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Die Sprache der Hirnforschung

von Christian Wolf, 06. Mai 2009, 11:53

„Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg“, sang Sven Regener vor einigen Jahren mit seiner Band „Element of Crime“. Und wie recht er doch damit hat. Nun ging es in seinem Lied um unscharfe Alltagsbegriffe und genau diese kommen in populärwissenschaftlichen Redeweisen zuhauf vor. Seit einigen Jahren äußern sich Hirnforscher gerade in den Medien zu allen möglichen Themen von hirngerechtem Lernen bis hin zur Frage, was denn der Mensch eigentlich sei. Dabei bedienen sie sich teilweise eines seltsamen Gemischs unterschiedlicher Sprachen, die aus den verschiedensten Disziplinen und häufig auch aus der Alltagssprache stammen. Der Philosoph Peter Janich hat sich nun in seinem Buch „Kein neues Menschenbild: Zur Sprache der Hirnforschung“ daran gemacht, einige Irrungen und Wirrungen aufzulösen.

Ein erstes nettes Beispiel, wie nachlässig man im Alltag aber auch in den Wissenschaften mit Sprache umgeht: Man redet gerne von der „biologischen Evolution“ statt von der „biotischen Evolution“ und meint damit ein Naturgeschehen und nicht die Entwicklung des Fachs. Auch die Begriffe „psychologisch“ und „psychisch“ schmeißt man gerne durcheinander. Doch wie Janich so schön schreibt: psychologische Probleme haben Psychologen, psychische haben ihre Patienten. In solchen scheinbar harmlosen Fällen zeigt sich, was er in seinem ganzen Buch hindurch kritisiert: oft ist sich ein Sprecher nicht wirklich darüber im Klaren, ob er von einem Gegenstand selbst oder von der Wissenschaft dieses Gegenstandes spricht.

Nach Janich gibt es drei Sprachebenen, die in der Hirnforschung eine wichtige Rolle spielen. In der „Objektsprache“ reden die Experten über die „hard facts“, über die Gegenstände ihrer Wissenschaften. Hier stellt die Hirnforschung insofern ein Sonderfall dar, als sie bisher kein eigenes Fach bildet und sich ihre Begriffe deshalb teilweise bei anderen Disziplinen wie der Physik, der Chemie und der Biologie borgt. Um die Funktionen von Nervenzellen zu beschreiben, verwenden Hirnforscher gerne Begriffe aus der Alltagssprache wie „reizen“ oder „feuern“. Aber auch Metaphern aus der Nachrichtentechnik halten Einzug in ihre Redeweise. Da „kommunizieren“ Nervenzellen miteinander. Aktionspotentiale oder die Bewegung von Botenstoffen werden als Nachrichten oder Signale bezeichnet. Doch Nachrichten und Signale haben eine Bedeutung, der Absender hat die Absicht dem Empfänger etwas mitzuteilen. Sie können wahr oder falsch sein. Ein Nerven-„Signal“ dagegen kann weder wahr noch falsch sein, es kann auch nicht missverstanden werden. Bedenklich sind solche Redeweisen dann, wenn einige Hirnforscher meinen, sie könnten die Bedeutung und Geltung von menschlicher Kommunikation aus dem Feuern von Nervenzellen ableiten, da diese ja auch schon miteinander „kommunizieren“.

