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Gewinn als Voraussetzung für Ethik

07. November 2011, 11:17

Eine beliebte Streitfrage lautet ja, ob Unternehmen tatsächlich ihre Gewinne maximieren müssen. Und wenn ja, wie viel Ethik dann "kosten" darf. So werden Gewinn und Ethik als Gegensatz aufgebaut. Ich glaube, oft genug ist es ganz anders.

Zunächst einmal zum Thema "Gewinnmaximierung": In der ökonomischen Modellwelt sind Unternehmen darauf aus. In der Praxis sieht es anders aus: In der Regel streben Unternehmen eine bestimmte Gewinngröße an, die sie als "ausreichend" oder "angemessen" angesehen wird. Häufig leitet sich dieses Ziel einfach aus dem Vorjahr ab - man möchte um einen bestimmten Prozentsatz weiterwachsen. Natürlich hat kein Manager etwas dagegen, wenn es noch mehr Gewinn wird. Aber klar ist, dass bei drohendem Unterschreiten der Zielmarke alles daran gesetzt wird, doch noch hinzukommen. Umgekehrt: Läuft es besser als geplant, ist schon etwas mehr Entspannung angesagt.

Gehen wir jetzt im zweiten Schritt davon aus, dass Ethik tatsächlich häufig Kosten verursacht. Das ist gar nicht immer der Fall (wäre ein eigenes Thema), aber hier bleiben wir mal bei diesen Fällen. Dann ist aber klar: Wie viel Spielraum für Ethik bleibt (zusätzlich zum Minimum, das ohnehin aus gesellschaftlichen oder juristischen Gründen gefordert ist), hängt dann sehr von der Gewinnsituation ab. Die gute Nachricht ist: Weil in der Praxis Gewinne nicht wirklich maximiert werden, gibt es eben immer wieder auch Spielraum zum Beispiel dafür, Mitarbeiter besser zu behandeln oder Lieferanten auskömmlicher zu bezahlen.

Und damit komme ich dann zu meiner Überschrift: Gut funktionierende, ertragreiche Unternehme tun sich leichter, Gewinnziele zu erreichen. Wer eine bessere Marge erwirtschaftet als die Konkrrenz, kann manche Dinge entspannter angehen. Daher bin ich tatsächlich der Meinung, dass Gewinn und Ethik sich nicht ausschließen - selbst in den Fällen, wo Ethik Geld kostet. Man kann es auch so formulieren: Reichtum fördert Großzügigkeit.  



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Wirtschaftsethik in der Falle

30. Oktober 2011, 10:28

Vorab möchte ich ein Buch empfehlen, dass ich gerade lese, das "Handbuch Wirtschaftsethik", herausgegeben von Michael Aßländer und recht neu auf dem Markt. Da steht wirklich alles über das Thema drin - sehr kompakt und verständlich geschrieben. Die Beiträge stammen von unterschiedlichen Autoren und spiegeln daher auch unterschiedliche Standpunkte wider. An dieser Stelle möchte ich auf zwei extreme Standpunkte eingehen, die in diesem Handbuch auch in einigen Beiträgen durchscheinen, und die meiner Meinung nach beide dazu führen, dass man in eine Art Falle gerät. Ich werde diese Positionen hier einfach mal idealtypisch skizzieren, ohne dabei wissenschaftlich zu zitieren.

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So züchtet man Psychopathen

16. Oktober 2011, 10:15

Vor einigen Wochen machte eine Studie der Uni St. Gallen die Runde. Dabei ging es um die Frage, ob sich Trader (also Börsenhändler und ähnliche Berufe) in etwa so verhalten wie Psychopathen (also Leute mit gestörten Beziehungen zu anderen Berufen). Ich habe mir die Studie besorgt (auf Anregung von Michael Blume) - und die Ergebnisse sind in der Tat interessant: Die Annahme, dass sich Trader wie Pychopathen verhalten, hat sich als falsch erwiesen - sondern sie sind eigentlich noch schlimmer. Interessant vor allem: Ihre Spielergebnisse waren noch schlechter als die Psychopathen.

