Wir wollen stark Getränke schlürfen - 13. Brief aus meiner Mühle
Das waren zuletzt nun ziemlich viele Briefteile zu einem Thema,
das eine elegante Theorie in aller Kürze und Leichtigkeit abhandeln sollte. Die
Newtonsche Physik kann genau das. In deren Bezugsrahmen stellt die
Rotationsbewegung kein Problem dar. Größen wie Drehimpuls und die Fliehkraft
–gleichgültig ob man nun darauf besteht, letztere als „Scheinkraft“ aufzufassen
oder sie nun doch als real ansieht- lassen sich zwanglos berechnen und erklären.
Beide Relativitätstheorien sind daran gescheitert. In den gängigen Lehrbüchern
der Physik findet man daher das Thema der rotierenden Körper nur in den
Kapiteln zur klassischen Mechanik. Nun erhebt die Physik als exakte Wissenschaft
offiziell den Anspruch, sich bereitwillig den strengen Urteilen experimenteller
Ergebnisse und dem Grundsatz der Falsifizierbarkeit zu unterwerfen. Von daher
sollten gerade die Schwachpunkte von Theorien die größte Aufmerksamkeit auf
sich lenken. Was man stattdessen findet ist aber eine Kultur des Verschweigens
und der sprachlichen Unschärfe, über die man sich normalerweise keine
Rechenschaft ablegt. In den sog. Geisteswissenschaften haben Sprachkritik („Das
ist ein ganz schlechtes Buch“) und Interpretation („Was will uns der
Dichter sagen?“) zentrale Bedeutung. Es gibt eine ganze Schar
hauptberuflicher Literaturkritiker, deren einzige Aufgabe das Kritisieren ist. In
der Naturphilosophie (heute meist Physik oder Theoretische Physik genannt) ist
das auffälligerweise nicht so. Kritik ist nicht etablierter Bestandteil des
Systems, und das ist als ausgesprochener Rückschritt zu werten. Die alten
Scholastiker ernannten in Diskussionen immerhin einen aus ihrer Mitte zum advocatus
diaboli.
Nehmen wir dazu ein Beispiel und schlagen ein weitverbreitetes Lehrbuch der Physik auf, den „Gerthsen Physik“. Ich habe noch die 22. Auflage von 2004. Im Kapitel „Relativitätstheorie“ findet sich folgende blau unterlegte Aussage:
„Jeder der Beobachter muss den Stab des anderen um genau den gleichen Faktor f gegen seinen eigenen verkürzt finden.“
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt: wie finden Sie den Satz? Finden Sie, dass er klar und deutlich formuliert ist? Wie finden sie das Wort „finden“ an dieser Stelle? Ist „finden“ physikalisch definiert? Wie unterscheidet sich dieses „finden“ von dem anderen „finden“ in diesen Fragen? Gibt es eine Anleitung zum Bau eines „Findometers“? Ist es vielleicht ein optisches Instrument? Sollte wohl so sein. Was müsste man beim Bau eines solchen Geräts berücksichtigen? Können Sie sich vorstellen, dass ein Physikprofessor den Studenten in einer Prüfung Fragen dieser Art stellt?
In den älteren Auflagen des gleichen Lehrbuchs war die Wortwahl noch eine andere. In der achten Auflage von 1964 hieß es:
„Dem bewegten Beobachter erscheint also eine parallel zur Bewegungsrichtung liegende Strecke verkürzt.“
mit der Randbedingung:
„Selbstverständlich muß der Beobachter die gleichen Streckenendpunkte gleichzeitig mit seinen Koordinatenachsen vergleichen.“
Was ist mit „erscheint“ gemeint? Das Wort Erscheinung weckt Assoziationen an Übernatürliches oder Religiöses. Engel erscheinen, oder Geister. Wenn eine Streckenverkürzung „erscheint“, so hat das den Klang des Metaphysischen. Deshalb hat man wahrscheinlich nach einem besseren Wort gesucht. Wie wäre es mit „sehen“? Kurz gesagt: problematisch. Es gibt schließlich Abhandlungen, die belegen sollen, dass man die Verkürzung nicht sehen kann. Andere behaupten, es sei gar keine Verkürzung zu „sehen, sonder nur eine Rotation. Andere wiederum beschreiben spezielle Kameras mit oder ohne Blitzlicht, die man einsetzen müsse. Mit der Festlegung, was man denn nun sehen kann, betritt man ein seit langem vermintes Gelände. Es führt aber kein Weg daran vorbei, dass die Detektionsmethode optisch sein muss, denn „Licht“ ist die einzige Sonde, welche laut SRT erlaubt ist. Man sollte das „sehen“ aber besser nicht erwähnen. Was bleibt? Finden. Das ist es. Finden ist sehr gut. Voilà. Man muss nur das passende Wort finden, schon ist das Problem weg. Der mathematische Formalismus kann selbstverständlich unverändert stehen bleiben. Galilei hat einmal folgende Behauptung aufgestellt:
„Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben und ihre Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne die es ganz unmöglich ist auch nur einen Satz zu verstehen, ohne die man sich in einem dunklen Labyrinth verliert“.
