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Facebook und die falschen Freunde

16. Februar 2012, 10:55

Neulich rief mich ein flüchtiger Bekannter an, mit dem ich auf Facebook "befreundet" bin. "Ich wollte mal mit meinem Facebook-Freund sprechen", meinte er mit einem Unterton analoger Gemütlichkeit. Ein Freund? Oder nur ein digitaler Freund? Ein netter Kerl, kurz danach haben wir zusammen Wein gebechert, aber unter "Freund" hatte ich bisher immer etwas anderes verstanden.

Das Problem ist zunächst ein sprachliches: Im Deutschen spricht man auch von Partei- oder Geschäftsfreunde. Aber nicht jeder Bekannte ist ein Freund. Im Englischen gibt es dagegen eigentlich keine Bekannten, dafür aber jede Menge "friends".

Das Thema geht aber noch tiefer. Jetzt hat Facebook eine Funktion zur Prävention von Selbstmorden eingeführt. Wer den Eindruck hat, dass ein "Freund" gefährdet ist, kann Alarm schlagen, derjenige bekommt dann die Nummer einer Hotline zugeschickt. Anlass dafür war ein Fall, in dem ein junger Mann von ganz falschen "Freunden" durch gezielte Indiskretionen und Attacken in den Selbstmord getrieben worden war.

Es muss nicht immer gleich so schlimm enden. Aber ich höre häufig, wie Kolleginnen oder Kollegen ich über die Frage unterhalten: Wie gehen meine Kinder mit Facebook um? Wie weit soll ich das kontrollieren? Dabei geht es vor allem um junge Teenager (meine eigenen Kinder sind zum Glück schon erwachsen). Für manche jungen Leute ist Facebook die Welt - mindestens so real wie die Realität. Sticheleien und Gemeinheiten sind dabei noch öffenlicher als im analogen Leben. Auf der anderen Seite gibt es auch Teenies, die ungehemmt schimpfen oder beleidigen und sich nicht klarmachen, dass diese Äußerungen im Zweifel nie mehr aus ihrem digitalen Leben, das Facebook ja jetzt auch so hübsch aufbereiten will, zu löschen sind.

Das Beispiel zeigt eines: Durch die neue digitale Welt entstehen ganz neue ethische Probleme. Für die Unternehmen: Wie gehe ich damit um, wenn mein Netzwerk missbraucht wird? Für die Nutzer: Wer sind richtige Freunde, und was bin ich ihnen schuldig? Wie gehe ich mit falschen Freunden um? Für die Eltern der Nutzer stellt sich eine uralte Frage wieder neu: Wie viel Freiheit lasse ich meinem Kind, wie viel kann es schon selbst verantworten?

Standardantworten auf diese Fragen gibt es nicht.

 



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Was der Fall Schlecker lehrt

01. Februar 2012, 13:03

Klar doch: Niemand kauft in irgendeinem Laden nur aus ethischen Gründen ein. Und niemand meidet ein Geschäft nur deswegen, weil er ethische Bedenken hat. Trotzdem lehrt der Fall Schlecker: Ethik kann beim Überleben einer Firma eine wichtige Rolle spielen.

Schlecker war in den letzten Jahren immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, seine Mitarbeiter zu schlecht zu bezahlen und zum Teil auch zu behandeln. Und jetzt, wo die Drogeriekette in die Planinsolvenz geht, wird das sehr häufig als einer der Gründe für den Niedergang genannt. Es heißt: Die Kunden haben Schlecker auch deswegen gemieden, weil das Unternehmen in puncto Mitarbeiter einen schlechten Ruf hatte.

Umgekehrt war es bei dm. Zusammen mit Rossmann sind das die beiden großen Konkurrenten von Schlecker. Und dm hat sehr geschickt ein "Gut-Image" aufgebaut, zum Teil durch die Auswahl des Sortiments im Sinne der Nachhaltigkeit. Eine Rolle spielt sicher auch, dass Unternehmensgründer Götz Werner ein bekennender Anthrosoph ist und seine Führung bewusst "dialogisch" gestalten möchte. Die meisten Menschen wissen zwar wenig über Anthroposophie, und man kann darüber auch durchaus geteilter Meinung sein. Aber in der Regel wird die Bewegung vor allem mit ihren Waldorf-Kindergärten und -Schulen identifiziert, die den Ruf haben, besonderen Wert auf Kreativität und Entwicklung der Persönlichkeit zu legen.

Ich denke, dm und Schlecker sind daher Beispiele dafür, wie sehr das ethische Profil eines Unternehmens Auswirkungen auf den geschäftlichen Erfolg haben kann - auch wenn letztlich natürlich die Produkte und das Preis-Leistungs-Verhältnis die größere Rolle spielen.