Ich will hier nicht auf die genaue Methodik der Autoren Thomas Noll und Pascal Scherrer eingehen. Sie beruhte auf einer eingehenden Befragung und von 28 Tradern, gefolgt von einer Spielsituation. Als Kontrollgruppen wurden 24 diagnostizierte Psychopathen aus zwei Kliniken und 24 "normale" Menschen eingesetzt. Das Ergebnis war, kurz gefasst: Die Trader ticken zwar in mancher Beziehung anders als die Psychopathen. Letztlich sind sie aber noch rücksichtsloser nicht nur auf den eigenen Gewinn, sondern vor allem auch auf die Schädigung anderer Spielpartner fixiert. Und gerade diese Aggressivität gegenüber anderen führt dazu, dass ihre Spielergebnisse nicht optimal sind. Man könnte das auch so interpretieren: Die Banken züchten in ihren Handelsräumen Psychopathen, die aber dann nicht einmal optimal den Zielen der Banken dienen.

Was heißt das aber für die Wirtschaftsethik, die ja das Thema dieses Blogs ist? Ich finde zwei interessante Aspekte. Einmal den, dass unethisches Verhalten - und so muss man ja den aggressiven Egoismus der Trader einstufen - offenbar die Egoisten und ihre Arbeitgeber schädigen kann. Und das sogar in einem Bereich, in dem man es nicht erwarte würde. Dass ein Verkäufer von "normalen" Waren, wenn er sich gegenüber den Kunden unkooperativ und aggressiv verhält und seinen eigenen schnellen Nutzen allzu deutlich in den Vordergrund stellt, auf Dauer keinen Erfolg hat, leuchtet ohnehin ein. Aber im schnellen, anonymen Kapitalmarktgeschäft hätte man auch etwas anderes erwarten können. Letztlich stützt die Studie also meine These, die ich auch in anderen Blog-Einträgen schon vertreten habe: Ethik lohnt sich - nicht immer, aber häufiger, als man denkt.

Außerdem betrifft die Studie noch ein weiter reichendes Problem: die Frage, welche Verantwortung Unternehmen haben. Gibt es so etwas wie eine moralische Persönlichkeit eines Unternehmens? Extrem indivualistische Ansätze würden das verneinen und darauf verweisen, dass ein Unternehmen immer nur so moralisch oder unmoralisch sein kann wie seine Mitarbeiter. Aber die Studie zeigt, dass dieser Ansatz zu simpel ist. Offenbar wird in den Handelsräumen der Bank die Persönlichkeit der Trader ja auch geformt - oder verformt. Dazu kommt, dass Banken mit einem aggressiven Geschäftsprofil Bewerber anziehen, die schon bestimmte Persönlichkeitsmerkmale haben. Daher hat ein Unternehmen letztlich strukturell auch so etwas wie ein moralisches Profil, dass viel mehr ist als die zufällige Mischung, die sich aus den Profilen seiner Mitarbeiter ergibt.

Wer Unternehmensethik ernst nimmt, muss sich diese Strukturen anschauen und analysieren. Und sich zum Beispiel die Frage stellen: Wollen wir wirklich in Geschäftsfeldern unterwegs sein, die zu drastischen Verformungen der Persönlichkeit von Mitarbeitern und möglicherweise auch zum Schaden für Außenstehende führt? Und wenn ja: Kann man die Strukturen nicht so verbessern, dass das Unternehmen nach außen weniger "gestört" (psychopathisch) auftrifft? Ethik ist eben, das ist ebenfalls eine meiner Grundthesen, auch eine Frage der Analyse und der Erkenntnis, und nicht nur des guten Willens.



