Was hat Bibel mit Archäologie zu tun? Eine Zwischenbilanz.
Es gab mehrere interessante Kommentare
zu meinem ersten Blogbeitrag „Archäologie durch die Bibelbrille betrachtet?“
Anstatt hier auf alle Fragen eingehen zu können, fasse ich bestimmte Themen zusammen,
die auch mich beschäftigt haben.
Die Frage, wo sich Bibel und Archäologie ergänzen können oder welche Bedeutung der Verbindung beider Disziplinen beigemessen werden soll, ist eine wichtige Grundsatzfrage. Der Vorschlag (Kommentar von „ake“), dass die „Bibelwissenschaft die Archäologie zu Hilfe nimmt“ und nicht umgekehrt, ist NUR eine unter mehreren Sichtweisen, die stark von der deutschen Theologie geprägt ist. Denn im deutschsprachigen Raum ist die biblische Archäologie in der Theologie seit vielen Jahren (geprägt von früheren Gelehrten wie Albrecht Alt und Martin Noth) angesiedelt und wird an theologischen Fakultäten gelehrt (z. B. in Kiel, Mainz, Tübingen, Freiburg/Schweiz). Dies ist im angelsächsischen Raum in der Regel nicht der Fall. Dort sind es vordergründig nicht Theologen, sondern Althistoriker und Archäologen, die sich mit „Biblischer Archäologie“ befassen. Es sind Ägyptologen (wie Kenneth A. Kitchen, Donald B. Redford, James K. Hoffmeier), Assyriologen (wie Donald Wiseman, Alan R. Millard) und levantischen Archäologen (wie William Dever), die die Bibelwissenschaft zu Hilfe nehmen und nicht umgekehrt. Ausgehend von alten Traditionen und antiken Inschriften, Ausgrabungen und surveys wird die „Welt der Bibel“ erforscht und gedeutet. Mit anderen Worten, es gibt in der Biblischen Archäologie schon seit vielen Jahren zumindest zwei Grundprägungen, die entscheiden durch welche „Brille“ man zuerst schauen sollte.
Die Frage, in wie weit die Bibel überhaupt historisch ist und als historische Quelle verstanden werden will, ist ebenfalls eine wichtige Grundsatzfrage. Es muss klar betont werden, dass die Bibel mehr ist als nur ein Geschichtsbuch. Sie ist auch und zuallererst ein/das Buch des Glaubens und will vordergründig den individuellen Glauben prägen und formen. Vieles was in der Bibel gesagt wird, lässt sich nicht „beweisen“ und das ist denke ich auch gut so. Die Bibel will vordergründig in das Alltagsleben des Gläubigen einwirken wie dies bereits vor 3000 Jahren im alten Israel so war. Nun darf dies m. E. nicht dazu führen, dass man die Bibel „nur“ noch als reines „Glaubensbuch“ versteht, als habe sie nur noch wenig oder gar nichts mehr mit realen Gegebenheiten des alten Vorderen Orients zu tun. Auch halte ich es für unklug erst die „exegetischen“ Entdeckungen der Literarwissenschaftler abzuwarten, nachdem (wie in der Archäologie) „Literarschicht für Literarschicht’ abgetragen worden ist (wie „ake“ das so passend geschildert hat). Auch da lässt sich wieder die deutsche Prägung erkennen, die traditionell sehr verschiedenen ist von der Angelsächsischen. Denn auch diese Vorgehensweise kann ebenso gut von Willkür geprägt sein. Denn Überlegungen wie „was halte ich für alt und was für neu“, und „was könnte ein Schreiber zu einer bestimmten Zeit gewusst haben und was nicht“, kann genau so stark vom heutigen (manchmal fehlerhaften) Wissen oder von voreiligen Schlussfolgerungen geprägt sein.
Denn sehr oft haben archäologische Entdeckungen später ‚ältere’ Ansichten aus der Bibelexegese als falsch erwiesen. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Erwähnung des neubabylonischen Königs Belsazar im Buch Daniel (Kap. 5). Obwohl er für lange Zeit für eine literarische Erfindung eines späteren Autors oder Redaktors gehalten wurde, haben Ausgrabungen erwiesen, dass es Bel-scharra-usur als Prinzregent von Babylon während der Regierung seines Vaters Nabonid (556-539 v. Chr.) tatsächlich gab. Ähnlich zutreffend ist die Erwähnung des „Hauses Davids“ auf der erst vor 15 Jahren entdeckten Kriegsstele aus Tel Dan aus dem 9. Jh. v. Chr. Auch wenn nur wenige Theologen ernsthaft an der Existenz Davids gezweifelt haben, tauchte der so bekannte biblische König hier zum ersten Mal als Gründer des judäischen Königshauses in einem sehr frühen Text außerhalb der Bibel auf. Ähnlich sieht es auch bei der Verwendung des Terminus ‚Hebräer’ im 1. Buch Samuels aus. Erst als die vielen Belege der bronzezeitlichen Habiru tiefgründig erforscht worden waren, erkannte man, dass der Autor (bzw. die früheren Autoren) des Samuelbuches den Begriff wie im 2. Jt. v. Chr. als sozialpolitische Bezeichnung verwendet hatte und nicht als völkischen Namen für Israeliten wie dies im 1. Jt. v. Chr. der Fall war. Es lag also nahe, dass diese Texte (oder Teile dieser Texte) sehr alt sein mussten. Diese Erkenntnis war also nicht durch die biblische Exegese, sondern erst durch die Archäologie ermöglicht worden.
