al. liefern hier nur (aber immerhin) eine "heuristische minimale Arbeitsdefinition", wie ich es mal nennen möchte. Für mich als von der Phänomenologie Edmund Husserls kommend, ist die kurze Gegenüberstellung im Originalpaper:
"the ‘X’ or reflexive system is marked by speedy, efficient, parallel processing of information, whereas the ‘C’ or reflective system is slower, operates in serial, does one thing at a time, follows explicitly learned rules..."
sowieso etwas unbefriediegend. Sie gibt einem aber eine gewisse Vorstellung und pragmatisch kann man damit umgehen. Eine umfassende Beschreibung oder die Grundlage für eine umfassende Beschreibung des Bewusstseins liefern DeWall et al. damit sicherlich nicht
Die kurze Erwähnung der Libet-Experimente
zielte zwar nicht auf die Willensfreiheitsdebatte ab. Aber auch hier sehe ich es wie Sie. Die öfters geäußerte Kritik, dass schon der Versuchsaufbau das Bereitschaftspotential auslöse, ist für mich einleuchtend. Außerdem ist der Unterschied zwischen einfachen Willkürhandlungen und komplexen moralischen Entscheidungen doch noch gewaltig. Aber das ist ein weites Feld...
Im Originalpaper unterscheiden die Autoren das "reflexive system" - und meinen damit das automatische, parallel arbeitende unbewusste System - und das "reflective system", das bewusste System. Sie setzen "reflektierend" und "bewusst" gleich.
Der Ablauf des Denkvorgangs ist immer gleich, daher hat das Libet-Experiment nichts mit dem Bewusstsein zu tun.
Das Bewusstsein ist, wie Frau Armand bereits anmerkte, das menschliche ´Ich´, manchmal auch das ´Selbst´ oder das ´Eigenverständnis´ bezeichnet.
Und hier gibt es allerdings Unterschiede im Eigenverständnis des Gehirns. Denn situationsabhängig durchsucht es entweder sein Gedächtnis ab ca. der 24.-26. Schwangerschaftswoche oder ab dem 2.-5. Lebensjahr bis hin zum aktuellen Alter. Daher stellt sich die Frage: Unterscheidet das Gehirn zwischen einem ganzheitlichen- und einem Ich-Bewusstsein? Warum macht es diese Unterschiede?
...der Nervenleitungen...
Es gibt noch ein weiteres "Gegenargument" zum Libet-Experiment. So soll? die muskuläre Nervenleitungsgeschwindigkeit deutlich höher sein (hier sind ja Reflexe und Reaktionsschnelligkeit gefragt). Ich erwähne das, weil ich hoffe, dass hier auch Biologen mitlesen, welche Genaueres dazu sagen können. Ich habe dieses Argument irgendwo gelesen und es wäre nicht schlecht, wenn dazu noch "handfesteres" zur Verfügung stünde.
@ Steffen Rehm
Ist doch schön, dass Sie sich - dank Ihres flexiblen "Freien Willens" zu Ihrem Libet-Statement "freiwillig" hier auf diesem Blog entschieden haben ;-)))))
Denn, das ist eine echt schöne und sehr gut verständliche Beschreibung des Libet Experimentes geworden....hat mir sehr gut gefallen ;-))
@ Alle Ich würde doch allzu gerne wissen, was die "Neuro-Kollegen", welche selbst ohne freien Willen und ohne Bewusstsein?? agieren müssen ;-))..... diesen hier von allen vorgetragenen Argumenten plausibel entgegen zu setzen hätten?
Vielleicht das?
"Wir glaubten nur, wir hätten einen freien Willen, weil wir uns diesen in unserem Gehirn konstruierten, so wie wir unsere gesamte Wirklichkeit nur konstruieren. Sie existiert in Wirklichkeit gar nicht.......
Und damit säßen wir mittendrin im radikalen Konstruktivismus....nicht mehr in neurobiologischen Fakten, sondern in Gedankenwelten und auch für diese gibt es nur "konstruierte Gedanken" und keine "Beweise"...
Leider nehmen diese offenbar nicht gerne an solchen Diskussionen teil, geht wohl zu sehr in "empfindliche" Details ???
Unterschied Freier Wille und Bewusstsein ?