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Treibjagd auf Raucher

14. Januar 2012, 09:56

Mario Ohoven, der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, will Raucherpausen in Betrieben verbieten, weil die angeblich die Effizienz beeinträchtigen. Da frage ich mich: Wie weit geht die Treibjagd auf Raucher eigentlich noch? Und wie  weit soll die Kontrolle der Arbeitnehmer noch ausgebaut werden?

Zum Glück werden die meisten Unternehmer sich ohnehin nicht um die Meinung von Herrn Ohoven scheren. Immerhin hat die erste Politikerin schon reagiert: Die grüne NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens meint, die Unternehmer sollten den Arbeitgebern lieber Hilfe anbieten, von der Sucht loszukommen, als Raucherpausen zu verbieten.

Ich meine, Unternehmer sollten sich nicht an der Treibjagd auf Raucher beteiligen. Sie sind aber auch nicht für Suchtprävention zuständig. Darum können die Raucher sich schon selber kümmern. Insofern ist die Einlassung von Frau Steffens auch nicht sehr hilfreich.

Die Argumentation, das Rauchen beeinträchtige die Effizienz, kann man sicher nach allen Regeln der Kunst drehen und wenden und mit Studien belegen oder widerlegen. Aber in den meisten Jobs dürfte das Argument doch eher lächerlich sein. Denn jeder weiß, dass jeden Tag viel Zeit mit unnötigen (häufig auch von Vorgesetzten angeordneten) Arbeiten, Geplauder, Streitereien und wo so weiter vergeht. Ob man da nebenbei raucht oder nicht, dürfte keine wirkliche Rolle spielen. Der Mensch, vor allem der deutsche Mensch, ist ja mentalitätsmäßig schon sehr an ein effizientes Arbeitsleben angepasst. Aber eben immer noch ein Mensch, und die Evolution hat uns nicht auf 8-Stunden-Tag, Schichtbetrieb oder Multi-Tasking im Büro vorbereitet. Kleine Freiräume, ob mit oder ohne Qualm, sind daher überlebenswichtig.

Also, vergessen wir Ohoven.

Nebenbei: Ich rauche selten. Manchmal mache dafür aber eine Pause - und denke mir dann meistens den nächsten Artikel aus, ganz effizient.

 

 



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Silikon-Busen und die Frage, was Schönheit für ein gutes Leben bedeutet

12. Januar 2012, 11:30

Bei den kaputten Silikon-Brust-Implantaten handelt es sich um einen handfesten Skandal - vor allem für die Unternehmen, die darin verwickelt sind. Das ist aus ethischer Sicht ein klarer Fall - und damit eher ein Fall für die Juristen. Aber die Affäre bringt eine andere ethische Frage auf den Schirm: Wie sind Schönheitspoperationen aus dem Blickwinkel einer "Ethik des guten Lebens" zu beurteilen?

Vorweg zunächst der Hinweis: Es geht hier nicht um Operationen, mit denen beschädigte Körper repariert werden. Sondern um das Phänomen, dass Frauen und Männer an ihrem Körper, auch am Gesicht, herumschneiden, -biegen oder -modellieren lassen, um dadurch vermeintlich "schöner" zu werden.

Voweg auch noch ein anderer Hinweis: Es geht bei ethischen Fragen nicht immer um gut und böse. Sondern es gibt, letztlich schon in der Antike, auch eine Ethik des guten Lebens. Sie fragt danach: Was ist gut für mich selber? Worauf kommt es in meinem eigenen Leben an? Für viele Menschen kommt es offenbar - und davon lebt ja eine ganze Branche - auf "Schönheit" im Sinne vorgegebener Ideale an.

Schönheit spielt ohne Zweifel eine große Rolle. Schöne Menschen haben häufig mehr Erfolg, manchmal werden sie aber auch überschätzt. Mitunter haben schöne Frauen das Problem, nicht wirklich einschätzen zu können, ob sich Männer nur für ihr äußeres interessieren, oder ob da "noch mehr" im Spiel. Unscheinbare Frauen finden es oft leichter herauszufinden, wer tatsächlich ein tieferes Interesse hat. Hin und wieder begegnet schönen Menschen auch das Vorurteil, man könne nicht gleichzeitig schön und intelligent sein, aber das ist natürlich Unsinn.

