chronologs Briefe aus meiner Muehle

Fliehkraft und Fahnenflucht - 12. Brief aus meiner Mühle (Teil 1)

von Wolfgang Herrig, 12. Oktober 2009, 17:00

Die Absetzbewegungen von den Relativitätstheorien werden unübersehbar, wenn im Augenblick auch oft noch Nicht-Physiker der anschwellenden Flüchtlingswelle voraneilen. Heft 09/2009 von „Spektrum der Wissenschaft“ zeigt als Titelbild einen sichtlich verlebten Einstein, das Gesicht verwüstet, den wässrigen Blick verzweifelt ins Nichts gerichtet. Es scheint, dass die Verwirrung ihm den Kopf gesprengt hat. Allerlei buntes Gewölle quillt hervor. „Wo Einstein irrte“ steht in gelben Warnlettern daneben. „Ist die Relativitätstheorie zu retten?“ fragen der Philosoph David Z. Albert und die Literarin Rivka Galchen und geben sich besorgt wie um einen todgeweihten Patienten. „Auf einmal ist der Status der speziellen Relativitätstheorie…eine radikal offene Frage…“. Noch ziehen sie sich am Ende ihres Beitrags eher halbherzig hinter die pflichtgemäße Lobhudelei zurück: „Es könnte gut sein, dass der unterschätzte (??) Vordenker dort irrte, wo wir ihm Recht gaben (das müsste aber so ziemlich überall sein), und dort Recht hatte, wo wir glaubten, er sei im Irrtum.“ (Letzteres bezieht sich auf die Quantenverschränkung, die tatsächlich weder Einstein noch sonst jemand bisher wirklich verstanden hat. An dieser Stelle scheint nämlich der zeitlose Urgrund der Welt hervorzutreten). Die Autoren wollen darauf hinaus, dass wir es dem Genie Einsteins verdanken, wenn wir nun endlich doch erkennen, dass die Quantenmechanik (vielleicht) falsch, falsch interpretiert oder „unvollständig“ sei. Die ungebührliche Verzögerung soll daran liegen, dass man Einsteins Kritik an der Quantenmechanik so lange ignoriert habe. Und die Spezielle Relativitätstheorie sei ja sowieso ein Problemfall und „in ihrem Kern bedroht“. Dann der monumentale Schlusssatz: „Vielleicht nehmen wir das Universum mit weniger getrübten Sinnen wahr als allzu lange behauptet.“ Diese sibyllinische Formulierung lässt offen, ob sie vorrangig auf die Quantenmechanik oder die Relativitätstheorie zielt. Ich halte ihn in jedem Fall für berechtigt. Denn wir müssen erkennen, dass die „Jahrhunderttheorien“ in der Kosmologie nicht gerade weit geführt haben. Das Universum besteht demnach nämlich aus einigen wenigen Prozenten Quarks, die man nicht isolieren kann, und die daher hypothetisch bleiben, aus mehren Prozenten „Dunkler Materie“, einer ebenso obskuren wie umstrittenen Masse, und einem großen Rest „Dunkler Energie“, von der man nicht die geringste Vorstellung hat. Kommt es dann zur Berechnung der Vakuumenergie des Raumes, steht man vor der größten Soll-Ist Abweichung der Wissenschaftsgeschichte. Unvorstellbare 120 Größenordnungen sind unerklärt. „…we discover the horror of a cosmological constant big enough to not only destroy the galaxies, stars and planets but also the atoms, and even the protons and neutrons…” schreibt Leonard Susskind in “The Cosmic Landscape” : Und weiter unten im Text heißt es: “Perhaps the resolution is that our theory of gravity – The General Theory of Relativity – is just plain wrong…”. Lee Smolin (“The Trouble with Physics”) sieht die Sache eher noch düsterer: “When something like this is happening in sports or business, it’s called hitting the wall. Why is physics suddenly in trouble?” Und unter Bezug auf die Allgemeine Relativitätstheorie heißt es: „...a more sober view is that the theory is just inadequate.“ Falsch also. Einer der Gründe, warum der Karren vor die Wand gefahren wurde.