Dabei nahm Galilei an, dass die Geometrie auf einer höheren Metaebene des Erkennens angesiedelt sei, als die Physik selbst. Göttlichen Ursprungs eben. Wäre Mathematik selbst Teil der Naturgesetze, könnte man sie nicht als Schiedsrichter über eben diese Gesetze anrufen. Bis heute gehen die Auffassungen zum Wesen der Mathematik aber auseinander. Davon soll noch die Rede sein. Die Grundannahmen jedenfalls und erst recht die Interpretation der Rechnungen erfolgen dann zwangsläufig sprachlich bzw. in „Sprachbildern“. Weil aber immer mehrere Interpretationen möglich sind, geht es von nun ab darum welche davon die Deutungshoheit erobert. Aber zurück zur Streckenverkürzung.
Hier droht eine ebenso nahe liegende wie unangenehme Frage. Eine Antwort liefert der mathematische Formalismus nicht: Ist die erschienene Verkürzung der Strecke real oder ist sie nur eine perspektivische Vision? Rein logisch betrachtet kann die Verkürzung nicht real sein. Nehmen wir zwei Beobachter. Der eine bewegt sich parallel zu der Strecke, der andere quer. Der eine findet (!) sie verkürzt, der andere nicht. Sie kann doch nicht beides zugleich sein? Oder? Was sagen meine Lehrbücher dazu? Richtig geraten. Nichts. Übrigens: die Forderung an die Gleichzeitigkeit der Messung beider Streckenenden ist nicht so selbstverständlich erfüllbar, wie es der lapidare Lehrbuchtext verlangt.
Wie man findet oder wie es scheint, ist die sprachliche Unschärfe an solchen Stellen im Text keineswegs zufällig. Sprache dient seit jeher in allen menschlichen Bereichen, auch und gerade in der Naturphilosophie, sowohl zur Erklärung des Gewollten als auch zur Verschleierung des Unerwünschten. Keine Mathematik der Welt kann daran etwas ändern. Es ist nun ein Leichtes, die Formel für die Lorentztransformation hier hinzuzufügen. Die ist aber auch schon nur Ausdruck dessen, was man damit „finden“ wollte. (Ursprünglich ging es darum, den Arm des Michelson-Interferometers in Richtung der Ätherbewegung zu verkürzen. Die Formel war vorsätzlich so gebastelt, dass man damit eine passende Verkürzung erhielt. Zum „erscheinen“ und „finden“ sagt sie nichts. Das bleibt den Interpreten vorbehalten. Max Born, wir haben es gehört, hielt sich alle Türen offen. Einerseits sagt er, derartige Fundsachen oder Erscheinungen seien keine physikalische Realität, andererseits tut er Realität mit einem Schulterzucken ab. Die Realität sei wie die Scheibe einer schief angeschnittenen Wurst, von der man –so Born- auch nicht sagen könne, ob ihre Größe nur scheinbar sei. Die Küche war anscheinend nicht sein home-turf.
Natürlich wäre es naiv anzunehmen, dass Ungereimtheiten einer Theorie, wie sie sich (nicht nur) bei der relativistischen Behandlung eines rotierenden Körpers zeigen, gesetzmäßig zur Bereinigung oder gar Aufgabe dieser Theorie führen würden. Wer dieses unterstellt, übersieht die Triebkräfte (verschärft formuliert: Gesetzmäßigkeiten), nach denen sich das Verhalten gesellschaftlicher Gruppen richtet. Die sind keineswegs deckungsgleich mit den viel beschworenen Gesetzen der Logik oder dem Grundsatz der Falsifizierbarkeit. Menschen wollen meist ganz einfach nicht, dass Denk- oder Glaubenssysteme, denen sie vielleicht Zeit ihres Lebens anhingen, plötzlich „falsifiziert“ werden. Wie soll sich denn ein Physiklehrer fühlen, wenn er einem Schüler zugeben soll: „Also, das, wofür ich dir letztes Jahr eine Fünf gegeben habe, gilt jetzt als insgesamt widerlegt.“ Schrecklich. Vielleicht muss er obendrein damit rechnen, von den Eltern des Schülers verklagt zu werden. Menschen wünschen sich vielmehr, dass ihre Widersacher Unrecht haben oder –viel, viel wichtiger- Unrecht bekommen. Die letztlich leere, weil emotionsarme Logik ist kein gutes Mittel zur Erlangung der Deutungshoheit. Narrativum ist ein umso besseres. Es geht darum, wer die bessere Geschichte zu erzählen hat. Der bekommt die Leute, die auch Eintritt bezahlen. Max Plack hatte schon recht, als er sagte, dass alternative Theorien sich allenfalls dann durchsetzen, wenn die Verkünder des alten Systems aussterben.
