chronologs Damals & Heute

Alle für einen

05. Oktober 2009, 16:13

"Alle für einen" - dieses Prinzip der Versicherungsbranche, das wir heute als etwas Selbstverständliches erachten, hat zeitlich lange Wurzeln. Es gründet in einem Ehrenkodex, den der babylonische Herrscher Hammurabi um 1750 v. Chr. erlassen hat, und der Textilhändler vor dem finanziellen Ruin schützen sollte: Fortan sollte nach einem Überfall auf eine Karawane der Schaden eines Einzelnen von allen Händlern gemeinsam getragen werden. Deshalb verteilten die Händler ihre Waren auf alle Lasttiere, bevor die Karawane Babylon verließ. Die Händler hatten sich vor dem Aufbruch verpflichtet, den Schaden, den ein Kaufmann durch einen Raub erleidet, gemeinsam zu tragen. Dieses Gegenseitigkeitsprinzip, wonach sich Menschen zusammenschließen, um sich im Notfall gegenseitig zu helfen, wurde im Zweistromland "erfunden" - vom "heilenden Vater" Hammurabi (so der Name in deutscher Übersetzung). Allerdings setzten erst im Spätmittelalter die Bewohner deutscher Stadtviertel das Gegenseitigkeitsprinzip vollends um, als sie Brandgilden gründeten und nach dem Motto "Alle für einen" das finanzielle Risiko des Einzelnen auf die Gemeinschaft aufteilten. Davor war man auf das Ersparte oder die Hilfe von Familie und Nachbarn angewiesen, wenn das Haus abbrannte und die Existenz auf dem Spiel stand. Aus den Brandgilden entwickelten sich immer größere Vereine für Gegenseitigkeit, von denen die Gothaer Feuerversicherungsbank von 1820 noch heute besteht.   

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Pazifist oder kalter Krieger?

07. August 2009, 14:55

Si vis pacem, para bellum – »wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg«. Hatte Peter Struck am 4. Dezember 2002, seinerzeit Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland, dieses lateinische Sprichwort im Hinterkopf gehabt, als er im Zuge der neuen verteidigungspolitischen Richtlinien die militärische Maxime ausgab, Deutschland am Hindukush zu verteidigen? Auf jeden Fall schien Deutschlands oberster Militär in Zivil – im Banne der Ereignisse um den »11. September« – der Meinung zu sein, dass Sicherheit nur durch Demonstration militärischer Stärke gewährleistet werden könne. » weiter

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Berserker

29. Juni 2009, 15:23

Weniger eine Kampftaktik, schon gar keine speziell germanische, sondern eher eine psychologisch erklärbare Erscheinung bezeichnet der Ausdruck Berserker. Im Englischen bedeutet der Ausdruck "to go berserk" soviel wie toben, wüten oder durchdrehen. Wenn jemand wie ein Berserker kämpft, dann tut er dies rauschhaft und mit aller Gewalt. Sein Schmerzempfinden ist kraft ausgeschütteter Stresshormone reduziert; Gedanken an den Tod sind fern.

Als erste beschriebene Berserker gelten jene sagenhaften altnordischen Krieger, die als Fußtruppe des Kriegsgottes Odin nur in Bärenfelle gehüllt in die Schlacht zogen und sich über ihr "Bärenhemd" (altnordisch "ber" wie Bär, "serkr" wie Hemd) auch die Kräfte des Raubtiers einverleiben wollten - ein in der Geschichte des Kampfverhaltens weit verbreiteter Mythos, der sich womöglich in Gestalt der Bärenfell-Mützen englischer Wachsoldaten vor dem Buckingham Palast bis in die Moderne gerettet hat.

Möglich ist allerdings auch eine andere Deutung: Danach kämpften die wilden Krieger bar ("ber") jeden Hemdes, also am Oberkörper unbekleidet.



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Unangenehme Wahrheiten

29. Juni 2009, 14:55

Für gewöhnlich wird es der Wissenschaft nicht gedankt, wenn sie eine zum Mythos gewordene Geschichte auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Diese Erfahrung hat auch der große deutsche Althistoriker Theodor Mommsen gemacht, als er 1885 - zehn Jahre nach der Einweihung des Hermannsdenkmals auf der Grotenburg im Teutoburger Wald - die Varusschlacht siebzig Kilometer nordöstlich davon, in der Kalkrieser-Niederwedder Senke am Nordrand des Wiehengebirges lokalisierte. Protest erhoben nicht nur die Detmolder Lokalpatrioten, die sich um "ihren" Hermann gebracht sahen, sondern auch Scharen von Historikern, die aus antiken Quellen jeweils andere Schlüsse gezogen hatten und für die Varusschlacht insgesamt siebenhundert verschiedene Ortsangaben machten.

