So lasst uns denn ein Nebelkerzlein zünden
Ich lebe noch. Und ich lebe in Griechenland. Lebe länger in diesem Land, als ich in Deutschland je gelebt habe. Ich bin hier auch sozialisiert worden, äußerlich so nachhaltig, dass ich beim Verneinen nicht deutsch den Kopf schüttle, sondern – wie hier üblich – vernehmlich schnalze und den Kopf nach hinten werfe. Ich sage auch auf Griechisch ja, was aber nicht heißt, dass ich alles hierzulande gutheiße. Die griechischen Foristen wissen das zu beklagen.
Um aber richtig Griechin zu sein, reicht nicht allein die Staatsbürgerschaft und das richtige Verneinen – mir fehlt etwas Grundsätzliches: Die Grundschule. Ich habe keine griechische Lehranstalt besucht. Nicht, dass sich die Schulen hier in puncto Bildung besonders auszeichnen: In den Pisa-Studien alle drei Jahre findet sich Griechenland neben Portugal regelmäßig am Tabellenende wieder (sind diese Staaten vielleicht deshalb so hoch verschuldet, weil da keiner rechnen gelernt hat?). Hauptaufgabe der hiesigen Volksschule – und so versteht sie sich im wahrsten Sinn des Wortes - ist vielmehr, aus kleinen Griechen große Griechen zu machen; „im Geiste“, das sei man der Vergangenheit nun mal schuldig, erklären die Lehrer, wenn man sie auf die Erziehungsinhalte anspricht. Die Kinder bekommen Werte eingetrichtert, die verquer und anachronistisch zu nennen noch ein Euphemismus wäre.
Was die griechischen Kids fürs Leben lernen, kann ich regelmäßig an meinem Patenkind studieren, das gerade acht Jahre alt geworden ist. Danae ist die Tochter meiner Freundin und Kollegin, und in Zeitläuften wie diesen bin ich als Tante sehr gefragt. Meine Freundin und ihr Mann, beide Archäologen, müssen nämlich laufend zum Demonstrieren. Auch Archäologen streiken in Griechenland, fordern eine kürzere Lebensarbeitszeit, obwohl sie gerade ihre Arbeit verloren haben. Normalerweise wäre ihre Tochter ja in der Schule, aber auch die Lehrer streiken. Immer, wenn also das „Volk“ auf die Straße geht, hüte ich Danae. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass ich so ausreichend Gelegenheit hatte, das Kind sehr gut kennenzulernen. Danae zeigt mir auf, was sie so alles fürs Leben lernt. Wieder mal Generalstreik, wieder mal ist Danae bei mir. Als ich in die Küche komme, entdecke ich ein leeres Marmeladenglas auf dem Tisch. Pflaumenmus von meiner Großtante war darin gewesen, eigenhändig von ihr eingekocht anno 2008 - kann ich jedenfalls noch dem Etikett entnehmen. Dies Glas gehörte zu meinen lukullischen Schätzen; mein Vergangenheitstratzerl, das ich brauche, um Kindheit zu kosten, wann immer die Gegenwart gar zu trübe ist. Ich rufe nach meinem Patenkind. Sie kommt wie immer strahlend an, ihr Mund ist noch rot verschmiert.
„Danae!“ sage ich streng „du hast meine ganze Marmelade weggefuttert.“ „Ich war das nicht, Tante Nera!“ sagt Danae ohne eine Spur von schlechtem Gewissen. „Dass Glas hat mich angesprungen. Ich konnte nicht anders. Ich war ja gezwungen, die Marmelade zu essen!“
Keine Schuld zu haben, sich nie schuldig fühlen zu müssen, das schafft eine kerngesunde Psyche. Danae hat es gut: Keine Selbstzweifel vergällen ihr Leben, sie kann es und meine Marmelade in schönster Unschuld genießen. Was aber wenn der kleine Alexander groß geworden ist, aber kein Großer? Er ist dann nur groß im Schuldzuweisen, siehe die Reaktionen auf die derzeitige Krise. Er, der Grieche, soll über seine Verhältnisse gelebt haben? Von wegen! Der Porsche hat ihn einfach angesprungen. Er war ja gezwungen, ihn zu kaufen (so verzeichnet Larisa, mit die höchst verschuldete Stadt in Griechenland, das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von Porsche Cayenne in der ganzen Welt.)!