Wo könnte denn überhaupt der Unterschied zwischen beiden liegen? Ist es nicht nur eine leichte Verschiebung in der Konotation, was diese abstrakten Begriffe unterscheidet?
Ohne freien Willen kein Bewusstein? Oder ohne Bewusstsein keinen freien Willen? Bedingen diese sich wechselseitig. Geht das Eine ohne das Andere?
Ein Mensch muss sich erst seiner selbst bewusst sein - dann kann er/sie etwas wollen.
Daher wäre der freie Wille eine Folge des Bewusstseins.
Bewusstsein hat, m.E. mehrere ganz wesentliche Funktionen, denn es ist ein Kontrollprozess, der es uns ermöglicht in der Gesellschaft unserer Mitmenschen besser zu überleben. Dieser Prozess zeichnet sich gegenüber „üblichen Kontrollprozessen“ durch folgende Merkmale aus: Wir haben ein im Körper verankertes Selbstbild, die Fähigkeit zur Selbstreflexion, zur Empathie (wir können uns in andere hineinversetzen) und unsere Sprache. Die Sprache ermöglicht durch innere Monologe ein Art inneres Laboratorium, in dem wir Ideen schmerzfrei testen können und durch unsere Sprache können wir mit unseren Mitmenschen kommunizieren und besser kooperieren. Insbesondere ermöglicht es uns die Sprache immer wieder weiter zu fragen: „Was kommt danach?“ und es ist dieser weiterbohrende Frageprozess der uns, m.E. massiv vom Tier unterscheidet. (Mehr hierzu unter http://heinzschuster.com)
Mich würde ja interessieren, wie der nächtliche Traum in diesem Zusammenhang ein zu ordnen ist.
Aber ich habe den Eindruck, dass die Neurowissenschaft dazu noch nicht viel zu sagen hat. Oder liege ich da falsch?
Zum Libet-Experiment noch eine Anmerkung:
Bewegungsabläufe, wie Gehen, Rad fahren oder einen Finger bewegen - sind im prozeduralen Gedächtnis abgespeichert. Daher können sich die Forschungsergebnisse Libets genau genommen nur auf diesen Gedächtnisbereich unseres Gehirns beziehen.
Denn -
Bei den sogenannten Nahtod-Erlebnissen wird sichtbar, dass das Gehirn ausschließlich das episodische Gedächtnis durchsucht und die Inhalte neu bewertet.
Dies bedeutet, das Gehirn selbst wählt je nach Situation einen speziellen Gedächtnisbereich aus. > Wenn aber das Gehirn für unterschiedliche Probleme jeweils ein spezielles Gedächtnis benutzt, dann heißt das nichts anderes, als dass man die Forschungsergebnisse von Libet nicht verallgemeinern darf.
Die Frage nach dem freien Willen muss anders gestellt und beantwortet werden.
@M.Armand,
dank fürs positive feedback. Wenn trotz Aufruf keine fundamentale Kritik erscheint, müssen wir von breiter Zustimmung ausgehen ;-).
Dann wäre ich für die unheilige Dreifaltigkeit von Bewußtsein+Willensfreiheit+Sprache=AHMAZ,
also weniger Unterscheidungen, sondern Zusammenhänge.
@michael Wald
„...der nächtliche Traum... dass die Neurowissenschaft dazu noch nicht viel zu sagen hat. Oder liege ich da falsch?“
Ja, da ist Dir wohl die ganze EEG-Forschung entgangen.
Mit der Elektroencephalographie wurde schon vor Jahrzehnten entdeckt, daß ein waches Bewußtsein mit Spannungsschwankungen in der Hirnrinde einhergeht, deren Frequenz über 8Hz liegt, bei Anspannung variabel bis circa 40Hz.
Der Schlaf zeigt im EEG dagegen Frequenzen unter 6Hz, mit zunehmender Schlaftiefe immer langsamer, bis unter 3Hz, die auch in der Narkose erreicht werden.
Der 3HZ-Tiefschlaf wird jedoch regelmäßig von Traumphasen unterbrochen, die man an den schnellen Augenbewegungen erkennen kann und deshalb REM-Phasen nennt (Rapide Eye Movement). In diesen Phasen, in denen das (Traum)-Bewußtsein wieder beteiligt ist, werden auch die Hirnstromwellen wieder schneller, so ähnlich wie bei wachem Bewußtsein mit >8Hz.
