25. September 2011, 11:28
Ich nehme wieder einmal die Deutsche Bank als Beispiel für ein Problem der Wirtschaftsethik. Nicht, weil ich etwas gegen diese Bank hätte, aber sie liefert ganz gutes Anschauungsmaterial.
Es geht um die Zinsgeschäfte, die die Bank (einige ihrer Konkurrenten auch) mit mittelständischen Unternehmern, vor allem aber mit zahlreichen Kommunen und kommunalen Unternehmen abgeschlossen hat. Keiner weiß genau, wie groß der Gesamtschaden ist, aber einzelne Kommunen hat es jedenfalls mit hohen Millionenbeträgen getroffen. Wahrscheinlich werden in nächster Zeit noch mehr Fälle bekannt, denn nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) vor einigen Monaten sind die Chancen, gegen die Bank zu gewinnen, deutlich gestiegen.
Ich will jetzt nicht auf die juristische Argumentation eingehen, die letztlich vor dem BGH gezogen hat, obwohl ich diesen Prozess bis zu einem gewissen Grad verfolgt habe und immer wieder mal Kontakt mit dem Anwalt hatte, der letztlich den Erfolg durchgeboxt hat. Diese juristische Argumentation ist sehr kompliziert und war aus meiner Sicht - nun sagen, sagen wir: etwas schwierig - nachzuvollziehen. Was für mich zählt ist das Ergebnis: Der BGH hat diese Geschäfte für unzulässig erklärt. Und mich interessiert vor allem die ethische Frage, die dahinter steht und vielleicht indirekt den Prozess auch über die rein juristische Schiene hinaus beinflusst hat - schließlich sind Richter auch nur Menschen, die nach Möglichkeiten suchen, das als Recht zu sprechen, was sie auch ethisch für richtig halten (jedenfalls gilt das für die Richter, die ich bisher kennengelernt habe, da war allerdings niemand vom BGH dabei).
Um was für Geschäfte ging es? Ich habe mir mal am Beispiel einer Ruhrgebietsstadt die Formel angeschaut. Daraus ergab sich ganz klar: Es handelte sich um eine Zinswette. Bei einer bestimmten Entwicklung der Zinssätze konnte der Kunde profitieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Entwicklung eintrat, war sogar recht hoch. Trat sie nicht ein - und im Verlauf der Finanzkrise lief an den Märkten einiges anders als prognostiziert -, dann kam auf den Kunden aber ein theoretisch sogar unbegrenzter Schaden zu. Kurz gesagt: Einer guten Chance auf einen überschaubaren Gewinn stand ein kleines Risiko eines sehr hohen Verlusts gegenüber.
Ich will hier mal die Frage ausklammern, ob mittelständische Unternehmer solche Geschäfte abschließen sollten, und ob und unter welchen Voraussetzungen man sie ihnen verkaufen darf. Viel eindeutiger erscheint mir der Fall bei den Kommunen: Darf ein Kämmerer so ein Geschäft machen und damit das Geld seiner Bürger riskieren? Sicher nicht. Die Aufgabe einer Kommune ist es nicht, mit Geld zu spekulieren. Der Fall ist relativ klar. Aber trifft auch die Bank eine Schuld? Um diese Frage soll es hier gehen?
Es gibt hier zwei Argumentationsschienen. Eine besagt: Ein Finanzprodukt ist so etwas wie eine Jeans. Man geht in den Laden, schaut die Jeans an, probiert sie, und wenn sie einem gefällt, kauft man sie. Geht die Jeans zu schnell kaputt, kann man das reklamieren. Aber wenn man mit der Jeans zu einem wichtigen Geschäftstermin geht und komisch angeschaut wird, kannman nicht der Boutique einen Vorwurf machen, dass sie einem Jeans und nicht einen Anzug verkauft hat. Schließlich kann die Boutique nicht wissen, wofür man die Hose braucht, und was für einen gut ist.
Das ist die "Jeans"-Argumentation. Sie entspricht, so weit ich das verfolgen konnte, in etwa auch der Argumentation der Bank. Nach dem Motto: Wir sind alle erwachsene Menschen, und deswegen muss jeder selber wissen, was gut für ihn ist.
Ich würde dem aber eine "Medizin"-Argumentation entgegensetzen. Was passiert, wenn ich in eine Apotheke gehe? Vielleicht habe ich ein Rezept, dann weiß der Apotheker, der Verkäufer, dass vorher geprüft worden ist, was ich brauche. Vielleicht verlange ich Lutschbonbons gegen Halsschmerzen. Dann wird der Verkäufer nicht weiter nachfragen, weil das ein simples Produkt ist, das jeder versteht und das auch kaum Schaden anrichten kann. Vielleicht frage ich den Apotheker auch, was ich zum Beispiel gegen Mückenstiche anwenden kann. Dann wird er mich beraten. Vielleicht verlange ich aber ein Medikament, das unangenehme Nebenwirkungen haben kann oder in manchen Fällen völlig wirkungslos ist. Dann wird er mich darauf hinweisen, wenn er ein guter Apotheker, und im Zweifel sich sogar weigern, das Medikament zu verkaufen.
Entscheidend ist jedenfalls: Kein Apotheker würde behaupte, dass der Kunde schon selbst wissen muss, was gut für ihn ist, und dass ihn als Verkäufer da überhaupt keine Verantwortung trifft. Im Gegenteil: Wer Medikamente verkauft, der darf einem Kunden nichts in die Hand geben, was für ihn völlig ungeeignet ist und ihm möglicherweise großen Schaden zufügt.
Meiner Ansicht nach sollte man Finanzrpodukte eher mit Medikamenten als mit Jeans vergleichen. Und je komplizierter sie sind und je größer der mögliche Schaden ist, desto eher. Und bei den Kommunen kommt ja noch etwas hinzu: Gekauft hat die Medizin der Kämmerer, geschluckt haben sie aber die Bürger, zum Teil, ohne etwas davon zu wissen. Das ist so, als wenn jemand ein gefährliches Medikament für seine Kinder kauft: Wenn der Apotheker das merkt, kann er auch nicht sagen: "Ist doch nicht mein Problem", sondern er muss Verantwortung übernehmen - für die Kinder, die letztlich die Ware bekommen. Die Bank hätte den Bürgern der Kunden keine Medizin verabreichen dürfen, das völlig ungeeignet für sie war und dazu mit dem Risiko sehr gefährlicher Nebenwirkungen behaftet.
Ich glaube, diese Frage - Jeans oder Medikamente - muss man immer wieder stellen, wahrscheinlich auch in vielen anderen Branchen. Die Sache mit der Deutschen Bank ist nur ein Beispiel dafür.
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