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So lasst uns denn ein Nebelkerzlein zünden

12. Dezember 2011, 11:34

Ich lebe noch. Und ich lebe in Griechenland. Lebe länger in diesem Land, als ich in Deutschland je gelebt habe. Ich bin hier auch sozialisiert worden, äußerlich so nachhaltig, dass ich beim Verneinen nicht deutsch den Kopf schüttle, sondern – wie hier üblich – vernehmlich schnalze und den Kopf nach hinten werfe. Ich sage auch auf Griechisch ja, was aber nicht heißt, dass ich alles hierzulande gutheiße. Die griechischen Foristen wissen das zu beklagen.

Um aber richtig Griechin zu sein, reicht nicht allein die Staatsbürgerschaft und das richtige Verneinen – mir fehlt etwas Grundsätzliches: Die Grundschule. Ich habe keine griechische Lehranstalt besucht. Nicht, dass sich die Schulen hier in puncto Bildung besonders auszeichnen: In den Pisa-Studien alle drei Jahre findet sich Griechenland neben Portugal regelmäßig am Tabellenende wieder (sind diese Staaten vielleicht deshalb so hoch verschuldet, weil da keiner rechnen gelernt hat?). Hauptaufgabe der hiesigen Volksschule – und so versteht sie sich im wahrsten Sinn des Wortes - ist vielmehr, aus kleinen Griechen große Griechen zu machen; „im Geiste“, das sei man der Vergangenheit nun mal schuldig, erklären die Lehrer, wenn man sie auf die Erziehungsinhalte anspricht. Die Kinder bekommen Werte eingetrichtert, die verquer und anachronistisch zu nennen noch ein Euphemismus wäre.

Was die griechischen Kids fürs Leben lernen, kann ich regelmäßig an meinem Patenkind studieren, das gerade acht Jahre alt geworden ist. Danae ist die Tochter meiner Freundin und Kollegin, und in Zeitläuften wie diesen bin ich als Tante sehr gefragt. Meine Freundin und ihr Mann, beide Archäologen, müssen nämlich laufend zum Demonstrieren. Auch Archäologen streiken in Griechenland, fordern eine kürzere Lebensarbeitszeit, obwohl sie gerade ihre Arbeit verloren haben. Normalerweise wäre ihre Tochter ja in der Schule, aber auch die Lehrer streiken. Immer, wenn also das „Volk“ auf die Straße geht, hüte ich Danae. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass ich so ausreichend Gelegenheit hatte, das Kind sehr gut kennenzulernen. Danae zeigt mir auf, was sie so alles fürs Leben lernt. Wieder mal Generalstreik, wieder mal ist Danae bei mir. Als ich in die Küche komme, entdecke ich ein leeres Marmeladenglas auf dem Tisch. Pflaumenmus von meiner Großtante war darin gewesen, eigenhändig von ihr eingekocht anno 2008 - kann ich jedenfalls noch dem Etikett entnehmen. Dies Glas gehörte zu meinen lukullischen Schätzen; mein Vergangenheitstratzerl, das ich brauche, um Kindheit zu kosten, wann immer die Gegenwart gar zu trübe ist. Ich rufe nach meinem Patenkind. Sie kommt wie immer strahlend an, ihr Mund ist noch rot verschmiert.

„Danae!“ sage ich streng „du hast meine ganze Marmelade weggefuttert.“ „Ich war das nicht, Tante Nera!“ sagt Danae ohne eine Spur von schlechtem Gewissen. „Dass Glas hat mich angesprungen. Ich konnte nicht anders. Ich war ja gezwungen, die Marmelade zu essen!“

Keine Schuld zu haben, sich nie schuldig fühlen zu müssen, das schafft eine kerngesunde Psyche. Danae hat es gut: Keine Selbstzweifel vergällen ihr Leben, sie kann es und meine Marmelade in schönster Unschuld genießen. Was aber wenn der kleine Alexander groß geworden ist, aber kein Großer? Er ist dann nur groß im Schuldzuweisen, siehe die Reaktionen auf die derzeitige Krise. Er, der Grieche, soll über seine Verhältnisse gelebt haben? Von wegen! Der Porsche hat ihn einfach angesprungen. Er war ja gezwungen, ihn zu kaufen (so verzeichnet Larisa, mit die höchst verschuldete Stadt in Griechenland, das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von Porsche Cayenne in der ganzen Welt.)!