Schönheit sollte man auch in Gegensatz zu den vermeintlich wichtigeren "inneren Werten" bringen. Diese Gegenüberstellung hat es in der Antike nicht gegeben, und auch nicht bei den deutschen Klassikern. Im Gegenteil: In dieser Tradition wurden "schön" und "gut" (kalos kagathos auf Griechisch) manchmal sogar in engem, vielleicht sogar zu engem Zusammenhang gesehen.

So besehen ist es also verständlich, dass Menschen Geld ausgeben und Risiken eingehen, um sich verschönern zu lassen, vielleicht auch nur, um allzu auffällige Hässlichkeiten zu beseitigen. Die Sache hat aber noch zwei andere Aspekte, die untereinander zusammenhängen.

Erstens ist Schönheit - auch in der klassischen Tradition - nicht nur eine Frage des Körpers. Sondern dazu gehört die gesamte Erscheinung, das Auftreten, die Ausstrahlung, auch die Art, wie Selbstbewusstsein gelebt und gezeigt wird.

Der zweite wichtige Aspekt betrifft die Frage: Wie sehr hängt Schönheit mit Normen zusammen? Hierzu gibt es sogar wissenschaftliche Untersuchungen. Sie besagen, dass Menschen mit durchschnittlichen Gesichtszügen häufig als schöner empfunden werden als solche mit etwas ausgefallenerem Aussehen. Das ist freilich auch eine Frage des Geschmacks: Manche Models, die ja nach durchschnittlichen Maßstäben offenbar als schön gelten, wirken auf mich zum Beispiel ausgesprochen langweilig; Gesichter die etwas von der Norm abweichen, können dagegen sehr attraktiv sein. Aber es ist nicht zu leugnen, dass Schönheit auch etwas mit der Erfüllung von Normen zu tun hat - davon lebt ja die Schönheitsindustrie (zu der auch die Kosmetik gehört), die die Annäherung an Normen bewerkstelligt. Aber diese Normen sind wiederum abhängig von Kultur, Tradition und Werbung.

Und so hängen die beiden Aspekte zusammen: Wer allzu ängstlich auf die Erfüllung von Normen bedacht ist, der wird häufig gerade nicht durch eine selbstbewusste Ausstrahlung glänzen. Und wird auch nicht den Zugang zu einem guten, selbstbestimmten Leben finden. Aber er wird vielleicht Kunde der Schönheitsindustrie. Unter dem Blickwinkel einer Ethik des guten Lebens ist Schönheit also durchaus ein positiver Wert - aber nur, wenn man sich nicht allzu sehr darauf fixiert und keine zu engen Vorstellungen davon kritiklos übernimmt.

 



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Täter mit weißem Kragen

05. Januar 2012, 17:04

Ethik ist gut, eine funktionierende Justiz ist besser: Damit Unternehmer sauber arbeiten, muss unsauberes Arbeiten bestraft werden. Das aber ist nicht immer so einfach durchzususetzen.

Das zeigt auch ein Interview des Kölner Stadt-Anzeigers mit Christoph Frank, dem Vorsitzenden des Deutschen Richterbunds, das am 3. Januar erschienen ist. Da klagt der Interviewte, dass allein in Nordrhein-Westfalen 500 Richter und 200 Staatsanwälte fehlen. Wie sollen da die - häufig recht komplizierten - Wirtschaftsverfahren durchgezogen werden? Häufig kommt es zu "Deals", bei denen die Angeklagten einen guten Schnitt machen. Und diese "Deals" gibt es, weil das Gericht so die endlosen Beweisaufnahmen, mit denen es überfordert ist, abkürzen möchte.

Ich habe selbst früher als Journalist häufiger über Kapitalanlagebetrug geschrieben - ein Delikt, das in Deutschland besonders beliebt ist. Da hatte man häufig auch das Gefühl, dass Gerichte mit der Materie überfordert sind. Ein besonderes Problem dabei: Dass es sich tatsächlich um Betrug handelt, ist aus juristischer Sicht häufig erst erwiesen, wenn das Geld der Kapitalanleger tatsächlich weg ist. Oft ist aber schon im Vorfeld abzusehen, dass es sich um Betrug handelt, weil die Anlagegesellschaft keine nachvollziehbare Rechenschaft darüber ablegen kann, was sie mit dem Geld macht. Aber wie lässt sich in dieser Phase der Betrug stoppen, bevor alles zu spät ist? Damit tun sich Gerichte erfahrungsgemäß schwer.