Ähnlichen Unmut zog sich Anfang der 1970er Jahre auch der Würzburger Althistoriker Dieter Timpe zu, als er anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Hermannsdenkmals in einem Vortrag den nationalen Mythos um den in Hermann eingedeutschten Arminius entzauberte. Timpe sprach über den römischen Bürger und Ritter Arminius, der nicht als freiheitsliebender Stammeshäuptling wilde Germanen, sondern als aufständischer römischer Offizier abtrünnige Hilfstruppen gegen den römischen Feldherrn Publius Quintilius Varus geführt hatte. Aus dem jahrhundertelang glorifizierten Volkskampf gegen die aufoktroyierte Fremdherrschaft wurde eine moralisch zweielhafte Insurrektion germanischer Auxiliareinheiten gegen die römische Rheinarmee. Timpe hatte die patriotische Lesart der deutschen Frühgeschichte wissenschaftlich widerlegt und dafür wütende Proteste der Lokalpresse geerntet, die ihn einen Nestbeschmutzer zieh.



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Tatort Abort

27. April 2009, 07:33

Beim Aufsuchen des 'Stillen Örtchens' auf einer Autobahnraststätte prangte mir neulich, gleich in Augenhöhe über dem Urinal, die Anzeige eines bekannten Arzneimittelherstellers entgegen, dessen Präparat Linderung bei Prostataleiden verspricht. Teils erleichtert, teils mit dem beklemmenden Gefühl, einmal selbst dieses Mittel eventuell in Anspruch nehmen zu müssen, verließ ich den Ort der privaten Verrichtung. Nachdenklich geworden rief der Angriff auf mein Unterbewusstsein Erinnerungen in mir wach. Ich entsann mich eines Toiletten-Graffito, dessen ich vor Jahren während einer Studienreise im kleinasiatischen Ephesus gewahr wurde. Dort gab ein antiker Schmutzfink vor fast 2000 Jahren auf recht vulgäre, aber einprägsame Weise Anleitungen für all diejenigen, denen die Erledigung des 'großen Geschäfts' Schwierigkeiten bereitete. Wohl wissend, dass auch jüngere Benutzer das Blogg-Portal besuchen, gebe ich den Text des antiken Anonymus in etwas abgemilderter Form wieder:

"Nachdem du unruhig mit den Beinen gependelt, mit geballter Faust dein Becken angehoben und tief Luft aus dem Innersten geholt hast, freue dich über die Entleerung deines Darms und möge dir dein Bauch niemals Schmerzen bereiten, wenn du hierher kommst".

Für hartgesottenere Naturen, die des Altgriechischen mächtig sind, verweise ich auf den Originaltext in der Edition "Inschriften griechischer Städte Kleinasiens", IEphesus 456,1.



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Advokats Winkelzüge

20. April 2009, 07:36

Wie sich die Dinge doch gleichen. In vieler Hinsicht würde die römische Rechtssprechung Besuchern heutiger Gerichtsverhandlungen oder Zuschauern von Fernsehgerichten bekannt vorkommen. Es gab Anklagen und Schwurgerichte, drakonische wie auch milde Richter, aggressive Staatsanwälte und gerissene Strafverteidiger. Einer von ihnen war der mächtige, wenn auch manchmal langatmige Advokat Cicero, der manche noch immer gängige Verteidigungstaktik ersann. In jedem Plädoyer von Cicero gab es zum Beispiel eine Paralipse - einen rhetorischen Trick, bei dem etwas dadurch hervorgehoben wird, dass man vorgibt, es zu übergehen. Das konnte sich in einem Verfahren so anhören: »Ich werde mich heute auf die Darstellung der Unschuld meines Mandanten beschränken und dabei völlig die Tatsache ignorieren, dass der Staatsanwalt ein berüchtigter Schürzenjäger ist, der regelmäßig seine Frau verprügelt und unschuldige Großmütter bestiehlt«. Eine andere Strategie war das »ad misericordiam«, der Appell an die Barmherzigkeit, bei dem Cicero zum Beispiel die bedauernswerte Gattin seines Mandanten mit ihren zerlumpten, ungewaschenen Kindern hereinführte und sie direkt gegenüber den Geschworenen platzierte. War der Angeklagte kinderlos, wurden kurzerhand ein paar Gören von der Straße engagiert.

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Nemesis der Macht

24. März 2009, 09:49

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall –  eine Erkenntnis, die schon viele große Männer der Geschichte gemacht und am eigenen Leibe verspürt haben. Eben noch sonnte man sich im Glanz seiner Taten, als mit einem Mal ein Anflug von Hybris den Untergang einleitete.

So erging es vor fast 2500 Jahren dem persischen Generalissimus Datis, der 490 v. Chr. ein riesiges Invasionsheer gen Westen führte und mit mehr als 600 Schiffen in der Bucht von Marathon, 40 Kilometer nordöstlich von Athen, an Land ging. Neben einer gewaltigen Heerschar von Reitern und Bogenschützen befand sich auch ein riesiger Block aus parischem Marmor mit an Bord, »aus dem sich der medische Heerführer zur Feier des zu erwartenden Sieges ein Denkmal meißeln lassen wollte«. Dies sagt uns der antike Weltenbummler Pausanias in seiner Abhandlung »Beschreibung Griechenlands«. Datis war sich demnach seiner Sache verdammt sicher – zu sicher, wie sich alsbald herausstellen sollte. Bekanntlich verloren die Perser bei Marathon nicht nur die Schlacht sondern auch den Nimbus der Unbesiegbarkeit.