"O alte Burschenherrlichkeit", da man sich seines Glaubens noch sicher sein konnte. In meinem alten „Bergmann-Schäfer“ von 1966 heißt es noch: „Fest steht auch mit Sicherheit (!), dass das Weltkontinuum nicht euklidisch sein kann…Es muß also aus allen Messungen mit Sicherheit (!) auf eine nichteuklidische Mannigfaltigkeit geschlossen werden.“ "Nie kehrst du wieder, goldene Zeit, so froh und ungebunden." Hätte damals jemand gedacht, dass genau vierzig Jahre später Leonard Susskind folgendes schreiben könnte?: „But surveying cosmic triangles seems to leave little doubt that the geometry of the universe is flat.” Euklid reloaded. O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum oder modernisiert: For the times they are a-changing.

Auch bei P.M. wird man neuerdings sehr vorsichtig. „Und wie steht Einstein heute da?“ fragt man sich besorgt in „Perspektive“ Nr.  3/2009, so als spräche man über das schwarze Schaf in der Familie und ringt sich zu einem nicht einmal lahmen Bekenntnis durch:  „Bei allem Lob –das manchmal in Lobhudelei ausartet und sich sogar zur Heiligenverehrung steigert – sind Einsteins Thesen Entwürfe, was er selbst auch so sah. Manches ist unvollständig, manches auch widersprüchlich und noch immer ungeklärt.“ P.M. verzichtet lieber auf eine Erklärung, was genau denn an den Thesen -nicht einmal Theorie will man es noch nennen - dubios sei. Steht die unscharfe Formulierung etwa für: so gut wie alles?

Schon vor genau 100 Jahren richtete der Physiker Paul Ehrenfest an Einstein die Frage, warum sich eine rotierende Kreisscheibe denn nicht relativistisch verbiege. Die Antworten, die man schließlich vorlegte, waren mehr als zweifelhaft. Mal wurde die Relativitätstheorie für unzuständig erklärt, dann sollte es an einer relativistischen Massenzunahme zum Rand hin liegen. Experimente mit schnell rotierenden Scheiben (Thomas Phipps, 1974) zeigten aber nicht diesen Effekt. Ehrenfest? War da was? Ist die Physik wirklich, wie Lee Smolin meint, ganz plötzlich in eine Sackgasse geraten? Wurden die Schwachpunkte nicht vielmehr versteckt und rächen sich nun? Ist es nur der Kater am Morgen danach?  Die Ernüchterung, dass die Physik nicht die Ansammlung ewiger Gewissheiten ist, für die ihre Anhänger sie ausgeben wollten? Schauen wir mal.



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Trackbacks

Mathlog: Kurioses und bizarre Koinzidenzen: der Spektrum-Verlag und die Einstein-Cranks

Kommentare

  1. Stefan Satire?
    12.10.2009 | 23:42

    Ich versteh' Ihren Humor immer weniger. Ist das jetzt eine Satire auf die typischen Einsteinleugner-Texte? Wie auch immer, bekanntlich hat Prof. Hartwig Thim aus Linz die Relativitätstheorie seit langem experimentell widerlegt ;-)

  2. Karl Bednarik Schön, aber falsch:
    13.10.2009 | 08:20

    Ein Bild, schön, aber falsch:

    http://members.chello.at/....bednarik/ERDNUS-5.jpg

    Das Ehrenfestsche Paradoxon:

    Eine rotierende Scheibe ist kein Inertialsystem. Daher kann
    man auf sie nicht die Spezielle Relativitätstheorie anwenden.
    Falls man dennoch die Lorentzkontraktion berechnet, verkürzt
    sich der Umfang der Scheibe bei gleich bleibendem Radius.
    Das hier dargestellte Bild ist also physikalisch falsch.
    Die richtigen Ergebnisse zur rotierenden Scheibe liefert nur die
    Allgemeine Relativitätstheorie mit Hilfe der Raumkrümmung.
    v bedeutet die Umfangsgeschwindigkeit der Scheibe, und
    c bedeutet die Lichtgeschwindigkeit.