Mir hat ein Praktiker auch einmal von einem sehr umfangreichen Fall von Geldwäsche erzählt. Dabei wurde in monatelanger Arbeit rekonstruiert, auf welchem Weg das Geld - zum Teil über weit im Osten liegende Länder - verschoben wurde. Als es zur Sache ging, tauchte aber ein Problem auf: Weder der Staatsanwalt noch der Richter war in der Lage, das System wirklich zu durchschauen. Die Folge: Es kam zu einem Deal, die Angeklagten gaben ein bisschen zu und wurde ein bisschen bestraft, das Gericht hatte sein Urteil, aber im Grunde war die Strafe der Schwere des Verbrechens gar nicht angemessen.

Es gibt aber auch positive Aspekte. Durch die Skandale, die in den letzten Jahren bekannt wurden, zum Beispiel die Korruption bei Siemens, ist in den Unternehmen die Aufmerksamkeit für Schweinereien erheblich gestiegen. Man weiß heute, dass unsauberes Arbeiten teuer werden kann - vor allem dann, wenn sich US-Behörden einschalten, die häufig sehr rigoros vorgehen. Trotzdem, sagt Christoph Frank in dem Interview, gibt es aber immer noch Fälle, in denen Unternehmen einem Beschäftigten, der Dreck am Stecken hat, zwar kündigen, ihn aber nicht anzeigen - weil sie nicht selbst ins Gerede kommen wollen. So lange sich diese Einstellung nicht durchgreifend ändert, wird die Justiz es weiterhin schwer haben, für ordentliche Verhältnisse zu sorgen.



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Meine persönliche Öko-Lebensbilanz

28. Dezember 2011, 12:00

Gerade habe ich einen guten Spruch aufgeschnappt: Es gibt keine nachhaltigen Produkte, sondern nur einen nachhaltigen Lebensstil. Da stellt sich die Frage: Wie "nachhaltig" lebe ich denn? Hier eine kleine Chronik (vielleicht schon eine Vorübung für Facebook, wo Mark Zuckerberg ja am liebsten einen Lebenslauf von jedem "User" haben möchte).

Also: Ich habe in meinem Leben bisher vier Autos gekauft. Nicht viel mit 52, oder? Das letzte habe ich auch nur gekauft, weil jemand das Vorgängermodell geschrottet hat, sonst würde ich immer noch damit fahren. Außerdem fahre ich fast immer mit der Bahn zur Arbeit, wir haben als Familie mit vier Führerschein-Besitzern nur ein Auto. Und das stärkste Auto, das ich je hatte (das heutige), hat gerade mal 74 PS.

So weit so gut. Vor knapp zehn Jahren haben wir ein Haus gebaut. Kein Passivhausstandard oder sowas, aber Isolierputz. Auch keine Wärmepumpe, einfach nur einen modernen Gasbrenner. Weil das Haus unter Bäumen steht, haben wir auch keine Sonnen-Kollektoren für Warmwasser oder Strom. Das Haus hat also keinerlei Öko-Charme, jedenfalls keinen sichtbaren. Ich habe auch keine Ahnung, wie viel wir jedes Jahr verheizen, weil ich nie auf die Rechnung schaue. Bin da also nicht sehr öko-bewusst.

Dann gibt es noch das Thema Urlaub. Letztes Jahr waren das zwei kleine Reisen (Sauerland, Belgien) mit dem Auto, sonst nix. Beruflich fliege ich ab und zu - und ehrlich gesagt, auch ganz gerne. Nächstes Jahr habe ich eine Flugreise nach Israel geplant: Klar, damit ist für 2012 die Öko-Bilanz schon im Eimer. Aber mit dem Schiff dauert es so lange ...

Und beim Essen? Ich gehöre zu den angeblich 50 Prozent der deutschen Bevölkerung, die eigentlich kein Fleisch essen wollen (oder wenigstens weniger) und es dann doch tun. Überhaupt, das mit dem weniger essen funktioniert irgendwie nicht ... Natürlich trinken wir zu Hause meistens fairen Kaffee. Die Plörre, die im Büro aus dem Automaten kommt, ist garantiert nicht fair - nicht mal vom Geschmack her. Aber ohne schlechten Kaffee hält man den Stress halt nicht aus.

Zum Schluss noch das Thema Kleidung. Da lebe ich ganz schön nachhaltig, weil ich nämlich selten Lust habe, Klamotten zu kaufen. Ich besitze zum Beispiel ein helles Jackett, das in meinem Bewusstsein noch relativ neu ist. Neulich habe ich dann ein Foto gesehen, wo ich mit diesem Jackett drauf bin - und meine beiden Kinder, noch ziemlich klein. Die Kinder sind inzwischen erwachsen. Also in puncto Jacketts ist meine Nachhaltigkeit nicht zu toppen.

