Ich und der "Heimatforscher"
von Markus Zwittmeier, 11. Mai 2010, 21:43
Im Grunde beschäftige ich mich mit meiner Erforschung der Pfalz Trebur und den daran anknüpfenden Themen mit der „Heimatforschung“.
Dennoch würde ich mich nicht als „Heimatforscher“ bezeichnen.
Das Wort “Heimatforscher” bezeichnet für mich einen spießigen, piefigen, belehrungsresistent, älteren Herrn, vorzugsweise mit „Klugscheißerattitüde“, der meist mit Schlapphut auf dem Dachboden eine Singer-Nähmaschine entstaubt.
Wahrscheinlich hänge ich da Klischees nach, doch diese Klischees haben gewisse Gründe.
Die frühen Heimatforscher waren meist der Ortslehrer oder der Pfarrer, was schon mal ein gewissen oberlehrerhaftes Verhalten und Spießigkeit erklärt. Neuerungen war von diesen Personen nicht zu erwarten. In Trebur war das erste Museum vor dem Krieg in der Grundschule untergebracht und das hatte nichts mit Erlebnispädagogik zu tun.
Oftmals waren diese Museen wenig mehr als Kuriositätenkabinette. Gefundene Knochen vom Mammut oder Wollnashorn, ein paar Feuersteine … Die Forschung die die Heimatforscher betrieben waren Selbstzweck um die Heimat zu feiern. In Trebur wurden da zum Beispiel Theorien aufgestellt der Name Tribur stamme vom römischen Kaiser Tiberius oder der Gemarkungsgrundriss wurde mit dem Reichsadler verglichen. Merians Beschreibung Treburs mit der Zeile „in ihrem Umbkreyß fast zwo Teutsche Meylen“ wurde für bare Münze genommen und so manches Gerücht hält sich noch bis heute.
Liebte man im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die Römer (siehe Saalburg), entstand parallel eine Vorliebe für alles germanische, welche im 3. Reich seinen Gipfel fand und viele Heimatforscher witterten Morgenluft. Land auf, Land ab schossen germanische Weihestätten aus dem Boden. Nicht wenige Heimatforscher spielten dabei eine wichtige Rolle.
Diese Zeit war es auch, die dafür sorgte das Heimatforscher in der Wissenschaft nicht mehr ernst genommen wurden. Die Universitäten distanzierten sich von deren Theorien und erst in den letzten Jahren gehen Archäologen wieder vermehrt auf Heimatforscher zu, meist um Fundstellen zu lokalisieren.
Um 1968 herum entstand eine neue Form der Heimatforschung die sich mit der Aufarbeitung der Verbrechen der Vätergeneration befasste. Diese Aufarbeitung fand jedoch meist eher in Städten mit studentischem Hintergrund statt. In den Dörfern wurde dieses Thema oftmals ausgeklammert oder nur mit spitzen Fingern angefasst. Wie etwa in Mörfelden-Walldorf wo sich ein KZ Außenlager befand, das erst wieder entdeckt wurde als sich 3 Schüler 1972 mit dem Thema befassten, aber erst Beachtung fand, als die “Stars and Stripes” 1978 (!) einen Artikel darüber verfasste, während die etablierten Heimatforscher das Thema bis zu diesem Zeitpunkt unter den Tisch gekehrt hatten.
Und dann sind da so die Erfahrungen die ich machte. Jemand wie ich, der schon als Kind gerne in Museen ging und, wie etwa in Speyer mit Schwerten, Pilum, Helmen usw. verwöhnt wurde und dann in ein Heimatmuseum kam, war natürlich enttäuscht vom Omabettgestell, Nachttopf und Dreschflegel. Denn meist ist es das worauf sich Heimatmuseen dann konzentrieren, die volkskundliche Sammlung.
Natürlich gehört das auch dazu, wie ich natürlich auch weiß, aber es macht leider wenig her.
Diese herben Enttäuschungen und dieser üble Beigeschmack des Wortes "Heimatforscher", der sich immer bei mir breit macht (es ist hauptsächlich dieses Wurzelgermanen-Image der 30er), erklären vielleicht warum ich das Wort "Heimatforscher" dann doch nicht so wirklich mag, aber da ich nicht vorhabe mir "Heimatforscher" auf eine Visitenkarte zu drucken ist das fast egal, aber eben nur fast.
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Nun bin ich mal gespannt, ob sich hier ein paar Heimatforscher einfinden, die das Gegenteil beweisen. Aber wahrscheinlich sind die nicht oft im Internet unterwegs.
Ja, tatsächlich! Heimatforscher will man hier ganz offensichtlich NICHT ansprechen. - Hm, wen dann?
Na, ich würde mal sagen:
Auf jeden Fall ist das eine bombensichere Einstellung, falls man als Blogger für würdig gehalten werden möchte, auf renommierten Blogportalen wie den "Scilogs" mitmachen zu dürfen. ;-)
-?
