chronologs Briefe aus meiner Muehle

Emil und die Mühle - 11. Brief aus meiner Mühle - Teil 5

03. Oktober 2009, 11:40

Also, wie versprochen: wir machen nun einen kleinen Ausflug. Wir besuchen eine phantastische Windmühle. Sie ist aber nur relativ phantastisch, denn sie steht solide auf dem derzeit gültigen Fundament der Physik. Das macht sie aber nicht weniger absurd. Die Inspiration zu dieser Mühle verdanke ich keinem Literaten, sondern dem amerikanischen Professor für mathematische Physik, Petr Beckman (1924-1993).

Genau genommen ist es keine Mühle, sondern eine windbetriebene Wasserpumpe, eine sog. „Westernmill“. Man weiß, dass die Leistung einer solchen Mühle proportional zur dritten Potenz der Windgeschwindigkeit w relativ zur Mühle ist. Nun wollen wir aber –der Wechsel von Koordinatensystemen ist schließlich das A und O der Relativitätstheorie- die Windgeschwindigkeit im Referenzsystem eines Beobachters messen, der sich mit einer Geschwindigkeit v relativ zur Mühle gegen den Wind bewegt. Die Geschwindigkeit v sei sehr hoch (v = 0,99c). Ein unbefangener Mensch würde nun folgendermaßen rechnen: ich bewege mich mit v = 0,99c auf die Mühle zu. Der Wind bläst mich also mit der Geschwindigkeit w+v an. Also ist die Windgeschwindigkeit, die auf die Mühle wirkt, gleich w+v-v = w. Aus dem so errechneten w lässt sich sofort wieder die Pumpleistung der Mühle berechnen. So einfach könnte es sein. » weiter

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Zeitartig imaginär - 11. Brief aus meiner Mühle (Teil 4)

23. September 2009, 19:20

In aller (verbalen) Klarheit hatte bereits H.G.Wells (in „The Time Machine“) 1895 Minkowskis Auffassung vorformuliert:

„Es ist klar,“ fuhr der Zeitreisende fort, „dass jeder reale Körper eine Ausdehnung in vier Richtungen haben muss: er muss Länge, Breite und Dicke haben sowie – Dauer. Aber bedingt durch eine natürliche Schwäche des Fleisches, die ich Ihnen sogleich erläutern möchte, neigen wir dazu, diese Tatsache zu übersehen.“  » weiter

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Minkowskis Coup - 11. Brief aus meiner Mühle (Teil 3)

14. September 2009, 19:58

Bekanntlich sind Gewicht und Masse eines Körpers etwas völlig verschiedenes. Nehmen wir einen Hammer und schlagen damit einen Nagel in die Wand. Der Hammer kann das, weil er Masse hat. Sein Gewicht ist völlig unwichtig dabei. Denn: nehmen wir den Hammer mit in das Weltraumlabor, so wird der Hammer gewichtslos. Trotzdem können wir mit ihm immer noch genau so gut einen Nagel in die Wand schlagen wie unten auf der Erde (sollten es dort oben aber lieber lassen :-)). » weiter

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Die ultimative Waffe - 11. Brief aus meiner Mühle (Teil 2)

10. September 2009, 18:17

Im Gegensatz zu Heinrich Hertz hatte Einstein nach eigenem Bekunden eine „plötzliche Erleuchtung“ als ihm eine neue Theorie zur Gravitation einfiel. Statt unter einem Baum saß er auf einem Bürostuhl:

„Ich saß auf meinem Sessel im Berner Patentamt, als mir plötzlich (!)  folgender Gedanke kam: ‚Wenn sich eine Person im freien Fall befindet, dann spürt sie ihr eigenes Gewicht nicht.’ Ich war verblüfft. Dieser einfache Gedanke machte auf mich einen tiefen Eindruck. Er trieb mich in Richtung einer Theorie der Gravitation.“ An anderer Stelle sagte Einstein zum gleichen Thema: „Dann stieß ich auf den glücklichsten Gedanken meines Lebens…:’Für einen Beobachter, der sich im freien Fall vom Dach seines Hauses befindet, existiert…kein Gravitationsfeld.“ » weiter

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Viagra und ein einsamer Mann - 11. Brief aus meiner Mühle (Teil1)

