Die Marquise und die lebendige Kraft - Neunter Brief aus meiner Mühle (Teil 1)
Die Marquise du Châtelet (in meinem Konversationslexikon ist sie
nicht einmal eingetragen) war eine ungemein kluge und gebildete Frau. Seit 1733
war sie Voltaires Geliebte. Von Voltaires Geld richtete sie an ihrem
gemeinsamen Wohnsitz, einem kleinen Schloss nahe der holländischen Grenze, ein
physikalisches Laboratorium ein. Dort schrieb Voltaire ein allgemein
verständliches Buch über Newtons Ideen.
(Anmerkung: Voltaire wiederholte darin Newtons falsche Ansicht, dass die Energie, die beim Zusammenprall von Körpern vernichtet wird, durch m*v (Masse mal Geschwindigkeit, in heutiger Bezeichnung der Impuls) beschrieben wird. Newton wollte damit Gott beweisen. Er nahm an, dass z.B. zwei Karren, die aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander prallen, vor dem Zusammenstoß insgesamt 2mv haben. Danach liegt ein Haufen Kleinholz auf der Strasse und v ist für beide Null. Also hat die Welt 2mv verloren. Da solche Dinge ständig geschehen, ohne dass der Welt die Energie ausgeht, musste es nach Newtons Überzeugung einen Gott geben, der das Uhrwerk immer wieder aufzog.
Leibniz hatte das bezweifelt. Dass Gott ein so
schlechter Uhrmacher sei, dass er das Räderwerk ständig neu in Bewegung setzen
müsse, hielt er für absurd. Er war aus komplizierten Gründen der Meinung, dass
der richtige Ausdruck für die „lebendige Kraft“ mv2 sei, und seiner
Ansicht nach konnte diese nicht verloren gehen. (Noch im Physikbuch meines
Großvaters aus dem Jahr 1903 wird die kinetische Energie als „lebendige Kraft"
bezeichnet). Gott war nur am Anfang als Schöpfer nötig gewesen. Seitdem hielt
sich die Welt selbst in Bewegung. Welche der beiden Auffassungen war richtig?
Die Châtelet kannte die Untersuchungen des Leidener Physikprofessors Willem Jacob ´sGravesande ( 1688-1742, s. Bild). Der hatte
Gewichte aus verschiedenen Höhen in weichen Lehm fallen lassen und
herausgefunden, dass sich bei Verdopplung der Fallgeschwindigkeit das Gewicht
viermal so tief eingrub. Verdreifachte sie sich, war das Einschlagsloch neunmal so tief. ´sGravesande teilte seine Ergebnisse der Marquise mit, und die berichtigte Newtons Formel, indem sie mv durch mv2 ersetzte. (Der Faktor 1/2 kann bei geigneter Wahl der Dimensionen weggelassen werden.) Die Publikation der Marquise du Châtelet zu Gunsten der Leibnizschen
Auffassung erregte in Fachkreisen großes Aufsehen.
Die Marquise ging nun daran, Newtons „Principia“ aus dem Lateinischen ins Französische zu übersetzen. Es ist bis heute die einzige französische Übersetzung geblieben. Wichtiger noch als die ohnehin schon schwierige Übersetzungsarbeit –Newton hatte sein Werk mit Absicht hochgradig unverständlich geschrieben, um nicht mit „mathematischen Stümpern“ darüber diskutieren zu müssen- war ihre Übertragung der Newtonschen Darstellung ins Leibnizsche Infinitesimalkalkül. Sie unternahm diese gewaltige Anstrengung, weil die Leibnizsche Infinitesimalrechnung auf dem Kontinent besser verstanden wurde. Ihre eifersüchtige Liebe verhinderte jahrelang, dass Voltaire den drängenden Einladungen des preußischen Königs folgte, die seine Geliebte nicht einschlossen. (Bekanntermaßen war Friedrich der Große den Männern zugeneigt. Es wird berichtet, dass er in jungen Jahren mit Leutnant Hermann von Katte umging „wie ein Liebhaber mit seiner Geliebten“. Sein Vater, Friedrich Wilhelm I, der „Soldatenkönig“ (laut Fernau ein „unkultivierter, jähzorniger, despotischer Prolet“) war (nicht nur) darüber derart verbittert, dass er seinen Sohn hinrichten lassen wollte, als der sich nach Frankreich absetzen wollte. Die Hofbeamten verhinderten das Todesurteil mit Mühe und Not. Katte hingegen wurde geköpft.) Erst nach dem Tod der Marquise verbrachte Voltaire wieder einige Jahre in Sanssouci. Emilie du Châtelet starb am Kindbettfieber, heftig betrauert von Voltaire (obwohl das Kind nicht von ihm stammte). In seiner Gedenkrede sagte er:
„Keine Frau war jemals so gelehrt wie sie…eines Tages sah ich sie neunstellige Zahlen durch andere neunstellige Zahlen im Kopf dividieren, und das ohne jedes Hilfsmittel und ohne dass ihr …einer der anwesenden Mathematiker hätte folgen können.“ Aber was wäre Voltaire ohne einen boshaften Kommentar, den er bei anderer Gelegenheit abgab? „Wahrhaftig: Emilie ist die göttliche Geliebte – ausgestattet mit Schönheit, Witz, Mitgefühl und allen anderen weiblichen Tugenden. Doch wünsche ich oft, sie wäre weniger gelehrt, ihr Geist weniger scharf und ihr Verlangen nach Liebe weniger unmäßig; und vor allem wäre ich glücklich, wenn sie zuweilen den Wunsch und die Fähigkeit hätte, den Mund zu halten.“
Hatte sich die Auseinandersetzung mit Newtons mathematischer Naturphilosophie auf dem Kontinent bisher in engen Fachkreisen abgespielt, änderte sich das durch den Einfluss Voltaires auf Friedrich den Großen. Der Preußenkönig wollte die Berliner Akademie zu einer Institution ersten Ranges erheben und beriet noch im Jahr seines Regierungsantritts (1740) mit Voltaire und Maupertuis, den bekanntesten „Newtonianern“ Frankreichs, über die Reorganisation dieser Institution. Maupertuis (der übrigens auch für einige Zeit ein Liebhaber der „unmäßigen“ Marquise du Châtelet war) wurde schließlich 1746 Präsident der preußischen Akademie.