Alles in allem ist mein Lebensstil, nachhaltigkeitsmäßig besehen, wahrscheinlich durchschnittich bis ein bisschen besser als Durchschnitt - für deutsche Verhältnisse. Aber klar ist auch: Würden alle sieben Milliarden Menschen so leben, dann hätte uns der Klimawandel warscheinlich schon zum Verdampfen gebracht ...

 



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Die Ethik des Schenkens

21. Dezember 2011, 09:40

Geschenke sind ganz tief in kulturellen Traditionen verwurzelt. In der modernen Welt, wo man mehr Geschäfte macht als sich zu beschenken, fällt das beinahe nur noch an Weihnachten auf. Oder an Geburtstagen und Hochzeitstagen.

Kompliziert ist dabei, dass Geschenke für den Beschenkten häufig eine Verpflichtung mit sich bringen. Dass kann sogar zu einer regelrechten Angst führen, sich beschenken zu lassen. Ich habe einmal eine Familie aus dem mittleren Osten gekannt. Mit der hatte ich vor allem ein Problem: Wer bezahlt, wenn man zusammen ins Restaurant geht? Ich musste regelrecht tricksen und die Kellner vorher einweihen, damit ich auch mal die Rechnung übernehmen konnte. Das Spiel lief so, dass der gewonnen hatte, der es geschafft hat, den anderen einzuladen. Und es war ein ernstes Spiel. Ach ja, nebenbei: Mit einem lieben, alten Onkel aus den Niederlanden ist es mir genauso ergangen.

Schenken, jemanden einladen - das ist schon ein ungeheuer komplexes Thema. Viele Leute sagen ja inzwischen auch, dass sie gar keine Geschenke wollen - habe ich auch schon getan. Damit verhindert man, dankbar sein zu müssen - möglicherweise für Geschenke, mit denen man gar nichts anfangen kann.

Dann gibt es noch eine andere Problematik. Alle Jahre wieder bricht an Weihnachten der große Konsumrausch aus. Ich kenne kaum jemanden, den das nicht stört, aber auch niemanden, der nicht letztlich doch mitmacht. Dabei schleicht sich die Frage ein: Haben wir ein Recht, es uns so gut gehen zu lassen, wenn andere Menschen hungern? Kurz danach an Silvester taucht dasselbe Problem wieder auf - "Brot statt Böller" heißt es dann mit mahnendem Zeigefinger. Die Hilfsorganisationen wissen, dass sie einen vor Weihnachten besonders mit Bittbriefen bombardieren müssen. Auch da spielt eine Art Verpflichtung eine große Rolle: Wir beschenken uns hier gegenseitig reichlich, also muss auch etwas für die "Armen" abfallen.

Das alles hat mehr mit Traditionen und Schuldgefühlen als mit rationaler Ethik zu tun. Aber es ist wirtschaftlich bedeutend: Der Einzelhandel lebt ganz gut von Geschenken. Manche Produkte - etwa CDs, schöne Bücher oder jede Menge Spielzeug - würden ohne Weihnachten sehr viel weniger verkauft. Daher hängen an Weihnachten auch viele Arbeitsplätze - bei uns oder in China.

Was würde eine rationale Ethik dazu sagen? An Weihnachten haben wir keine höheren ethischen Verpflichtungen als sonst auch. Und ethische Verpflichtungen hängen auch nicht damit zusammen, was wir uns selbst gönnen. "Brot statt Böller" - oder ein entsprechendes Pendant zu Weihnachtsgeschäften - ist keine rational nachvollziehbare Forderung. Wir können das ganze Jahr über etwas für andere Menschen tun. Und wir geben das ganze Jahr über auch Geld für unsinnige Dinge aus, zum Beispiel überdimensionierte Autos, schlechtes Essen im Fast-Food-Restaurant oder Urlaub, von dem wir doch nur gestresst nach Hause zurückkommen. Wir haben auch ein Recht dazu, Geld für Unsinn auszugeben - oder für Dinge, die andere für Unsinn halten.

Ethik sollte den Menschen nicht überfordern. Wer verlangt, dass wir uns selber nichts gönnen, bis es allen Menschen gut geht, der erzeugt damit nur Schuldgefühle, die gar nicht gerechtfertigt sind. Wir sollten anderen Menschen, die unsere Hilfe brauchen, etwas gönnen - nicht nur an Weihnachten. Aber wir dürfen uns selbst auch etwas gönnen. In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Fest.