Auch bin ich der Meinung, dass gerade der historische Charakter der Bibel ernst genommen werden muss, wie es auch schon vor vielen Jahren vom deutschen Theologen Joachim Jeremias in Bezug auf die Evangelien festgestellt wurde. Denn, so fragte sich Jeremias, welchen Einfluss hätten die Briefe des Paulus überhaupt gehabt, wenn der historische Jesus von Nazaret nicht gelebt und er sich nicht als der Messias erwiesen hätte? Mir scheint dieses Verständnis folgerichtig zu sein, denn es entspricht dem historischen Verständnis der alttestamentlichen und neutestamentlichen „Väter.“ Nicht nur Paulus betont, dass sein Evangelium nutzlos wäre, wenn Jesus von Nazaret nicht von den Toten auferstanden wäre (1. Kor 15), sondern auch die Propheten im Alten Testament erinnerten das Volk Israel an Gottes Befreiungstaten (z.B. an den Auszug aus Ägypten), um klar zu machen dass derselbe Gott sie auch erneut aus dem babylonischen Exil befreien konnte. Solche „historischen Ereignisse“ gehör(t)en zu den Säulen des jüdisch-christlichen Glaubens.
Eine weitere Frage befasste sich mit der Objektivität der Biblischen Archäologie: kann „biblische“ Archäologie überhaupt objektiv sein, oder steht sie zu stark unter Druck, das ‚Biblische’ hervorheben zu wollen bzw. zu müssen. Das ist zweifellos eine ernstzunehmende Kritik. Tatsächlich wurden da in der Vergangenheit mehrmals Fehler gemacht. Als Archäologen der Universität Chicago in Megiddo in den Jahren 1920-1930 eine großflächige Grabung durchführten und auf viele Denkmäler aus der frühen Eisenzeit trafen, wiesen sie diese einheitlich dem biblischen Baumeister König Salomo zu, da die Bibel sagte, dass Salomo auch in Megiddo gebaut hatte (1.Könige 9,15). Aber nirgendwo hatten sie an den Mauern „Etikettchen“ entdeckt, die dies schwarz auf weiß mit Aussagen wie „Solomon was here“ oder „made by Solomon“ bewiesen hätten. Im Gegenteil, es war ihre eigene „Bibelbrille“, die ihnen den Weg bereitet hatte. Heute sieht man da Vieles anders und das ist auch gut so, denn bessere Grabungsmethoden und die Verfeinerung der Schichtenkunde lehren uns, dass diese Bauwerke nur teils wenn überhaupt aus der Zeit Salomos im 10. Jh. v. Chr. stammen können (dazu jedoch ein anderes Mal mehr).
Zusammenfassend glaube ich weiterhin, dass wir eine gesunde Mitte brauchen, wo beide Disziplinen aufeinander Einfluss nehmen können und auch dürfen.
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Der Unterschied zwischen den beiden Grundrichtungen besteht darin, dass die Theologie die Bibel als einen zentralen Mittelpunkt sieht, die Wissenschaft sie aber "nur" als ein altes, sehr altes Buch sieht und somit als eine Quelle besonderer Art, die man kritisch benutzen muss. Es wäre auch in Deutschland gut, es würden mehr Philologen, Mythologen, Althistoriker und Archäologen die Bibel untersuchen, so wie es heute mit Homer Mode ist.
Peter schrieb:
"Zusammenfassend glaube ich weiterhin, dass wir eine gesunde Mitte brauchen, wo beide Disziplinen aufeinander Einfluss nehmen können und auch dürfen."
Ich möchte da völlig zustimmen - und auch ein ganz pragmatisches Argument beifügen. Aufgrund ihres Charakters als Heilige Schrift hat die Bibel für Millionen Menschen eine sehr hohe Relevanz. Archäologie, die sich unter Einhaltung wissenschaftlicher Standards biblischer Themenstellungen annimmt, öffnet damit für unzählige Menschen ein für sie relevantes Fenster in die Geschichtswissenschaften und trägt schon auf der Ebene der Laien zur historischen und auch religiösen Reflektion bei. Die Schrift wird dann stärker auch im Kontext ihrer Zeit und Lebenswelt verstanden (statt fundamentalistisch verflacht) - und gleichzeitig wird die Faszination menschlicher Geschichte insgesamt greifbar. Damit leistet biblische Archäologie einen Bildungsbeitrag, der gerade in einer Zeit religiösen Erwachens gar nicht hoch genug geschätzt werden kann.
Ich hoffe übrigens, dass sie in Zukunft auch durch archäologische Zweige ergänzt werden wird, die den Zeithorizont etwa des Koran oder der Baghavad Gita vergleichbar erschließen. Das ist schon spannend genug für sich, trägt aber auch zu einer reflektierten Reifung der religiösen Auslegungen von Spezialisten und Laien bei.