Aber nein, nicht die Griechen haben die Krise mit verursacht, sie ist ihnen einfach zugestoßen. Sie verlegen sich auf Ablenkungsmanöver, auch da sind sie groß drin, weil gut geschult. Schuld an dem Staatsfinanzdebakel tragen andere: die Banken, das Ausland, dunkle Mächte, Siemens, Angela Merkel – die Liste ist lang, außer den Politikern der jeweils gegnerischen Partei ist kein Grieche darunter. Griechen sind Helden, aber immer die Opfer - im Vaterland der Widersprüche leisten wenigstens die Schulen ganze Arbeit.
Danae ist wieder bei mir. Den zigsten Generalstreik sitzen die Eltern diesmal auf der Akropolis aus und blockieren diese Stätte, auf dass auch die Touristen zu spüren bekommen, wie ungerecht es hierzulande zugeht. Die Marmeladen meiner Großtante habe ich versteckt und da Danaes Mund immer in Bewegung zu sein hat, singt sie mir diesmal Lieder vor, die Lieder, die sie gerade in der Schule gelernt hat.
I patrida mou glyka, oh du mein süßes Vaterland, schmelzt sie mich an, das rechte Händchen fest auf ihrem Herzen. Ob solchen nationalen Gefühligkeiten habe ich gemischte Gefühle wie wahrscheinlich alle Deutschen und wie wahrscheinlich alle Althistoriker. Die alten Griechen kannten kein Vaterland, nur eine Vaterstadt. Ihnen, die vor allem ihre Individualität verteidigten, ging es um die eigene Ehre und die der Sippe, nie um die Ehre eines nicht fest umrissenen Landes. Nur ein einziges Mal in der Antike wuchsen die Hellenen zu einer Nation zusammen; eine große Bedrohung von außen zwang sie zu dem Verbund. Als die Perser mit einer riesigen Streitmacht gegen alle griechischen Stadtstaaten marschierten, vergaßen Athener und Co. kurz auf die üblichen Animositäten. Kaum aber waren die Perser vertrieben und die Gefahr gebannt, brauchte es keinen einig Staat mehr und man ging schnell zur Tagesordnung über. Wie dann im Peloponnesischen Krieg, in dem sich Athen und Sparta jahrzehntelang unversöhnlich gegenüberstanden.
Die Griechen der Gegenwart besingen nun das süße Vaterland, aber ihr süßes Vaterland ist ihnen, oh, keinen Cent wert. Denn wäre ihnen ihr Land so lieb, wie sie tönen, würden sie es doch auch pekuniär unterstützen. Gern würden sie dann Steuern zahlen und sie nicht wie gehabt hinterziehen.
Mit einem martialischen Lied holt mich Danae aus meinem Traum von einem gerechten Griechenland in das reale der Ungerechtigkeiten zurück.
„Wir töten alle Türken! Wir schlachten sie!“ schmettert sie.
„Danae, wo hast du denn das gelernt?“ frage ich aufgeschreckt.
„Na in der Schule, Tantilein!“ lacht sie mich an.
„Und wann singt ihr dieses Lied?“
„Oh, die ganze Zeit. Aber hauptsächlich am 25. März. Da haben wir es aber den Türken ordentlich gegeben!“ wirft sich die Kleine in die Brust. Der 25. März ist der Unabhängigkeitstag, der an den Beginn des griechischen Freiheitskampfes 1821 erinnert.
„Komm, sing doch mit!“ bittelt Danae. Einen Teufel werde ich tun. (Der Forist Giannopoulos wird schon wissen warum: „Die unübersehbare Turkophilie Nera Ides zeigt sehr klar das charakteristische Solidaritätsgefühl, welches zwischen einigen Vertretern von Völkern mit Verwandtschaftspunkten in ihrer historischen Präsenz anscheinend existiert.“ Das sage mal einem Berliner!)
Nationale Töne sind in Griechenland Volksgut, und ob Rechte oder Linke, alle stimmen das hohe Lied von der nationalen Ehre an. Deswegen reagiert man hier mit dem Beißreflex, wann immer es gegen die Nation und ihre vermeintliche Ehre geht. So wurde der deutschen Reisejournalist Klaus Bötig angezeigt, da er in einem Artikel die Griechen als „nettes Völkchen“ beschrieben hat. Wegen des Diminutivs wird ihm der Prozess gemacht, weil angeblich sein „Völkchen“ ein ganzes Volk beleidigt.