 



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Wo Konzerne wie Staaten agieren müssen

13. Dezember 2011, 09:38

In den Richtlinien großer Konzerne für Mitarbeiter und Zulieferer wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die jeweils national geltenden Gesetze einzuhalten sind, oder auch die Menschenrechte. Manchmal werden zusätzlich eigene Mindestregeln aufgestellt, die da, wo sie strenger sind als die staatlichen, Vorrang haben,zum Beispiel wenn es um die wöchentliche Arbeitzeit geht.

Wieso ist das notwendig? Ganz einfach: Weil in vielen Teilen der Welt die Staaten nicht wirklich funktionieren.

Es gibt eine theoretische Schule der Wirtschaftsethik, die sagt: Der Staat ist der systematische Ort der Ethik. Will sagen: Er muss sich darum kümmern, dass die richtigen Spielregeln aufgestellt und eingehalten werden. Die Unternehmen müssen sich dann nur an die Spielregeln halten und sollen sich ansonsten um ihren Gewinn kümmern. In der Praxis denken heute wahrscheinlich immer noch eine Menge Leute so. Aber offiziell übernehmen zumindest die großen Konzerne viel mehr Verantwortung - bis dahin, eigene Regeln aufzustellen und staatliche Regeln durch eigene Kontrollen durchzusetzen, auch bei anderen Unternehmen, etwa den Lieferanten.

Nehmen wir mal für einen Moment an, der Staat sei tatsächlich der richtige Ort, wo Fragen der Ethik geklärt und durchgesetzt werden müssen - das ist ja nicht grundsätzlich falsch, nur eben nicht ausreichend. Dann folgt daraus, dass überall da, wo der Staat nicht wirklich funktioniert - etwa bei dem Einsatz von Kindern auf Kakaoplantagen in Westafrika -, andere Strukturen an dessen Stelle treten müssen. Und das können häufig nur die großen Konzerne sein, manchmal auch mehrere, die sich gemeinsam auf Spielregeln einigen. Denn diese Konzerne haben als Großabnehmer den stärksten Einfluss, wenn sonst nichts funktioniert (in manchen Staaten sind auch Kirchen oder andere Religionsgemeinschaften ein gewisser Ersatz für den Staat, aber das klammern wir hier aus).

Es ist also auf jeden Fall positiv, wenn Konzerne sich wenigstens ansatzweise dieser Aufgabe stellen. Und es ist wichtig, dass die Gruppe, die den stärksten Einfluss auf die Konzerne hat, den auch auch ausübt: die Kunden.

Wer sich auf der theoretischen Ebene für "Die Veranworung des Konsumenten" interessiert, der findet im gleichnamigen Sammelband von Ludger Heidbrink, Imke Schmidt und Björn Ahaus (Hg.), der 2011 erschienen ist, gute Anregungen. Auch kritischer Art. So schreibt Niko Paech einen Absatz unter der Überschrift "Nachhaltiger Konsum als käufliche Moral" und fragt "Wer rettet die Welt vor den Weltrettern?" Am Ende empfiehlt er, einfach weniger als zu konsumieren, das aber nicht als Verzicht zu definieren - ganz schön kompliziert das alles, zumal vor Weihnachten ...

 



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Apple und die Chinesen

10. Dezember 2011, 09:30

Ist der I-Pad ein amerikanisches oder ein chinesisches Produkt? Ähnliche Fragen lassen sich auch bei Schuhen von Adidas oder sogar bei vielen Schränken von Ikea stellen. Ich habe mir die Zeit genommen, mal bei einigen Konzernen querzulesen, was sie unter den Stichworten "Nachhaltigkeit" oder "Verantwortung" veröffentlichen. Und dabei verstärkt sich ein Eindruck, den wir ohnehin schon hatten: Ein großer Teil unserer bekannten "Welt" wird in China produziert bzw. immer wieder reproduziert.  Und natürlich auch in anderen Schwellenländern.

Dabei zeigt sich deutlich, wie sehr unser Wohlstand auf einem schmutzigen Geheimnis beruht, das eigentlich kein Geheimnis wäre, wenn wir es zur Kenntnis nehmen würden: Wir können nur deshalb günstig spannende oder einfach gute Produkte kaufen, weil woanders Menschen buchstäblich dafür schuften. Viele Firmen gehen mit dem Problem inzwischen recht offen um. Apple zum Beispiel widmet den Selbstmorden bei Foxconn ein eigenes Kapitel. Foxconn ist eines der größten Unternehmen der Welt und schraubt fast alles zusammen, was amerkanisch klingt und jede Menge Elektronik enthält - aber auch japanische Produkte.

