chronologs Briefe aus meiner Muehle

Viagra und ein einsamer Mann - 11. Brief aus meiner Mühle (Teil1)

von Wolfgang Herrig, 05. September 2009, 13:41

Wenn man die Sache so recht bedenkt, konnte es gar nicht anders kommen. Auch der Gravitation Newtons erwuchs schließlich ein Konkurrent. Einer, der immer noch Furore macht, und der –so wie die Dinge heute stehen- eher selbst ein Teil des Problems der modernen Physik ist. Das Dilemma wird (immer noch) so gut es geht unter der Decke gehalten. „Hochmut kommt vor den Fall“ pflegte meine Großmutter ein altes Sprichwort zu zitieren. Der Unternehmensberater Peter F. Drucker (den ich sehr schätze und der in seinen Büchern viele Erkenntnisse darlegt, die so einfach sind, dass sie schwierig zu befolgen sind) schrieb einmal etwa wie folgt: „Solange das Redaktionsbüro einer Zeitung chaotisch ist und alle wild durcheinander reden und telefonieren, geht es mit der Zeitung aufwärts. Wenn man  stattdessen stille Marmorhallen und unüberwindliche Vorzimmer antrifft, und die Mitarbeiter leise über die Gänge huschen, geht es mit der Zeitung zu Ende.“

Bevor wir uns die Konkurrenzidee zur Gravitation, genannt Allgemeine Relativitätstheorie (ART), ansehen, betrachten wir einmal ihren heutigen öffentlichen Zustand. Wir sehen uns nicht bloß mit Marmorhallen und Vorzimmern, sondern mit der kitschig verzierten Kuppel eines Mythendoms konfrontiert.

Ein Beispiel. Im Januar 2005, zu Beginn des „Einstein-Jahrs“, brachte die populäre Wissenschaftsillustrierte „P.M.“ ein „Einstein Special“ heraus.  Darin wurden wild und peinlich die Weihrauchkessel geschwenkt:

Einstein im Alltag: Praktische Sache, die Relativitätstheorie! Sie haben ein Navigationsgerät? Sie schauen TV? Und schlucken auch mal Pillen? Denken Sie Einstein: Er hat das alles möglich gemacht!“ Das ist P.M. aber noch längst nicht genug: „Ob Mediziner die Strahlendosis oder Ingenieure die Mischung für den Straßenbelag berechnen: Stets greifen sie auf Einsteins Formeln zurück. In der Technik ist Einstein unverzichtbar. Und die Evolution würden wir ohne ihn gar nicht verstehen. Mit der von Einstein 1917 beschriebenen „stimulierten Emission“ von Licht gelang 43Jahre später der Bau des Lasers….Und Rauchmelder basieren sogar auf seiner berühmten Formel E=mc2. Selbst für die Herstellung von Tabletten wie Viagra schuf er die Voraussetzungen“ (Seufz! Ist das nicht ätzend?)

Der mit großem Abstand beste von allen Beiträgen ist Woody Allens Satire: „Finden Sie mal Ihren Bademantel, wenn das Weltall sich ausdehnt!“, alle anderen sind nur ins Penetrante gesteigerte Lobeshymnen. Das wirklich Schlimme ist: die aberwitzigen Verdienste Einsteins an der Erfindung von Viagra, Rauchmeldern etc. sind nicht lustig, sondern absolut ernst gemeint. Das ganze „Einstein Special“ erinnerte mich an einen Witz vom Fritzchen. Fragt die Religionslehrerin die Berliner Schulklasse: „Was, liebe Kinder, ist das? Es hat einen langen Schweif und springt von Ast zu Ast.“ Sagt Fritzchen: „Eijentlich müsste det een Eichhörnchen sein. Aba wie ik den Laden hier kenne, is det ma wieder det liebe Jesulein.“ Nun gut, die lächerlichen Entgleisungen seiner heutigen Verehrer kann man dem armen Einstein nicht in die Schuhe schieben. Aber auch die Argumente seiner ernstzunehmenden Anhänger gehen in Richtung Irreführung und Verschleierung. Doch sehen wir uns Einsteins Konkurrenztheorie zu Newtons Behandlung der Gravitation doch einmal nüchtern an. Keine Angst, liebe LeserInnen. Das Märchen, dass nur wenige Leute auf der Welt die Relativitätstheorie verstehen können, gehört zur relativistischen Propaganda, ist aber nicht ernst zu nehmen. Wenn man den Rechnungen im Detail folgen will, gerät man an hohe Mathematik, aber die Grundzüge der ART sind auch ohne Mathematik verständlich. Man muss auch nicht selbst Geigenvirtuose sein, um zu hören, ob jemand schräge Töne spielt. Laut Einsteins eigener Aussage kam ihm der grundlegende Gedanke zur Allgemeinen Relativitätstheorie auch nicht erst nach langer Rechnerei, sondern in einer blitzartigen Erleuchtung.

