chronologs Briefe aus meiner Muehle

Wir wollen stark Getränke schlürfen - 13. Brief aus meiner Mühle

11. Januar 2010, 12:48

Das waren zuletzt nun ziemlich viele Briefteile zu einem Thema, das eine elegante Theorie in aller Kürze und Leichtigkeit abhandeln sollte. Die Newtonsche Physik kann genau das. In deren Bezugsrahmen stellt die Rotationsbewegung kein Problem dar. Größen wie Drehimpuls und die Fliehkraft –gleichgültig ob man nun darauf besteht, letztere als „Scheinkraft“ aufzufassen oder sie nun doch als real ansieht- lassen sich zwanglos berechnen und erklären. Beide Relativitätstheorien sind daran gescheitert. In den gängigen Lehrbüchern der Physik findet man daher das Thema der rotierenden Körper nur in den Kapiteln zur klassischen Mechanik. Nun erhebt die Physik als exakte Wissenschaft offiziell den Anspruch, sich bereitwillig den strengen Urteilen experimenteller Ergebnisse und dem Grundsatz der Falsifizierbarkeit zu unterwerfen. Von daher sollten gerade die Schwachpunkte von Theorien die größte Aufmerksamkeit auf sich lenken. Was man stattdessen findet ist aber eine Kultur des Verschweigens und der sprachlichen Unschärfe, über die man sich normalerweise keine Rechenschaft ablegt. In den sog. Geisteswissenschaften haben Sprachkritik („Das ist ein ganz schlechtes Buch“) und Interpretation („Was will uns der Dichter sagen?“) zentrale Bedeutung. Es gibt eine ganze Schar hauptberuflicher Literaturkritiker, deren einzige Aufgabe das Kritisieren ist. In der Naturphilosophie (heute meist Physik oder Theoretische Physik genannt) ist das auffälligerweise nicht so. Kritik ist nicht etablierter Bestandteil des Systems, und das ist als ausgesprochener Rückschritt zu werten. Die alten Scholastiker ernannten in Diskussionen immerhin einen aus ihrer Mitte zum advocatus diaboli» weiter

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