27. November 2009, 14:44
Mittlerweile waren auf leisen Sohlen, zusammen mit der
Theorie der elektromagnetischen Wellen, zwei Gaukler ins Haus geschlichen. Sie
nannten sich vG und vP, was für Gruppengeschwindigkeit
und Phasengeschwindigkeit stand. Die beiden hatten sich eingenistet, nachdem
klar wurde, dass sich doch nicht alle Eigenschaften des Lichts einfach mit der
Wellentheorie erklären ließen. Manchmal verhielt sich Licht auch so, als
bestehe es aus Teilchen. Wie aber sollte aus einer Lichtwelle, die den Raum
durcheilt, ein Teilchen werden?
Im Jahr 1926 hatte Erwin Schrödinger (1887-1961, Bild) eine
Idee. Man könne doch Elementarteilchen grundsätzlich als Wellenpakete auffassen.
(Schrödinger ging es zunächst darum, möglichst kleine Elektronen aus deBroglies
„Materiewellen“ zu formen. Die mathematischen Verfahren ließen sich aber auch
auf das elektromagnetische Wellen übertragen). Man müsse viele Wellenzüge mit geringfügig
unterschiedlicher Wellenlänge überlagern. Dann sei die Amplitude der
resultierenden Welle wegen der Interferenzen überall gleich Null, nur nicht am
Ort des „Wellenpakets“ selbst. Die mathematische Synthesevorschrift dazu war seit
langem bekannt und wurde nach ihrem Entdecker Jean Baptiste Joseph Fourier (1768-1830)
Fourier-Transformation genannt. Das ging in der Praxis meist so, dass
man das Integral über unendlich viele Wellen unendlich fein verteilter Frequenzen bildete (Unendlich fein verteilte Frequenzen rochen arg nach Verletzung der Quantisierungsvorschrift,
aber das konnte man ja zunächst einmal ignorieren.) Schrödinger nahm Fouriers
Methode her und präsentierte der beeindruckten Fachwelt ein dermaßen erzeugtes Wellenpaket,
das jetzt ein „Elementarteilchen“ sein sollte. Auch ein „Lichtteilchen“, ein „Photon“, sollte man sich als ein solches
Wellenpaket denken. Die Geschwindigkeit,
mit der sich das Wellenpaket entlang des Wellenzuges fortbewegte, erhielt den
Namen Gruppengeschwindigkeit vG. Man konnte sich gut vorstellen,
dass vG die „Lichtgeschwindigkeit c“ sein musste. (Anmerkung: Wenig
später erklärten die Quantentheoretiker der Kopenhagener Schule, dass man
überhaupt nicht denken dürfe, und stellten ein altbekanntes Verbotsschild auf: „Du
sollst dir kein Bildnis machen, keinerlei Gleichnis“. Das Wellenpaket sei kein Teilchen, sondern nur ein Wahrscheinlichkeitsknubbel, der manchmal
aber auch gar kein Knubbel sei. Aber diese Philosophie würde uns an dieser
Stelle wirklich zu weit vom Thema wegführen.)
Nun war dieses photonische Wellenpaket aufgrund seiner
Entstehungsgeschichte aber ein äußerst labiles Gebilde. Das Licht hat nun
einmal die Eigenschaft, beim Übergang von einem optischen Medium in eines mit
einem anderen Brechungsindex die Richtung zu ändern. Glas, zum Beispiel, hat
einen größeren Brechungsindex als Luft. Wegen dieses Unterschieds gelang Newton
die Aufspaltung des weißen Lichts mittels eines Glasprismas in seine farbigen
Bestandteile. Es konnte nur gelingen, weil die Lichtgeschwindigkeit in einem
lichtbrechenden (= dispersiven) Medium abhängig von der Wellenlänge ist. Je
länger die Wellenlänge, desto höher auch die Geschwindigkeit. Man nennt diese
Eigenschaft die Dispersion des Lichts. Mit anderen Worten: wenn ein Wellenpaket
ein Medium mit einem Brechungsindex n>1 durchquert, müssten die verschienen
Wellenlängen, aus denen es modelliert ist, wieder auseinander laufen. Das einzige
Biotop, in dem das Photon (als Wellenpaket) überleben kann, ist der vollständig
leere Raum. (Anmerkung: Doch wo ist schon leerer Raum? Auch der Weltraum ist
eher ein verdünntes Wasserstoffgas als ein Vakuum. Manche Schätzungen gehen
davon aus, dass im bekannten Weltall noch 70% der gesamten baryonischen Materie
als diffuses intergalaktisches Gas vorliegen sollten.)