Aber auch für die allgemeine Bildung tat Friedrich etwas. Nach seinen endlosen Kriegen gab es viele Krüppel, die in der Armee nicht mehr zu gebrauchen waren. Also ernannte Friedrich die ehemaligen Offiziere zu Richtern und die Unteroffiziere zu Lehrern. Und damit es genügend Planstellen gab, musste jedes Kind in die Schule, weswegen man sie „Volksschule“ nannte. (Wäre Friedrich nur mal selbst hingegangen, denn er sprach ja zeitlebens kein richtiges Deutsch). Folgerichtig wurden Lehrer nicht besser bezahlt als Unteroffiziere, die sie ja waren. Von solchen Lehrern konnte man natürlich nicht viel erwarten. In der Schule ging es zu wie im preußischen Heer. Eines der Haupfächer war die Prügelstrafe. Aber viel mehr sollten die Schüler auch gar nicht lernen. Kommentar des alten Fritz: „Denen Bauernlümmels solln Lesen, Schreiben und Beten lernen, aber nicht zuviel, sonst laufen se am Ende noch in de Stadt und wollen Sekretärs werden oder so’n Zeugs.“ Ende des Preußenausflugs und nochmals zurück zur Gravitation.
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Kompliment! Ihre Briefe sind wirklich gut geschrieben. Mit der Marquise du Châtelet habe ich mich bisher noch nicht näher befasst. Interessant finde ich, dass Voltaire seine Geliebte, die wohl zweifellos Hochbegabt war, mit seinem Kommentar quasi auf ihr Geschlecht reduziert hat: „Wahrhaftig: Emilie ist die göttliche Geliebte – ausgestattet mit Schönheit, Witz, Mitgefühl und allen anderen weiblichen Tugenden. Doch wünsche ich oft, sie wäre weniger gelehrt, ihr Geist weniger scharf und ihr Verlangen nach Liebe weniger unmäßig; und vor allem wäre ich glücklich, wenn sie zuweilen den Wunsch und die Fähigkeit hätte, den Mund zu halten.“ War Voltaire ein alter Chauvie, der es nicht schaffte, die damals üblichen Vorurteile gegenüber Frauen außer Acht zu lassen? Oder meinte er, sich in Bezug auf Frauen, dem Mainstream anpassen zu müssen?
Auf dem Boden der Physik bewege ich mich (hoffentlich) geschickter als bei der Beurteilung des männlichen Chauvinismus.
Ich glaube aber, dass es schwierig ist, die Verhaltensweisen des 18. Jahrhunderts in heutigen Begriffen und Wertvorstellungen einzufangen. Es ging wohl in den damaligen Adelskreisen für beide Geschlechter freizügiger zu als in der heutigen nach-romantischen Bürgergesellschaft. Eine adelige Frau rangierte unendlich weit über einem bürgerlichen Mann. Daher zögere ich, Voltaire einen Chauvi zu nennen, denn ich glaube aus seinen Reden spricht nicht, dass er Frauen als untergeordnete Wesen betrachtete.
Er war aber ein wirkliches Lästermaul, der lieber einen Freund verlor als ein Bonmot verschluckte, egal ob Mann oder Frau. Man denke nur daran, wie er sich über die Auffassung des Leibniz, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben sollen, lustig machte.
"Bekanntermaßen war Friedrich der Große den Männern zugeneigt"
Das ist sehr umstritten.
"Weder mit Männern noch mit Frauen"
Ja, das ist umstritten, und wird sich wohl auch nicht mehr klären lassen. Sich zu outen war schließlich lebensgefährlich, und die einzige Möglichkeit des kurzfristigen Auslebens bestand in "Kavaliersreisen" nach Italien (sicher bekannt z.B. von Johann Joachim Winckelmann. Auch in dessen Fall legt z.B. Wikipedia auch heute noch ein verdruckstes Schweigen drüber. In meiner Schulzeit wurde zwar ausgiebig über Winckelmann und dessen Auseinandersetzung mit Lessing gelehrt: aber Homosexualität? Wäre nie ein Thema gewesen.) Dass angesichts der drakonischen Strafen Homosexualität in manchen (vielen?) Fällen nicht ausgelebt wurde, ist nachvollziehbar. "Sodomie" wurde schließlich ebenso bestraft wie Mord. Also werden sich die Historiker wohl uneins bleiben, ob im Falle Friedrichs des Großen eine venerische Krankheit zur generellen Impotenz geführt haben mag oder wie sein Verhältnis zu Klatte bzw. seine nicht vollzogene Ehe zu bewerten ist.