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Was von der Woche übrig bleibt

18. Mai 2012, 15:57

Heute nur ein paar Fetzen – Gedanken zu Themen, über die schon alles gesagt scheint, ein paar nicht voll durchdachte Ideen, ein Filmtipp und ein Literaturtipp.

Das Urheberrecht ist keine Traumerfüllungsmaschine.

Wir alle hoffen auf den großen Durchbruch, wir sehen uns mal als den nächsten Mark Twain, einen neuen John Lennon, den modernen van Gogh. Vielleicht ist es der eine oder andere auch. Vielleicht. Daher strengen wir uns an, daher schreiben, malen, komponieren wir. Selbstverständlich wäre es schön, wenn wir nur das machen könnten, was uns Spaß bringt. Doch warum soll das Leben für Kreative anders laufen, als für Straßenbauarbeiter, Kassiererinnen im Einzelhandel, Steuerbeamte und und und?

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

Auch die DDR und andere Staaten des Ostblocks nannten sich Demokratien. Anerkannt wurde dies von westlich geprägten Demokratien nie. Durch die Zweiteilung der Welt in gute offene Gesellschaften und böse kommunistische Diktaturen, war es leicht, Unterschiede zu benennen. Regierungen, die Kritiker einsperrten, die sie beschimpften, die Demonstrationen verboten, waren Diktaturen. Und die anderen waren die Guten.

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Von Urhebern und Vampiren

06. April 2012, 15:23

[Dieser Blogpost startete als Kommentar zu Anatol Stefanowitschs Beitrag zur Lizenzdebatte.]

In den Kommentaren zu seinem Beitrag, wird Stefanowitsch von einem Beiträger vorgeworfen, sich der "Contentmafia" unterordnet zu haben, weil dieser jemand einen Urheberrechtshinweis zu Spektrum.de gefunden hat. Lustig. Und leider das Niveau, über das ausgerechnet die, die es etwas angeht - die Kollegen Kreativen -, nicht hinauskommen.

Ich weiß nicht, warum A.S. in seinem 'Über das Blog' keinen CC-Lizenz-Hinweis eingebunden hat, einige auf den Scilogs haben das [ich z.B.]. So wie viele andere, die dieses gar nicht mehr so ganz neue Konzept der Lizenzierung nutzen, möchte ICH bestimmen, was, wann, wo mit meinen Sachen geschieht. Oder etwas befehlshafter: Fragt mich halt.

Wer sich dafür entscheidet, seine Rechte en gros an Zwischenhändler abzugeben, soll das gerne tun, aber nicht rumheulen und noch mit dem nackten Finger auf die Kunden zeigen. Natürlich dürft ihr dafür streiten, dass noch eure Urururururenkel Tantiemen einstreichen - Shakespeares Erben wären erfreut und sehr viel reicher als er es je war.

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Bruchstückhaftes Deidesheim

23. März 2012, 20:11

deidesheim_2012_450px_3Morgens Mitten in der Nacht. Die Welt existiert noch nicht, aber ich muss aufstehen. Einen Zug bekommen. Ich verlasse das Haus und lerne, dass die Welt so ab ungefähr 4:30 Uhr aufgebaut wird, aus einem feuchten Dunst, den manche Nebel nennen. Der Nebel des Morgengrauens. In Altona treffe ich den zukünftigen Scilogger des Jahres 2012; er weiß es noch nicht. Nach einer Weile gesellt Anatol Stefanowitsch sich zu uns. Professor A.S., der Mann, der den kürzesten Weg hat. Natürlich ist er zuletzt da. Abgesehen vom Zugführer samt Zug, der lässt auf sich warten.

Setzen Sie hier irgendeines ihrer Zugreiseabenteuer ein. Es wird schon so sein, wie unseres. Außer A Lady Vanishes, dieses Glück* hatten wir in unserem Silver Streak nicht. Dafür kachelte er auch nicht in einen Kopfbahnhof.

Und dann waren wir irgendwann in Deidesheim. High Noon. Abends ins Maxims, das hier ein besser ungenanntes Weingut war.

Bilder [aus technischen Gründen, für dich ich nicht verantwortlich bin, in meinem anderen Großblog]

Aber wir haben auch gearbeitet. Hart. Kaum waren wir Nordlichter bei den nicht ganz so hellen Südverdunklern angekommen, gabe es - Nein, keinen dringend nötigen Kaffee. Einen Vortrag. Über Wissenschaft als Prozess des Austausches. Mit anderen Wissenschaftlern. Mit Lernenden. Mit dem einfachen Menschen auf der Straße, den wir als 'Öffentlichkeit' hypen. Auch sozialwissenschaftliche und juristische Einsichten gab es, allerdings von anderen Vortragenden.