Licht besteht aber nicht zwangläufig aus vielen
Wellenlängen, sondern es kann auch eine einzige sein. Solche Wellenzüge nennt
man monochromatisches Licht. Daraus ließ sich aber nach keiner Methode ein eng
lokalisiertes Photon modellieren. Dennoch: in der Praxis zeigte auch
monochromatisches Licht unter bestimmten Bedingungen Teilchencharakter. Das war
ärgerlich, denn aus mathematischen Betrachtungen, zu denen Ehrenfest bereits
1910 entscheidende Beiträge geliefert hatte, ging hervor, dass man mit den
gängigen Experimenten zur Bestimmung der Lichtgeschwindigkeit (etwa nach
Foucault und Michelson) stets die Fortpflanzungsgeschwindigkeit eines
Wellenpakets vG erhielt, nicht aber die Phasengeschwindigkeit der Einzelwellen
vP. (Die Phasengeschwindigkeit einer Welle ist die Geschwindigkeit,
mit der die maximale Amplitude der Ausgangswellen den Wellenzug entlangläuft.
Es ist diejenige Geschwindigkeit, mit der man an einer solchen Welle entlang
laufen müsste um sie als stehende Welle wahrzunehmen.)
Nun folgte aus der Wellentheorie ein Zusammenhang der
beiden Geschwindigkeiten mit dem Brechungsindex n eines Mediums. Man erhielt:
n = vG
/c = c/
vP
und damit ergab sich auch:
c2 = vG
* vP
Im Vakuum (n=1) entstand daraus zunächst kein Problem. Die
zweite Gleichung sagt, dass im Vakuum sowohl vG als auch vP
gleich c sein sollten. In anderen Medien aber, etwa in Wasser, sah die
Angelegenheit schon fataler aus. Da der Brechungsindex vieler Medien größer ist
als 1 - für Wasser z.B. ist n = 1,33 – müsste die Geschwindigkeit eines Photons
vG = n*c in Wasser rund ein Drittel größer sein als im Vakuum.
Diesen offensichtlichen Widerspruch zum experimentellen Befund löste man so auf,
dass man zunächst nur den Zusammenhang zwischen Brechungsindex n und der Phasengeschwindigkeit
vP zuließ. Die Gruppengeschwindigkeit vG wurde dann
aus vP wiederum nach der sog. Rayleighschen Beziehung ermittelt. Dann
wurde auch die Gruppengeschwindigkeit wieder kleiner als c. Insoweit war die elektromagnetische
Welt wieder mühsam zurecht gebogen.
Die Phasengeschwindigkeit vP blieb dennoch ein
heißes Eisen. Da fast alle Flüssigkeiten in bestimmten Wellenlängenbereichen
des Lichts Brechungsindizes kleiner als 1 aufweisen, wächst die Phasengeschwindigkeit
dann weit über c hinaus. Im Falle der Dispersion in Metallen sogar sehr weit.
In Natrium, beispielsweise, ergibt sich eine Phasengeschwindigkeit, die 200mal
größer ist als c. An dieser Stelle tröstete man sich (und andere) üblicherweise
damit, dass mit der überlichtschnellen Phasengeschwindigkeit keine
„Information“ übertragen werden könne. (Information ist ein Chamäleon aus dem
Schattenreich zwischen Erkenntnistheorie und Nachrichtentechnik und fordert
geradezu heraus, fast beliebig damit Schindluder zu treiben.) Aber bald –man ahnt es schon- wurde es noch unangenehmer. Die spezielle Relativitätstheorie
erlaubte nämlich, das Bezugssystem des Beobachters in das Wellenpaket zu verlegen.
Vom neuen Beobachterstandort aus gesehen war vG = 0. Damit wuchs
wegen c2 = vG * vP die Phasengeschwindigkeit
gegen unendlich. (Jetzt bloß nicht weiterrechnen. Es wird grauslich. Setzt man
letztere Beziehung in E=mc2 ein, dann erhält man E= m vG vP,
und man multipliziert Null mit Unendlich. Wohl bekomm’s. Also schnell ein
Verbotsschild aufstellen!)
Das Virus der unendlichen Phasengeschwindigkeit fand in de
Broglies Materiewellen ein wehrloses Opfer. Ein Elektron kann zum Stillstand
kommen. Dann ist vG stets gleich Null und die die Phasengeschwindigkeiten
der Materiewellen, aus denen das Elektron gebildet wird, wachsen grundsätzlich
über alle Grenzen. Unendlich schnelle Wellen? Unendlichkeiten sind ein ernstes
Anzeichen, dass eine Theorie versagt. War ein Elektron also doch kein Paket
aus „Materiewellen“ und entsprach die „Lichtwelle“ etwa gar nicht dem
schlichten Modell einer transversalen Welle, wie man sie von einem gespannten
Seil her kannte? Waren die beiden gar
keine Verdichtungen, die man nach Belieben durch Interferenz erzeugen und
wieder auflösen konnte? Wie aber sollte man sonst vorgehen? Das Problem
Welle-Teilchen blieb unverstanden. Tröstlich war höchstens, dass man sowieso
nicht wusste, was für eine Art von Welle die Materiewellen überhaupt sein
sollten. Man konnte dieses Problem ja auf später vertagen. (Man würde auf Max
Born warten, der ein weiteres Chamäleon namens Wahrscheinlichkeit aus der
Zwielichtzone hervorlocken würde.)