Selbst eine schlichte Unterschrift wird im Moment zu einer Frage der nationalen Ehre erhoben. Antonis Samaras soll sie leisten, er ist der Vorsitzende der konservativen Nea Dimokratia, jener Partei also, die von 2004 bis 2009 an der Regierung war und die unsolide Wirtschaftspolitik auf die Spitze getrieben hat, was letztlich zur jetzigen Krise führte. Doch Samaras ist ein Meister im gezielten Vernebeln, ein Taktiker der Ablenkung. In den neunziger Jahren brach er den Namenstreit mit Mazedonien vom Zaun, vorgeblich wegen der nationalen Ehre, in Wirklichkeit aber wegen seines persönlichen Ansehens: Er fühlte sich in seiner Partei nicht richtig beachtet. Dann spaltete er sogar seine Partei, gründete eine neue, um wenig später dann mit inszenierten Aplomb wieder seiner alten Partei beizutreten. Und jetzt macht er tatsächlich die Griechen vergessen, dass seine Partei einen Großteil Schuld an dem jetzigen Desaster hat.
Als Nebelkerze muss eine Unterschrift herhalten, die er lautstark verweigert. EU, EZB und IWF verlangen für die finanzielle Unterstützung Griechenlands von den Vorsitzenden der beiden großen Parteien ein schriftliches Einverständnis, das ausgehandelte Sparprogramm mitzutragen. Er gebe sein Wort, beschied sie Samaras, das müsse reichen (das werde ich meinem Banker sagen, wenn ich mal wieder einen Kredit benötige).
Er unterschreibt natürlich doch, d.h. er schickt einen Brief nach Brüssel. Die Griechen sehen das mitnichten als Einknicken. Fragen Sie doch mal den Mann auf der Straße. Ich frage meinen Mann von der Tankstelle.
„Samaras hat es den Typen in Brüssel aber gezeigt“, sagt er stolz.
„Aber er hat doch unterschrieben?“ wende ich ein.
„Bah, er hat denen doch nur einen Brief geschrieben!“ sagt er.
„Und in dem Brief steht, dass er mit den Sparmaßnahmen einverstanden ist!“ beharre ich.
Mein Tankwart blinzelt mir zu: „Papier ist geduldig. Und Samaras ist ein schlauer Hund. Der wird es denen in Brüssel schon zeigen!“
Obwohl er seine Unterschrift geleistet hat(wahrscheinlich wird er später einmal zu Protokoll geben, dass ihn die Unterschrift angesprungen hat, er nicht anders konnte), verkauft sich Samaras den Griechen weiterhin als großer Verweigerer. Ich will nur eines. Nein, nicht Griechenland aus der Krise führen. Er will führen, will unbedingt an die Macht und das schnell. Deshalb hört man von ihm keine konstruktiven Beiträge zur Krisenbewältigung, sondern immer nur die Forderung nach Neuwahlen. Weil die Griechen ja alle Zeit der Welt haben und nichts dringender bedürfen als einen Wahlkampf. Und er hat schon angekündigt, was er als erstes machen wird, sollte der die Wahlen gewinnen. Er will nicht resoluter die Krise bekämpfen, sondern die Türken. Mazedonien will er „stutzen“ und, ach ja, all die Beamten wieder einstellen, die wegen des Sparprogramms aus dem aufgeblähten Verwaltungsapparat entlassen wurden.
Wir werden ja sehen. Die jungen Griechen wollen nicht weiter zusehen, sie verlassen in Scharen das Land. Viele haben bereits Arbeit in der Türkei gefunden; vielleicht bewirkt die Krise da wirklich etwas Gutes, wenn schon nicht Völker, wachsen nun die Menschen verfeindeter Nationen zusammen Und so lebe ich denn weiter in Griechenland, will weiter hier leben, obwohl die frühere Leichtigkeit des Seins dahin ist. Viel Schönes ist geblieben und damit es weiter so bleibt, werde in meinem Garten eine Reihe kleiner Olivenbäume pflanzen, die hoffentlich einmal den Solarparks rundherum die Stirn bieten können. Aber das ist ein andere Geschichte, ein neues Thema.
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