Das fehlende politisch Unkorrekte, der fehlende Wildwuchs, die fehlende Nähe zum einfachen Menschen, zum schrulligen Denken, (das man allzu gerne überheblich und besserwisserisch verachtet), das fehlende Unkraut macht diese renommierten Blogportale mit ihrer geistig vereinheitlichten, gepflegten, beschnittenen Vorgarten-Idyllen (?) in meinen Augen leicht zu etwas Langweiligem. Aber man mag sich ja täuschen ... (... Hoffentlich ...)
Was denn? So ein holziger, querdenkender Heimatforscher, so einer, der in keine Schublade paßt, der nicht stromlinienförmig ist, der nicht im Takt des Zeitgeistes marschiert, der sich in den einsamen Rheinauen mehr zu Hause fühlt, als in vollgedrängten, durchgestylten Historien-Ausstellungen,
gerade der soll langweilig sein? Spießig? Piefig? Gerade der?
Der nicht gleich noch die Ritterrüstung von Kopf bis Fuß frei Haus mitliefert als "Erlebnis-Museologe"?
Langweilig! Mensch! - In den Rheinauen gibt es noch Eisvögel ...
- Die ganze Sachkulturforschung, die etwa an Freilichtmuseen betrieben wird, und die sehr wertvoll ist, lebt doch nur von einer lebendigen Kooperation mit Leuten vor Ort, die, da sie eben oft aus traditionellem bäuerlichen Milieu stammen, schon von sich aus schrullig sein müssen. Wär es anders, wär es doch SCHADE!
Und die auch schon deshalb schrullig sein müssen, weil sie eben fern allem Akademischen geistig verwurzelt sind.
Oh nein: Ein Loblied auf den Heimatforscher, DAS wäre es einmal, was man gerne lesen würde. Ein Loblied auf den Amateur. Auf den Wildwuchs.
Ich kann diesen pessimistischen Beitrag in weiten Teilen nicht verstehen. Klar kenne ich diese Heimatforscher auch. Als Wikipedia-Autor mit dann doch höherem Anspruch begegnen sie mir an allen möglichen Stellen.
Dennoch finde ich die Abqualifizierung etwa der frühen Forscher, der Lehrer und Pfarrer, absolut nicht nachvollziehbar. Die Reichslimes-Kommission hat nicht umsonst unter anderem auf solche Ehrenamtler gesetzt. Es gab noch nicht so viele Archäologen, Historiker oder Ethnologen. Woher auch? Wenn man sich die Geschichte der Archäologie des "deutschen Bodens" ansieht, ist sie ohne die Amateure, die Autodidakten, die Heimatforscher unmöglich vorstellbar. Ganz besonders die Ur- und Frühgeschichte.
Rückwirkend von den kleinen Heimatmuseen in den Schulen Erlebnispädagogik zu verlangen ist arg weit her geholt. Auch die Museologie mußte sich erst entwickeln. Und verknarzt und verstaubt war man ja wohl ebenso an den Universitäten. Bildungsbürgertum allenthalben war nicht unbedingt dem Fortschrittsglauben verpflichtet.
Ich will ja nicht wissen, was unsere Diadochen sagen, wenn sie in 100 Jahren auf uns zurück blicken.
„Und dann sind da so die Erfahrungen die ich machte. Jemand wie ich, der schon als Kind gerne in Museen ging und, wie etwa in Speyer mit Schwerten, Pilum, Helmen usw. verwöhnt wurde und dann in ein Heimatmuseum kam, war natürlich enttäuscht vom Omabettgestell, Nachttopf und Dreschflegel. Denn meist ist es das worauf sich Heimatmuseen dann konzentrieren, die volkskundliche Sammlung.“
Genau diese „volkskundliche Sammlung“ vermittelt uns aber einen Blick in unsere Vergangenheit. Sicherlich ist sie für „studierte“ Altertumsforscher weniger interessant, da man damit wohl kaum zu Ruhm und Ehre kommen kann.
Bei uns in der Nähe gibt es so ein „Heimatmuseum“ in Form eines Museumsdorfes, das ein ortsansässiger Unternehmer aufgebaut hat. Inzwischen hat es sich zum größten seiner Art in Europa entwickelt und zieht jede Menge Besucher an, die es ganz und gar nicht „spießig „oder „piefig“ finden. Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, wie viele Erinnerungen an unsere Vergangenheit ohne die engagierten Amateure auf Nimmerwiedersehen verschwunden wären?
Siehe hier: http://regiowiki.pnp.de/...msdorf_Bayerischer_Wald
Zum einen erstaunen mich die Kommentare auf meinen Artikel, bezog ich mich doch nur auf die Bezeichnung „Heimatforscher“ und nicht gegen die Heimatforscher als solches (bin ja auch ein „Lokalhirsch“), aber, und das ist das Wesentliche, sie freuen mich! Zeigen sie doch, das die Akzeptanz der Laienforschung wesentlich größer ist als ich dachte, bzw. als mir so mancher Wissenschaftler zu verstehen gab.
Daher ein großen Dank an die Kommentatoren!
Außerdem steht damit der nächste Artikel fest, ich werde dann über den mir „größten“ bekannten Heimatforscher schreiben, den ich kenne und sehr verehre!
Und der heißt Markus Zwittmeier, oder wie? ;-)
Quatsch, ich kenn mich ja nicht mal selbst... ;-) Ich rede von Eugen Schenkel!