Aber nein, nicht die Griechen haben die Krise mit verursacht, sie ist ihnen einfach zugestoßen. Sie verlegen sich auf Ablenkungsmanöver, auch da sind sie groß drin, weil gut geschult. Schuld an dem Staatsfinanzdebakel tragen andere: die Banken, das Ausland, dunkle Mächte, Siemens, Angela Merkel – die Liste ist lang, außer den Politikern der jeweils gegnerischen Partei ist kein Grieche darunter. Griechen sind Helden, aber immer die Opfer - im Vaterland der Widersprüche leisten wenigstens die Schulen ganze Arbeit.

Danae ist wieder bei mir. Den zigsten Generalstreik sitzen die Eltern diesmal auf der Akropolis aus und blockieren diese Stätte, auf dass auch die Touristen zu spüren bekommen, wie ungerecht es hierzulande zugeht. Die Marmeladen meiner Großtante habe ich versteckt und da Danaes Mund immer in Bewegung zu sein hat, singt sie mir diesmal Lieder vor, die Lieder, die sie gerade in der Schule gelernt hat.

I patrida mou glyka, oh du mein süßes Vaterland, schmelzt sie mich an, das rechte Händchen fest auf ihrem Herzen. Ob solchen nationalen Gefühligkeiten habe ich gemischte Gefühle wie wahrscheinlich alle Deutschen und wie wahrscheinlich alle Althistoriker. Die alten Griechen kannten kein Vaterland, nur eine Vaterstadt. Ihnen, die vor allem ihre Individualität verteidigten, ging es um die eigene Ehre und die der Sippe, nie um die Ehre eines nicht fest umrissenen Landes. Nur ein einziges Mal in der Antike wuchsen die Hellenen zu einer Nation zusammen; eine große Bedrohung von außen zwang sie zu dem Verbund. Als die Perser mit einer riesigen Streitmacht gegen alle griechischen Stadtstaaten marschierten, vergaßen Athener und Co. kurz auf die üblichen Animositäten. Kaum aber waren die Perser vertrieben und die Gefahr gebannt, brauchte es keinen einig Staat mehr und man ging schnell zur Tagesordnung über. Wie dann im Peloponnesischen Krieg, in dem sich Athen und Sparta jahrzehntelang unversöhnlich gegenüberstanden.

Die Griechen der Gegenwart besingen nun das süße Vaterland, aber ihr süßes Vaterland ist ihnen, oh, keinen Cent wert. Denn wäre ihnen ihr Land so lieb, wie sie tönen, würden sie es doch auch pekuniär unterstützen. Gern würden sie dann Steuern zahlen und sie nicht wie gehabt hinterziehen.

Mit einem martialischen Lied holt mich Danae aus meinem Traum von einem gerechten Griechenland in das reale der Ungerechtigkeiten zurück.
„Wir töten alle Türken! Wir schlachten sie!“ schmettert sie.
„Danae, wo hast du denn das gelernt?“ frage ich aufgeschreckt.
„Na in der Schule, Tantilein!“ lacht sie mich an.
„Und wann singt ihr dieses Lied?“

„Oh, die ganze Zeit. Aber hauptsächlich am 25. März. Da haben wir es aber den Türken ordentlich gegeben!“ wirft sich die Kleine in die Brust. Der 25. März ist der Unabhängigkeitstag, der an den Beginn des griechischen Freiheitskampfes 1821 erinnert.

„Komm, sing doch mit!“ bittelt Danae. Einen Teufel werde ich tun. (Der Forist Giannopoulos wird schon wissen warum: „Die unübersehbare Turkophilie Nera Ides zeigt sehr klar das charakteristische Solidaritätsgefühl, welches zwischen einigen Vertretern von Völkern mit Verwandtschaftspunkten in ihrer historischen Präsenz anscheinend existiert.“ Das sage mal einem Berliner!)