So verstörend die Situation auch war, es war noch nicht
alles. Die beiden Gaukler vG und vP, riefen
weiteres fahrendes Volk herbei. Als erstes schloss sich ihnen die
Frontgeschwindigkeit an. Aus der Theorie folgte, dass die Kopfgeschwindigkeit vF
einer Lichtwelle –man nennt sie Frontgeschwindigkeit – überraschenderweise in
allen brechenden Medien, also auch in solchen, in denen vG langsamer
als c ist, exakt die Geschwindigkeit c haben sollte (behauptete zumindest das Lehrbuch von Bergmann-Schäfer-Matossi. Aber da stand auch, dass die Nichtüberschreitbarkeit
von c sich immer auf die Gruppengeschwindigkeit beziehe. Die sollten sich noch
wundern.) Demnach war also die Frontgeschwindigkeit in optisch dichten Medien normalerweise
sowohl von der Phasen- als auch von der Gruppengeschwindigkeit verschieden.
Bald entpuppte sich die als Lichtgeschwindigkeit
vorgesehene Gruppengeschwindigkeit vG, die man bis dahin noch als
eher solide Kreatur angesehen hatte, als atemberaubend fintenreich. Sie stellte
manchmal die Zeit auf den Kopf. Als es gelang, mittels neuer Methoden der
Nanotechnologie spezielle Materialien („Metamaterialien“) herzustellen, die
nach der Maxwellschen Theorie negative elektrische Permittivität ε und negative
magnetische Permeabilität µ hatten, geschah das Unvermutete. Für den
Brechungsindex erhielt man einen negativen Wert, woraus wiederum eine negative Phasengeschwindigkeit
und eine negative Gruppengeschwindigkeit im Metamaterial folgte. Anders
ausgedrückt: Das „Photon“ kam schon heraus noch bevor es an der Vorderseite der
Probe eingetreten war.
Ausgelöst durch die praktische Arbeit der
Fernmeldetechniker seit den 1860er Jahren war noch eine weitere Geschwindigkeit
aufgetaucht, die Signalgeschwindigkeit vS. Oft identifizierte man vS
mit vG. In den meisten Fällen waren aber beide Geschwindigkeiten
verschieden. 2004 konnte auch
experimentell gezeigt werden (Nicholas Gisin, Genf), dass die
Signalgeschwindigkeit zwar nicht größer ist als die Lichtgeschwindigkeit im
Vakuum, dass dafür aber die Gruppengeschwindigkeit vG, d.h. die
Ausbreitungsgeschwindigkeit der Lichtpulse („Photonen“) in einem
Glasfaserkabel, fast das Doppelte der Lichtgeschwindigkeit erreichen kann. Photonen
sollten im Glas schneller vorankommen als im Vakuum? Komisch. Auch auf die
Photonen war nun kein Verlass mehr. (Dass die Signal- und die Gruppengeschwindigkeit
voneinander abweichen können, hatte lange zuvor schon Arnold Sommerfeld
(1868-1951) errechnet. Abweichungen treten immer in Wellenlängenbereichen auf,
in denen gilt: dn/dλ > 0.)
Wenigstens im Vakuum ist die „Lichtgeschwindigkeit“ doch
konstant, oder? Tja, da wäre schon eine
Kleinigkeit. Lässt man nämlich - in dem Bemühen, einen „Lichtstrahl“ zu
erzeugen - Licht durch enge Blenden austreten, so wird die Photonengeschwindigkeit
immer geringer, je kleiner die Öffnung ist. Wird der Blendendurchmesser soweit
verengt, dass er nur noch im Bereich der
halben Wellenlänge liegt, liegt die Austrittsgeschwindigkeit der Photonen nur
noch bei ca. 0,5 c. Bei noch kleineren Blendendurchmessern geht die
Geschindigkeit auf Null zurück. (Ein ähnlicher Effekt tritt auch mit
Mikrowellen auf, wenn man den Querschnitt eines Hohlwellenleiters immer kleiner
macht.)
Am Ende aller Mühen, aus den Wellen Lichtteilchen oder
wenigstens größere Wellenpakete zu formen, stand man mit einer ganzen
Sippschaft von Geschwindigkeiten da: vP, vG, vE
und vS. Fragen wir doch einmal so: Über welche dieser vier Geschwindigkeiten
gibt das berühmte Experiment von Michelson-Morley Auskunft? Bitte spontan antworten,
ohne weiteres Nachdenken. Alles klar?
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