Ein naturphilosophisches System (genauer: weite Bereiche der Physik des 20. Jahrhunderts) mit einem hohen Gehalt an Narrativum ist zwar vielleicht falsifizierbar, aber deshalb noch lange nicht aus dem Sattel gehoben. (Narrativum ist ein Stoff, der die Menschen der „Scheibenwelt“ -sie ist vielmehr die unsrige als die „Rundwelt“- veranlasst, dem Universum Geschichten aufzudrängen, die es nicht hören will.) Aber, wie schon Paracelsus bemerkte:
„All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist“.
Ironischerweise führte das giftige Übermaß an Narrativum in den „Jahrhunderttheorien“ die Theoretiker mehr und mehr in die Sackgasse. Der Harvard-Absolvent Lee Smolin drückt es (in meiner Übersetzung) so aus: „Bis 1981 hatte sich die Physik eines 200-jährigen explosiven Wachstums erfreut. Dann kamen die Dinge zum Stillstand.“ Dafür macht er (u.a.) sowohl die ART, als auch das von Anfang an ungeklärte Verhältnis zwischen quantenmechanischem Formalismus und Realität verantwortlich. (Die Rechnungen der Quantenmechanik zeigen allerdings beste mathematische Übereinstimmung mit den experimentellen Befunden. Bei ihr geht es allein um die Interpretation, in der die Mathematik nicht weiter helfen kann.) Schön und gut. Wer, wie Smolin, an dem privaten Perimeter-Institut arbeitet, kann sich solche Ketzereien leisten.
Andererseits haben ART und Quantenmechanik äußerst spannende Geschichten hervorbracht, die schon seit Jahrzehnten ins öffentliche Bewusstsein eingedrungen sind. Man denke da allein nur an den Urknall, die Schwarzen Löcher, die vielen Welten oder den Quantenschaum des Vakuums. Das macht sie stark – und starr. Man bekommt sie bestimmt nicht durch den „nüchternen Blick“ reformiert, den Smolin im Hinblick auf die Unzulänglichkeiten der ART einfordert. „Jahrhundertheorien“ gehören –der Name sagt es schon- sozusagen zum Weltkulturerbe und stehen unter Denkmalschutz. Wer –es sein denn er ist ohnehin Außenseiter- daran massive Kritik vorbrächte, sähe seine Karriere schnell beendet. Es wäre für den Betreffenden weniger schädlich, lauthals etwa den Abriss des Kölner Doms zu fordern.
Die Mahnung des Direktors (im „Vorspiel auf dem Theater“ zum Faust) an den Dichter gilt für alle öffentlichen menschlichen Tätigkeiten immer noch uneingeschränkt:
Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht befriedigt aus dem Haus.
...
So kommandiert die Poesie
Euch ist bekannt, was wir bedürfen,
Wir wollen stark Getränke schlürfen...
Für Poesie kann man in Goethes Text ohne Sinnverfälschung auch Physik einsetzen. Naturgesetze –oder das, was die Fangemeinde dafür hielt- gerieten nun mal ins grelle Rampenlicht einer breiten Öffentlichkeit. Seitdem waren „nüchterne“ Blicke oder „kleinliches Kritikastern“ nicht mehr gefragt.
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Mit der Zeit hat man endlich zugegeben, dass die Erde doch rund und nicht flach ist, wie die offizielle Wissenschaft während Jahrhunderte hartnäckig behauptete. Eines vielleicht nicht sehr fernen Tages wird auch die offiziele Wissenschaft zugeben ...
Erfreulicherweise macht doch spätestens dieser knappe Satz für jedermann offensichtlich, daß man Ihre Elaborate, so bildungshuberisch sie auch daher kommen mögen, nicht weiter ernst nehmen muss.
Sie schreiben: "Mit der Zeit hat man endlich zugegeben, dass die Erde doch rund und nicht flach ist, wie die offizielle Wissenschaft während Jahrhunderte hartnäckig behauptete. "
Es ist ein weit verbreitetes Mißverständnis, daß man im Mittelalter nach dem ptolemäischen Weltbild glaubte, die Erde sei eine Scheibe. Entstanden ist dieses falsche Geschichtsbild ab 1828 durch den historischen Roman 'The Life and Voyages of Christopher Columbus' von Washington Irving (dem Autor bekannter Märchen wie 'Rip van Winkle'). Einzelheiten hierzu kann man im 2. Kapitel von O'Shea nachlesen.
