16. August 2009, 17:50
Der Philosoph Schopenhauer wollte „der zum Ekel wiederholten Apfelgeschichte...der abgeschmackten Fabel“, die seiner Meinung nach Voltaire aufgebrachte habe, Zeit seines Lebens den Garaus machen, so
läppisch fand er sie. Schopenhauers Abneigung mag allerdings so entstanden
sein, dass er sich der Meinung Goethes anschloss und Newtons Farbenlehre in
Bausch und Bogen ablehnte. Schopenhauer gönnte Newton auch keinen anderen Erfolg,
denn nun, so schrieb er, sei der „große
Gedanke der allgemeinen Gravitation ein Bruder der grundfalschen homogenen Lichter-Theorie geworden.“
Schopenhauers Kritik traf nicht, und die Fabel überlebte. Warum? Nur weil der Apfel ein archetypisches Urbild ist? Schließlich, so berichtet die Genesis, endete dank dieser Frucht das irdische Paradies. Alle Bemühungen, es wieder aufzurichten, blieben seither erfolglos. Kaiser und Könige präsentierten jahrhundertelang den Apfel als Zeichen der Weltherrschaft. Newton schließlich soll einer auf den Kopf gefallen sein. Aber Newtons Apfel fiel nicht, wie so viele andere Äpfel nun einmal fallen. Er fiel auch durch die mythische Ebene der Erkenntnis hindurch. Ursachen kann jeder finden. Etwa die, dass ein Apfel herunter fällt, weil der Wind den Baum schüttelt. Newton sah nicht nur die Ursache, er erkannte den Grund: die gravitative Beziehung von Apfel und Erde. Die Gravitation, die jeder kennt, wurde durch diesen Fall, in der Doppelbedeutung des Wortes, in den Rang eines Naturgesetzes erhoben. Das war aber nicht alles. Genialität besteht nicht nur aus einem Geistesblitz. Es muß noch ein Paradoxon hinzukommen, das seine befriedigende Auflösung findet: Wenn ein Apfel zur Erde fällt, warum fällt der Mond denn nicht ebenso herunter?
Als Voltaire 1728 aus England zurückkehrte, brachte er zwei
gewaltige Werke mit: Shakespeares Dramen und Newtons Physik. Zu seinem Kummer
hatte Voltaire Newton nicht mehr selbst kennen gelernt. Er war erst zu dessen
Beerdigung in London eingetroffen. Umso mehr versuchte er, den Eindruck
authentischer Vertrautheit zu erwecken. Was eignete sich dazu besser als die Apfelgeschichte?
Bei den Lesern Voltaires machte die Legende denn auch solch überwältigenden
Eindruck, dass Voltaires Fußnote gerne überlesen wurde. Dort stand eine andere
Version der Entdeckung der Schwerkraft. Eines Tages, schreibt Voltaire im
Kleingedruckten, habe ein Fremder Newton gefragt, wie er auf die Gesetze des
Weltraums gekommen sei. Die Antwort Newtons habe in einem einzigen Satz
bestanden: En y pensant sans cesse.
(Indem ich ohne Unterlass darüber nachgedacht habe). Damit wäre vielleicht auch
Schopenhauer zufrieden gewesen. Noch näher sind wir an der Wahrheit, wenn wir
Newtons eigene Worte, er habe „auf den
Schultern von Riesen“ gestanden,
wörtlich nehmen. Das ist typisch Newton. Ohne den Zusammenhang klingen diese
Worte bescheiden und sympathisch. Sie waren aber boshaft gemeint. Ausgesprochen
hat Newton sie gegenüber Robert Hooke, der klein und krumm war und sich
getroffen fühlen musste. Dabei hätte Robert Hooke (von Hooke existiert kein Bild. Vermutlich schämte er sich zu sehr seines meißgestalteten Äußeren) ein (Groß?)teil des Ruhmes
zugestanden. Undank ist der Welten Lohn!