Das Traum-EEG läßt unterstützt somit die These, daß wach-bewußtes Sein ein Vorgang ist, der an elektrische Oszillationen >8Hz der Hirnrindenneurone gebunden ist.
Meine Wellen werden jetzt auch langsamer,
ich gehe schlafen.
S.R.
Kopernikanische Wenden: Die Erde dreht sich um die Sonne, der Mensch stammt im Verlauf der Evolution vom Affen ab, Leben benötigt keine „Vitalkräfte“ sondern ist ein physikalisch-chemischer Prozess und jetzt, unser geistiges Leben beruht ausschließlich auf dynamischen (ebenfalls physikalisch-chemischen) Prozessen in unserem Gehirn.
Alles nüchterne Wahrheiten, die aber das Wunder unserer Existenz nicht schmälern. Durch die rationale Betrachtungsweise finden wir einen Zugang zur Natur, der uns erst klar macht wie wunderbar sie funktioniert und uns die Ehrfurcht vor dem Leben bewahrt. Sehen sie nur mal eine Fliege genauer and und versuche Sie den Nachbau. Es bleiben genug Geheimnisse (etwa, woher kommen die Naturgesetze?).
Da sollten wir eigentlich keine Angst davor haben auch geistige Prozess als das zu sehen was sie sind: physikalisch-chemische Prozesse, die uns keinen freien Willen lassen – die aber- da sie fast unfassbar komplex sind, gleichzeitig unsere Würde als Mensch bewahren, da wir sie niemals im Detail vorausberechnen können. Die Zahl der Neuronen im menschlichen Gehirn ist etwa so groß wie die Zahl der Sterne in der Milchstraße (Hundert Milliarden). Niemand kann daher praktisch das Verhalten eines Menschen jemals im Detail aus Gehirnmessungen vorhersagen. Was wir als mentale Prozesse bezeichnen, nur eine andere Sprechweise für physikalisch- chemische Prozesse ist. Immaterielle „mentale Kräfte“ wurden niemals nachgewiesen. Wenn diese simple geistige Wende schmerzt, ist das nur ein schöner Beweis für die - horribile dictu - materielle Basis unserer Gedanken. Ein ausgezeichnetes Buch („Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ , Siedler Verlag) hierzu stammt von dem Nobelpreisträger Eric Kandel, der Freud’sche Psychologie verstehen wollte und dann einsah, dass er neuronale Vorgänge betrachten musste, um etwas über mentale Prozesse zu verstehen.
Lieber Herr Schuster,
vielen Dank für die Darstellung Ihrer physikalisch-chemischen Sichtweise, in der für Willensfreiheit kein Platz ist (Sie bleiben bei Ihrem Leisten ;-).
Eine mächtige Wende des materialistischen Weltbildes war die „kybernetische Wende“, die neben Materie und Energie noch die Information in die wissenschaftliche Betrachtung einbezog.
Geistige Prozesse sind demnach zwar an physikalisch-chemische Prozesse gekoppelt, folgen jedoch eigenen Gesetzlichkeiten, die von der Informationstheorie formuliert werden. Ein Schlüsselbegriff für die Beschreibung geistiger Vorgänge ist dabei ist das Wort „Algorithmus“
Einfache „geistige“ Vorgänge lassen sich bereits als Algorithmen beschreiben, die von Rechenautomaten durchgeführt werden können. Dabei sind Algorithmen an die physikalisch-chemischen Eigenschaften der Automaten gebunden, lassen sich jedoch nicht auf die materiellen Vorgänge reduzieren. Die kybernetische Sicht blendet die materiellen Grundlagen bewußt aus, wenn sie das Wesen der geistigen Vorgänge in entsprechenden Algorithmen beschreibt.
Hinter dem Begriff „Willensfreiheit“ verbirgt sich aus dieser Sicht ein algorithmisches Problem, das bisher keiner Lösung zugänglich ist.
Es läßt sich aber für die Zukunft nicht ausschließen, daß eine algorithmische Theorie den Vorgang modellieren kann, den die Natur als unser höchstes Gut mit Würde ziert.