Tatsächlich war es im 15. Jahrhundert (und sogar schon in der Antike) allgemein anerkannt, daß die Erde eine Sphäre ist. Unklar war nur die Größe und vielleicht die genaue Form.
Ptolemäus hatte einen Erdumfang von 30000 Kilometern angenommen, die Spanier des 15. Jahrhunderts gingen von dem recht genauen Wert von 40000 Kilometern aus. Kolumbus hingegen glaubte an einen wesentlich kleineren Erdumfang und schätzte demzufolge die Länge des Westweges nach Indien viel zu kurz ein.
Bei der Kontroverse zwischen Kolumbus und seinen Gegnern ging es also NICHT um die Topologie der Erde, d.h. um die Frage ob die Erde eine Scheibe ist (und man herunterfällt, wenn man weit genug nach Westen fährt) oder ob sie eine Sphäre ist (und man westwärts nach Indien fahren kann).
Strittig zwischen Kolumbus und seinen Gegnern war lediglich die Länge des Erdumfangs. Kolumbus unterschätzte diese Länge bei weitem und glaubte DESHALB, daß man in vertretbarer Zeit nach Indien segeln könne. Seine Gegner glaubten, daß der Westweg nach Indien wesentlich länger ist als von Kolumbus berechnet (was er ja auch ist) und daß Kolumbus deshalb nicht bis nach Indien kommen würde (was sich ja auch bewahrheitete).
Siehe TvF 1.
@Sommer
"der 20 jährige, bekanntlich schlechte Mathematikstudent Einstein ... Während Einstein die zunächst unakzeptable konstante relative Lichtgeschwindigkeit als ein nicht weiter zu ergründendes Prinzip dogmatisch hinnimmt ... die Einstein-Theorie verdiente auch nicht den Nobelpreis ... Aus soziopolitischen Gründen gewann sie aber allmälich die Oberhand"
Sie haben ein wissenschaftsgeschichtliches Verständnis, das mit Ihren naturwissenschaftlichen Fähigkeiten im Gleichklang steht. Absolut defizitär! Und wie es sich mit dem CMB verhält, haben Sie immer noch nicht verstanden. Nach der Verlinkung von
"sowie besonders meinen Text über die Rationalisierung der Relativität in der Physik in der folgenden URL)
http://ekkehard-friebe.de/...itat-in-der-physik/\"
ist das aber auch kein Wunder.
Wo ist eigentlich Wolfgang Herrig? Sollte der Blogverantwortliche nicht dafür sorgen, dass Unsinn à la Sommer nicht unkommentiert bleibt? Sind wir hier auf einem wissenschaftsorientierten Blog oder auf einem Basar für crackpots?
Beste Grüße aus Berlin
Max Feierabend
@Stefan, Thilo
"Mit der Zeit hat man endlich zugegeben, dass die Erde doch rund und nicht flach ist, wie die offizielle Wissenschaft während Jahrhunderte hartnäckig behauptete. Eines vielleicht nicht sehr fernen Tages wird auch die offiziele Wissenschaft zugeben und belehren müssen ..." (Zitat: Sommer)
Die Wehklage über die widerstreitenden historischen Bilder über die Erde in Scheiben- oder Kugelgestalt ist in crank-Kreisen noch die niedrigste Eskalationsstufe, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Als nächstes kommen dann die ebenfalls gähnend langweiligen Unterdrückungsmuster, die sich vom Schicksal von Julius Robert von Mayer bis zurück zum Gang Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen der Inquisition erstrecken werden.
Immer wieder derselbe Plot. Bestenfalls zu ignorieren.
Beste Grüße aus Berlin
Max Feierabend
Verehrte Frau Lopez, wenn Sie schreiben, es sei lediglich eine Frage der Logik, die SRT als quasi unsinnig zu erkennen, dann unterstellen Sie mir und Dr. Pössel offenbar gewisse Defizite beim logischen Denken. Nun ja, damit werden wir wohl leben müssen.
Ich möchte Sie trotzdem gerne noch etwas fragen, wobei mich auch Dr. Herrigs Antwort interessieren würde: Existiert Ihrer Auffassung nach das elektrostatische Feld einer ruhenden Ladung "real" oder nur "scheinbar"? Und erkennnen Sie, was das mit der Frage nach dem Wesen der sogenannten "Längenkontraktion" zu tun hat?