05. September 2009, 13:41

Wenn man die Sache so recht bedenkt, konnte es gar nicht anders kommen. Auch der Gravitation Newtons erwuchs schließlich ein Konkurrent. Einer, der immer noch Furore macht, und der –so wie die Dinge heute stehen- eher selbst ein Teil des Problems der modernen Physik ist. Das Dilemma wird (immer noch) so gut es geht unter der Decke gehalten. „Hochmut kommt vor den Fall“ pflegte meine Großmutter ein altes Sprichwort zu zitieren. Der Unternehmensberater Peter F. Drucker (den ich sehr schätze und der in seinen Büchern viele Erkenntnisse darlegt, die so einfach sind, dass sie schwierig zu befolgen sind) schrieb einmal etwa wie folgt: „Solange das Redaktionsbüro einer Zeitung chaotisch ist und alle wild durcheinander reden und telefonieren, geht es mit der Zeitung aufwärts. Wenn man  stattdessen stille Marmorhallen und unüberwindliche Vorzimmer antrifft, und die Mitarbeiter leise über die Gänge huschen, geht es mit der Zeitung zu Ende.“

Bevor wir uns die Konkurrenzidee zur Gravitation, genannt Allgemeine Relativitätstheorie (ART), ansehen, betrachten wir einmal ihren heutigen öffentlichen Zustand. Wir sehen uns nicht bloß mit Marmorhallen und Vorzimmern, sondern mit der kitschig verzierten Kuppel eines Mythendoms konfrontiert.

Ein Beispiel. Im Januar 2005, zu Beginn des „Einstein-Jahrs“, brachte die populäre Wissenschaftsillustrierte „P.M.“ ein „Einstein Special“ heraus.  Darin wurden wild und peinlich die Weihrauchkessel geschwenkt:

Einstein im Alltag: Praktische Sache, die Relativitätstheorie! Sie haben ein Navigationsgerät? Sie schauen TV? Und schlucken auch mal Pillen? Denken Sie Einstein: Er hat das alles möglich gemacht!“ Das ist P.M. aber noch längst nicht genug: „Ob Mediziner die Strahlendosis oder Ingenieure die Mischung für den Straßenbelag berechnen: Stets greifen sie auf Einsteins Formeln zurück. In der Technik ist Einstein unverzichtbar. Und die Evolution würden wir ohne ihn gar nicht verstehen. Mit der von Einstein 1917 beschriebenen „stimulierten Emission“ von Licht gelang 43Jahre später der Bau des Lasers….Und Rauchmelder basieren sogar auf seiner berühmten Formel E=mc2. Selbst für die Herstellung von Tabletten wie Viagra schuf er die Voraussetzungen“ (Seufz! Ist das nicht ätzend?)

Der mit großem Abstand beste von allen Beiträgen ist Woody Allens Satire: „Finden Sie mal Ihren Bademantel, wenn das Weltall sich ausdehnt!“, alle anderen sind nur ins Penetrante gesteigerte Lobeshymnen. Das wirklich Schlimme ist: die aberwitzigen Verdienste Einsteins an der Erfindung von Viagra, Rauchmeldern etc. sind nicht lustig, sondern absolut ernst gemeint. Das ganze „Einstein Special“ erinnerte mich an einen Witz vom Fritzchen. Fragt die Religionslehrerin die Berliner Schulklasse: „Was, liebe Kinder, ist das? Es hat einen langen Schweif und springt von Ast zu Ast.“ Sagt Fritzchen: „Eijentlich müsste det een Eichhörnchen sein. Aba wie ik den Laden hier kenne, is det ma wieder det liebe Jesulein.“ Nun gut, die lächerlichen Entgleisungen seiner heutigen Verehrer kann man dem armen Einstein nicht in die Schuhe schieben. Aber auch die Argumente seiner ernstzunehmenden Anhänger gehen in Richtung Irreführung und Verschleierung. Doch sehen wir uns Einsteins Konkurrenztheorie zu Newtons Behandlung der Gravitation doch einmal nüchtern an. Keine Angst, liebe LeserInnen. Das Märchen, dass nur wenige Leute auf der Welt die Relativitätstheorie verstehen können, gehört zur relativistischen Propaganda, ist aber nicht ernst zu nehmen. Wenn man den Rechnungen im Detail folgen will, gerät man an hohe Mathematik, aber die Grundzüge der ART sind auch ohne Mathematik verständlich. Man muss auch nicht selbst Geigenvirtuose sein, um zu hören, ob jemand schräge Töne spielt. Laut Einsteins eigener Aussage kam ihm der grundlegende Gedanke zur Allgemeinen Relativitätstheorie auch nicht erst nach langer Rechnerei, sondern in einer blitzartigen Erleuchtung.

