chronologs Es war einmal ...

Vergebene Chancen oder der verlorene Turm

von Markus Zwittmeier, 27. Februar 2010, 11:00

Der Turm, erkennbar durch das fehlende Gesimms des FachwerkbausIm Gegensatz zu anderen Pfalzen, wie etwa der Pfalz in Ingelheim, in der seit 1888 immer wieder gezielt nach Resten der Pfalz Karls des Großen gegraben wurde, fanden in Trebur nie echte archäologische Grabungen statt.
Um so dramatischer sind die Vorgänge sie sich im Jahr 1960 in Trebur zutrugen.

Wenn man heute von Geinsheim kommend nach Trebur fährt, den Schwarzbach überquert, der hier im Bett des Alt-Neckar fließt und ohne geblitzt zu werden den Starenkasten passiert hat, so findet man linker Hand das Gelände der Raiffeisengenossenschaft, dominiert durch den Silobau, im Betonstil der 60er Jahre.

Ungewöhnlich an dem Gebäudekomplex der Raiffeisen ist das zur Straße hin noch stehende Fachwerkhaus.
Ursprünglich bestand das Gelände aus zwei Parzellen, zwei Hofreiten. Das Wohnhaus der südlichen Hofreite, ist das noch heute bestehende Fachwerkhaus. Dicht an Dicht, ein wenig von der Straße zurückgesetzt und nördlich davon stand das Wohnhaus der zweiten Hofreite. (Auf dem Bild zu erkennen)

Die Genossenschaft hatte beide Hofreiten gekauft, die Parzellen vereint und begann nun die Scheunenkomplexe auf den Grundstücken anzureißen. Als man begann das Nördliche der beiden Fachwerkhäuser anzureißen, machte man eine Entdeckung. Der in alten Katasterplänen als Wirtschaftsgebäude eingetragenen hintere des Fachwerkhauses entpuppte sich plötzlich nicht als Fachwerkbau. Stadtessen tauchte Bruchsteinmauerwerk mit einer Stärke von über 70cm auf. Auch war dieser Gebäudeteil mit einem Tonnengewölbe unterkellert. (Im Bild erkennbar durch den hinteren Bereich am das Gesims des Fachwerkbaus fehlt)

Alte Treburer berichten noch heute von den Bombennächten die sie in diesem Tonnengewölbe verbrachten und kaum Erschütterungen spürten oder etwas vom Lärm der fallenden Bomben hörten.

Ob dieser Entdeckung rief man eiligst die Denkmalbehörde und die Presse. Es kamen Landeskonservator Dr. Jorns vom  Landesmuseum in Darmstadt und der Wallerstädter Lehrer und Heimatforscher Walther als Beauftragter des hessischen Landesdenkmalpflegers Dr. Müller, der selbst nach einem Vorfall 1953 mit Trebur nichts mehr zu tun haben wollte und begutachteten den Bau. Die Stellungsnahmen konnte man am 12.11.1960 in der Franfurter Neuen Presse unter dem Titel „Gibt die Pfalz ihr Geheimis preis?“ und am 15.11.1960 der Groß-Gerauer Heimatzeitung unter dem Titel „Auf den Spuren karolingischer Baukunst in Trebur?“ entnehmen.


Zeichnung des Turmbaus von Trebur (Quelle: Groß Gerauer Heimatzeitung vom 15.11.1960)

Es handelte sich um einen 5,80 hoch erhaltenen Turmbau mit einer Bemaßung von 6,27m x 7,01m. Der Mörtel soll nach Jorns aus spätkarolingischer Zeit gestammt haben. Die Bohlen des ersten Stocks lagen auf behauenen Kragsteinen auf.

Alles deutete darauf hin das man möglicherweise einen Eckturm der Pfalzbefestigung gefunden hatte, befand sich der Turm doch just in dem Gebiet das Dr. Willi Görich zusammen mit Dr. Michael Gockel, Eugen Schenkel und dem damaligen Studenten und heutigen Leiter des Butzbacher Museums Dr. Dieter Wolf als Nord-West-Ecke der fränkischen Curtis identifizierte.
Was macht man also mit solch einem Turm?