Auf einer zweiten Ebene berichten Hirnforscher in der „Parasprache“ - einer „Begleitsprache“ - der interessierten Öffentlichkeit von ihrem Programm und ihrem Selbstverständnis. Hier versuchen die Wissenschaftler ihre teils sehr speziellen Ergebnisse aus den nüchternen Labors in die Welt zu tragen. Dabei werden oft - zumindest in der deutschen Hirnforschungsdebatte - die ganz großen philosophischen Themen verhandelt. Die hierbei verwendeten  Begriffe wie „Ich“, „Bewusstsein“ oder „Willensfreiheit“ stammen aber aus der Alltagssprache, der Philosophie und der Psychologie und sind dort leider keineswegs eindeutig definiert. Zur Klärung von undeutlichem Sprechen muss man nach Janich darauf zurückgehen, wie man die Begriffe denn genau im Alltag verwendet. So lassen sich etwa problematische Substantivierungen auflösen, indem man nachschaut, was wir denn mit dem zu Grunde liegenden Wort meinen. Können wir beispielsweise das Verb „erkennen“  problemlos benutzen, ist das substantivierte Wort „Erkenntnis“ doppeldeutig - meint es doch sowohl einen Vorgang als auch ein Ergebnis. In ähnlicher Weise bereitet es uns keine Probleme, „ich“ zu sagen. Wir erlernen als Kind den Gebrauch von Wörtern wie „ich, du, er, sie, es“ usw.  Doch das bedeutungsschwangere Wort „Ich“ kommt erst in der abstrakten Bildungssprache hinzu. Es scheint ein neuer, selbständiger Gegenstand, eine neue Substanz zu sein. Und die Folgen für die philosophische Diskussion kennen wir ja: Man nimmt dann leicht mal ein rein geistiges Ich neben dem Köper an und gelangt so zu einem Dualismus der Substanzen. Allgemein entstehen nach Janich auf diese Art schnell sprachliche Fiktionen, die sich nicht mehr empirisch überprüfen lassen.

Auf einer dritten Ebene, der Metasprache, reden Hirnforscher über die eigenen sprachlichen Mittel - ist ein bestimmter Satz eine Hypothese oder ein empirisches Ergebnis und dergleichen. Sie reflektieren in dieser Sprache ebenfalls über ihre Methoden und die Gültigkeit von Ergebnissen. Auf dieser Ebene übersehen Forscher bisweilen, ob sie gerade von Naturgegenständen oder von Beschreibungen von Naturgegenständen sprechen. Um das obige Beispiel noch einmal zu bemühen: Die Vorgänge im Gehirn laufen nach Naturgesetzen ab. Und ohne neuronale Vorgänge kann es natürlich keine kognitiven Leistungen geben. So kommen Forscher leicht zu dem Schluss, Aktivitäten im Gehirn verursachten auch Erkenntnis oder Irrtum. Doch nur die mentalen Leistungen können wahr oder falsch sein. Das Naturgeschehen hingegen nicht: Wie kann das sein? Janich bietet als Lösung das Verhältnis von Mittel und Zweck an, das eigentlich in der Naturwissenschaft ausgedient hat. Eine einfache mechanische Rechenmaschine etwa funktioniert kausal nach Naturgesetzen. Ihre Mechanik verursacht aber nicht das wahre oder falsche Ergebnis. Sonst müsste ein falsches Ergebnis gleichzeitig das Hebelgesetz widerlegen.

Das heißt, wären richtige Ergebnisse eine kausale Wirkung etwa nach dem Hebelgesetz, würden im Umkehrschluss aus der Produktion falscher Rechenergebnisse die geometrischen und kausalen Beschreibungen des materiellen Systems falsch werden. Also wäre etwa das Hebelgesetz empirisch widerlegt.


In der Beschreibung der Mechanik der Rechenmaschine kommt „wahr“ oder „falsch“ gar nicht vor. Aus der Sicht des Konstrukteurs bzw. des Nutzers der Maschine ist diese allerdings defekt, wenn sie ein falsches Ergebnis produziert. Sie erfüllt nicht mehr ihren Zweck, korrekte Ergebnisse zu liefern. Auf der sprachlichen Ebene lässt sich nach Janich ein Irrtum als Verfehlen des vom Menschen festgelegten Zwecks definieren. Zweckrational kann dabei nicht die mechanische Architektur selbst sein. Mittel und Zwecke gibt es erst auf der von Menschen verwendeten Objektsprachebene und nicht schon auf der Ebene der Objekte selbst. In der Natur gebe es nun mal keine Zwecke. Gleiches gilt nun für das Verhältnis von neuronalen Ereignissen und wahren oder falschen kognitiven Leistungen. Die Aktivität von Neuronen verursacht nicht wahre oder falsche Gedanken. Stattdessen haben wir es hier mit zwei Beschreibungen zu tun, in dem einen Fall geht es um die kausalen Ereignisse im Gehirn, in dem anderen um die logische Gültigkeit von Gedanken. Auf diese Weise will Janich gleichzeitig dualistische Vorstellungen - es gebe geistige und materielle Substanzen in der Welt - hinter sich lassen.