Lieber Herr Sommer, es hat da noch eine andere Schwierigkeit mit einem Aetherwellenmodell des Lichts, das hier noch gar nicht angesprochen wurde: Licht ist quantisiert. Damit ist klar -- oder sollte es zumindest sein -- dass die Analogie zu klassischen Wellen die Natur des Lichts nicht angemessen beschreibt. Wie passt der Aether aber zur Quantenwelt?
Auf der anderen Seite, Einsteins Sicht war ein wesentlicher Schritt für die Geometrisierung der Physik im 20. Jahrhundert, was u.a. dann auch zur Quantenelektrodynamik geführt hat. QED und SRT, das geht wunderbar zusammen. Wollen Sie da den Aether auch noch irgendwie ins Spiel bringen, obwohl man den dabei überhaupt nicht brauchen kann?
Im übrigen, die angeblich schlechten Leistungen des Schülers Einstein in der Mathematik sind reine Folklore. Vielleicht weiss es gerade jemand anderer hier, in welchen Unterrichtsfächern er Probleme hatte, aber die Mathematik war es nicht.
Zum Thema 'die flache Erde und die wissenschaftshistorische Kompetenz in den Chronologs' siehe auch den neuen Artikel von Jörg Rings.
@ Chrys:
"Ich möchte Sie trotzdem gerne noch etwas fragen, wobei mich auch Dr. Herrigs Antwort interessieren würde: Existiert Ihrer Auffassung nach das elektrostatische Feld einer ruhenden Ladung "real" oder nur "scheinbar"? Und erkennnen Sie, was das mit der Frage nach dem Wesen der sogenannten "Längenkontraktion" zu tun hat?"
Ich kenne mich leider mit elektrostatischen Feldern und ruhenden Ladungen nicht aus, tut mir Leid...
Soviel kann ich jedoch sagen - wobei ich nicht sicher bin, ob es im Zusammenhang mit Ihrer Frage passt: Energie gilt zwar nicht als materiell (obwohl kein Mensch genau erklären kann, was Energie ist), jedoch ist sie auf gar keinen Fall „scheinbar“: Sie hat ja eine materielle Ursache und eine materielle Auswirkung in der physikalischen Welt.
Ich erkenne also hier keinen Zusammenhang mit der Längenkontraktion von materiellen Objekten, die in der SRT nicht materiell ist, wobei sie weder eine materielle Ursache, noch eine materielle Wirkung in der physikalischen Welt hat, d.h. sie ist im Gegensatz zu Energie von rein mentaler Natur. Man sollte in der Lage sein die Welt der „Ideen“ von der Welt der „Dinge“ zu trennen, oder?
Und was nicht materiell als „Ding“ existiert kann nicht experimentell nachgewiesen und gemessen werden, das scheint mir doch ganz logisch zu sein.
Wenn ich mir zum Beispiel mental ein Haus oder einen Baum vorstelle, dann werden Sie nie in der Lage sein, dieses Haus oder diesen Baum in der Natur experimentell nachzuweisen und zu vermessen. Einverstanden?
Wenn Einhörner nie existiert haben, dann werden Sie experimentell nie die Existenz von Einhörnern nachweisen können. Einverstanden?
Wenn ein Objekt sich materiell nicht verkürzt, dann werden Sie experimentell nie eine materielle Verkürzung dieses Objekts nachweisen können. Einverstanden?
Etwas Mentales kann prinzipiell nicht gemessen werden (siehe z.B. mein Blog-Eintrag Die Abmessungen einer Fata Morgana. Und die Längenkontraktion ist in der SRT etwas Mentales.
Viele Grüße
Jocelyne Lopez
NB: Über die hochgradig esoterischen „multiplen Realitäten“ eines materiellen Objektes, die sich bei der Annahme einer beobachterbedingten materiellen Verkürzung von Objekten ergeben würden, verweise ich z.B. auf meinen heutigen Blog-Eintrag.
Schauen Sie sich mal diese Dissertation an!
Da ist eine Beziehung. Die unendliche Geschichte der "Längenkontraktion" ist dabei nur ein spektakuläres Nebenprodukt, das in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt ist.
Dem E-Feld muss man irgendwie schon eine physikalische Realität zugestehen, man kann es ja mittels der Coulomb-Kraft auf eine Probeladung ausmessen. Für einen Hai, der ein spezielles Organ dafür hat, wäre es sogar eine unmittelbare Sinneswahrnehmung. Man könnte nun einfach sagen, dass eine physikalische Realität, die unabhängig von einem Beobachter existiert, für alle möglichen Beobachter dieselben objektiven Messergebnisse liefern sollte. Wenn man so für die Länge eines Zollstocks argumentiert, dann ist das ebenso berechtigt für die E-Feldstärke einer elektischen Ladung. Aber stimmt das? Was kommt bei den Messungen des E-Feldes wirklich heraus?