Als die geschlagenen Perser Hals über Kopf vom Schlachtfeld auf die rettenden Schiffe flohen, hatten sie keine Zeit mehr, den am Strand von Marathon zurückgelassenen Marmorblock mitzunehmen. Der lag nun dort wie ein Mahnmal persischer Hybris zwischen den dahin gemetzelten Gefallenen. Die Griechen, findig wie sie nun einmal waren, hatten für diesen eine zweckmäßige Verwendung. Sie brachten den unbearbeiteten Quader ins nahe gelegene Rhamnus, zum Tempel der Nemesis, der Göttin der strafenden Gerechtigkeit. Aus ihm soll der Legende nach der berühmte Bildhauer Pheidias, manche sagen auch Diodotos, eine Statue der Göttin gemeißelt haben, auf deren Postament folgendes geschrieben stand: »Vormals führten die Meder den Stein her, künftiger Siege prunkendes Zeichen zu sein. Nemesis ward ich darauf. Beides nun bin ich vereint, ein Zeichen des Sieges der Hellenen, aber auch dem medischen Volk Nemesis frevelnden Kriegs« - Hochmut kommt eben vor dem Fall!

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Siegen mit Ziegen

10. März 2009, 15:32

Mit Versprechungen ist es immer so eine Sache - schnell gemacht, sind sie nicht immer zu halten. Diese Erfahrung mussten vor fast genau 2500 Jahren auch die antiken Athener machen. Und das kam so: Einem uralten griechischen Brauch zufolge pflegten die griechischen Heerführer vor der Schlacht ein Gelübde für den Fall eines Sieges abzulegen. Diese Versprechen bestanden vor allem darin, den Göttern, deren Unterstützung man für den bevorstehenden Kampf erbat, vorsorgliche Blutopfer zur magischen Versöhnung mit der Unterwelt darzubringen. Aus diesem Grund führten griechische Heere im Tross große, meist aus Ziegen bestehende Herden mit sich. » weiter

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Regenerative Energien

03. März 2009, 16:27

Steigende Energiekosten, schwindende Ressourcen weltweit - der Wettstreit um die letzten Energiereserven auf unserem Globus ist in vollem Gange. Nicht so in der Antike. Gleichwohl wussten Griechen wie Römer um den Nutzen natürlicher Energien, die Mutter Natur so sattsam bereit stellte. Doch fand man es nicht für nötig, diese eigens zu erschließen. Kurzum: Man erschloss damals keine Energien, man nutzte sie einfach. Wie etwa in Baiae, Roms berühmtesten Kur- und Heilbad am Golf von Neapel, wo diese in Hülle und Fülle vorhanden waren. Dort setzte man bereits vor mehr als 2000 Jahren bei der Beheizung römischer Badeanlagen auf einen "Öko-Mix" aus Solarenergie und Erdwärme. » weiter

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Recycling antik

20. Februar 2009, 11:12

Die Phönizier waren ein sehr innovatives Volk. Sie befuhren nicht nur die Meere und verstanden es nach den Sternen zu navigieren, sondern waren auch Meister der Textilverarbeitung. Berühmt wurden sie vor allem durch ihre Purpurstoffe, die - eingefärbt mit dem Farbstoff einer Meeresschnecke - schon vor mehr als 3000 Jahren zu den Exportschlagern dieses großen Seefahrervolks gehörten. Diesem begehrten Färbemittel verdankten die Phönizier übrigens auch ihren Namen: Phoinikes bedeutet im Griechischen "die roten Menschen". Nicht weniger innovativ waren jene Auswanderer, die um 800 v. Chr. ihre angestammte Heimat an der Levanteküste verließen und sich im nordafrikanischen Karthago niederließen. Diese Neusiedler, von den Römern später Punier genannt, verstanden sich aufs trefflichste auf die Kunst der Glasherstellung, noch mehr aber auf die Metallverarbeitung. Archäologen haben in Karthago eine riesige Metallverarbeitungsstätte mit Blasebälgen entdeckt. Computertomographien der jahrtausendealten Blasebälge verrieten, dass die Einlassventile, die den Luftstrom in die Feuerstellen regulierten, einen sehr hohen Anteil an Kalk enthielten. Dieser wurde offenbar bei der Eisenverarbeitung zugemischt, um Verunreinigungen aus Erz zu neutralisieren. Ein derart ausgetüfteltes Verfahren zur Produktion hochwertigen Eisens wurde erst wieder im 19. Jahrhundert entwickelt. Auch fanden die Forscher die Quelle des Zusatzstoffs: Muschelkalk aus den Gehäusen der Farbstoff liefernden Meeresschnecke. » weiter

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