(Anmerkung: Wir hatten es schon am Beispiel des alten Newton und seiner hemmungslosen Verehrer gesehen: wenn alte Berühmtheiten über ihre früheren Erfolge berichten, sagen sie gerne, die Erleuchtung sei „plötzlich“ über sie gekommen. Die Leute wollen das so hören. Es macht den Erkenntnisprozess so zufällig wie einen Hauptgewinn im Lotto und suggeriert dem Publikum: „Sieh’ mal an, auch ich hätte so eine Idee haben können! Man muss nur Glück haben oder verrückt genug sein.“  So zieht sich die Sage der blitzartigen Erleuchtungen durch die gesamte Geistes- und Wissenschaftsgeschichte. Saulus trifft der richtige Glaube wie ein Blitz  auf dem Weg nach Damaskus, Archimedes erwischt es im Badezuber. Newton hat seine wichtigste Eingebung schlagartig unter einem Apfelbaum. Kekulé hat die Idee zur chemischen Bindung im Londoner Omnibus und im Traum. Poincaré erwischt es angeblich ebenfalls, als er in einen Bus steigt. Kaum jemand will sagen: „Die Gedanken verfolgten mich, ich war  wie besessen. Jahr um Jahr, Tag um Tag und oft auch in der Nacht konnte ich an nichts anderes mehr denken. Oft hasste ich die Gedanken, aber ich kam nicht davon los. Frau und Kinder und Freunde wurden mir gleichgültig. Und die Angst, dass mir jemand zuvor kommen könnte und alle Jahre und alle Opfer vergebens wären, nahm mir die Lust am Leben. Denn ich wollte ja nicht nur ans Ziel kommen. Ich wollte der erste sein, der gefeierte Entdecker…“. Oder ganz kurz, wie Voltaire Newton beiläufig sagen läßt: „En y pensant sans cesse.“ Warum sagt das niemand? Halt, einen dokumentierten Fall kenne ich doch. Er findet sich im Tagebuch des Entdeckers der Funkwellen, Heinrich Hertz (1857-1894).  Hertz war zur fraglichen Zeit Professor für Physik an der TH Karlsruhe. Auf deren Campus befindet sich heute seine Büste (s. Bild). Hier nun ein kurzer Auszug aus seinem Tagebuch 1884 bis 1887:

27.01.    Über elektromagnetische Strahlung nachgedacht

11.05.    Abends tüchtig Elektrodynamik nach Maxwell.

13.05.    Ausschließlich Elektrodynamik

16.05     Den ganzen Tag Elektrodynamik gearbeitet.

04.07.    Elektrodynamik immer noch ohne Erfolg.

17.07.    In schlechter Stimmung gewesen und nichts angreifen können.


24.07.    Unlustig zur Arbeit.

In diesem Stil geht es weiter bis Ende 1885:

13.12    Vormittags einsamer Spaziergang im Schneegestöber

31.12.    Froh, dass dieses Jahr herum und hoffend, dass kein solches folgt.

23.01.    Den ganzen Tag hingeschlichen

16.09.    Unschlüssig, welche Arbeit zu beginnen

07.06.    Abgespannt und unlustig zur Arbeit

19.07     Lust zur Arbeit schwindet völlig

Und so geht er weiter, der Text eines einsamen Mannes; erst zwei Jahre später, 1887, kommt der Erfolg. Mit dem Erfolg kommt neuer Schwung:

17.12     Mit Erfolg experimentiert

21.12.    Den ganzen Tag experimentiert

28.12     Experimentiert und die Wirkung der elektromagnetischen Wellen wahrgenommen


31.12     Gern auf das Jahr zurückgesehen.

Die Entdeckung der Radiowellen war also kein Genieblitz, sondern das Resultat frustrierender Bemühungen. Ende der Anmerkung).

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Planetendiebstahl und Theogonie - Zehnter Brief aus meiner Mühle (Teil 2).