@ Chrys:
Sie schreiben:
„Da ist eine Beziehung. Die unendliche Geschichte der "Längenkontraktion" ist dabei nur ein spektakuläres Nebenprodukt, das in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt ist.“
Die “unendliche Geschichte der Längenkontraktion“ ist nun mal so alt wie die SRT selbst, die eine solche Kontraktion behauptet. Das ist auch ganz normal, eine Theorie besteht ja aus ihren Aussagen. ;-)
Und ein „Nebenprodukt“ der SRT ist die Längenkontraktion ganz bestimmt nicht, sie ist im Gegenteil eine Kernaussage der Theorie und ein unverzichtbarer Faktor bei der Berechnung von relativistischen Voraussagen.
Insofern muß unbedingt geklärt werden, was diese Kernaussage bedeutet, wenn man die Stichhaltigkeit der Theorie prüfen bzw. die Öffentlichkeit aufklären möchte. Die offizielle Lehrmeinung ist hier nun mal folgende (siehe Bundesministerium für Bildung und Forschung und MPG/AEI): Die Längenkontraktion ist in der SRT nicht materiell, die Länge von bewegten Objekten verändert sich nicht, die bewegten Objekte behalten die ganze Zeit und bei allen Geschwindigkeiten ihre Ruhelänge bei. Nichts ändert sich in der Realität, wenn ein ruhender Beobachter und ein bewegter Beobachter dasselbe Objekt messen.
Diejenige, die im Gegensatz zu der offiziellen Lehrmeinung behaupten, dass irgendetwas doch materiell kontrahiert, müssen erst einmal benennen, was kontrahiert. Das ist schon die minimale Voraussetzung bei der menschlichen Kommunikation oder bei einer Aufklärung, dass man klar und unmissverstänlich benennt, worüber man spricht, oder?
Weiter oben in der Diskussion würde z.B. behauptet, „es ist der Raum, der sich verändert“, wobei meine diesbezügliche Fragen nicht beantwortet wurden, die ich also noch einmal stelle:
http://www.chronologs.de/...le/page/1#comment-4658
1) Was kontrahiert in einem leeren Raum à la SRT? Kann ein „Nichts“ kontrahieren?? Wie denn? Wie kann man messen, dass ein „Nichts“ kontrahiert? Wie hat man die Kontraktion des Raumes gemessen?
2) Oder soll man die ganz banalen Abstandsveränderungen zwischen relativ zueinander bewegten Objekten als „Kontraktion bzw. Dilatation des Raumes" umdefinieren? Was macht es denn für einen Sinn?
Sie schreiben weiter:
“Dem E-Feld muss man irgendwie schon eine physikalische Realität zugestehen, man kann es ja mittels der Coulomb-Kraft auf eine Probeladung ausmessen. „
Ihre Ausführungen über das elektrostatische Feld verstehe ich wie gesagt leider nicht :-( Können Sie für Physiklaien und Nicht-Techniker einfach und verständlich erklären, was für einen Zusammenhang mit der Längenkontraktion von bewegten Objekten hier zu erkennen sei? Sind Sie der Meinung, dass ein bewegtes Objekt sich aufgrund des E-Feldes doch materiell verkürzt?
Viele Grüße
Jocelyne Lopez
Es gibt doch sonst auf den scilogs immer so viele Philosophen, die von der Evolutionstheorie bis zum Hirn-Doping zu jedem Thema eine Meinung haben.
Warum findet sich dann nicht mal jemand, der der armen Frau Lopez (und dem armen Herrn Herrig) endlich erklärt, warum das elektrische Feld oder die Längenkontraktion real sind? Hier, bei diesem Thema, wäre philosophischer Beistand wirklich mal hilfreich.
@ Chrys:
„Die unendliche Geschichte der "Längenkontraktion" ist dabei nur ein spektakuläres Nebenprodukt, das in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt ist.“
Über die unendliche und konfuse Geschichte der Längenkontraktion siehe auch im heutigen Eintrag im Blog von Ekkehard Friebe Ausführungen der Forschungsgruppe G.O. Mueller:
Die Autoren der Relativistik weichen auf die Frage nach den physikalischen Ursachen für die von ihnen behaupteten Effekte (Längenkontraktion – LK; Zeitdilatation – ZD) in völlig unterschiedliche Annahmen und sogar in die Akausalität aus
Viele Grüße
Jocelyne Lopez
Worauf ich hinaus will ist, dass die Messung von Feldstärken grundsätzlich dieselben Fragen aufwirft, wie sie für Längenmessung in der SRT diskutiert werden, und dass in der Tat beide Aspekte miteinander eng verwoben sind. Ich versuche mal, das zu verdeutlichen.