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So machen es die Amerikaner

28. September 2011, 15:19

Das ist ein kurzer Nachklapp zu meinem Eintrag über die Frage, welche Finanzgeschäfte für wen geeignet sind. Die SEC, die US-Wertpapierbehörde, hat jetzt RBC Capital Markets, einen Ableger der Royal Bank of Canada, zur Zahlung von rund 30 Millionen Dollar an fünf Schuldistrikte verdonnert. RBC hatte den Behörden strukturierte Produkte von ingesamt rund 200 Millionen verkauft, es handelte sich um sogenannte CDOs, also den Giftmüll, der im Zentrum der vergangenen Finanzkrise stand. Interessant ist die Begründung: Die Produkte seien "unsuitable", also ungeeignet gewesen. Das wird näher begründet, unter anderem mit der mangelnden Erfahrung der Investoren in dieser Art von Anlage. Offenbar hat die SEC in ähnlicher Weise auch schon gegenüber anderen Banken durchgegriffen.

Ich muss gestehen, dass mir dieses Durchgreifen der Aufsicht, ohne dass gleich Prozesse bis zum höchsten Gericht geführt werden müssen, gefällt. Auch die unkomplizierte Begründung gefällt mir: Die SEC geht offenbar ganz selbstverständlich davon aus, dass Banken die Verantwortung dafür tragen, den Kunden nur geeignete Produkte zu verkaufen. Das deckt sich genau mit meiner Argumentation im letzten Blog-Eintrag.



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Über Jeans, Medikamente und die Deutsche Bank

25. September 2011, 11:28

Ich nehme wieder einmal die Deutsche Bank als Beispiel für ein Problem der Wirtschaftsethik. Nicht, weil ich etwas gegen diese Bank hätte, aber sie liefert ganz gutes Anschauungsmaterial.

Es geht um die Zinsgeschäfte, die die Bank (einige ihrer Konkurrenten auch) mit mittelständischen Unternehmern, vor allem aber mit zahlreichen Kommunen und kommunalen Unternehmen abgeschlossen hat. Keiner weiß genau, wie groß der Gesamtschaden ist, aber einzelne Kommunen hat es jedenfalls mit hohen Millionenbeträgen getroffen. Wahrscheinlich werden in nächster Zeit noch mehr Fälle bekannt, denn nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) vor einigen Monaten sind die Chancen, gegen die Bank zu gewinnen, deutlich gestiegen.

Ich will jetzt nicht auf die juristische Argumentation eingehen, die letztlich vor dem BGH gezogen hat, obwohl ich diesen Prozess bis zu einem gewissen Grad verfolgt habe und immer wieder mal Kontakt mit dem Anwalt hatte, der letztlich den Erfolg durchgeboxt hat. Diese juristische Argumentation ist sehr kompliziert und war aus meiner Sicht - nun sagen, sagen wir: etwas schwierig - nachzuvollziehen. Was für mich zählt ist das Ergebnis: Der BGH hat diese Geschäfte für unzulässig erklärt. Und mich interessiert vor allem die ethische Frage, die dahinter steht und vielleicht indirekt den Prozess auch über die rein juristische Schiene hinaus beinflusst hat - schließlich sind Richter auch nur Menschen, die nach Möglichkeiten suchen, das als Recht zu sprechen, was sie auch ethisch für richtig halten (jedenfalls gilt das für die Richter, die ich bisher kennengelernt habe, da war allerdings niemand vom BGH dabei).

Um was für Geschäfte ging es? Ich habe mir mal am Beispiel einer Ruhrgebietsstadt die Formel angeschaut. Daraus ergab sich ganz klar: Es handelte sich um eine Zinswette. Bei einer bestimmten Entwicklung der Zinssätze konnte der Kunde profitieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Entwicklung eintrat, war sogar recht hoch. Trat sie nicht ein - und im Verlauf der Finanzkrise lief an den Märkten einiges anders als prognostiziert -, dann kam auf den Kunden aber ein theoretisch sogar unbegrenzter Schaden zu. Kurz gesagt: Einer guten Chance auf einen überschaubaren Gewinn stand ein kleines Risiko eines sehr hohen Verlusts gegenüber.