28. August 2009, 21:53

1846 erhielt Johann Gottfried Galle (s. Bild), Assistent an der Berliner Sternwarte, einen Brief des Astronomen und Mathematikers Le Verrier. Zunächst bedankte sich Le Verrier, dass Galle ihm seine Doktorarbeit (ein Jahr zuvor !! :-)) zugeschickt hatte, kam aber schnell auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen. Er bat Galle, er möge doch „einige Momente der Durchforstung einer Region des Himmels“ widmen, „wo man einen Planeten entdecken kann“. Er fügte noch die von ihm errechneten Koordinaten des neuen Himmelskörpers hinzu. Le Verrier wusste, dass die Berliner Sternwarte über die genauesten Himmelskarten der damaligen Zeit verfügte. Außerdem hatte sein Chef, der Direktor der Pariser Sternwarte, Arago, keine Lust, den angeblichen Planeten zu suchen. Wahrscheinlich kannte Arago die Unwägbarkeiten in Le Verriers Rechnungen allzu gut. In seiner Not wandte sich Le Verrier also an die Berliner. Galle bekam auch prompt von seinem Chef Johann Encke die Erlaubnis, den großen Refraktor für die Planetensuche zu benutzen. Allerdings musste Galle ernüchtert feststellen, dass an dem von Le Verrier angegebenen Ort kein neuer Planet zu erkennen war. Erst wiederholte Suche im weiteren Umkreis und der Vergleich mit den neuesten Berliner „Akademischen Sternkarten“ führte zum Erfolg- und zu einer Sensation. Erstmalig war ein neuer Planet nicht zufällig entdeckt, sondern dessen Standort vorherberechnet worden. » weiter

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Die Welt als Rechenmaschine - Zehnter Brief aus meiner Mühle (Teil 1)

25. August 2009, 15:52

Newton war sich darüber im Klaren, dass er zwar eine Gleichung des Phänomens Schwerkraft aufgestellt, aber keine Erklärung geliefert hatte. „Hypotheses non fingo!“ entgegnete er seinen Kritikern nach außen hin, was etwa heißt. „Ich stelle keine Spekulationen an!“. Aber in der Abgeschiedenheit seines Labors spekulierte er eben doch darüber. So, wie er in alchimistischen Experimenten versuchte, den vegetativen Geist zu isolieren, ein „außerordentlich feines und unvorstellbar kleines Teilchen…ohne dass die Erde tot oder inaktiv wäre“, suchte er auch in der Jagd nach dem alchimistischen Stein der Weisen die Geheimnisse der Schwerkraft („ eine Art sehr feiner Geist, der in der Substanz der Körper verborgen ist“) und des Lichts („eine Vielzahl von unvorstellbar schnellen und kleinen Teilchen“) zu entziffern. (Er hatte, anders als oft dargestellt wird, aber auch keine Hemmungen, das Licht als Wellenerscheinung zu interpretieren, etwa, wenn es um die Erklärung der nach ihm benannten Interferenz ("Newtonsche Ringe") ging. Er entschied sich nicht. Hypotheses non fingo.) » weiter

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Schuss in den Rücken - Neunter Brief aus meiner Mühle (Teil2)

24. August 2009, 15:30

Newton siedelte die Apfelgeschichte im Jahr 1666 an, als er 23 Jahre alt war. Schon damals, so Newton, habe er sich Gedanken gemacht, „ob die Schwerkraft bis zur Bahn des Mondes reicht“. Das ist, wie wir jetzt wissen, in der verklärenden Sicht eines alten Mannes falsch dargestellt. Die ursprüngliche Frage hatte sich eigentlich so gestellt: Wenn ein Apfel zur Erde fällt, warum nicht auch der Mond? Für Aristoteles war die Antwort klar gewesen. Der Mond besteht aus einer Substanz, der Quintessenz, die nichts wiegt. Zu Newtons Zeit war bekannt, dass diese Erklärung falsch sein musste. Die richtige Antwort ist: Der Mond fällt auch zur Erde. Allerdings fällt er um sie herum. » weiter

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Die Marquise und die lebendige Kraft - Neunter Brief aus meiner Mühle (Teil 1)

19. August 2009, 18:00

Die Marquise du Châtelet (in meinem Konversationslexikon ist sie nicht einmal eingetragen) war eine ungemein kluge und gebildete Frau. Seit 1733 war sie Voltaires Geliebte. Von Voltaires Geld richtete sie an ihrem gemeinsamen Wohnsitz, einem kleinen Schloss nahe der holländischen Grenze, ein physikalisches Laboratorium ein. Dort schrieb Voltaire ein allgemein verständliches Buch über Newtons Ideen.