Gelernt haben wir auch was, ich z.B., dass Menschen seit Jahren schreibend und bloggend unterwegs sein können, ohne auch nur eine dunkle Vorstellung von rechtlichen Randbedingungen zu haben. Ach ja, moderne Präsentationstechnologien helfen selten. Nichts geht über anständige Vorbereitung, neu schreiben, üben, umschreiben, üben, kürzen, ändern, üben vor dem Spiegel ... sowie eine gnz klassische, dunkelgrüne Tafel, auf der während des Vortrags entwickelt und geschrieben wird.

Tipp für alle, die gut vortragen möchten: Auf YouTube mal Vorlesungen Richard Feynmans finden.

 

 

*Weil ich doch Abenteuer so mag, nicht, weil ich einer Dame Übles wünsche.



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Die Verwundbarkeit der Deutschen

08. März 2012, 17:02

… Vorteil von Literatur ist die prinzipiell anerkannte Struktur. Menschen sind immerhin geborene Musterfinder, wir erkennen selbst dort Muster, wo keine sind. Ein Blick in die Wolken und wir sehen Schafe, Gesichter, Häuser und vieles mehr.

Lesen wir Romane, wollen wir selten zusammenhanglose Langeweile finden, wie es das richtige Leben überwiegend ausmacht. Wir wollen einen Plot, der uns leitet. Wir wollen eine Story, die Aktionen in logische Folgen stellt. Wir wollen Charaktere, deren Entscheidungen für Aktionen, nachvollziehbar sind.

'One of them is a success story […] and the other is a goddamned horror story.' Actually, neither was a story at all. Like most people, they had lived through a series of episodes, most of which were frustrating and unsatisfactory. [Len Deighton, Winter, S.4] » weiter

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Mehr Zensur für bessere Literatur!

29. Januar 2012, 14:11

In den letzten Tagen durften wir wieder den Schrei lesen 'ZENSUUUUUUUUUUHR!!!' – er ging durchs ganze Internet, sogar die sogenannten seriösen Medien nahmen ihn auf. Zumindest in ihren Online-Ausgaben. Dabei hatte Twitter nur ein neues Modell zur Einhaltung lokaler Gesetze angekündigt. Dazu ist eigentlich alles gesagt worden, u.a. von arschhaarzopf und Zapp; ich selbst habe etwas allgemeiner schon vor einiger Zeit darüber geschrieben.

Aber wir sind hier ja in einem Literaturblog, da interessiert uns nicht so sehr die gegenwärtige Politik, obwohl die offensichtliche Leseschwäche vieler Internetbewohner durchaus ein Thema wäre. Zensur ist ja schon ein wenig älter, auch wenn so manch Aufschrei wirkt, als wäre sie erst gestern von Facebook, Twitter, Google oder irgendeinem Landesdatenschützer erfunden worden.

Die göttliche Ordnung

Die berühmteste Zensurgeschichte ist vermutlich die des Sokrates, der angeklagt war, ein Verderber der Jugend zu sein, der sich nicht scheute, mit antidemokratischen Kreisen Umgang zu pflegen. Er wäre seinem Todesurteil entkommen, hätte er versprochen, nicht mehr zu predigen [oder fragen; was Ihnen besser gefällt]. Aber er wollte sich nicht zensieren lassen. Ergebnis: Frühzeitiges Ableben. » weiter

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Ein wenig Wehrtechnik

18. Dezember 2011, 16:05

Markus A. Dahlem stellt in seinem Blog eine These über die Form von Festungsanlagen als Widerspiegelung migränoser Visionen auf. Er gibt dort selbst zu, dass diese These gewagt ist. Ich verstehe wenig von Neurologie, praktisch gar nichts von den Spezifika neurologischer Störungen wie Migräne oder Epilepsie. Architektur und Militärgeschichte sind allerdings Hobbies von mir, daher möchte ich kurz den Hintergrund von Wehranlagen aus der Zeit nach Erfindung des Schießpulvers erläutern.

Vor dem Schießpulver

Bevor das Schießpulver erfunden wurde standen Angreifern vor allem [tierische] Muskelkraft und Federmechanik zur Verfügung, um schwere Gegenstände, z.B. Steine oder Metallkugeln, aber auch Brennbares in belagerte Ortschaften zu schleudern. Als Verteidigung reichte es aus, Mauern dicker und höher zu bauen. Damit konnten Geschosse direkt abgewehrt werden oder durch Beeinflussung des Schusswinkels ineffektiv gemacht. Ein manchmal mit Wasser gefüllter Graben samt steilen Ufern erschwerte Angreifern das schnelle Erklettern der Burgmauern.