Herr Schuster, Sie haben im ersten Beitrag eine Fahne für die Sprache hochgehalten; das fand ich gut. Die Sprache ist das Haus der Freiheit!
Nicht die Sprache der Physik und Chemie, die Mathematik ist die Sprache, mit der geistige Vorgänge optimal beschreibbar sind und mit deren Hilfe wir vielleicht auch einmal die Willensfreiheit begreifen können.
Vielleicht eine ganz einfache, nichtlineare Vorschrift....
Mit freundlichen Grüßen
S.R.
@Steffen
"Ja, da ist Dir wohl die ganze EEG-Forschung entgangen."
Als interessierter Laie ist mir das natürlich nicht entgangen...
Ich meinte das eher Kategorisch.
Es wird immer von zwei Arten des Bewusstseins gesprochen, dem Bewussten und Unbewussten.
Wo ordne ich den nächtlichen Traum ein?
"Der Traum ist ein Brief des Unbewußten an das Bewußtsein" schrieb vor 100 Jahren S.Freud in seinem Buch "Traumdeutung" und folgerte: "Jeder unbeachtete Traum ist wie ein ungelesener Brief".
S.R.
@Steffen
also nix neues in dieser Frage?
Die Idee, dass man die Gehirnfunktionen des Willens mit Hilfe von Algorithmen beschreiben könnte, darf man gleich in den Papierkorb geben.
Der Grund dafür liegt darin, dass unser Gehirn extrem fehlerhaft arbeitet - Wie will man Fehler berechnen?
Unser Gehirn speichert Erfahrungen/Wissen mit seinem tagesaktuellen Selbst-Bewusstsein ab. Werden diese Informationen später aus dem Gedächtnis geholt, dann werden diese ´alten´ Infos mit dem neuen tagesaktuellen Bewusstsein bewertet; d.h. es erfolgt eine fehlerhafte Bewertung. Überdies werden fehlende Infos vom Gehirn so ergänzt, dass sich eine sinnvolle Story ergibt - dies ist eine zweite Fehlerquelle.
Es gäbe noch mehr Fehlerquellen zu nennen, welche das Speichern und Wiedererinnern von Erfahrungen/Wissen beeinflussen.
Weil dabei das tagesaktuelle Bewusstsein eine große Rolle spielt; wer bin ich, wie fühle ich mich ... kommt man wieder zu der im Blogtitel gestellten Frage ´Wozu eigentlich Bewusstsein?´.
Lieber Herr Rehm,
Als Theoretiker bin ich natürlich mit der algorithmischen Sichtweise einverstanden und vertraut. Drei Einschränkungen:
1. Es ist schwer, in Algorithmen so etwas wie Motivation einzubauen. Unsere Gehirnvorgänge dienen dazu, unser Überlebenschancen zu verbessern und sind daher auf engste mit unserem Körper und seinen Funktionen verbunden. Eine Möglichkeit Motivation einzubauen bieten Belohnungen, wie etwa in der Spieltheorie (vergl. mein Buch „Bewusst oder Unbewusst“)
2. Man muss sich darüber klar sein, dass selbst wenn man eine algorithmische Beschreibung gefunden hat, die auf verschiedenen „Hardwares“ läuft, dies immer noch verschieden vom realen Gehirn ist. („Der simulierte Regen im Computer ist nicht nass“).
3. Da die Naturgesetze auch für unser Gehirn gelten, müssen die Algorithmen, sofern sie reale Vorgänge beschreiben sollen (hier ist Raum für Phantasie wir könnten auch mal was anderes probieren) diese Naturgesetze respektieren. (Damit ist „natürlich“ wieder der freie Wille weg). Eine Herleitung solcher Algorithmen, die das Zusammenspiel sehr vieler Neuronen beschreiben, ist nicht einfach aber der Anstrengung wert. Randbedingung ist dabei auch, dass man den Einfluss der Mitmenschen (Gesellschaft) mitnimmt.