(Anmerkung: Wir hatten es schon am Beispiel des alten Newton und seiner hemmungslosen Verehrer gesehen: wenn alte Berühmtheiten über ihre früheren Erfolge berichten, sagen sie gerne, die Erleuchtung sei „plötzlich“ über sie gekommen. Die Leute wollen das so hören. Es macht den Erkenntnisprozess so zufällig wie einen Hauptgewinn im Lotto und suggeriert dem Publikum: „Sieh’ mal an, auch ich hätte so eine Idee haben können! Man muss nur Glück haben oder verrückt genug sein.“  So zieht sich die Sage der blitzartigen Erleuchtungen durch die gesamte Geistes- und Wissenschaftsgeschichte. Saulus trifft der richtige Glaube wie ein Blitz  auf dem Weg nach Damaskus, Archimedes erwischt es im Badezuber. Newton hat seine wichtigste Eingebung schlagartig unter einem Apfelbaum. Kekulé hat die Idee zur chemischen Bindung im Londoner Omnibus und im Traum. Poincaré erwischt es angeblich ebenfalls, als er in einen Bus steigt. Kaum jemand will sagen: „Die Gedanken verfolgten mich, ich war  wie besessen. Jahr um Jahr, Tag um Tag und oft auch in der Nacht konnte ich an nichts anderes mehr denken. Oft hasste ich die Gedanken, aber ich kam nicht davon los. Frau und Kinder und Freunde wurden mir gleichgültig. Und die Angst, dass mir jemand zuvor kommen könnte und alle Jahre und alle Opfer vergebens wären, nahm mir die Lust am Leben. Denn ich wollte ja nicht nur ans Ziel kommen. Ich wollte der erste sein, der gefeierte Entdecker…“. Oder ganz kurz, wie Voltaire Newton beiläufig sagen läßt: „En y pensant sans cesse.“ Warum sagt das niemand? Halt, einen dokumentierten Fall kenne ich doch. Er findet sich im Tagebuch des Entdeckers der Funkwellen, Heinrich Hertz (1857-1894).  Hertz war zur fraglichen Zeit Professor für Physik an der TH Karlsruhe. Auf deren Campus befindet sich heute seine Büste (s. Bild). Hier nun ein kurzer Auszug aus seinem Tagebuch 1884 bis 1887:

27.01.    Über elektromagnetische Strahlung nachgedacht

11.05.    Abends tüchtig Elektrodynamik nach Maxwell.

13.05.    Ausschließlich Elektrodynamik

16.05     Den ganzen Tag Elektrodynamik gearbeitet.

04.07.    Elektrodynamik immer noch ohne Erfolg.

17.07.    In schlechter Stimmung gewesen und nichts angreifen können.


24.07.    Unlustig zur Arbeit.

In diesem Stil geht es weiter bis Ende 1885:

13.12    Vormittags einsamer Spaziergang im Schneegestöber

31.12.    Froh, dass dieses Jahr herum und hoffend, dass kein solches folgt.

23.01.    Den ganzen Tag hingeschlichen

16.09.    Unschlüssig, welche Arbeit zu beginnen

07.06.    Abgespannt und unlustig zur Arbeit

19.07     Lust zur Arbeit schwindet völlig

Und so geht er weiter, der Text eines einsamen Mannes; erst zwei Jahre später, 1887, kommt der Erfolg. Mit dem Erfolg kommt neuer Schwung:

17.12     Mit Erfolg experimentiert

21.12.    Den ganzen Tag experimentiert

28.12     Experimentiert und die Wirkung der elektromagnetischen Wellen wahrgenommen


31.12     Gern auf das Jahr zurückgesehen.

Die Entdeckung der Radiowellen war also kein Genieblitz, sondern das Resultat frustrierender Bemühungen. Ende der Anmerkung).



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