Falls es doch zu einem Durchbruch kam, gab es hinter der hohen Außenmauer oft eine weitere Mauer, getrennt durch schmale Laufgänge. Außerdem waren viele Burgen und Schlösser fast labyrinthartig gestaltet, so dass Angreifer - egal, ob sie über die Mauer kamen oder durchs Tor - erhebliche Zickzackwege zurücklegen mussten. Wege, die eng gehalten waren, um leicht verteidigt zu werden. Ein bis heute voll erhaltenes Paradebeispiel ist das japanische Schloss Himeji, das sehr oft in Spielfilmen zu sehen ist, u.a. im James-Bond-Film You Only Live Twice oder in diversen Werken Akira Kurosawas.

Schwere Artillerie

Die ersten Schießpulverwaffen wurden in Europa in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eingesetzt und wurden über die nächsten hundert Jahre immer größer, schwerer und effektiver. Statt großer Pfeile zum Brechen von Holztoren wurden sehr viel kleinere, aber zerstörerischere Eisenkugeln auf Festungen abgefeuert. Für die zu verteidigenden Orte wurde das zu einem Problem, zwar nutzten auch sie Kanonen, da sie aber aus Wehranlagen abgefeuert wurden, die vor allem die Überwindung durch Kletterer verhindern sollten, konnten sie nur in eine Richtung feuern. Damit ergaben sich tote Winkel, die von den Angreifern zum Näherrücken genutzt wurden.

Es war der Architekt Leon Batista Alberti, der in den 1440ern bemerkte, dass eine effektive Verteidigungsanlage nicht geradlinig aussehen durfte, sondern unregelmäßig sein musste, einer Säge ähnlich. Die erste Form, die sich praktisch ergab, war die Bastion, die den Angreifern eine recht breite Front bot, dazu kurze Flanken bot, die wiederum noch einmal eingesägt waren und so auch eine seitliche Verteidigung ermöglichten. Diese Bastionen verstärkten zuerst die Ecken rechteckig angelegter Burgen:

Prinzip des toten Winkels und wie die Form des Bastions sie ausschließt

Damit war die Grundlage für die heute so faszinierenden Formen alter Festungsanlagen gelegt. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden so komplett neue Wehranlagen konstruiert, es kamen weitere Elemente dazu:

Kronenwerk Kronenwerk [das kronenförmige Teil oben im Bild]

HornwerkHornwerk [das große Teil in der Mitte]

Wallschild

Wallschild [ganz rechts im Bild, die pfeilspitzförmigen Teile]

Die Illustrationen zeigen die inzwischen verbreitetste Variante der Bastion, mit einer spitz zulaufenden Front statt einer geraden Mauer.

Die vermutlich vollkommenste Umsetzung der trace italienne, wie diese Form der Wehranlagen seit dem 15. Jahrhundert genannt wird,  ist die Festung Neuf-Brisach, auf der französischen Rheinseite:

Plan Neuf-Brisachs von Sébastien Le Prestre de Vauban, 1697

Luftbildaufnahme Neuf-Brisach

[Luftbildaufnahme von Luftfahrer]

 

Angreifer müssen durch die Staffelung und Formen der Verteidigungswerke diverse, sehr unterschiedliche Hindernisse überwinden, immer im Kugelhagel der Verteidiger. Das schwächt. Der zweite und dritte Teil der Lord of the Rings-Trilogie zeigen das ganz gut bei den Schlachten von Helm's Deep und Minas Tirith.

Ich bezweifele eine direkte Verbindung von Migräne und Verteidigungsanlagen der trace italienne, sie wurden nicht aus ästhetischen Gründen geschaffen, sondern aus rein praktischen Erwägungen. Die Proportionen mögen dabei auch auf Schönheit angelegt sein, das wäre aber nicht der Punkt, um den es Markus A. Dahlem geht.





Verwendete Literatur:

Geoffrey Parker [ed.]. Cambridge Illustrated History of Warfare. CUP, 1995 [updated 2008],  S. 112ff.

Patrick Goode [ed.]. The Oxford Companion to Architecture. OUP, 2009.

M. Fazio, M. Moffett, L. Wodehouse. A World History of Architecture. 2nd ed. Laurence King Publishing, London, 2009.

Wikipedia International zu Neuf-Brisach, crownwork, hornwork, bastion, ravelin, star fort für die Bilder.



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