Richtig! Man reißt ihn wenige Tage später ab, planiert und betoniert die Fläche! In der allgemeinen Aufbruchstimmung der späten 50er und frühen 60er Jahre war wenig Platz für historische Gebäude.

Heute zeugt nichts mehr von diesem Turmbau. Die Frankfurter Neue Presse hatte Bilder von diesem Turm gemacht, die als Kopie in schlechter Qualität erhalten sind und mir vorliegen. Eine Nachfrage bei der FNP ergab, dass der Verbleib der Originale oder etwa der Negative nicht bekannt ist, vieles wurde bei der Auflösung der Regionalredaktionen einfach weggeworfen.

2 weitere Turmbauten sollen in Trebur existiert haben. Einer soll ebenfalls abgerissen worden sein, die Reste des Kellergewölbes wurden danach noch als Jauchegrube verwendet und sind mittlerweile zugeschüttet und betoniert worden. Ein weiterer soll als Rückwand eines Fachwerkhauses noch heute bestehen, wurde aber nie untersucht, weswegen darüber keine Aussagen getroffen werden können.

Meiner Ansicht nach handelt es sich bei diesen Türmen nicht um eine Art Verteidigungsturm, sondern eher um frühe Wohntürme des 10. bis 11. Jahrhunderts, wie sie in Zürich am Münsterhof nachgewiesen wurden oder wie etwa der Wohnturm der Wüstung Holzheim bei Fritzlar (vergleiche „Die Salier – Siedlungen und Landesausbau zur Salierzeit Bd. 1+2 ; entsprechende Artikel; Thorbecke Verlag). Möglicherweise befand sich in diesem Areal, westlich der eigentlichen Pfalz, am Ufer des Alt-Neckar Bettes eine Siedlung für lokale Ministeriale oder Mitglieder des Hofes.

Es bleibt zu hoffen das man aus solchen Fehlern lernt (auch wenn man das bis in die 90er Jahre nicht tat) und eines Tages die möglichen Reste der anderen Türme untersucht werden können.





antworten

Artikel kommentieren
 authimage

Kommentare

  1. 27.02.2010 | 12:00

    "Ein weiterer soll als Rückwand eines Fachwerkhauses noch heute bestehen, wurde aber nie untersucht, weswegen darüber keine Aussagen getroffen werden können."

    Das klingt doch vielversprechend. Kannst du nicht einfach losgehen und gucken ob du was findest und ggf. ein paar Fotos machen?

  2. Markus Zwittmeier kein Betreff
    27.02.2010 | 12:28

    Könnte ich machen, bzw. hab ich schon.Man sieht aber nichts weil es eine schöne verputzte Rückwand ist. Das Problem ist aber das der Besitzer nicht einsieht das er in etwas Interessanetem wohnt, bzw. es nicht einsieht wenn man ihm den schönen Reibeputz von der Wand schlägt. Er möchte auch nicht das es bekannt wird weil er Angst vor der Denkmalbehörde haben soll, weswegen ich hier auch nicht schreibe das es sich um das Fachwekhaus auf der Ich nehm das mal raus. Wenn wir den Wunsch des Hausbesitzers nach Diskretion respektieren, ist das einer eventuellen gütlichen Einigung sicher zuträglicher... L.F. ;-)

  3. Martin Huhn kein Betreff
    08.03.2010 | 16:58

    Hm, daß der Besitzer des Hauses auch so gar nicht neugierig ist. Aber wahrscheinlich hat er Angst, weil ein denkmalgeschützes Haus doch recht teuer werden kann.