  3. Karl Mistelberger Keine Satire, sondern todernst
    14.10.2009 | 16:47

    Physiker scheinen ihre Wissenschaft nicht ernst genug zu nehmen. Offensichtlich sind sie alle Flaschen: http://www.mahag.com/home.php

  4. Hartwig Thim Relativitätstheorie ist passè
    12.01.2010 | 15:36

    Einstein versuchte, die Berechnung der Wellenausbreitung zu vereinfachen, indem er annahm, die Ausbreitungsgeschwindig-keit wäre nicht nur im Aether (also im Kosmischen Mikrowellenhintergrund) iso-trop, gleich c, sondern auch auf der Erde oder in anderen Inertialsystemen. Die Idee ist gut und praktisch, aber leider falsch. Smoot hatte schon 1975
    beobachtet, dass elektromagnetische Wellen in Richtung Sternbild Löwe nicht mit c, sondern mit c-370km/s läuft. In die Gegenrichtung mit c+370km/s. Diese Anisotropie hat das Einstein-Postulat falsifiziert, Smoot nennt sie "The New Aether Drift". Dafür bekam er den Nobel-Preis für Physik im Jahre 2006.
    Auch andere Messungen haben die RT falsifiziert, und im Spektrum 2009 wurde mit diesem unapetitlichen Bild die RT
    endgültig begraben. Es war höchste Zeit.
    Danke, Wolfgang Herrig für den klaren Artikel.
    Ihr Hartwig Thim

  5. Wolfgang Herrig @ Hartwig Thim
    13.01.2010 | 11:14

    Hallo Herr Thim,

    vielen Dank für Ihre Anmerkung. Hinsichtlich der kosmischen Hintergrundstrahlung ergibt sich nach meiner Auffassung folgendes Bild:

    Das Weltall ist offensichtlich von einer Mikrowellenstrahlung (CMB) erfüllt. Darin konnten Frequenzanisotropien festgestellt werden, die sich als Dopplereffekt interpretieren lassen. Es kann daher (mit einer gewissen Berechtigung) behauptet werden, dass sich das Sonnensystem bezogen auf den CMB bewegt, wodurch dann der Dopplereffekt auftritt. Dieser Befund steht einer völligen Relativierung von Bewegungen im Weltraum entgegen, denn man kann nun den CMB insofern als „ruhendes“ Bezugssystem wählen. Die Annahme eines höheren Bezugsrahmens im All ist allerdings nicht neu. Schon Ernst Mach forderte, dass die Gesamtheit der Fixsterne einen solchen bilden, und Einstein hat lange gehofft, dass seine ART eben das zeigen könnte. Die ART konnte das aber nicht leisten.

    Der Dopplereffekt zeigt sich anhand der gleichzeitigen Verschiebung von Frequenzen ½ und Wellenlängen », so dass der Betrag c= ½ » erhalten bleibt. Der Dopplereffekt sagt also nichts über die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum und also auch nichts über deren eventuelle Änderung, also auch nichts zur Grundannahme der SRT.

  6. Wolfgang Herrig @ Hartwig Thim
    13.01.2010 | 11:17

    Leider hat das Textsystem meine griechischen Buchstaben unkenntlich gemacht. Es soll heißen Frequenz nü und Wellenlänge lambda. Der Betrag c gleich nü mal lambda ändert sich nicht.

  7. Martin Huhn @ Herrig
    13.01.2010 | 11:31

    Für griechische Buchstaben müssen html-Entitäten verwendet werden. Dann klappt es

    ny = ν
    lambda = λ

    Sie finden die html-Entitäten für griechische Buchstagen auf SELFHTML und verwenden die Entitäten aus der Spalte "Name in HTML".

  8. Hartwig Thim Kosmischer Mikrowellenhintergrund
    15.01.2010 | 10:11

    Hallo, Wolfgang Herrig,

    danke für den Kommentar, der voll berechtigt ist. Ja, ich habe die Dopplerverschiebung so interpretiert, dass auf der mit 370km/s in Richtung Löwe wandernden Erde ein Messgerät eine um diesen Betrag (370km/s) geänderte Phasengeschwindigkeit misst, so wie ein Schwimmer die Wasserwellen bei sich schneller vorbeilaufen sieht als ein im Wasser ruhender Mensch, und zwar mit c+370km/s, wenn er gegen die Wellen schwimmt, und c-370km/s, wenn er mit den Wellen schwimmt. Die relativistisch abgeleitete Dopplerformel verwendet die
    Lorentz-Transformationen, die mit der
    Konstanz der Wellengeschwindigkeit abgeleitet wurden. Streng genommen kann es dann ja gar keinen Dopplereffekt geben. Sie sind daher falsch, wie ich mit einer Mikrowellenmessung nachgewiesen habe.
    Danke und beste Gruesse, Ihr
    Hartwig Thim