Nationale Töne sind in Griechenland Volksgut, und ob Rechte oder Linke, alle stimmen das hohe Lied von der nationalen Ehre an. Deswegen reagiert man hier mit dem Beißreflex, wann immer es gegen die Nation und ihre vermeintliche Ehre geht. So wurde der deutschen Reisejournalist Klaus Bötig angezeigt, da er in einem Artikel die Griechen als „nettes Völkchen“ beschrieben hat. Wegen des Diminutivs wird ihm der Prozess gemacht, weil angeblich sein „Völkchen“ ein ganzes Volk beleidigt.

Selbst eine schlichte Unterschrift wird im Moment zu einer Frage der nationalen Ehre erhoben. Antonis Samaras soll sie leisten, er ist der Vorsitzende der konservativen Nea Dimokratia, jener Partei also, die von 2004 bis 2009 an der Regierung war und die unsolide Wirtschaftspolitik auf die Spitze getrieben hat, was letztlich zur jetzigen Krise führte. Doch Samaras ist ein Meister im gezielten Vernebeln, ein Taktiker der Ablenkung. In den neunziger Jahren brach er den Namenstreit mit Mazedonien vom Zaun, vorgeblich wegen der nationalen Ehre, in Wirklichkeit aber wegen seines persönlichen Ansehens: Er fühlte sich in seiner Partei nicht richtig beachtet. Dann spaltete er sogar seine Partei, gründete eine neue, um wenig später dann mit inszenierten Aplomb wieder seiner alten Partei beizutreten. Und jetzt macht er tatsächlich die Griechen vergessen, dass seine Partei einen Großteil Schuld an dem jetzigen Desaster hat.

Als Nebelkerze muss eine Unterschrift herhalten, die er lautstark verweigert. EU, EZB und IWF verlangen für die finanzielle Unterstützung Griechenlands von den Vorsitzenden der beiden großen Parteien ein schriftliches Einverständnis, das ausgehandelte Sparprogramm mitzutragen. Er gebe sein Wort, beschied sie Samaras, das müsse reichen (das werde ich meinem Banker sagen, wenn ich mal wieder einen Kredit benötige).

Er unterschreibt natürlich doch, d.h. er schickt einen Brief nach Brüssel. Die Griechen sehen das mitnichten als Einknicken. Fragen Sie doch mal den Mann auf der Straße. Ich frage meinen Mann von der Tankstelle.
„Samaras hat es den Typen in Brüssel aber gezeigt“, sagt er stolz.
„Aber er hat doch unterschrieben?“ wende ich ein.
„Bah, er hat denen doch nur einen Brief geschrieben!“ sagt er.
„Und in dem Brief steht, dass er mit den Sparmaßnahmen einverstanden ist!“ beharre ich.
Mein Tankwart blinzelt mir zu: „Papier ist geduldig. Und Samaras ist ein schlauer Hund. Der wird es denen in Brüssel schon zeigen!“

Obwohl er seine Unterschrift geleistet hat(wahrscheinlich wird er später einmal zu Protokoll geben, dass ihn die Unterschrift angesprungen hat, er nicht anders konnte), verkauft sich Samaras den Griechen weiterhin als großer Verweigerer. Ich will nur eines. Nein, nicht Griechenland aus der Krise führen. Er will führen, will unbedingt an die Macht und das schnell. Deshalb hört man von ihm keine konstruktiven Beiträge zur Krisenbewältigung, sondern immer nur die Forderung nach Neuwahlen. Weil die Griechen ja alle Zeit der Welt haben und nichts dringender bedürfen als einen Wahlkampf. Und er hat schon angekündigt, was er als erstes machen wird, sollte der die Wahlen gewinnen. Er will nicht resoluter die Krise bekämpfen, sondern die Türken. Mazedonien will er „stutzen“ und, ach ja, all die Beamten wieder einstellen, die wegen des Sparprogramms aus dem aufgeblähten Verwaltungsapparat entlassen wurden.

Wir werden ja sehen. Die jungen Griechen wollen nicht weiter zusehen, sie verlassen in Scharen das Land. Viele haben bereits Arbeit in der Türkei gefunden; vielleicht bewirkt die Krise da wirklich etwas Gutes, wenn schon nicht Völker, wachsen nun die Menschen verfeindeter Nationen zusammen Und so lebe ich denn weiter in Griechenland, will weiter hier leben, obwohl die frühere Leichtigkeit des Seins dahin ist. Viel Schönes ist geblieben und damit es weiter so bleibt, werde in meinem Garten eine Reihe kleiner Olivenbäume pflanzen, die hoffentlich einmal den Solarparks rundherum die Stirn bieten können. Aber das ist ein andere Geschichte, ein neues Thema.