Jetzt machen wir wieder einen Ausflug in das Preußen zur Zeit
Friedrichs des Großen. Voltaire! Ausgerechnet Voltaire (1694-1778) trug maßgeblich zur
Verbreitung der Physik Newtons in Europa bei. Das treibt manchen Geschichtswissenschaftlern
immer noch Tränen der Wut in die Augen, und sie schweigen diesen Verdienst
gerne tot. Voltaire sei „schleimig und
schmeichlerisch“ gewesen, als Schriftsteller „eine Vogeltränke, aus der man einen Schluck nimmt und dann weiterfliegt“, schreibt etwa der
„spätpreußische“ Historiker Joachim Fernau („Sprechen wir über Preußen“). Die
jahrelange Freundschaft Friedrichs des Großen mit Voltaire kann er dem
Preußenkönig absolut nicht verzeihen. Fernau kann sich nur wundern, erklären
kann er sich die Liaison nicht. (Franzosen denken da anders. Für sie ist das 18. Jahrhundert auch le siècle de Voltaire.)
Friedrich der Große (na ja, er war mal gerade 1,56 Meter groß, bleiben wir also
besser bei: Der alte Fritz) sprach ein grauenhaftes „Deutsch“, wenn man seine
Ausdruckweise überhaupt so nennen kann. Kein Wunder. Er war das Produkt einer
frühen multikulturellen Erziehung. Seine Eltern sprachen untereinander
französisch; auch sein Vater, der „Soldatenkönig“, konnte kaum ein Wort
Deutsch, geschweige denn seine Mutter. „Sofort“ schrieb Friedrich „so vohrt“,
die Oder war für ihn „der oder“. Er las grundsätzlich keine deutschen Bücher,
und hielt insgesamt von deutschen Dichtern und Denkern gar nichts. Er kannte
Lessing nicht, nicht Herder, nicht Kant und auch Goethe nicht, ausgenommen
dessen „Götz von Berlichingen“, den er für „elendes Zeux“ hielt. Die
Malerei bedeutete ihm nicht viel. In der Musik, in der Friedrich sehr begabt
war, hielt er Mozart für einen „Schwätzer“ (was Mozart im Privatleben wirklich
war). Der alte Fritz zog Zeit seines Lebens das Französische vor. Ein
französischer Professor verdiente in Berlin doppelt so viel wie sein deutscher
Amtskollege, nur seiner Herkunft wegen.
„Das alles kann man
runterschlucken“, schreibt Fernau, „aber
nicht das Kapitel Voltaire.“ In Voltaire glaubte Friedrich einen würdigen
Gesprächspartner gefunden zu haben, denn Voltaire war spitzzüngig, charmant,
amüsant, ein Alleinunterhalter. Der König ehrte ihn mit fünftausend Talern,
einem jährlichen Ehrensold, mit dem Orden Pour le mérite und ernannte ihn auch
noch zum Kammerherrn. Joachim Fernau schäumt vor Wut: „Von nun an sah man diesen Mitesser täglich an der Tafel von Sanssouci
sitzen und schwatzen. Nebenbei klaute er…Ich verstehe, dass man Voltaire liest.
Aber wie man diese Laus ertragen kann, das verstehe ich nicht und ist wohl nur
aus der völligen traurigen Vereinsamung des Königs zu erklären.“ In dem Bild von Adolph Menzel sieht man
Voltaire vorne rechts (dunkelblau) an der Tafel des Königs (rot).
Für Fernau war der alte Fritz –was man durchaus mit guten
Gründen bestreiten kann- der größte „Herrscher,
Feldherr, Staatsmann und Organisator, den Deutschland seit dem Ende des
Mittelalters bis auf den heutigen Tag gehabt hat.“ Kaiserin Maria Theresia
und Zarin Katharina die Große (von beiden hält Fernau allerdings gar nichts),
hätten wohl ganz anders gesprochen. Eine weitere, für die Naturwissenschaft
sehr viel bedeutendere Zeitgenossin hielt dagegen sehr viel von Voltaire.
Jedenfalls zog sie ihn viele Jahre lang allen anderen Verehrern –und sie hatte
viele- vor. Es war die (damals) sehr berühmte, die einzigartige Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil,
Marquise du Châtelet-Laumont (1706-1749).
Allein wegen ihr lohnt es sich schon, noch etwas bei
Voltaire und den Preußen zu bleiben. Doch zuerst wieder unsere beiden Fragen:
1. Nach Laplace ist ein physikalischer „Dämon“ benannt. Was kann dieser Dämon?
2. Welches physikalische Gesetz trägt Hookes Namen?
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