Die Richtlinien von Apple - und ganz ähnlich von anderen Firmen - zeigen deutlich die Probleme. So soll es keine Kinderarbeit geben (in der Regel ist damit gemeint nicht unter 15). Es soll keine Zwangsarbeit geben. Dazu gehört nach der Definition von Apple auch das Verfahren von Arbeitsvermittlern, überhöhte Provisionen zu kassieren und die von den Arbeitern oder Arbeiterinnen "abdienen" zu lassen. Apple verlangt daher, dass Zulieferer alles an Provision, was über einen Monatslohn hinausgeht, ihren Arbeitern abnehmen sollen. Und hat auch schon bewirkt, dass Provisionen zurückgezahlt werden.

Dann gibt es noch die Vorgaben, dass die Wochenarbeitszeit 60 Stunden nicht überschreiten darf, und dass es mindestens einen freien Tag pro Woche geben muss. Selbst das einzuhalten scheint schwierig zu sein, jedenfalls wenn das Geschäft brummt.

Wegen der Selbstmorde hat sogar Tim Cook, der heutige Apple-Chef, das entsprechende Werk besucht, es wurde auch ein Unternehmen mit einer Untersuchung beauftragt. Die Verbesserungsvorschläge laufen auf eine intensivere Betreuung hinaus (bei einem Unternehmen mit ingesamt über 900.000 Mitarbeitern), aber so kamen auch die mittlerweile legendären Netze an der Gebäudefassade zustande, die Arbeiter vom spontanen Sprung in den Tod abhalten sollen.

Man hat schon den Eindruck, dass Apple sich um Verbesserungen bemüht. Der Konzern berichtet im Detail über Kontrollen der Zulieferer, mit einigen wurde die Zusammenarbeit eingestellt. Aber die Grundkonstellation bleibt natürlich unveränderbar: Leute mit geringem Wohlstand ermöglichen anderen Leuten hohen Wohlstand. Das, was Friedrich Engels im 19. Jahrhundert in seinem legendären Werk "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" eindrucksvoll beschrieben hat, findet heute eben auf internationaler Ebene statt. Auf der anderen Seite ist natürlich auch wahr: Mit dieser Rolle als "Fabrik der Welt" hat China überhaupt erst wieder den Aufstieg zu neuer Größe und zu Ansätzen von eigenem Wohlstand geschafft. Die Idee, die "Globalisierung" zu verteufeln und wieder zurückzudrehen, würde daher niemandem wirklich helfen: Am schlechtesten geht es den Ländern, die in der globalisierten Wirtschaft keine nennenswerte Rolle spielen.

Aber es ist vielleicht doch gut sich darüber im Klaren zu sein, worauf unser Wohlstand beruht. Und den Firmen, die ihn in fernen Ländern erarbeiten lassen, auf die Finger zu schauen: Je genauer sie von den Kunden beobachtet werden, desto größer ist ihr Anreiz, sich wirklich um die Probleme zu kümmern. Denn es dürfte ja in jedem Konzern Leute geben, die diese ethischen Probleme wirklich ernst nehmen - und die brauchen den Rückhalt von außen.

Eines ist aber auch klar: Während Fach-Ethiker zum Teil noch auf hoch theoretischer Ebene darüber diskutieren, ob und in wie weit Unternehmen überhaupt "Verantwortung" übernehmen können (der Begriff ist ja zunächst mit Personen verbunden und nicht mit Organisationen), haben die großen Konzerne diese Frage längst übersprungen: Sie sehen sich als verantwortlich im eigensten Sinn gegenüber der Öffentlichkeit und legen Rechenschaft auch über die ethische Seite ihres Tuns ab. Fragt sich natürlich immer, wie ernst sie das meinen. Aber Verantwortung funktioniert natürlich nur, wenn sie auch zur Kenntnis genommen wird.



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Ethik, Moral, Ethos

04. Dezember 2011, 09:32

Ich verwende in diesem Blog Ethik und Moral ja mehr oder minder gleich. Das entspricht nach meiner Meinung auch dem allgemeinen Sprachbrauch, außerdem der Art, wie es in der angelsächsischen Literatur üblich ist. Deutsche Fachphilosophen sehen das freilich anders. Für sie ist Ethik nicht Moral, sondern Moralphilosophie, also das Nachdenken über Moral, oder genauer - vor allem bei denen in einer bestimmten, deutsch-idealistischen Tradition - das Reflektieren über Moral.