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In einem Unrechtsstaat

15. Februar 2011, 13:53

Meine Freundin hat ihr Haus verloren. Nicht durch eine Naturkatastrophe wie Erdbeben oder Waldbrände, die in Griechenland ja an der Tagesordnung sind, sondern durch eine Katastrophe menschlicher Natur. Eine Katastrophe, wie sie hier leider allzu üblich ist. Meine Freundin hat ihr Haus verloren, weil es einem anderen so gefiel.

Gier ist in Griechenland keine Todsünde, sie wird sogar noch vom Staat und der Gesellschaft sanktioniert. Ich bestimme was Recht ist, sagt so mancher Grieche. Die Justiz scheint ihm dann beizupflichten, denn gemeinsam hebelt man hier immer wieder sogar EU-Bestimmungen aus. Selbst die Zehn Gebote sind einigen Griechen nicht heilig. Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen, du sollst nicht stehlen - diese Gebote sind in Griechenland gelegentlich außer Kraft gesetzt, womöglich sogar mit tätiger Unterstützung der Judikative. Es liegt solcher Justiz fern, sich auf die Seite der Opfer zu schlagen. So die Täter besser zahlen, legalisiert sie lieber die Untaten. Durch einen Unrechtsspruch hat meine Freundin letztlich ihr Haus verloren. Doch die ganze Geschichte von vorn:  » weiter

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Große Vergangenheit, k(l)eine Zukunft

24. September 2010, 11:23

Ende der Ferien. Am Montag, den 13. September, hat in Griechenland die Schule wieder begonnen. Normalerweise ist die unterrichtsfreie Zeit wunderschöne drei Monate lang - aber was ist noch normal in Zeiten der Krise? So hatten in diesem Jahr viele Schüler schon Wochen vor Ferienbeginn Ferien, da die Lehrer streikten. Und viele Schüler werden auch über den 13. September hinaus Ferien haben, da die Lehrer immer noch streiken. Oder sie keine Lehrer mehr haben, da 11 000 der Lehrkräfte noch vor den Ferien, weil da noch die alten Bestimmungen galten, ihre Frühverrentung beantragt haben - zu den 4000, die redlich in Rente gehen.

Die Lehrer haben auch während der Ferien gestreikt und ihren Ex-Schülern nicht gerade wunderschöne Ferien bereitet. Die Abiturienten und ihre Eltern saßen im ohnehin heißen Sommer auch noch auf Kohlen, da die Prüfungsarbeiten nicht korrigiert wurden. Das Abitur hierzulande setzt sich aus einem schuleigenen Test und den zentral gestellten Aufgaben der Panhelladischen Prüfung zusammen; letztere ist tatsächlich eine Hochschulreifeprüfung, da deren Ergebnis darüber entscheidet, wo was studiert werden darf. Eben diese Prüfungsarbeiten blieben unkorrigiert, und das bescherte auch meinem Tankwart einen unruhigen Sommer. Was nicht an seiner eigentlichen Arbeit lag, denn mangels Benzin hatte er nichts zu tun.  » weiter

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Kick it like Einstein: Kreta zeigt Archäologen die rote Karte

18. Mai 2010, 09:42

Eine Insel im östlichen Mittelmeer, die sich wie ein Riegel vor Europa schiebt. Die aber ins Zentrum der Betrachtung rückt, wenn es um die Anfänge Europas geht. Als Wiege Europas wird Kreta tituliert, da hier auf diesem Außenposten in der Ägäis die erste Hochkultur unseres Kontinents entstand. Eine Kultur, die viel bewirkte und bis heute nachwirkt. So erkor die moderne Frauenbewegung das alte Kreta zu ihrer Trauminsel und wählte ein Kennzeichen der Ur-Europäer zu ihrem Abzeichen: die Doppelaxt. Weiter lassen sich viele Zeitgenossen gern von ureuropäischen (Denk)Mustern leiten, wie zum Beispiel der geschätzte Labyrinth-Blogger Jürgen vom Scheidt.