Also insgesamt finde ich den algorithmischen Ansatz spannend und erfolgversprechend. Allerdings glaube ich nicht, dass man ihn nur am Schreibtisch und Computer finden kann (wie es Hofstadter versucht ), sondern dass man immer 1. die Nähe zu experimentellen, neuronalen und gesamtkörperlichen Fakten suchen muss und 2. darauf aufpassen muss, dass wir als Menschen in die Gesellschaft eingebunden sind und dies maßgeblich unser Wertesystem und Verhalten prägt. Der „algorithmische Zugang“ ist also erstrebenswert aber nicht einfach. PS: Habe gerade den Einwand (Richard) mit dem „fehlerhaften Gehirn“ gelesen. Es ist möglich auch stochastische „fehlerhafte Algorithmen“ zu entwerfen.
Lieber Herr Schuster,
erfreulich ist es, auf Verständnis zu stoßen, Gemeinsamkeiten zu entdecken, auch wenn kontroverse Ansichten bestehen bleiben. Ob die Willensfreiheit ein reales Phänomen oder eine Illusion ist, läßt sich wissenschaftlich noch nicht entscheiden. Darum ging es mir bei meiner kritischen Libet-Interpretation, weil in diesen Experimenten angeblich ein naturwissenschaftlicher Beweis der Willens-Illusion stecken sollte, bei einfältiger Auslegung.
Eine algorithmische Theorie, wie sie mir vorschwebt, sollte das Phänomen „Willensfreiheit“ nicht isoliert beschreiben sondern den ganzheitlichen Zusammenhang von Bewußtsein, Sprache und Willen berücksichtigen.
Mit der Sprache kommt die gesellschaftliche Komponente ins Spiel, aber auch das freie Wollen läßt sich in der Sprache nicht übersehen z.B. in der Fähigkeit, Fragen zu stellen; wer fragt, will etwas von ihm frei Bestimmtes wissen.
Sie sehen die Schwierigkeiten völlig richtig, die bei einer mathematischen Formulierung erst noch zu bewältigen sind, immerhin haben Sie ja ein Buch über das Thema „Bewußtsein“ verfasst (von dem ich nur die Einführung kenne).
Meine heuristische Vision eines mathematischen Modells konnte ich ausführlich hier beschreiben:
http://de.wikibooks.org/wiki/Gehirn_und_Sprache
Vielleicht finden Sie Interesse daran.
Mit freundlichen Grüßen
S.R.
Ihre Diskussion führt uns Leser geradewegs in die Fragen der Komplexitätsforschung bzgl. der Hirnforschung ....und liefert erste Antworten. Vielen Dank!
@ Christian Wolf
Ihr Blogziel (zwischen den Wissenschaften zu vermitteln)trägt hier schon "schöne Früchte" - Glückwunsch !
und hier noch ein
"Verbindungslink":
Komplexität und Neurowissenschaften..
Herzl. Grüße M.A.
"Wozu eigentlich Bewusstsein?"
Ja.
Wozu eigentlich?
(*seufz*)
Bewusstsein ist nach meinem Verständnis ein emergentes Phänomen. Es wird nicht benötigt, um lebenserhaltende Funktionen zu steuern (gottseidank*) oder grundorientiertes Verhalten zu ermöglichen.
Bewusstsein ermöglicht mir (aus meiner Sicht) eine höhere Optionalität als dies unter rein determinierten, reflektorischen Rückkopplungen möglich wäre.
Evolutionär betrachtet macht es Sinn, die grundsätzlich vorhandenen Handlungsmöglichkeiten zu "tunen" ("pimp up my brain"), um durch die Fähigkeit des Bewusstseins, Informationen/Dinge ausserhalb eines genetischen Katalogs der Verhaltensauswahl unterschiedlich in Beziehung zu setzen, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, für das Individuum/die Spezies vorteilhafte Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen.
Dadurch steigt schlicht die Veränderungs- bzw. Anpassungsfähigkeit und damit die Überlebenschance.
Die zumindest handwerkliche Überlegenheit des Menschen beruht ja, neben der haptischen Geschicklichkeit, einzig auf der Kompensation jeder Menge sonstiger Defizite gegenüber anderen Spezies, durch Kombination von Möglichkeiten mit daraus entstehenden emergenten Qualitäten.
Das Bewusstsein könnte man also, prinzipiell vereinfacht, als Kombinatorik-Modul begreifen, welches die Legosthenie (kein Schreibfehler) der übrigen Gehirnpotentaten ausgleicht und so die Effizienz des neuronalen Patchworks steigert .