Ein Experimentator mit einer Magnetnadel, der -- geradlinig und gleichförmig -- an einer ruhenden elektrischen Ladung vorbeifliegt, kann beobachten, dass seine Nadel dass Vorhandensein eines magnetischen Feldes (B-Feld) anzeigt. Je schneller er fliegt, desto stärker das B-Feld, und bei Geschwindigkeit null relativ zur Ladung ist das B-Feld komplett verschwunden. Das ist nichts anderes als das Ampèresche Gesetz, was hier dahintersteckt. Aber wo kommt das B-Feld her? Offenbar aus dem E-Feld der Ladung, denn wenn der Experimentator B-Feld und E-Feld systematisch bei wiederholten Vorbeifügen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten misst, dann wird er feststellen, dass eine Zunahme der B-Feldstärke stets mit einer entsprechenden Abnahme der E-Feldstärke einhergeht.
Man findet also, dass E- und B-Feldstärke physikalische Grössen sind, deren Messwerte abhängen vom Experimentator, präziser gesagt, vom Bewegungszustand seines Bezugsystems. Mit anderen Worten, E- und B-Feldstärke sind koordinatenabhangige Grössen in exakt demselben Sinne, wie es für Längen- und Zeitintervalle bei Einstein auch zu verstehen ist. Die Frage nach Wahrhaftigkeit oder Scheinbarkeit der sogenannten "Längenkontraktion" stellt sich daher absolut equivalent auch für eine "E-Feldstärkenschrumpfung".
Im Fall der Felder findet sich für dieses Rätsel eine befriegende Lösung, die insbesondere auf der Einsicht basiert, dass es offenbar nicht sinnvoll ist, E- und B-Felder getrennt zu betrachten, sondern beides als unterschiedliche Facetten ein- und desselben Phänomens zu deuten. Man vereinigt dazu E- und B-Feld in einem gemeinsamen Ausdruck, der sich als invariant unter der Lorentz-Transformation erweist, also wieder koordinatenunabhängig ist und damit als physikalisch relevant angesehen werden kann. Um zu verstehen, wie das im Detail vor sich geht, kommt man leider mit dem Schulwissen an Mathematik nicht ganz aus, aber was soll man dagegen machen? Im übrigen kann auch ein Mathematiker mit dieser Konstruktion allein noch nicht ganz zufrieden sein, denn sie hängt sozusagen "in der Luft". Es fehlt nach geometrischem Verständnis quasi noch das Fundament, und genau das hat Einstein 1905 geliefert, auch wenn er sich dabei auf physikalische und nicht formal mathematische Überlegungen gestützt hat.
@ Max Feierabend
Ich sehe nicht ein, warum man sich gegenüber anderen Meinungen unfreundlich und sarkastisch benehmen muss, aber das ist ja bekanntlich eine Erziehungsangelegenheit.
Im regen Meinungsaustausch eines Blogs kann man leicht in Unhöflichkeit und Oberfläclichkeit verfallen, weshalb man sich bemühen sollte eine kleine Überlegungspause einzuschalten bevor man etwas leichtfertig hinschreibt. Das gilt auch für manche andere Blog-Teilnehmer.
Ich vertrete keine eigene These, sondern nur die Übereinstimmung meiner Ansicht mit der relativistischen Interpretation von Lorentz und Poincaré, sodass die Auffassung dieser grossen Wissenschaftler, die bedeutendsten zu Einsteins Zeiten, für Sie auch “pseudo-wissenschaftlicher Unfug” darstellt.
Ihre Gegenargumente sind offensichtlich nicht wissenschaftlich, auch nicht pseudo-wissenschaftlich und nicht einmal pseudo-Argumente, sodass ich leider nicht einsehe, wie ich darauf eingehen soll.
Wenn ich Ihre ironischen, inhaltlosen Gegenargumente und flachkulturellen Ausdrücke mit dem Standpunkt der zahlreichen Nobelpreisträger vergleiche, mit denen ich übereinstimme, dann wird leicht verständlich, dass ich weiter bei meiner Ansicht bleibe.
Sie brauchen sich nicht so aufzuregen. Ich lehne Einsteins dogmatische Interpretation der experimentellen, irrationalen Messergebnisse bei der relativen Lichtgeschwindigkeitsmessung aus logischen Gründen ab und nicht weil er deutsch-jüdischer Abstammung war. Wie ich schon in einem meiner Kommentare klargestellt habe, halte ich, unter anderen, diese Volksgruppe ( nebenbei bemerkt, Max ist ein beliebter Name unter ihnen) für sehr intelligent und vielseitig begabt. In allen Zweigen der Wissenschaft und der Kultur allgemein haben sie hervorragende Leistungen vollbracht. Auch als Kritiker von Einstein.