Wenn einem Anfang je ein ganz besonderer Zauber innewohnte, dann diesem Beginn Europas. Dabei sind die Anfänge des Anfangs völlig unspektakulär: Um 3000 v. Chr. werden auf der Insel erste einfache Siedlungen errichtet, wird hier grobes Geschirr gewulstet wie anderswo in der Frühen Bronzezeit. Tausend Jahre verharren die Ur-Kreter in dieser Unkultiviertheit, um dann plötzlich mit nie dagewesener Keramik, revolutionärer Malerei und einer Baukunst aufzutrumpfen, die in den Palästen von Knossos, Phaistos und Mallia gipfelt.

Nicht nur Archäologen staunen über die feinen Tongefäße made im alten Kreta, die sie Eierschalenware nennen, da Schalen und Schüsseln so dünnwandig sind wie zartes Porzellan. Ein Wunder ist nicht allein deren Herstellung, sondern auch die Bemalung. Tintenfische ringeln sich, Muscheln reihen sich, Delphine springen auf Bechern, Vasen und Amphoren. Die Künstler des alten Kreta nahmen noch weit Größeres in Angriff: Die Wände der Villen und Paläste, die sie mit einmaligen Bildern versahen. Mit Fresken, die herzustellen eine besondere Kunst-fertigkeit erfordert, da Linien und Farben rasch auf den nassen Putz aufgetragen werden müssen. Mit genialem Schwung zeichneten die frühen Maler, und so entstanden Momentaufnahmen aus einer schönen Bronzezeit: Selbstbewusste Frauen tragen ihre ondulierten Köpfe hoch, stecken sie bei Partys zusammen und sind ganz Auge, wenn wohlgestaltete Jünglinge paradieren.

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Seid ihr Griechen noch zu retten?

16. März 2010, 17:29

Es ist Ende Februar und frühsommerlich heiß. Wie das Wetter spielt auch jenes Volk verrückt, dessen Wort fakelaki Eingang in den europäischen Sprachschatz gefunden hat. Die Sonne brennt vom Himmel, doch ich ziehe mir eine Wollmütze an und die tief ins Gesicht, denn die Atmosphäre in Athen ist eisig. Wie eisig, will ich von Volkes Stentorstimme erfahren, mache mich also auf den Weg zu meinem Tankwart. Da, wo er sonst immer die Autos betankt, sitzt er gemütlich mit seinen Freunden um einen der typischen, runden Tische aus Blech, den sie sich aus dem nahen Kafeneion ausgeliehen haben. Wie auch den garconi, den jugendlichen Kellner, der normalerweise per Moped seine Gäste bedient, heute aber zu Fuß mit seinem Henkeltablett unterwegs ist.

Der Tankwart hat frei, da es seit Tagen kein Benzin in Griechenland gibt. Die Zöllner streiken, weil der Staat der Krise wegen nun ihre Provisionen versteuern will, die sie zuzüglich ihres Gehalts bekommen. Diese Zusatzzahlung errechnet sich aus dem prozentualen Anteil des Zolls, den der Zöllner dem Staat einbringt. Was ihn davon abhalten sollte, beide Augen zuzudrücken, bringt ihn dazu, beide Hände aufzuhalten, d.h. über Gebühr abzukassieren. Und weil er gar nicht daran denkt, von diesem Zubrot dem Spender auch nur eine Krume zurückzugeben, wird die Einfuhr der Waren blockiert, darunter auch die von Benzin. Ich nähere mich betont forschen Schritts der Männerrunde; Köpfe, nicht allein von der Sonne und dem frühen kognaki gerötet, rucken in meine Richtung.

