Unwissenheit schützt vor Bauuntersuchungen nicht
Lange habe ich mich mit der Treburer Laurentiuskirche befasst. Die Grabungsunterlagen von 1934 aus dem Nachlass des Oberbaurats Diefenbach gewälzt. Hatte mir vorgenommen diese mit dem Wissen von heute auszuwerten und dann das!
Ganz plötzlich lagen da vier Ordner vor meiner Nase: „Freies Institut für Bauuntersuchung und Dokumention e.V. - Die Baugeschichte der Laurentiuskirche zu Trebur, dargestellt anhand historischer Schrift- und Bildquellen. Teil I-IV, Juli 1991“
Um es kurz zu machen: Meine Vermutungen bestätigten sich, die Kirche ist nicht karolingisch, wie man so häufig liest, sondern ottonisch. Steht aber sehr wahrscheinlich auf karolingischem Grundriss, dem sie weitestgehend folgt.
Aber warum ist diese Ergebnis, diese Bauuntersuchung unbekannt?
Als Dr. Kiesow 1984 sein wunderbares und auch notwendiges Buch “Romik in Hessen” herausbrachte und damit auch die Blicke Interessierter auch auf unbekanntere romanische und vorromanische Baudenkmäler lenkte, war Dr. Otto Müllers Arbeit an und über die Laurentiuskirche bereits 29 Jahre abgeschlossen und ruhte in den Hallen der Denkmalpflege Hessen im Schloß Biebrich. Trotz der Einschätzung Müllers die Kirche mit gutem Willen spätkarolinigisch, aber wohl eher als ottonisch einzustufen, wie ich aus der Bauuntersuchung von 1991 erfuhr, und der Erwähnung Müllers als Quellenangabe, ging Kiesow von einer Entstehung des heutigen Gebäudes im ersten Viertel des 9. Jahrhunderts aus.
Seltsamer Weise sind die original Müllerschen Unterlagen nicht auffindbar und nur fragmentarisch als Kopien in einer Magisterarbeit zugänglich. Einen Punkt den schon die Bearbeiter einer Bauuntersuchung von 1991 kritisierten, die übrigens von der evangelischen Kirche Trebur selbst in Auftrag gegeben wurde.
Doch auch der Kirche selbst scheinen diese Unterlagen unbekannt zu sein. Im aktuellen Flyer (oder Führer) der in der Kirche ausliegt und der von ihr verantwortet wird, wird die Kirche als karolingisch Bauwerk dargestellt und rühmt dabei von“karolingischen Bögen der Vorhalle“ und ihre „fein gearbeiteten Kämpferplatten“. Müller bezeichnet die Kämpferplatten dagegen als plump und in keinster Weise karolingischen Vorbildern entsprechend.
Aber warum diese Falschaussagen, wo doch die Kirche als Auftraggeber der Arbeit genau wissen sollten um was es sich bei dem Bau handelt? Und warum sind diese Unterlagen nirgendwo im Original auffindbar?
Man könnte an eine Verschwörung glauben, aber wahrscheinlich ist alles viel einfacher. Falsch absortierte Unterlagen in Indiana Jones ähnliche Archiven bei der Denkmalbehörde die chronisch unterfinanziert ist. Scheu vor Unterlagen die vor Fachbegriffen nur so strotzen in der Kirchengemeinde, so dass niemand sie mal ernsthaft durchgesehen hat und nach 20 Seiten aufgab. Die Umbesetzung der Pfarrstelle. Die Berufung auf das Althergebrachte. Man hat eben gelernt das die Kirche karolingisch sei und die Lokalpresse hat in den noch 60er Jahren brav die abstrusen Diefenbachschen Theorien weiterverbreitet auf die man sogar noch heute immer noch stößt.
Wahrscheinlich kommt noch eine gehörige Portion Desinteresse dazu, was bedeuten schon hundert Jahre bei einem so alten Bauwerk? Mich ärgert so ein Desinteresse natürlich obwohl wahrscheinlich niemandem ein ernster Vorwurf zu machen ist. Ich hoffe nur das sich das in Zukunft ein klitzekleines Bisschen ändern wird. Es wäre zumindest ein Anfang.



Ich denke auch, daß es am Desinteresse und/oder des fehlenden Fachwissens liegt. Was sollte es denn für einen Grund geben Akten verschwinden zu lassen?