Abschließend sei eines noch erwähnt: Janisch behauptet in keiner Weise, eine philosophische Sprachkritik könne empirische Fragen lösen, Experimente ersetzen oder ähnliches. Ob aber beispielsweise ein Verfahren im Labor empirische Ergebnisse liefere, also ein Experiment ist, könne nicht durch weitere Experimente geklärt werden. Natürlich gebe es Naturgegenstände auch ohne Sprache und Theorie, doch die wissenschaftlichen Theorien seien nun mal sprachlich formuliert und da könne man kritisch ansetzen.

Quelle:
Janich, Peter: Kein neues Menschenbild. Zur Sprache der Hirnforschung. Suhrkamp, 2009.

 


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MENSCHEN-BILDER: Neuroethik und Neurorecht

Kommentare

  1. Christian Hoppe Psychologie
    06.05.2009 | 13:17

    Mir scheint, eine direkte Verhältnisbestimmung von hirnphysiologischen Prozessen und philosphischen Konzepten ist unmöglich.

    Das Rechnen als psychologisch beobachtbarer und messbarer Vorgang kann mit Hirnprozessen verknüpft werden (bildgebend oder klinisch-neuropsychologisch, z.B. bei Dyskalkulie); in gewisser Weise kann dann falsches oder zu langsames Rechnen mit "falschen", auffälligen, dysfunktionalen Hirnprozessen verbunden werden.

    Aber die Ebene empirischen Rechnens ist noch lange nicht die Ebene der Mathematik, der Zahlbegriffe und der Richtigkeit/Falschheit von Rechnungen bzw. generell der Wahrheit/Falschheit von Aussagen. Gedanken im weitesten Sinne haben tatsächlich Eigenschaften, die empirische Objekte nicht haben (z.B. wahr/falsch sein). Man müsste den Prozess der Abstraktion besser verstehen, der - von was genau ausgehend? - zu abstrakten Begriffen und mehr oder weniger zutreffenden Beschreibungen sowie schließlich zu wahren/falschen Relationen dieser Begriffe untereinander führt.

    Vielleicht wird ja vor allem zu wenig zwischen Psychologen und Philosophen über ihre nur scheinbar gleichen Gegenstände diskutiert. Neuro-philosophische Kurzschlüsse scheinen mir jedenfalls auf einem Neglect für die Rolle der Psychologie zu beruhen; sie sind sprachlogisch und methodisch meistens hoch problematisch.

  2. Christian Wolf
    06.05.2009 | 13:46

    @Hoppe: eine sehr richtige und wichtige Unterscheidung - empirisches Rechnen vs. Ebene der Zahlbegriffe -, die Sie hier ansprechen. Bereits Edmund Husserl hatte in seiner berühmten Psychologismuskritik den realen Denkvollzug vom idealen Denkinhalt unterschieden. Der Vollzug ist ein räumlich-zeitliches Ereignis, das von der Psychologie und heute natürlich über Korrelationsuntersuchungen auch von der Hirnforschung untersucht werden kann. Natürlich können die beiden Wissenschaften auch gestörte Denkvollzüge unter die Lupe nehmen. Aber von "gestört" zu sprechen, setzt Kriterien wie "wahr" und "falsch" voraus, die auf der Ebene des Gehirns meiner Anischt nach nicht zu finden sind. Im Falle des wahren und des falschen Vollzuges haben wir unterschiedliche (kausale) neuronale Ereignisse. Doch es macht keinen Sinn, in dem einen Fall von falschen neuronalen Ereignissen zu sprechen oder von einer falschen Kausalität. Und die Rede von einer Dysfunktion etwa bei Dyskalkulie verweist auf - siehe Peter Janich - auf menschliche Zwecksetzungen.