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Das Vaterland der Korruption

24. November 2009, 10:22

Mir ist übel. Diesmal nicht vom Lesen der Kommentarspalten, sondern ich fühle mich tatsächlich krank. Statt aber einen Arzt aufzusuchen, schleppe ich mich erst einmal zu meinem Tankwart. Nicht, weil der neben Autos auch Menschen heile machen kann, wie er behauptet. Auch nicht, weil meine Wahlheimat Griechenland in puncto medizinischer Versorgung eine Wüste ist. Es gibt Praxen zuhauf, in denen ich sofort behandelt werde, wenn ich viel und bar bezahle. Ich bin im aber im Land krankenversichert - und genau das ist der Knackpunkt. » weiter

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Hie Sommernachtstraum, da Sommernachtsalptraum

20. August 2009, 13:14

Sommer in Griechenland ist immer Theater. Nicht nur Theaterdonner allenthalben in den Kommentarspalten, sondern tatsächlich Theater. Großes Theater im großen Theater von Epidauros, das in der Antike Behandlungsgroßraum einer besonderen Heilstätte war. Als Chefarzt agierte damals ein gewisser Asklepios - lateinisch  Äskulap - auf den heute noch alle Mediziner schwören. Diesem Gott in Weiß verdanken wir ein Heilungskonzept, das heute als ganzheitlich bezeichnet wird. Der Mensch wird nur dann krank, wenn seine Seele leidet, glaubte die Ärzteschaft im Krankenhaus, sprich Krankentempel von Epidauros. Also galt es in erster Linie, die Seele zu therapieren und dafür setzten sie das Theater ein. Große Tragödien ließen das eigene Leid klein erscheinen, über Komödien lachte man sich gesund.
Theater war Heilmittel für die alten Griechen, kurierte vor allem die Seelenleiden. » weiter

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Lieber Kosta, lieber Panos,

22. Juni 2009, 19:19

Da hat es mir doch glatt den Blog verschlagen. Istanbul als eine „von Türken durchseuchte Stadt“ zu bezeichnen, hört man nicht einmal in den urgriechischen Kafeneions, wo mann naturgemäß andere Wirklichkeiten herbeischwadroniert, sich beim kleinen Mokka an alter Größe berauscht. Selbst mein Tankwart im Athener Stadtteil Nea Smyrni, dessen Großeltern aus dem alten Smyrna vertrieben wurden, sieht da die Türkei, die Vergangenheit differenzierter. » weiter

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Die (un)heimliche Hauptstadt

29. Januar 2009, 10:42

Ich muss nach Istanbul reisen. Von Athen aus gar nicht so einfach, obwohl das Reiseziel nur eine Flugstunde entfernt liegt. Auf der Anzeigentafel des Athener Flughafens, vorgeblich ein internationaler, sucht man Istanbul vergebens. Und so stampeden denn auch Herden von Japanern und Amerikanern an den Check-ins entlang, auf der Suche nach ihrem Flug nach Istanbul. Auch die sonst so netten Damen an der Information stellen sich tumb, wenn das Reizwort fällt: "Sorry, we do not know that Ista.. , how did you say?"

Der Reisende, der in Athen das Zauberwort nicht kennt, kommt da nicht weiter, kommt nur nach Istanbul, wenn ihn ein alles verzeihender Grieche draufstößt oder er sich selbst auf den ehemaligen Namen der Stadt besinnt: Konstantinopel, auf griechisch Konstantinoupoli. Flüge in die Stadt des Konstantins werden von der griechischen wie der türkischen Airline angeboten. Beide starten verboten früh oder verboten spät in die griechische Lieblingsstadt im Feindesland. Nach einem Vorfall, besser Rückfall, kürzlich bei Olympic Airways buche ich nun lieber bei Turkish Airlines. » weiter

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Durchsichtiges Museum, durchsichtiges Manöver

19. Dezember 2008, 17:48

Athen hat ein neues Museum. Das Akropolis-Museum ist von der Akropolis in einen Wahnsinnsbau unterhalb des Parthenons umgezogen, der wieder einmal die Frage aufwirft, warum man für archäologische Museen nur hyperfuturistische Architektur als passend erachtet. Von Athens Tempelberg aus besehen, mutet das neue Domizil für die Altertümer wie ein Flugzeugträger an, der durch die Altstadt pflügt. Baustil wie Bauplatz haben zu erregten Diskussionen geführt, die während der langen Bauzeit nicht abebbten, sondern von Tag zu Tag immer lauter wurden. Bei all dem Geschrei um Korruption und Vetternbauwirtschaft geht das wirkliche Ärgernis völlig unter: Das Museum bleibt geschlossen.

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