(Anmerkung: Voltaire wiederholte darin Newtons falsche Ansicht, dass die Energie, die beim Zusammenprall von Körpern vernichtet wird, durch m*v (Masse mal Geschwindigkeit, in heutiger Bezeichnung der Impuls) beschrieben wird. Newton wollte damit Gott beweisen. Er nahm an, dass z.B. zwei Karren, die aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander prallen, vor dem Zusammenstoß insgesamt 2mv haben. Danach liegt ein Haufen Kleinholz auf der Strasse und v ist für beide Null. Also hat die Welt 2mv verloren. Da solche Dinge ständig geschehen, ohne dass der Welt die Energie ausgeht, musste es nach Newtons Überzeugung einen Gott geben, der das Uhrwerk immer wieder aufzog. » weiter

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Chaos im Himmel und auf Erden - Achter Brief aus meiner Mühle (Teil 2)

16. August 2009, 17:50

Der Philosoph Schopenhauer wollte „der zum Ekel wiederholten Apfelgeschichte...der abgeschmackten Fabel“, die seiner Meinung nach Voltaire aufgebrachte habe, Zeit seines Lebens den Garaus machen, so läppisch fand er sie. Schopenhauers Abneigung mag allerdings so entstanden sein, dass er sich der Meinung Goethes anschloss und Newtons Farbenlehre in Bausch und Bogen ablehnte. Schopenhauer gönnte Newton auch keinen anderen Erfolg, denn nun, so schrieb er, sei der „große Gedanke der allgemeinen Gravitation ein Bruder der grundfalschen homogenen Lichter-Theorie geworden.“

Schopenhauers Kritik traf nicht, und die Fabel überlebte. Warum? Nur weil der Apfel ein archetypisches Urbild ist? Schließlich, so berichtet die Genesis, endete dank dieser Frucht das irdische Paradies. Alle Bemühungen, es wieder aufzurichten, blieben seither erfolglos. Kaiser und Könige präsentierten jahrhundertelang den Apfel als Zeichen der Weltherrschaft. Newton schließlich soll einer auf den Kopf gefallen sein. Aber Newtons Apfel fiel nicht, wie so viele andere Äpfel nun einmal fallen. Er fiel auch durch die mythische Ebene der Erkenntnis hindurch. Ursachen kann jeder finden. Etwa die, dass ein Apfel herunter fällt, weil der Wind den Baum schüttelt. Newton sah nicht nur die Ursache, er erkannte den Grund: die gravitative Beziehung von Apfel und Erde. Die Gravitation, die jeder kennt, wurde durch diesen Fall, in der Doppelbedeutung des Wortes, in den Rang eines Naturgesetzes erhoben. Das war aber nicht alles. Genialität besteht nicht nur aus einem Geistesblitz. Es muß noch ein Paradoxon hinzukommen, das seine befriedigende Auflösung findet: Wenn ein Apfel zur Erde fällt, warum fällt der Mond denn nicht ebenso herunter?

Als Voltaire 1728 aus England zurückkehrte, brachte er zwei gewaltige Werke mit: Shakespeares Dramen und Newtons Physik. Zu seinem Kummer hatte Voltaire Newton nicht mehr selbst kennen gelernt. Er war erst zu dessen Beerdigung in London eingetroffen. Umso mehr versuchte er, den Eindruck authentischer Vertrautheit zu erwecken. Was eignete sich dazu besser als die Apfelgeschichte? Bei den Lesern Voltaires machte die Legende denn auch solch überwältigenden Eindruck, dass Voltaires Fußnote gerne überlesen wurde. Dort stand eine andere Version der Entdeckung der Schwerkraft. Eines Tages, schreibt Voltaire im Kleingedruckten, habe ein Fremder Newton gefragt, wie er auf die Gesetze des Weltraums gekommen sei. Die Antwort Newtons habe in einem einzigen Satz bestanden: En y pensant sans cesse. (Indem ich ohne Unterlass darüber nachgedacht habe). Damit wäre vielleicht auch Schopenhauer zufrieden gewesen. Noch näher sind wir an der Wahrheit, wenn wir Newtons eigene Worte, er habe „auf den Schultern von Riesen“ gestanden, wörtlich nehmen. Das ist typisch Newton. Ohne den Zusammenhang klingen diese Worte bescheiden und sympathisch. Sie waren aber boshaft gemeint. Ausgesprochen hat Newton sie gegenüber Robert Hooke, der klein und krumm war und sich getroffen fühlen musste. Dabei hätte Robert Hooke (von Hooke existiert kein Bild. Vermutlich schämte er sich zu sehr seines meißgestalteten Äußeren) ein (Groß?)teil des Ruhmes zugestanden. Undank ist der Welten Lohn!

