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Die humorvolle Seite der Geschichtschreibung

14. Januar 2012, 12:08

In meinem Studium der Islamwissenschaft habe ich den Schwerpunkt auf islamische Geschichte gelegt und mich mit besonders mit der Entstehung und dem Zerfall von Dynastien, bedeutenden Ereignissen und Persönlichkeiten beschäftigt. Dabei war die Auseinandersetzung vor allem mit den historischen arabischen Quellen vonnöten.
Die Geschichtsschreibung hat zunächst den Auftrag, Fakten zu vermitteln, doch auch die islamische Geschichtsschreibung hat ihre humorvollen Seiten. So gibt es Quellen, die nicht nur Fakten bieten und Ereignisse darstellen, sondern auch das Privatleben der Herrscher, deren Alltag und deren Umgang mit religiösen Vorschriften anhand von Anekdoten zu beleuchten versuchen. Zu nennen ist hier der irakische Historiker Ibn at-Tiqtaqa, der 1302 ein Buch verfasste, in dem Biographien von Kalifen und Wesiren größtenteils in der Form von Anekdoten geschildert werden.
Über das Verhalten des einen oder anderen Herrschers kann man zu Recht staunen und man wird feststellen, dass so manch einer in seinen Scherzen gerne mal übertrieben hat.

Das wahrscheinlich beste Beispiel ist der Kalif al-Amin (reg. 809-813) aus der Dynastie der Abbasiden, den ich gerne auch als „Clown unter den Kalifen“ bezeichne. Mit diesem Kalifen habe ich mich während meiner Magisterarbeit intensiv beschäftigt, die vom Bürgerkrieg, den er sich mit seinem Halbbruder al-Ma`mun (reg. 813-833) lieferte, handelt.
Al-Amin ist der Sohn und Thronfolger des großen Harun ar-Rashid, der uns hierzulande meist aus den Märchen aus 1001 Nacht bekannt ist. Al-Amin, der vier Jahre lang den Titel „Herrscher der Gläubigen“ trug, wird uns als Chaot sondergleichen vorgestellt, der ein großer Liebhaber von Spielereien und Späßen gewesen sein soll, die gerne auch mal das Maß des Anstands und des Respekts seinen Mitmenschen und seinen Bediensteten gegenüber überschritten.
Dies belegt folgende Geschichte:

Eines Tages spielte al-Amin mit seinem Wesir al-Fadl b .ar-Rabi´ Backgammon, und sie wetteten um ihre Siegelstempel. Al-Amin gewann, nahm den Stempel, holte auf der Stelle einen Schmied, ließ unter der Aufschrift „al-Fadl b .ar-Rabi´ yunkahu“ (ungefähre Übersetzung: ‚mit ihm wird der Beischlaf im homosexuellen Sinne vollzogen‘) eingravieren und gab al-Fadl den Stempel zurück, ohne dass dieser die Veränderung bemerkte. Einige Tage später fragte ihn al-Amin, was denn auf seinem Stempel stehen würde. Al-Fadl antwortete: ,,Mein Name und der Name meines Vaters“. Da nahm al-Amin den Stempel und fragte: ,,Was steht denn unter deinem Namen geschrieben?“ Da las al-Fadl was geschrieben war, wurde wütend und sagte unter anderem: ,,Ich stemple schon seit einigen Tagen die Staatsbriefe mit dieser Aufschrift ab und sende sie in alle Gegenden der islamischen Welt! Dies ist bei Gott der Untergang der Herrschaft, du wirst keinen Erfolg haben und wir mit dir auch nicht.“

Um das zu vergleichen, muss man sich also folgende Situation vorstellen: Angela Merkel spielt mit Außenminister Westerwelle „Mensch ärgere dich nicht“ und manipuliert dann seinen Stempel mit so einer Aufschrift ohne dass er es bemerkt; und Westerwelle schickt dann einen Brief mit diesem Stempelaufdruck an die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton.

Um das Bild dieses Kalifen zu vervollständigen, sei noch der letzte Satz von Ibn al-Athir (gest. 1233), einer der seriösesten Quellen in der Beschreibung al-Amins, erwähnt. Dort heißt es:
„Wir finden in seinem Lebenslauf nichts, was seine Erwähnung schön macht an Verstand, Gerechtigkeit oder Erfahrung, damit wir es erwähnen- und dieses Maß genügt.“
Der Wissenschaftler Phillip K. Hitti kommentiert diese Aussage als „eine passende Grabinschrift“.

Diese Aussage des Ibn al-Athir ist durchaus ernst gemeint und ernst formuliert; bei dem Leser kann so eine Aussage über einen Kalifen, also einer Persönlichkeit der islamischen Geschichte, sowohl ein Kopfschütteln als auch ein Lachen auslösen.

Nun muss man natürlich mit solchen Überlieferungen vorsichtig sein; ob es diese Geschichten wirklich gab oder ob das alles nur nachträgliche Erfindungen sind, ist strittig. Auffällig ist aber, dass in der Darstellung al-Amins auch seriöse Quellen wie at-Tabari (gest. 923) oder Ibn al-Athir solche Anekdoten einbringen, was sie z.B. bei seinem Bruder al-Ma`mun kaum bzw. nicht in demselben Maße tun. Immerhin zählt al-Ma`mun zu den herausragendsten Kalifen, deren Herrschaftszeit als goldenes Zeitalter islamischer Herrschaft gilt.

Nun ist al-Amin nicht der einzige unter den Kalifen und Herrschern, der uns solche Geschichten bieten kann. Es gibt viele lustige Anekdoten, die mittlerweile auch schon in Büchern zusammengefasst wurden.
Das Buch „Von Kalifen, Spaßmachern und klugen Haremsdamen“, in dem Geschichten aus arabischen Quellen von Max Weisweiler gesammelt und übersetzt sind, bietet uns einen humorvollen Einblick in das Leben einiger muslimischer Herrscher.
Berichtet wird hier unter anderem über falsche Propheten, die zur Zeit des Kalifen al-Ma`mun auftraten, Zechgelage einiger Herrscher oder aber auch Geschichten von Richtern und Gesetzeslehrern. Hierbei wird des Öfteren auf religiöse Elemente zurückgegriffen.

Eine Anekdote aus diesem Buch heißt „Das fromme Dach“ und hängt mit dem muslimischen Gebet zusammen.
- Während der Ritualgebete loben Muslime Gott den Erhabenen und werfen sich unter anderem auch vor ihm nieder.

Hier die Anekdote:

< Ein Gesetzeslehrer wohnte einmal in einem Hause, dessen Dach beständig in allen Fugen  knackte. Als der Hausbesitzer eines Tages kam, um die Miete einzuziehen, und der Gesetzeslehrer ihn bat, das Dach in Ordnung bringen zu lassen, weil es knackte, erwiderte er: „Keine Angst! Es knackt nur zum Lobe des Gottes, des Erhabenen.“
Da gab ihm der Gesetzeslehrer zur Antwort: „Ich fürchte, dass es am Ende so baufällig wird, dass es sich sogar aus Ehrfurcht vor Gott niederwirft!“ >

Wenn man sich also intensiv mit der Literatur zur islamischen Geschichte auseinandersetzt, dann wird man auch auf amüsante Stellen stoßen und man wird feststellen, dass die Religion immer wieder zum Gegenstand des Humors gemacht wurde.
Das Beispiel des Kalifen al-Amin macht deutlich, dass auch Herrscher Tabus gebrochen haben und die von Muhammad angeordnete Regel, auch im Spaß weder zu lügen, noch zu übertreiben, ignoriert haben:



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