Ich will hier mal die Frage ausklammern, ob mittelständische Unternehmer solche Geschäfte abschließen sollten, und ob und unter welchen Voraussetzungen man sie ihnen verkaufen darf. Viel eindeutiger erscheint mir der Fall bei den Kommunen: Darf ein Kämmerer so ein Geschäft machen und damit das Geld seiner Bürger riskieren? Sicher nicht. Die Aufgabe einer Kommune ist es nicht, mit Geld zu spekulieren. Der Fall ist relativ klar. Aber trifft auch die Bank eine Schuld? Um diese Frage soll es hier gehen?

Es gibt hier zwei Argumentationsschienen. Eine besagt: Ein Finanzprodukt ist so etwas wie eine Jeans. Man geht in den Laden, schaut die Jeans an, probiert sie, und wenn sie einem gefällt, kauft man sie. Geht die Jeans zu schnell kaputt, kann man das reklamieren. Aber wenn man mit der Jeans zu einem wichtigen Geschäftstermin geht und komisch angeschaut wird, kannman nicht der Boutique einen Vorwurf machen, dass sie einem Jeans und nicht einen Anzug verkauft hat. Schließlich kann die Boutique nicht wissen, wofür man die Hose braucht, und was für einen gut ist.

Das ist die "Jeans"-Argumentation. Sie entspricht, so weit ich das verfolgen konnte, in etwa auch der Argumentation der Bank. Nach dem Motto: Wir sind alle erwachsene Menschen, und deswegen muss jeder selber wissen, was gut für ihn ist.

Ich würde dem aber eine "Medizin"-Argumentation entgegensetzen. Was passiert, wenn ich in eine Apotheke gehe? Vielleicht habe ich ein Rezept, dann weiß der Apotheker, der Verkäufer, dass vorher geprüft worden ist, was ich brauche. Vielleicht verlange ich Lutschbonbons gegen Halsschmerzen. Dann wird der Verkäufer nicht weiter nachfragen, weil das ein simples Produkt ist, das jeder versteht und das auch kaum Schaden anrichten kann. Vielleicht frage ich den Apotheker auch, was ich zum Beispiel gegen Mückenstiche anwenden kann. Dann wird er mich beraten. Vielleicht verlange ich aber ein Medikament, das unangenehme Nebenwirkungen haben kann oder in manchen Fällen völlig wirkungslos ist. Dann wird er mich darauf hinweisen, wenn er ein guter Apotheker, und im Zweifel sich sogar weigern, das Medikament zu verkaufen.

Entscheidend ist jedenfalls: Kein Apotheker würde behaupte, dass der Kunde schon selbst wissen muss, was gut für ihn ist, und dass ihn als Verkäufer da überhaupt keine Verantwortung trifft. Im Gegenteil: Wer Medikamente verkauft, der darf einem Kunden nichts in die Hand geben, was für ihn völlig ungeeignet ist und ihm möglicherweise großen Schaden zufügt.

Meiner Ansicht nach sollte man Finanzrpodukte eher mit Medikamenten als mit Jeans vergleichen. Und je komplizierter sie sind und je größer der mögliche Schaden ist, desto eher. Und bei den Kommunen kommt ja noch etwas hinzu: Gekauft hat die Medizin der Kämmerer, geschluckt haben sie aber die Bürger, zum Teil, ohne etwas davon zu wissen. Das ist so, als wenn jemand ein gefährliches Medikament für seine Kinder kauft: Wenn der Apotheker das merkt, kann er auch nicht sagen: "Ist doch nicht mein Problem", sondern er muss Verantwortung übernehmen - für die Kinder, die letztlich die Ware bekommen. Die Bank hätte den Bürgern der Kunden keine Medizin verabreichen dürfen, das völlig ungeeignet für sie war und dazu mit dem Risiko sehr gefährlicher Nebenwirkungen behaftet.

Ich glaube, diese Frage - Jeans oder Medikamente - muss man immer wieder stellen, wahrscheinlich auch in vielen anderen Branchen. Die Sache mit der Deutschen Bank ist nur ein Beispiel dafür.

