chronologs Damals & Heute

Knall und Fall

von Theodor Kissel, 08. April 2008, 13:46

Jede öffentliche Einrichtung, ob Krankenhaus, Altersheim, Schule, Kaufhaus oder Behörde, hat ihn für den Ernstfall in der Schublade, den Flucht- und Rettungsplan. Er füllt ganze Aktenorder, regelt jede Maßnahme bis ins kleinste Detail und gibt klare Handlungsanweisungen darüber, wie im Notfall ein Gebäude schnellstmöglich und wohlgeordnet zu evakuieren ist. Evakuierung geht zurück auf eine zusammengesetzte lateinische Wortbildung bestehend aus der Präpostion e (»aus«) und dem Denominativum vacuus (»leeren«), aus dem sich dann das Verbum e-vadere (»herausgehen, entkommen, entgehen«) gebildet hat.

Eine der spektakulärsten Evakuierungen in der Geschichte fand im Spätsommer des Jahres 480 v. Chr. in der griechischen Polis Athen statt. Spektakulär deshalb, weil diese eben nicht von langer Hand geplant war, sondern überstürzt durchgeführt werden musste. Der Grund für die überhastete Evakuierung war ein rachsüchtiger orientalischer Despot, der die Athener, diese vermessenen Kreaturen, für ihre Unterstützung der kleinasiatischen Milesier, die um 500 v. Chr. den Aufstand gegen ihn geprobt hatten, bestrafen wollte. Mit einer gewaltigen Streitmacht zog Xerxes – so hieß dieser persische Potentat – gen Griechenland. Sein Ziel, die Metropole dieser übermütigen Griechen. Langsam aber unaufhaltsam wälzte sich der persische Heerestross nach Süden, der im Sommer 480 v. Chr. mit dem Thermopylenpass den letzten Sperrriegel in Mittelgriechenland knackte. Der Weg nach Athen war frei, ganz Attika war nun dem Einmarsch der Invasoren schutzlos ausgeliefert. Eilig machten die vor den Persern fliehenden athenischen Flottenmannschaften an allen Küstenorten Attikas halt und ließen durch Herolde ausrufen, dass jeder Athener so gut er könne seine Kinder und Familie in Sicherheit bringen solle. In Athen entbrannte derweil eine hitzige Debatte darüber, wie man dem persischen Goliath begegnen sollte, schließlich ging es für die Stadt um Sein oder Nichtsein. Guter Rat war teuer, denn anders als heute besaßen die Athener damals keinen Masterplan für den Fall der Fälle, sondern mussten quasi ins Blaue hinein handeln. Und so schickte man Gesandte zum Orakel nach Delphi, um den Gott Apollon, den »Strahlenden«, um Rat zu fragen. Doch dieser sprach wieder einmal in Rätseln. Vor allem die Worte von der »göttlichen Insel Salamis« und den »hölzernen Mauern«, hinter denen die Athener Schutz suchen sollten, kam den Griechen spanisch vor. Manche meinten dahinter jene Dornenhecke, welche die Akropolis umgab, verstehen zu müssen, andere wiederum, wie der athenische Stratege Themistokles, sahen darin einen klaren Hinweis auf die athenische Flotte, mit der man sich auf besagte Insel im Saronischen Golf absetzen sollte. Dazu muss man wissen, dass Themistokles der Vater der athenischen Flottenpolitik war und dementsprechend ein begründetes Interesse daran hatte, diesem Machtinstrument eine wichtige Rolle in der athenischen Politik zu übertragen.

Evakuierung von Athen hieß folgerichtig die verschlüsselte Botschaft des Gottes, und Themistokles wäre in die Geschichte sicherlich nicht als der »Listige« eingegangen, wenn er nicht auch in dieser Situation seinem Namen alle Ehren gemacht hätte: Um seine Auslegung des Götterspruchs zur communis opinio zu machen, holte er sich Beistand von höchster Autorität: Offiziell verkündete die Priesterin der Athene, dass die Schutzgöttin der Stadt bereits ihr Heiligtum auf der Akropolis verlassen hätte, zusammen mit der heiligen Burgschlange. Und wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, dann hatte diesen das Reptil dadurch erbracht, dass es – ganz gegen seine Gewohnheit – den ihm allmonatlich dargebrachten Opferkuchen nicht angerührt hatte. Jetzt war selbst den letzten Zweiflern klar, Athen musste evakuiert werden. Mit Hilfe der athenischen Flotte wurden binnen weniger Tage 120.000 Menschen aus einem Territorium von annährend 2.700 Quadratkilometern in Sicherheit gebracht, verschifft in überseeische Zufluchtsorte wie Troizen (auf der Peloponnes) oder auf die Inseln Aigina und Salamis. Eine unter antiken Verkehrs- und Kommunikationsbedingungen ganz erstaunliche Leistung. Allein, mehr als die eigene Haut vermochten die Athener nicht zu retten. Haustiere und Vieh, aber auch das gesamte Hab und Gut mussten in der Eile und angesichts der eklatanten Notlage auf dem Festland zurückgelassen werden. Die Griechen wussten später die Dramatik der Stunde noch durch eine besonders anrührende Episode zu steigern. Von dem treuen Haushund der Familie des Perikles, der nicht mehr an Bord gelangte und in seinem Trennungsschmerz ins Wasser gesprungen und hinter dem Schiff her geschwommen sei. Er habe, so will es die Legende, den Strand der Insel sogar noch erreicht, sei aber dort an der Überanstrengung gestorben.



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Kommentare

  1. Jürgen vom Scheidt Klasse - diese Wissensauffrischung
    08.04.2008 | 15:01

    Sehr interessante Geschichte und klasse erzählt. Sie zeigt, was Menschen in großer Not wirklich Großartiges zu leisten vermögen, wenn sie sich eiig sind - und das vor so langer Zeit!

  2. Fischer Und vor allem clever
    14.04.2008 | 22:45

    mal nicht jeden Fußbreit Heimatboden bis zum letzten Blutstropfen verteidigt, sondern strategischer Rückzug und dann eine Entscheidungsschlacht zu den eigenen Bedingungen. Sehr sympathisch.

szmtag