10. März 2012, 18:23
Es geht hier nicht um Schuldenschnitt oder ähnliche technische Details. Sondern um die Frage: Müssen wir den Griechen helfen in ihrer Krise? Das ist eine politische und eine allgemein moralische Frage. Aber da es ja in erster Linie um wirtschaftliche Fragen geht, ist es eben auch ein Teil der Wirtschaftsethik.
Schlagen wir zunächst einmal in den alten Grundregeln nach. Die goldene Regel, in der einen oder anderen Form in fast jeder Religion verankert, lautet: Behandele andere so, wie du selbst auch behandelt werden willst. Der kategorische Imperativ von Kant ist eine etwas ausgefeiltere Formulierung dieser Regel, aber sagt, behaupte ich mal ganz respektlos, im Grunde nicht viel mehr: Handle so (verkürzt), dass deine Art zu handeln ein allgemeines Gesetz werden könnte.
Da fangen die Probleme schon an. Haben wir die Griechen schon einmal um Hilfe gebeten in einer vergleichsweise schwierigen Situation? Nicht dass ich wüsste. Würden wir Hilfe von ihnen erwarten? Wahrscheinlich nicht, allein schon, weil das Land viel zu klein wäre dazu. Aber haben wir von anderen Hilfe bekommen oder erwartet? Bekommen auf jeden Fall: von den Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals haben die Deutschen nicht nur mit der Statistik geschummelt, sondern hatten einen Krieg und einen Massenmord auf dem Gewissen. Trotzdem haben die Amerikaner ihnen (also uns) geholfen, mit Care-Paketen, mit der Luftbrücke nach Berlin, und jahrzehntelang mit militärischem Beistand. Das hat Amerika auch in strategischem Eigeninteresse getan, hört man oft. Aber lassen wir das mal bei Seite: Wir hätten auch genügend eigene Interessen daran, dass Griechenland nicht zusammenbricht.
Eine zweite Fragestellung wäre: Sind wir den Griechen etwas schuldig? Da gibt es zwei Problemkreise. Einmal erinnern sich die Griechen noch sehr gute an die grausame Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg. Sind wir ihnen deswegen heute noch etwas schuldig? Da bin ich mir nicht sicher. Die meisten Deutschen, die heute leben, wurde nach dem Krieg geboren und hatten damit auch nichts zu tun. Ich bin schon für guten Geschichtsunterricht und auch dafür, sich zu den Schattenseiten der eigenen Geschichte zu bekennen. Aber eine unmittelbare Verpflichtung daraus ableiten? Für eine Weile ja, aber heute immer weniger, glaube ich.
Es gibt aber einen anderen, viel näher liegenden Punkt. Griechenland ist ja auch ein Opfer der Konstruktion des Euros: eine einzige Währung für viele unterschiedliche Länder. Man kann über den Euro grundsätzlich denken, wie man mag. Aber dass er zu großen wirtschaftlichen Spannungen in Europa - größer als von den meisten Experten (und von Journalisten wie mir) vorher erwartet - geführt hat, ist mittlerweile unbestritten. Und dass Griechenland wirtschaftlich und auch von seinen politischen Institutionen her nicht reif war für einen Beitritt, kann man auch kaum leugnen. Aber für dieses Projekt "Euro" und auch für den Beitritt Griechenland tragen alle Beteiligten Verantwortung. Und Deutschland als größtes Euroland besonders viel Verantwortung. Also aus der Perspektive heraus: Ja wir sollten den Griechen helfen.
Es gibt noch weitere ethische Ansätze. Zum Beispiel den von Adam Smith, der einfach von "moral sentiments", oft als "ethische Gefühle" übersetzt, ausgegangen ist: von dem unbestreitbaren Fakt, dass Menschen für andere Menschen mitfühlen. Die Frage ist immer, wie weit und wie stark dieses Mitgefühl geht. Aber wenn man sich vor Augen führt, wie stark die normale griechische Bevölkerung schon unter der Krise leidet, sollte doch ein bisschen ethisches Gefühl zu verspüren sein. Norbert Hoerster hat diese ethischen Gefühle in seine Interessenethik eingepackt: Wir haben nicht nur egoistische, sondern auch altruistische Interessen.
Und damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt, bei der Religion: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, lehrt das Christentum (und auch schon das Judentum). Wer aber ist der Nächste? Ist das nur der wirklich der Nächste, also der, der mir sehr nah ist? Dann wäre es möglich, eine Menge Menschen einfach auszublenden. Die christliche Tradition sieht es anders. Und die Geschichte vom barmherzigen Samariter lehrt es anders: Der Samariter hat dem Juden, der unter Räuber geraten war, geholfen - obwohl sie nicht aus einem Volk waren. Der Nächste war hier einfach deswegen der Nächste, weil er in Not war.
Noch ein Argument zu helfen. Heißt "helfen" Großzügigkeit ohne jedes Maß? Nein, heißt es nicht. Aber dass Deutschland sich hier engagiert, ist grundsätzlich richtig.
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