 



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Das Wunder des Papstes

22. September 2011, 08:38

Eigentlich wollte ich in diesem Blog, wo es ja um Wirtschaftsethik geht, nie mehr über Religion schreiben. Aber der Papst-Besuch erregt so viel Aufmerksamkeit, und bringt ja auch die katholische Soziallehre wieder auf den Bildschirm - daher tue ich es doch noch einmal.

Von John Leslie Mackie gibt es ein wunderbares Buch mit dem ironischen Titel "Das Wunder des Theismus". Darin vertritt er die These, es sei eigentlich ein Wunder, dass der Theismus, also die traditionelle Religion, so viel Anhänger habe, wo doch so viel gegen sie spreche. Ich will dieses Problem hier nicht vertiefen. Aber ganz analog könnte man auch von einem "Wunder des Papstes" sprechen. Er - als Person und Institution - genießt auch als moralische Instanz, also über den Kreis seiner eigenen Kirche hinaus, immer noch eine ungeheure Aufmerksamkeit. Vielleicht gibt es weltweit keine Institution, die so viel "Soft Power" hat, um es mal auf Neu-Deutsch zu sagen. Und das, obwohl die katholische Kirche in vielen moralischen Fragen - im Grunde gehört dazu alles, was mit Sex, Ehe oder dem Verhältnis der Geschlechter zu tun hat - Positionen vertritt, die selbst von frommen Katholiken zu einem großen Teil nicht mehr ernst genommen werden. Wie kann jemand eine moralische Autorität sein, wenn er in manchen moralischen Fragen völlig im Abseits steht?

Mit Blick auf die Wirtschaftsethik ist der Befund etwas anders, aber auch nicht viel besser. Im Grunde vertreten beide großen Kirchen inzwischen eine Position, die ziemlich exakt die Mitte des gesellschaftlichens Konsens in Deutschland markiert. Wir sind ja bis zu einem gewissen Grad fast alle gemäßigte Sozialdemokraten, quer durch die Parteien. Unternehmer werden geschätzt, weil man sie braucht, aber nicht wirklich geliebt. Der Kapitalismus muss irgendwie sein, soll aber nicht ausufern. Man nennt ihn lieber Marktwirtschaft und versucht, im ein soziales Angesicht zu verpassen. Alles das wollen fast alle Politiker in fast allen Parteien (ich weitgehend auch) - und die Kirchen wollen es auch. Hier stellt sich also die Frage, was die Kirchen - und damit auch der Papst - eigenständig zur Diskussion beitrage. Sie folgen ihr wohl eher, als dass sie eine Richtung angeben könnten.

Ich habe in einem meiner letzten Blog-Einträge die These vertreten, dass Ethik nicht der Kern dessen ist, was letztlich Menschen an der Religion fasziniert und ihnen zum Beispiel im unternehmerischen Alltag hilft. Ich will das hier nicht vertiefen. Aber man muss anlässlich des Papst-Besuches umgekehrt wohl festhalten: Wir brauchen ihn nicht, um unsere ethischen Vorstellungen zu entwickeln. Es ist genau anders herum: Der Papst muss sich heute - auch von gläubigen Katholiken - fragen lassen, ob er in allen ethischen Fragen nachvollziehbare Positionen vertritt. Und ob er die moderne Welt, also auch den Kapitalismus, so weit verstanden hat, dass er zu den ethischen Diskussionen überhaupt etwas Relevantes beitragen kann.  



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Der Fall H&M

09. September 2011, 12:18

Heute möchte ich ein klassisches Ethik-Problem ansprechen: die Ausbeutung von Arbeitnehmern. Anlass dafür ist ein Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger, der wiederum auf einem ARD-Bericht beruht. Es geht um die Textilkette H&M, der unmögliche Arbeitsverhältnisse bei Zulieferern in Asien vorgeworfen werden, ähnliche Vorwürfe gab es aber auch schon gegen die Konkurrentin Zara, außerdem gegen Puma.