Wenn man sich auf diese Sprache einlässt, kann man nicht mehr von einem Ethik-Kodex sprechen. Denn ein Kodex dient ja in erster Linie dazu, etwas festzuschreiben. Ich glaube, diese Trennung von Ethik und Moral wird in Deutschland auch gemacht, weil man es nur so schafft, Ethik als Wissenschaft zu etablieren. Denn Moralvorstellungen selbst lassen sich ja in der Regel nicht wissenschaftlich ableiten oder beweisen. Aber man kann ihre Begründungen oder Nicht-Begründungen in einem rationalen Dialog hinterfragen. Das ist dann keine Wissenschaft im Sinne von Karl Popper oder ähnlichen Leuten, bei denen Hypothesen aufgestellt und empirisch bestätigt oder (laut Popper) widerlegt werden. Aber Ethik ist dann eine Wissenschaft ähnlich wie Geschichte oder Germanistik - eine diskutierende, argumentierende Disziplin. Der Beitrag von "Fachethikern" zu ethischen (oder moralischen?) Diskussionen besteht ja häufig auch vor allem darin, Argumente zu analysieren und Widersprüche aufzuspüren. Also zum Beispiel zu fragen, warum behinderte Kinder noch im Spätstadium abgetrieben werden dürfen, während wir auf der anderen Seite Experimente mit ganz frühen Stadien der menschlichen Entwicklung ablehnen.

Ich hatte einen Philosophie-Professor, der hat von einem amerikanischen Kollegen erzählt, der als "Ethiker" in Betriebe gegangen ist und der Meinung war, dass es im Prinzip ausreicht, sich an die zehn Gebote zu halten. Aus Sicht eines deutschen Philosophen ist das eine sehr verkürzte Sichtweise. Auf der andern Seite ist aber wichtig, irgendeine Grundlage zu haben: Man kann schlecht über nichts reflektieren. Christian Neuhäuser bezieht sich daher in seinem Buch "Unternehmen als verantwortliche Akteure" auf die Menschenrechte, um zunächst einmal eine Basis zu haben.

Ein ganz eigener Begriff ist dann wieder "Ethos". Hierbei soll es sich sozusagen um gelebte oder selbstverständliche Moral handeln, die zunächst einmal keiner Begründung bedarf, um zu funktionieren. Man könnte daher auch sagen: Wo es einen funktionierenden Ethos gibt, zum Beispiel in einem traditionellen Unternehmen, in dem bestimmte Wertvorstellungen einfach gelten, da braucht man keine Ethik - ja, nicht einmal ausgeprochene Moralvorstellungen. Die explizite Moral wird notwendig, wo nicht mehr selbstverständlich ist, woran man sich zu halten hat. Und wenn dann unklar wird, welche Regeln tatsächlich richtig sind, kommt die Ethik ins Spiel.

Die nächste Frage lautet freilich wieder: Woher kommt der Ethos? Ist der sozusagen naturgegeben? Oder nicht doch eher eine kulturell und historisch vermittelte Angelegenheit? Wenn letzteres zutrifft, dann kann es eben auch passieren, dass bestimmte Moralvorstellungen, die zum Beispiel im Rahmen einer Religion - möglicherweise nach intensiven ethischen Diskussionen - kanonisiert worden sind, im Laufe der Zeit selbstverständlich werden und nicht mehr thematisiert werden müssen - bis sie erneut in Frage gestellt werden. Die Zusammenhänge sind also kompliziert.

Ich glaube, ein Ethos, eine "selbstverständliche" Moral, entsteht immer durch ein Zusammenwirken einer naturgegeben Empathie (oder der "moral sentiments", von denen Adam Smith spricht, auf Deutsch meist mit "ethische Gefühle" wiedergegeben, was gerade dem deutschen Begriff von Ethik widerspricht) mit einer historisch-kulturellen Vermittlung. Meiner Ansicht ist diese Art von Ethos auch die Grundlage für jede explizite Moral und jede reflektierte Moral (also Ethik). Es ist deswegen ein Irrtum zu glauben, man könnte oder müsste moralisches Verhalten irgendwoher "ableiten", also zwangsläufig auf einen festen Kodex wie die zehn Gebote beziehen, oder - alternativ - aus ethischen Theorien, seien sie nun von Kant oder den britischen Utilitaristen, herauslesen. Die Grundlage bleiben immer "moral sentiments", und die sind immer von natürlichen Reaktionen, Traditionen und Überlegungen zugleich bestimmt. Ethik baut auf Ethos auf und verändert sie zugleich. Und was richtig oder falsch ist, können wir nie entscheiden, ohne uns AUCH von unseren Emotionen leiten zu lassen, über die wir freilich nachdenken sollten. Es gibt ja auch nichts schlimmeres als Moralisten, die Regeln predigen, die jeder Intuition widersprechen. Meist haben sie zugleich rein abstrakte oder dogmatische Begründungen für ihre Regeln und dahinter unreflektierte emotionale Motive.



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