Jetzt machen wir wieder einen Ausflug in das Preußen zur Zeit Friedrichs des Großen. Voltaire! Ausgerechnet Voltaire (1694-1778) trug maßgeblich zur Verbreitung der Physik Newtons in Europa bei. Das treibt manchen Geschichtswissenschaftlern immer noch Tränen der Wut in die Augen, und sie schweigen diesen Verdienst gerne tot. Voltaire sei „schleimig und schmeichlerisch“ gewesen, als Schriftsteller „eine Vogeltränke, aus der man einen Schluck nimmt und dann weiterfliegt“, schreibt etwa der „spätpreußische“ Historiker Joachim Fernau („Sprechen wir über Preußen“). Die jahrelange Freundschaft Friedrichs des Großen mit Voltaire kann er dem Preußenkönig absolut nicht verzeihen. Fernau kann sich nur wundern, erklären kann er sich die Liaison nicht. (Franzosen denken da anders. Für sie ist das 18. Jahrhundert auch le siècle de Voltaire.)

Friedrich der Große (na ja, er war mal gerade 1,56 Meter groß, bleiben wir also besser bei: Der alte Fritz) sprach ein grauenhaftes „Deutsch“, wenn man seine Ausdruckweise überhaupt so nennen kann. Kein Wunder. Er war das Produkt einer frühen multikulturellen Erziehung. Seine Eltern sprachen untereinander französisch; auch sein Vater, der „Soldatenkönig“, konnte kaum ein Wort Deutsch, geschweige denn seine Mutter. „Sofort“ schrieb Friedrich „so vohrt“, die Oder war für ihn „der oder“. Er las grundsätzlich keine deutschen Bücher, und hielt insgesamt von deutschen Dichtern und Denkern gar nichts. Er kannte Lessing nicht, nicht Herder, nicht Kant und auch Goethe nicht, ausgenommen dessen „Götz von Berlichingen“, den er für „elendes Zeux“ hielt. Die Malerei bedeutete ihm nicht viel. In der Musik, in der Friedrich sehr begabt war, hielt er Mozart für einen „Schwätzer“ (was Mozart im Privatleben wirklich war). Der alte Fritz zog Zeit seines Lebens das Französische vor. Ein französischer Professor verdiente in Berlin doppelt so viel wie sein deutscher Amtskollege, nur seiner Herkunft wegen.

„Das alles kann man runterschlucken“, schreibt Fernau, „aber nicht das Kapitel Voltaire.“ In Voltaire glaubte Friedrich einen würdigen Gesprächspartner gefunden zu haben, denn Voltaire war spitzzüngig, charmant, amüsant, ein Alleinunterhalter. Der König ehrte ihn mit fünftausend Talern, einem jährlichen Ehrensold, mit dem Orden Pour le mérite und ernannte ihn auch noch zum Kammerherrn. Joachim Fernau schäumt vor Wut: „Von nun an sah man diesen Mitesser täglich an der Tafel von Sanssouci sitzen und schwatzen. Nebenbei klaute er…Ich verstehe, dass man Voltaire liest. Aber wie man diese Laus ertragen kann, das verstehe ich nicht und ist wohl nur aus der völligen traurigen Vereinsamung des Königs zu erklären.“ In dem Bild von Adolph Menzel sieht man Voltaire vorne rechts (dunkelblau) an der Tafel des Königs (rot).

Für Fernau war der alte Fritz –was man durchaus mit guten Gründen bestreiten kann- der größte „Herrscher, Feldherr, Staatsmann und Organisator, den Deutschland seit dem Ende des Mittelalters bis auf den heutigen Tag gehabt hat.“ Kaiserin Maria Theresia und Zarin Katharina die Große (von beiden hält Fernau allerdings gar nichts), hätten wohl ganz anders gesprochen. Eine weitere, für die Naturwissenschaft sehr viel bedeutendere Zeitgenossin hielt dagegen sehr viel von Voltaire. Jedenfalls zog sie ihn viele Jahre lang allen anderen Verehrern –und sie hatte viele- vor. Es war die (damals) sehr berühmte, die einzigartige Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, Marquise du Châtelet-Laumont (1706-1749).

Allein wegen ihr lohnt es sich schon, noch etwas bei Voltaire und den Preußen zu bleiben. Doch zuerst wieder unsere beiden Fragen:
1. Nach Laplace ist ein physikalischer „Dämon“ benannt. Was kann dieser Dämon?
2. Welches physikalische Gesetz trägt Hookes Namen?

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