Eigentlich ist der Fall klar: Wenn Leute unter so schlechten Arbeitsbedingungen leiden, dass sie körperlich zusammenbrechen, gibt es nichts zu diskutieren. Und wenn Modefirmen ihre Ware in Lohnfertigung von anderen Unternehmen herstellen lassen, ist auch die unmittelbare Verantwortung für die Arbeitsverhältnisse dort nicht ernsthaft zu bestreiten. H&M lehnt die Verantwortung ja auch gar nicht ab, sondern hat einen Code für die Zulieferer eingeführt, kontrolliert nach eigener Aussage die Einhaltung und will allen Vorwürfen nachgehen und im Zweifel Verträge kündigen. Diese Reaktion des Unternehmens ist so weit in Ordnung - wenn sie denn tatsächlich ernst gemeint ist und hilft.

Aus meiner Sicht betrifft der Fall aber zwei grundlegende Fragen, die nicht in allen Fällen leicht zu beantworten sind. Erstens: Welche Standards muss ein Unternehmen (oder in dem Fall seine Zulieferer) im Ausland denn einhalten? Und zweitens: Wie weit reicht die Verantwortung - bis zum direkten Zulieferer, oder noch weiter? Wie groß ist zum Beispiel die Verantwortung der Geschäfte, die die billig erzeugten Klamotten verkaufen - und die der Käufer?

Ich will mich heute auf die erste Frage konzentrieren. Sie betrifft auch große Industriekonzerne, die weltweit eigene Fabriken betreiben.  Welche Standards sind hier bei der Bezahlung, der sozialen Absicherung, den Arbeitsbedingungen, der Sicherheit - aber letztlich natürlich auch in anderen Fragen, etwa dem Umweltschutz, einzuhalten? Hier muss jedes Unternehmen Regeln setzen und diese auch rechtfertigen.

Ich denke, man kann sozusagen vorweg zwei Aussagen als unmittelbar plausibel ansehen. Erstens: Das Unternehmen muss die gesetzlichen und wohl auch die gesellschaftlich allgemein akzeptierten Regeln der jeweiligen Länder einhalten - jedenfalls alle derartigen Regeln, die pro Arbeitnehmer gelten. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen, das für sich eine weiße Weste beansprucht, Gesetze oder gute Sitten eines Landes nicht einhalten. Auf der anderen Seite gilt aber auch zweitens: Löhne (und bis zu einem gewissen Grade auch Sozialleistungen) können kaum weltweit einheitlich gestaltet werden - das wäre wirtschaftlich nicht machbar.

Es wäre aus meiner Sicht aber möglich, bei Löhnen wenigstens eine Art Vergleichbarkeit herzustellen. Zum Beispiel, indem ein Unternehmen sich selbst verpflichtet, weltweit mindestens Durchschnittslöhne zu zahlen, oder etwas über Durchschnitt. Denkbar sind auch Mindeststandards - etwa die Anforderung, dass eine Arbeiterin, die Vollzeit arbeitet, die Chance haben muss, von ihrem Lohn auch zu leben. Und für direkte Zulieferer sollte das jeweils vergleichbar gelten, jedenfalls wenn sie den größten Teil der Produktion erstellen (wie weit diese Verantwortung reicht, ist, wie gesagt, ein eigenes Problem - gilt es z.B. auch für Kleinzulieferer, die nur wenige Anteile beisteuern?). Vergleichbarkeit und Mindeststandards wären damit Möglichkeiten, sich trotz der wirtschaftlichen Unterschiede auf eine allgemein gültigen Ethik zu berufen.

Es gibt aber auch Bereiche, wo aus meiner Sicht tatsächlich weltweit einheitliche Standards erforderlich sind - und meist nehmen Unternehmen das dort auch für sich in Anspruch. Beispiele wären die Arbeitssicherheit und der Umweltschutz. Letztlich greifen bei Löhnen und bei der Sicherheit unterschiedliche Kategorien. Bei Löhnen geht es um die Arbeitskraft, und deren Wert ist vom wirtschaftlichen Umfeld abhängig, also nicht überall gleich hoch. Bei der Sicherheit und der Gesundheit geht es um direkt um den Menschen, nicht nur um seine Arbeitskraft. Hier sollte man argumentieren, dass Menschen überall denselben Wert habe, nicht in Geld ausgedrückt, sondern gemessen an dem Aufwand, sie zu schützen (der ja bei gleichem Schutzniveau unterschiedliche Kosten verursachen kann).