  4. Wolgang Kraft Pfalz Trebur
    11.04.2010 | 16:12

    Hallo, ich möchte mich hier an die Meinung des Autors anschließen. Da auch ich nicht ganz unbeteiligt war, mit Dr. Görich und Dr.Michael Gockel die Situation in Trebur in den 70. Jahren zu erleben und mit zu erforschen. Das überhaupt etwas von dem vermutlich aus dem 11. Jh. stammenden Turm bekannt ist, ist einer sehr rührigen Heimatforscherin Anna Weinmann aus Trebur zu verdanken. Frau Weinmann hat die Fachleute alarmiert, sie ist auch die Begründerin der Gesellschaft Heimat und Geschichte.
    Wo stehen wir nun in Trebur in der Neuzeit. Die Hessischen Verantwortlichen Archäologen der Landesarchäologie haben nach meiner Erkenntnis wenig Interesse, an der Königspfalz in Trebur.
    Unterstützung zu Fallbeispielen der Vergangenheit kommt weder aus dem Landesamt für Bodendenkmalpflege in Wiesbaden noch aus dessen Nebenstelle Darmstadt. Das kann nicht alles mit angeblichen Fluch der Salierherrscher 1077 zusammenhängen, schließlich bestand die Pfalz nachweislich bis 1248.
    In Hessen ist man in der Archäologie seit mehreren Jahren sehr Römerlastig mit den Aktivitäten der Archäologie geworden, so entsteht der Eindruck in der Öffentlichkeit. Die Forschung hierzu sollte sich aber die Waage zur Archäologie des Mittelalters halten schließlich dauerte diese Periodes länger wie die römische Besatzung in Deutschland.
    Die archäologische Erforschung der so bedeutendeten Königspfalz Trebur, diese Pfalz stand im Rang der wichtigen Rhein-Mainischen-Pfalzen neben Frankfurt und Ingelheim, dafür sollte mehr getan werden. Vor allem die Menschen vor Ort sollten sensibler auf die Bodendenkmäler gemacht werden um diese nicht zu ignorieren und zu zerstören. Seit mehr als 50 Jahre geschieht in Trebur zur Erforschung der Baulichen Anlage der Pfalz nichts.
    Vor vier Jahren hatt man bei der Pfarrhaus Sanierung in Trebur wiedereinmal eine Chance verpasst, es hätte nämlich der Zugang zu vermutlich unterirdichen Räumlichkeiten unter dem Chor der Laurentiuskirche geöffnet werden können. Leider kein Interesse und Unterstützung weder von den Behörden des Landesamtes noch von der verantwortlichen Kirchenbauleitung, es kamen immer nur ablehnende Argumente zutage. Ich bin Erstaunt und Wünsche Herrn Markus Zwittmayer viel Mut und Ausdauer zu seinen Aktivitäten zur Pfalzforschung in Trebur.
    Nächstes Jahr wird die Pfalz Trebur ganzjährig zum Thema , mit Vorträgen und Informationen, dazu wird eine Ausstellung im Museum Trebur und andere Aktivitäten stattfinden. Dies alles wird von einem kleinen Geschichtsverein der Gesellschaft Heimat und Geschichte Trebur, von Laien organisiert und das mit hohen Aufwand. Viele Namhafte Deutsche Historiker werden über die Bedeutung Treburs als Pfalzort berichten. Ich hoffe das bei den zuständigen Fachleuten des Landes Hessen ein Licht aufgeht und dadurch etwas mehr Bewegung in die archäologische Forschung in Trebur kommt. Vielleicht ist dies auch der Anstoss das Trebur nicht ein schwarzer Fleck in der Geschichte von Deutschland bleibt. Nicht ausgeschlossen und es werden hier römische Siedlungsreste entdeckt wird dies, dass Interesse der Landesarchäologen wecken. Einen römischen Burgus in der Gemarkung von Astheim hat man schon ergraben, ebenso sind römische Siedlungsreste sowie mittelalterliche, in der Gemarkung Trebur sehr häufig anzutreffen.
    Ich bin gespannt, wenn es außer theorethischen Erkenntnisen endlich etwas neues zur Archäologie der Pfalz Trebur zu berichten gibt.
    Gruß W. Kraft

szmtag