  9. Hartwig Thim Botschaft des Spektrums September 2009
    19.01.2010 | 01:00

    Ja, man könnte jetzt meinen und hoffen, dass die Physiklehrer, die Direktoren der Max Planck-Institute, die bei CERN
    verantwortlichen Manager, und die gesamte Scientific Community diese Botschaft verstehen und auch die ab jetzt erscheinenden Lehrbücher sie berücksichtigen, damit unsere Kinder und Jugendlichen (unsere Zukunft!) ab nun nicht mehr hinters Licht geführt werden.
    Ich bin sehr gespannt, ob das so kommen wird, bin eher skeptisch. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Liebe Gruesse, Ihr
    Hartwig Thim

  10. Axel Rohs Messungen von Prof.H.Thim des transversalen Dopplereffekts
    21.01.2010 | 18:42

    Sehr geehrter Herr Prof. Herrig,
    mich interessieren sehr die Messungen
    (Aufbau,Ergebnisse) von Herrn Prof.Thim aus Linz über den transversalen (relativistischen) Dopplereffekt aus 2003!
    Können Sie mir weiterhelfen?

    Im voraus herzlichen Dank
    Dipl.Ing. A.Rohs

  11. Hartwig Thim Transversaler Dopplereffekt
    22.01.2010 | 18:18

    Herr D.I. Axel Rohs,
    meine Arbeit finden Sie in der Fachliteratur unter:
    H. W. Thim,
    “Absence of Transverse Doppler Shift at Microwave Frequencies”,
    IEEE Transactions on Instrumentation and Measurement, Vol. 52, No. 5, Oct. 2003, pp. 1660-64, ISSN 0018-9456

    Man kann sie aus dem Internet herunterladen,
    wenn Sie von mir eine pdf-Version wollen,
    schicke ich sie Ihnen zu, wenn sie mir ihre emailadresse schreiben an (hartwig.thim@jku.at

  12. Hartwig Thim Download der Thim-papers
    23.01.2010 | 09:15

    Hallo, Herr DI. A. Rohs,
    unter:http://www.archive.org/...ftAtMicrowaveFrequencies

    http://www.archive.org/...OfTheMass-energyRelation

    können sie die zwei SRT-kritischen Publikationen herunterladen.
    Ihr Hartwig Thim

  13. Max Feierabend @Thim
    25.01.2010 | 00:25

    Wir haben Deinen Unsinn zwar schon auf den ScienceBlogs bis zum Erbrechen durchgekaut. Aber vielleichst erzählst Du Wolfgang Herrig einfach mal, aus welchen Quellen sich der CMB Deiner Meinung nach speist. Auch Deine Interpretation der Pioneer-Anomalie interessiert den Mühlenblogger garantiert, der dazu eine eigene dezidierte Meinung hat.

    Und Axel Rohs solltest Du auch nicht unterschlagen, dass Dein Pseudoexperiment von 2003 bei der IEEE beeinsprucht ist.

    Beste Grüße aus Berlin
    Max Feierabend

  14. Max Feierabend @Herrig
    25.01.2010 | 00:27

    "Die Absetzbewegungen von den Relativitätstheorien werden unübersehbar, wenn im Augenblick auch oft noch Nicht-Physiker der anschwellenden Flüchtlingswelle voraneilen."
    wovon träumen Sie Nachts?

    Beste Grüße aus Berlin
    Max Feierabend

  15. Hartwig Thim IEEE-Einspruch
    25.01.2010 | 16:57

    Oje, der Max Feierabend hat wieder dazwischengefunkt und redet wie früher Unsinn.
    Zu meinem Einspruch:
    der wird im Februarheft der IEEE Trans. on Instrumentation and Measurements mit meiner Stellungnahme erscheinen. Der
    einsprucherhebende Berkeley-Professor Sfarti hat eine Einsteinformel falsch abgeschrieben (die Deutsche Sprache hat er ja nicht gelernt) und sich damit grenzenlos blamiert. Max, lerne die QM,
    damit Du endlich erkennst, dass die RT
    falsch ist.

szmtag