Die Beispiele zeigen: Ein Unterthemen, das an sich einen ethischen Anspruch anstellt, muss eine Menge an Fragen klären - und immer wieder konkrete Probleme an allgemeinen für sich in Anspruch genommenen Standards messen.



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Religion hilft zu erkennen - auch in Unternehmen

31. August 2011, 12:39

Der Kollege Hamdan schildert uns ja eindrucksvoll, welche Vorgaben der Islam für bestimmte Arten von Bankgeschäften macht. Ich möchte aber die grundsätzliche Frage stellen: Hilft Religion, in Unternehmen ethisch zu handeln? Ich habe mich darüber mit einigen explizit christlichen Unternehmern unterhalten. Das Ergebnis ist: Ihnen hilft es - aber ganz anders, als man denken könnte.

Zunächst ein paar Vorüberlegungen. Religion wird ja häufig immer noch als Grundlage oder wenigstens als eine Art Quelle für Ethik angesehen. Das ist allerdings problematisch. Denn die Religion selber muss sich heute ja fragen lassen, in wie weit das, was sie fordert, ethisch vertretbar ist. Und daraus folgt, dass es unabhängig von Religion auch ethische Maßstäbe geben muss. Ja: Es ist sogar ein altes theologisches Problem, wie man das Handeln Gottes ethisch rechtfertigen kann. Wie alt, zeigt das Buch "Hesekiel" im Alten Testament: Dort rechtfertigt sich Gott selbst gegen den Vorwurf, ungerecht zu sein.

Die Religion kann man also nicht einfach als Grundlage von Ethik heranziehen. Dasselbe Problem hat allerdings auch die Philosophie: Meist handeln wir nicht nach Vorgaben, die sich aus einer ethischen Theorie ergeben, sondern suchen uns die Theorie aus, die das rechtfertigt, was wir ohnehin für richtig halten. Das Problem, unter anderem von John Ladd beschrieben, heißt auch das "Ethische Paradox".

Kann aber Religion als Motivation dienen und so helfen, dass wir das, was wir für richtig halten, auch umsetzen? Wahrscheinlich schon. Sogar ein bekennender Atheist wie Norbert Hoerster räumt diese Möglichkeit ein (in "Die Frage nach Gott"). Ich hatte einen katholischen Studienkollegen, der meinte: Gläubige Christen sind wahrscheinlich keine besseren Menschen, aber wahrscheinlich ist es für sie leichter, gut zu sein. Das geht in die gleiche Richtung.

Aber zurück zu den Unternehmern und Managern mit denen ich gesprochen habe. Das waren nur eine Handvoll Leute, also nichts wissenschaftlich repräsentatives. Aber auffällig war, dass sie sich in einigen Punkten übereinstimmend geäußert haben. Erstens: Sie haben gar nicht beansprucht, ethisch bessere Entscheidungen zu treffen als andere. Und zweitens: Sie haben erzählt, dass ihnen die Religion - und zwar vor allem das Gebet - hilft, Abstand zu gewinnen, sich zu besinnen, und so in schwierigen Situationen besser die Motivation aller Beteiligten zu verstehen und eine Lösung zu finden, die allen Beteiligten gerecht wird. Die Religion, zeigt sich hier, hilft also vor allem bei der Erkenntnis. Und zwar nicht bei der Erkenntnis, was gut oder böse ist, also der eigentlich ethischen Frage, sondern schlicht bei der Erkenntnis der Situation.

Natürlich gibt es auch Atheisten, die andere Wege finden, Abstand zu gewinnen oder sich zu besinnen. Aber es ist schon plausibel, dass religiöse Menschen weniger in Gefahr sind, sich völlig von Denken in wirtschaftlichen Bahnen oder von der Sachlogik ihres Berufs bestimmen zu lassen. Und dass sie so hin und wieder tatsächlich bessere Entscheidungen treffen. Ich selbst bin eher ein Schwergläubiger als ein traditioneller Christ.