So, beruhigen Sie sich und bringen Sie bitte wissenschaftliche Gegenargumente und nicht sarkastische Bemerkungen zu meinem “pseudo-wissenschaftlichen Unfug” vor. Ich werde sie nicht mehr lesen können, denn bis Sie absolute Differential- und Tensorrechnung gelernt haben kann es, nach dem Eindruck, den ich von Ihnen gewonnen habe, ewig lange dauern.
Grüsse an Berlin
Herbert Sommer
@ Chrys:
“Worauf ich hinaus will ist, dass die Messung von Feldstärken grundsätzlich dieselben Fragen aufwirft, wie sie für Längenmessung in der SRT diskutiert werden, und dass in der Tat beide Aspekte miteinander eng verwoben sind.“
Ihre Ausführungen über die Messung von Feldstärken tragen leider nichts zur Klärung der Frage bei, die hier seit ein paar Beiträgen behandelt wird, ob die Längenkontraktion materieller oder mentaler Natur sein sollte. Ohne eindeutig über diese grundsätzliche Frage Position zu beziehen ist kein Fortschritt in der Kontroverse zwischen Anhängern der SRT und Kritikern zu erwarten, wie es seit über 100 Jahre leider der Fall ist.
Dabei sorgen die Anhänger der SRT für genügend sprachliche und gedankliche Vernebelung um die eindeutige Klärung dieser entscheidende Frage zu verhindern - in Erklärungsnot auch allein durch eine rein rhetorische Verschleierungstaktik mit den Begriffen „real“ und „scheinbar“ als Rückzugsposition und als Verweigerung einer ernsthaften argumentativen Auseinandersetzung mit diesem wichtigen kritischen Einwand. Beispiele davon hat u.a. G.O. Mueller mit 4 Hauptvertretern der SRT (Albert Einstein, Max Born, Max von Laue, Hermann Minkowski) im schon weiter oben verlinkten Beitrag kurz dokumentiert.
Genauso gesteht zum Beispiel Dr. Markus Pössel vom Albert Einstein Institut 2008 in einer Korrespondenz nach monatelangem Taktieren, dass die Längenkontraktion in der SRT nicht materiell sei und folglich keine physikalische Veränderung in der Realität bewirkt („Die Laengenkontraktion geht nicht mit materiellen Veraenderungen des Koerpers einher;“), siehe hier, jedoch versucht er dabei im selbem Atemzug rhetorisch den Eindruck zu erwecken, dass reale Auswirkungen trotzdem vorhanden seien (“Die gemessenen Laengenwerte sind selbstverstaendlich real“). Hier liegt ein Beispiel von einem Versuch vor, in Erklärungsnot widersprüchliche Äußerungen zu verpacken; es ist hier eine Veranschaulichung der verschiedenen Anmerkungen über die Kommunikation von Dr. Wolfgang Herrig in den „Briefen aus seiner Mühle“, zum Beispiel
“Was man stattdessen findet ist aber eine Kultur des Verschweigens und der sprachlichen Unschärfe, über die man sich normalerweise keine Rechenschaft ablegt.“
Oder
“Wie man findet oder wie es scheint, ist die sprachliche Unschärfe an solchen Stellen im Text keineswegs zufällig. Sprache dient seit jeher in allen menschlichen Bereichen, auch und gerade in der Naturphilosophie, sowohl zur Erklärung des Gewollten als auch zur Verschleierung des Unerwünschten. Keine Mathematik der Welt kann daran etwas ändern.“
Viele Grüße
Jocelyne Lopez
Haben Sie Chrys' Kommentar eigentlich gelesen?
PS: von wem stammt eigentlich das letzte Zitat mit der "Verschleierung des Unerwünschten"? Oder ist das wieder eines der vielen Selbstzitate?
@Thilo
"PS: von wem stammt eigentlich das letzte Zitat mit der "Verschleierung des Unerwünschten"? Oder ist das wieder eines der vielen Selbstzitate?"
Das Zitat stammt von Herrig, hier im 13. Mühlenbrief.
Btw, wo ist der Herr der Anekdoten abgeblieben?
Beste Grüße aus Berlin
Max Feierabend
Das Zitat stammt von Herrig, hier im 13. Mühlenbrief.
Btw, wo ist der Herr der Anekdoten abgeblieben?
wir finden sie vermutlich in der Mühle beim schlürfen starker Getränke sowie beschäftigt am restaurieren alter Folkloreplatten.
grüsse
Sind Sie der Barkeeper?