  3. 06.05.2009 | 13:58

    Hervorragend; wurde auch Zeit, dass jemand, der davon etwas versteht, die Sprache der Hirnforscher mal genauer unter die Lupe nimmt -- und das idealerweise in lesbarerer Form aufschreibt als Bennett & Hacker.

  4. Christian Wolf @Schleim
    06.05.2009 | 15:56

    Ach, ist das Buch von Bennett und Hacker wirklich so wenig lesbar? Wollte es mir eigentlich mal vornehmen. Bisher kenne ich Hacker vor allem aus Interviews und da konnte er sich ganz gut artikulieren (oder der redigierende Redakteur :-))

  5. Stephan Schleim @ Christian: Philosophical Foundations..
    06.05.2009 | 23:07

    Naja, wenn du mal eben einen Monat übrig hast, dann ist das Buch sicher ganz gut lesbar. Meinen Erfahrungen aus Philosophieunterricht gemäß, wo ich den Text mit meinen Studenten schon verwendet habe, muss man sich für jede Seite viel Zeit nehmen, um der ausführlichen Kritik gerecht werden zu können. Die beiden schreiben zwar sehr klar aber um zu verstehen, was dahinter steckt, muss man oft lange darüber nachdenken und es mehrmals lesen.

    Vielleicht sitzt bei dir der Wittgenstein aber so gut, dass das für dich alles auf anhieb klar wie Kloßbrühe ist. :-)

    Wenn du den Monat nicht opfern möchtest, dann fang mal mit dem kleineren Büchlein "Neuroscience and Philosophy: Brain, Mind, and Language" an, in dem auch schon die Repliken von Dennett und Searle enthalten sind, die im Anhang der Foundations einiges einstecken müssen.

  6. Peter Janich Besprechung Wolf, Kommentar Hoppe
    15.05.2009 | 17:26

    Als Autor kann ich mich nur für die verständige Besprechung von Ch. Wolf bedanken.
    Ch. Hoppe kann geholfen werden: Abstraktionstheorie im modernen Sinne ist seit Gottlob Frege betrieben und bei Paul Lorenzen zur Begründung u.a. der Arithmetik herangezogen. Wie man von (realen) Ziffern oder gesprochenen Zahlwörtern zu (abstrakten) Zahlen kommt, läßt sich bei mir in "Logisch-pragmatische Propädeutik" (Velbrück Wissenschaft; Weilerswist 2001) nachlesen.

  7. Uwe Kauffmann teatime
    12.06.2009 | 23:12

    Hallo,
    erst einmal danke für diesen Beitrag, werde
    das ganze erst mal unter dem Einfluss meines Konstrukts, jede von einem Gehirn produzierte Aussage ist wahr (die Frage ist nur in welchem Kontext) ziehen lassen.

    Der Dank gilt auch den Kommentatoren.

    Gruß Uwe Kauffmann

  8. Balanus Rechenmaschine vs. Gehirn
    05.10.2009 | 17:49

    Ich finde, das Beispiel mit der Rechenmaschine hinkt ganz gewaltig.

    "So kommen Forscher leicht zu dem Schluss, Aktivitäten im Gehirn verursachten auch Erkenntnis oder Irrtum. Doch nur die mentalen Leistungen können wahr oder falsch sein. Das Naturgeschehen hingegen nicht: Wie kann das sein? Janich bietet als Lösung das Verhältnis von Mittel und Zweck an, das eigentlich in der Naturwissenschaft ausgedient hat. Eine einfache mechanische Rechenmaschine etwa funktioniert kausal nach Naturgesetzen. Ihre Mechanik verursacht aber nicht das wahre oder falsche Ergebnis. Sonst müsste ein falsches Ergebnis gleichzeitig das Hebelgesetz widerlegen."

    Eine Rechenmaschine muss bedient werden. Das Gehirn arbeitet von alleine, aus sich selbst heraus. Der Output eines Gehirns ist etwas fundamental anderes als der einer Maschine. Wer die Mechanik einer Maschine mit der "Mechanik" lebender Strukturen vergleicht, hat schon verloren.

    Oder sieht das jemand anders?

szmtag