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Ethik in Unternehmen kann funktionieren

23. August 2011, 14:38

Heute möchte ich nur auf einen interessanten Artikel aufmerksam machen, den ich im Journal of Business Ethics gefunden habe:(http://www.springerlink.com/content/y6421713r7557501/fulltext.pdf). Der Titel und die Autorennamen sind so lang, dass ich mir das hier spare, ist ja in der pdf zu finden. Untersucht wurden per Umfragen und ausführlichen Tests drei Gruppen von Geschäftsleuten, die im Verkauf tätig sind: Amerikaner, Türken, und Thailänder. Dabei ging es gerade nicht darum, kulturelle Unterschiede herauszufinden, sondern es wurden im Gegenteil Zusammenhänge gesucht - und gefunden - die kulturunabhängig sind. Der Artikel ist sehr detailreich, und die Untersuchung wurde statistisch, so weit ich das beurteilen kann, sehr umfänglich ausgewertet. Ich möchte nur kurz das Ergebnis wiedergeben:

Offenbar lohnt es sich, wenn Unternehmen eindeutige ethische Regeln vorgeben, was sie für richtig und was sie für falsch halten. Es ergibt sich aus der Untersuchung, dass diese Ethic Codes sich auf das Verhalten der Mitarbeiter auswirken. Dabei ist aber wichtig, dass die Codes regelmäßig und deutlich kommuniziert und auch mit Sanktionen versehen werden. Ein Ethic Code muss also gelebt werden. Interessant ist auch: Es wurde abgefragt, wie "idealistisch" oder "relativistisch" die Manager eingestellt sind. "Idealisten" sind dabei die, die Ethik für recht objektiv gegeben halten, "Relativisten" sehen das mehr als eine Frage der Konvention oder der Kultur an. Gerade bei den "Relativisten" ist aber laut der Untersuchung der Effekt von Corporate Ethics besonders hoch - sie sind also offenbar bereit, sich vorgegebenen Werten oder Regeln anzupassen.

Fazit also: Wenn es richtig gemacht wird, dann zeigt Unternehmensethik Wirkung - und das sogar über kulturelle Grenzen hinweg. Mal was erfreuliches ...



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Ackermanns Geschäftsmodell im Ethik-Test

17. August 2011, 10:59

"Gute Geschäfte" habe ich meinen neuen Blog genannt. "Gut" meint dabei auch, dass sie im ethischen Sinne gut sein sollten, und nicht nur rein finanziell betrachtet. Passt das beides überhaupt zusammen? Genau damit möchte ich mich beschäftigen.

Ich glaube, es reicht nicht, nur ein paar Details unter moralischen Gesichtspunkten abzuklopfen. Sondern wichtig ist auch, die Frage zu stellen: Wie steht es um das gesamte Geschäfts-Modell? Kann das Unternehmen so, wie es sein Geld verdient, tatsächlich auf dem Boden der Moral bleiben? Oder stecken die ethischen Probleme schon in den Strukturen? Wenn ja, ergeben sich daraus auch rein geschäftliche Risiken. Denn ethische Probleme können sich auch in juristische oder politische verwandeln - oder auf das Ansehen der Firma zurückschlagen, dazu gibt es inzwischen schon das Modewort von den "Reputationsrisiken".

Nehmen wir für den Anfang gleich ein besonders prominentes Beispiel: die Deutsche Bank, die von Josef Ackermann geführt - noch ist er Vorstandsvorsitzender, aber er will ja gleich anschließend offenbar den Aufsichtsrat leiten und wird so weiter großen Einfluss behalten. Die Deutsche Bank hat es besser als andere Institute geschafft, die Finanzkrise zu überstehen, und ist dabei auch ohne direkte Staatshilfe ausgekommen - indirekt hat sie freilich davon profitiert, dass andere Banken vom Staaten gestützt wurden. Aber darum soll es hier nicht gehen. Die Frage lautet zunächst: Wie verdient diese Bank ihr Geld? » weiter

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